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Wiesbaden.
fOriginalbeiirag der „Gieß. Fain.-Blättcr".)
Wer von Biebrich aus die von einer Doppel-Allee prächtiger Kastanienbäume durchzogene breite Landstraße hinaufwandert, die ihm zur Linken einen schönen Blick auf die in der Ferne schimmernde Fläche des Rheines gewährt, gelangt bald auf die Höhe, die sich in behaglicher Ebene etwa ein Biertelstündchen hinzieht, worauf in allmählicher Senkung der auf beiden Seiten von immer zahlreicher werdenden Billen umsäumte Weg zum Tale führt. Der Wanderer schaut hinab in einen ausgedehnten Kessel, in dem sich ein überaus freundliches Gemälde vor seinen Blicken entfaltet. Ein stattliches, glänzendes, von zahlreichen Türmen gekröntes Häusermeer ist in der Mitte gelagert, eine Menge von Landhäusern, von Gärten und Bäurn- gruppen umgeben, bilden seine Fortsetzung weit nach Osten hin, nördlich steigt ein im Rebenschmucke prangender Berg empor, der vielgenannte Neroberg?) von dessen Höhe ein Aussichtstempel und die mit 5 goldschimmernden Kuppeln überwölbte griechische Kapelle aus dem Waldesdunkel emporragen ; weites, fruchtbares Ackerland mit vielen Obstbäumen deckt die anderen Seiten.
Es ist Wiesbaden, das alte MattiaknM. Keltischem) Ursprungs, wie schon der alte Name besagt, und schon den Römern bekannt, die dort ein Kastell anlegten, woran uns der Römerberg und die Heidenmauer erinnern, im neunten Jahrhundert unter seinem jetzigen Namen, der Wiesenbad bedeutet, in Schriften erwähnt, erwarb es sich erst seit dem 16. Jahrhundert seinen ausgebreiteten Ruf und darf sich jetzt rühmen, die erste Kurstadt der Welt zu sein. Das prachtvolle neue Kurhaus?) das mit dem durch zwei Springbrunnen gezierten Blumengarten, zu dessen beiden Längsseiten sich die stattlichen Kolonnaden hinziehen, dem Weiher und dem ausgedehnten Park ein herrliches, symmetrisches Ganze bildet, ist ohne Unterbrechung das ganze Jahr hindurch der Sammelpunkt von vielen Tausenden von Fremden. Seit dem am 30. Dezember 1871 erfolgten Schlüsse der Spielbank, die trotz ihrer bedeutenden Zuschüsse zur Pflege und Verschönerung Wiesbadens durch die üble Gesellschaft, die sie herbeizog, der gesunden Entwickelung der Stadt nicht sehr förderlich war, ist diese, mit dem Fahr 1866 von den Hemmnissen kläglicher Kleinstaatspolitik befreit, in so mächtigem, stets zunehmendem Aufblühen begriffen, wie es nur von wenigen andern Städten Deutschlands gesagt werden kann. Die Zahl der Einwohner ist seit jener Zeit von 20 000 auf 109 000 gestiegen; im Jahr 1790 zählte die Stadt nur 2000 Einwohner. Die günstigsten Umstände erhalten und erhöhen beständig ihre Anziehungskraft. Tausenden von Kranken gewährt sie Heilung oder Erleichterung, vortreffliche Schulen, die vorzüglich geleitete Landesbiolio- thek, vielseitige Pflege von Kunst und Wissenschaft, eilt ausgezeichnetes Theater und andere Schaustellungen, die mannigfaltigen Unterhaltungen, die das Kurhaus bietet, alles vereinigt sich hier, um Fremde anzulocken und ihnen Wiesbaden auch als dauernden Aufenthaltsort begehrenswert
lieber die Ableitung deS Namens Neroberg war man lange int Zweifel. Die Form Neroberg ist erst int Anfang des neunzehnten Jahrhunderts aufgekommen, indem man ohne alle historische Grundlage an eine Anwesenheit Neros zu Wiesbaden oder irgend eine Beziehung des Berges zu ihm dachte. Näher lag die Ableitung von Nerthus (Hertha), der germanischen Erdgöttin; doch auch diese erscheint unhaltbar. Die volksmäßige Benennung ist Nersberg. Diese Form brachte man mit Nierstein und Nürnberger Hof (bei Wiesbaden) in Verbindung und glaubte darin die Wurzel von naru, enge zu erkennen. Andere vermuteten in Ners den Genetiv eines Personennamens. Andere endlich,gingen auf die Form Ersberg zurück, die sich in alten Aufzeichnungen findet, also der rückwärts gelegene Berg. Alle diese Deutungen sind zu verwerfen. Ein gelehrter Wiesbadener Forscher hat überzeugend nachgewiesm, daß Ersberg Hirschberg bedeutet. Das prothetische n kommt auch sonst nicht selten vor.
