Ausgabe 
6.6.1908
 
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danieder. Und draußen kein prangender Sommer, Unwetter, Regen. Welch' ein unwirtliches Pfingsten!

Dumpf und zerrissen klangen diesmal die Glocken, kein Sonnengold und nirgend Stimmung für den Feiertag.

Mariandel horcht. . ., es ist die Mutter, sie ächzt im Traum. Großer Gott, wenn er auch sie von ihrer Seite rnft. . . Dann ist sie ganz allein. Zwar der kleine Buch- binderladen geht immer noch so flott wie früher, aber so allein. . . wie trostlos, wie schaurig öde; und leuchtete die Pfingstsonne noch so schön!---

Mutter schläft ruhig die Glocken schwingen aus, Mariandel kniet vor dem Bilde des Geliebten, flicht einen Kranz aus Birkeureis und weißen Trauerroseu um den Kops mit ben sinnenden, träumerischen Augen, dein ernsten Mund, der so fest ihre Lippen küssen konnte . . . und betet in An­dacht und Liebe . . .

Da teilt sich her Wolkenslot und ein Heller, glitzern­der Sonnenstrahl spielt in dem dunkelbraunen Scheitelhaar der Jungfrau. Ein zweiter Strahl gesellt sich hinzu und sonnt den üppigen, runden Nacken Mariandels. Die Sehn­sucht überwältigt sie, sie breitet die Arme aus, es ist ihr, als müsse sie im Wahn ihn ans liebewarme Herz drücken dennist es doch Pfingsten, mein seliges, trauriges Pfingsten . . . '"*

Mariandel!!"

Gerold mein Gerold!!"

Sie hatte ihn gar nicht gehört. So leise, daß nicht einmal die alten Fugen knackten, war er heraufgeschlichen, hatte die Tür anfgeklingt, sie geräuschlos in ihren Angeln gedreht und dann ihren Namen gerufen. Seine Stimme lvar's lvieder alles Andere war anders o welch ein brauner, bärtiger Geselle!

Mariandel, hast du mich noch lieb?"

Sie küßte ihm die Anttvort auf die furchenreiche Stirn. Komm, Gerold, ganz sacht, die Mutter wacht sonst auf, da fetz dich in! den Sessel auf die Estrade . . ."

Und er ließ sich führen von der kleinen, weichen Hand, und ehe er sich's versah, schwang sie sich auf seinen Schoß, barg ihr Gesicht an seiner Brust und weinte

Marianhel sagte Gerold, ernst und niedergeschlagen, ich hab alles verloren, all mein Geld und meine Hoffnungen sind dahin. Ich habe Reichtümer sammeln wollen und ich mußte sie verlieren deshalb blieb ich fern. Diesmal zum Fest hielts mich aber nicht mehr in der Fremde, ich mußte dich lviedersehen, dich, mein Mädchen. Deine Mutter. . . horch, sie ruft nach dir, komm, wir wollen zu ihr in die Kammer gehen . . . darf sie uns segnen, Mariandel?"

Gerold ?"

7,Ja, ich weiß ja nicht, ivir lieben uns, wie nur zwei Menschen sich lieben können, aber" .

Aber ?"

Bin ich dir denn auch recht mit nichts Anderem, als meinen zwei Händen. . ."

Kannst du Stahlfedern und Hefte verkaufen, Gerold? Und Bleistifte, Tinte und Papier? Ja, nun dann tu' es und bleib nur bei mit ... zu essen werden wir dann schon haben . . . und Mutter ioird gewiß vor lauter Glück wieder gesund und frisch . . ."

Und sie wurde es wirklich!

Schon am ilächsten Tage feierten die drei Lentchen ein Pfingstfest, wie es keiner von-ihnen sich geträumt hatte. Das war ihr drittes seliges Pfingsten. Das erste hatten sie sich's nicht zu sagen getraut, das zweite brachte ihnen die Offenbarung der Herzen und nach sieben Jahren steckten sie die goldenen Ringe an, um sie schon nach drei Wochen zu tauschen vor Priester und Altar.

Und als zum vierten Male die Pfingstglockeu läuteten, da lugte hinter der weißen Mullgardine am Erkerfenster des Fischmarkthauscs zwischen Gerolds und Mariandels Köpfen noch ein ganz klein niedliches Puppengesichtchen hervor und lachte jedesmal, wenn ein Sonnenstrahl vor seinen Aeuglein aufhellte. Und die Großmutter lächelte dazu und freute sich und tat ihr Bestes noch lange.

Pfingsten und Wanderlust.