2) Matto war ein keltischer Personenname.
8) Vom Volk noch Häufig, wie früher gewöhnlich, der, Kür- saal genannt. So nennt man auch heute noch in Nieder-Jngel- heim die Gegend, wo der Palast Karls des Großen gestanden hatte, den „Saal".
zü Machen. Hier pflegte der alte Kaiser Wilhelm jahrelang einige Wochen der Frühlingszeit zuzubringen, und auch unser jetziger Kaiser hat Wiesbaden bereits seine ganz besondere Gunst zugewandt.
Wiesbaden ist eine völlig neue Stadt geworden; nur wenige Reste des alten Teils reden noch von früheren Zeiten; es bietet uns ein glänzendes Bild des modernen Städte?, baues und strahlt wie ein Juwel inmitten einer herrlichen Natur. Denn dieses reizende Wiesbaden mit seiner unendlichen Fülle von Dingen, die Geist und Herz erquicken, dis belehren, unterhalten und vergnügen und die in so reichem Maß und so mannigfaltig geboten werden, hat noch den unschätzbaren .Vorteil einer überaus bevorzugten Lage. Von den herrlichen Wäldern des Taunus umkränzt, liegt es au der Pforte einer der schönsten Gegenden unseres deutschen Vaterlandes. Bald nach Biebrich beginnt der Rhein seinen vollen Zauber zu entfalten, der ununterbrochen bis' ttach Koblenz immer neue Bilder höchster Anmut aufrollt; es ist wie ein ungeheurer, von einem mächtigen Strome durchflossener Garten. Und wie leicht und bequem sind alle einzelnen Punkte zu erreichen, mit der Bahn oder aus dem Dampfer, auch Kähne sollte man öfter benutzen! Monatelang kann man jeden Tag einem andern Ziele zustreben und ist des Abends ivieder in seinem gemütlichen Heim. Wie wenige aber wissen von diesem Vorteil Gebrauch zu machen! Die meisten unternehmen ein- oder höchstens zweimal eine Rhein fahrt, gewöhnlich nach dem Niederwald und' kehren damt schleunigst ttach dem glänzenden Wiesbaden zurück. Sie kümmern sich nicht um den Rochusberg, der dem Niederwald gegenüberliegt, einer der reizvollsten Aussichtspunkte des gangen Rheinlaudes ist, eine höchst sehenswerte, in reinem gotischen Stile gebaute Kirche besitzt, sowie ein Hotel, das sich zu längerem Aufenthalt vorzüglich eignet.. Wie manche versäumen auch Aßmannshausen, das bereits im Gebirg, att der andern Seite des Niederwaldes liegt, in höchst romantischer Sage, die um so wirkungsvoller ist, als der Rhein hier, zwischen Bergen eingeengt, wild daher-, brattst, während er bei Rüdesheim ein seeartiges Aussehen hat. In diesem Aßmannshausen mit seinen traulichen? Veranden und seinen trefflichen Weinen an einem schönen Sommerabend zu weilen, ist ein köstlicher Genuß. Wir wollen heute auf ein ganz besonders anheimelndes Plätzchen in Aßmannshausen aufmerksam machen, das, inmitten des Dorfes gelegen, doch den Blick auf den Rhein zuläßt. Es ist die seit dem 7. Juni auf ein Wierteljahlr geöffnete Straußwirtschaft des Schlossermeisters Eger, Lorcher Straße Nr. 121. Behaglich sitzt man hinter dem Hause in einem freundlich angelegten Gürten, in dessen langer Laube und den beiden niedlichen, mit durchbrochenem Mauerwerk kunstvoll hergestellteu Pavillons man sich an den vorzüglichen Aßmannshauser weißen und roten Weinen erquickt. Hiev lernt der Fremde echtes rheinisches Leben kennen, mit dem er sich vertraut machen muß; denn Wiesbaden ist eite rheinische Stadt, die ihren Lebensatem nicht nur aus ihren Quellen, sondern auch aus den Rheingatter Bergen schöpft.
Rheinluft, Weinduft, Zwei Worte so schön, O laßt uns ziehn Zu den rheinischen Höhn!
Da wächst mit den Reben Die Freude, die Lust, Da atmet so wonnig Und selig die Brust.
Rheinluft, Weinduft, . O neu Paradies!
Umsonst uns der Engel Aus Eden verstieß. r. Und quält uns die Sorge, So trinken wir Wein, Und Freude durchglüht uns Ant herrlichen Rhein.