Pfingsten ist das eigentliche Wauderfest.

Wie die Wolken dort wandern Am himmlischen Zelt So steht auch mein Sinn In die lveite, weite Welt!"

Bei den Notdlaudstecken wurden um die Zeit der Pfiugsteu dieThings" abgehalten, sowie die Gauversamm- lungen bei den alten Germaueu. Hoffeste und Turniere des Mittelalters, zu betten die Teilnehmer und Zuschauer oft aus Weiter Ferne herbeiströmten, wurden mit Vorliebe auf die Pfiugstfeiertage, die dainals aus drei hohen Festtagen be- stattdeu, verlegt. Der berühntte Sängerkrieg auf der Wart­burg, deu Wagners Tannhäuser behandelt, fand zu Pfiugsten statt. Goethe läßt in seinemReinecke Fuchs" den Tierkönig Nobel, den Löwen" auch ztt Pfingsteit seine Vasallen an den Hof rufen. Für alle fahrenden Leute !var Pfingsten von jeher das Fest der Feste, vom Rittersniann, der König Arthurs Tafelruude aufsuchte, dein Minnesänaer, dem fahrenden Schüler und Bettelstudeuten bis zum Handwerks- burscheu und umherziehenden Gaukler herab. Noch jetzt setzen sich die grünen Wagen, welche ambulante Karussells, Menagerien, Wachsfiguren - Kabinette, Zirkusse, Puppen­theater, Panoramen, Riesendamen, wisde Männer u. dgl. m. in ihrem Innern beherbergen, zur Pfingstzeit in lebhafteste Bewegung. Welcher Jubel, wenn sie im Städtchen ihren Einzug halten und auf der daneben liegenden häufig so be- nauntenPfingstwiese" ihre Zelte aufschlagen. Während der Festtage desPfingstschießens" hoffen ihre Führer auf reiche Ernte. Sie sind noch ein letzter Ueberrest des fahreu- den Volkes, das in vergangenen Jahrhunderten um diese Zeit die Landstraßen füllte.

Der Zeiten Brauch hat sich geändert; doch der Wander­trieb in der Menschenbrust ist derselbe geblieben.

O wandern, o wandern !

Du freie Burschenlust! Da ivehet Gottes Odem So frisch in die Brust!"

Dieses Wort gilt auch noch heute. Wollte aber jemand, dem Rate des Sängers folgend, es halten, wie dieser es in den folgenden Zeilen vörschlägt:

Und find' ich keine Herberg', So lieg' ich zur Nacht Wohl unter freiem Himmel, Die Sterne halten Wacht. Im Winde, die Linde, Sie rauscht mich ein gemach. Es küsset am Morgen Das Frührot mich tvach" so würde er manche Unzuträglichkeiteu davon haben. Unsere Pfiugstreiseuden werden sicherlich die Spruugfedervetten eines guten Hotels der Linde und den Sternen des Dichters vorziehen.

Trotzdem beherrscht auch noch in unseren Sagen' die Stimmung des Wandersanges Emanuel Geibels die Herzen der Jugend. . Der Dichter selbst gesteht es wehmutsvoll, daß er das Lied in seinen Jugendtagen dichtete,berauscht vont Maienscheine", als er noch ein fröhlicher Student war zu Bonn am Rheine.

Wanderlust und Jugendlust sind Zwillingsgeschwister. Die Welt im Maienglanz berauscht das junge Herz, weil sie ein Abbild der eigenen Jugendblüte darstellt.

Es liegt ein Schimmer der Verklärung über der Natur, der selbst die dürftigste Landschaft verschönt. So vermag der Jugendschmelz dem unscheinbarsten Menschengebilde Reiz zu verleihen. Schon längst sind die Blätter an Bäumen und Sträuchern entfaltet, mächtig schießt die Saat in die Halme. Welcher Farbenton, welches leuchtend zarte Grün liegt über Wäldern und Saaten! Nur zur Zeit des reifen Lenzes finden wir in der Natur dieses eniznckeNbe Hellgrün. So ist die Gestalt des Menschen in seiner Jugendblüte. Die Formen sind entwickelt, doch teilt und schlank, die Farben srisch und rosig.

Hoch geschwellt brausen die Wasser durchs Land, ihre Rinnsale bis zum Rande füllend. Stoch hat die dörrende Glut des Hochsommers ihren ungestümen Lauf nicht um­gewandelt in einen träge schleichenden. So sind die Adern der Jugend geschwellt von frischem, freudig und übermütig brausendem Lebensblut.

Ter blaue Himmel spiegelt sich in den klaren Gewässern