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die feierlichen Glocken läuteten, schluchzte sie an seinem Halse und konnte sich nicht fassen — vor Glück.
Immer nachgiebiger wurden die Glocken, nur zuweilen noch ein kräftiger oder ein leiser Puls, dann wiegten sie sich lautlos ein, um morgen von neuem in ihrer Klangfülle sich zu regen.
Nun schaute sic auch wieder auf zu ihm, ttnb dem Jüngling, dessen Nacken sie umfing, war eS, als hielte er ein Märchen in seinem Arm. Wie war es möglich, daß er ein ganzes Jahr lang Tag fiir Tag die Schönheit dieses Mädchens bewundern konnte, ohne einmal seinem Verlangen, diese Schönheit sein eigen nennen zu dürfen, Ausdruck zu verleihen?
Er hatte nie mit Mädchen keck gesprochen. Wenn man aber gemeint hatte, er sei ein Tropf, so waren doch alle im Irrtum. Genug, der „hübsche Tropf" blieb für sich und betete im Stillen die Tochter seines Hauswirtes an. War doch keine der andern von der Natur Bevorzugten so anspruchslos und selbstvergessen, so ungekünstelt zuvorkommend und liebreich als Mariandel tzeier, das einzige Töchterchen der Buchbindersleute aui Fischmarkt.
Ach, diese Buchbindersleut' am Fischmarrt. Wenn sie bedauerten, daß nicht alle Zöglinge der städtischen Schulen, iinb es gab bereit drei, nur zu ihnen kämen, um ihren Riesenbedarf an allen möglichen Materialien zu kaufen, dann war das ein ehrliches Bedauern. Doch die Konkurrenten hatten keinen so zugkräftigen Magneten wie Mariandel, die immer flott neben Vater und Mutter Bleistifte und Stahlfedern, Schreibhefte und Gummistückchen hervorholte, um sie den kichernden und ulkenden Schülern mit einer Grazie zu verkaufen, die so unwiderstehlich wirkte, daß mancher reiche Bauernbursche vor lauter Verliebtheit sein ganzes Taschengeld nur in Federhaltern oder Löschpapieren bei Mariandel Heier anlegte.
Sie selbst aber ließ sich immer guten Muts „poussieren", und die Eltern lächelten dazu, wenn ihr Schatz meinte: „Ach, die dummen Jungen, wie machen sie uns so reich durch mich!"
Keiner voit all' den Buben, und darunter verstand sie auch die längsten „Herren" Primaner, konnte ihr Respekt einflößen, alle wurden von ihr ausgelacht und bekamen lange Nasen. Und auch als Mariandel konfirmiert ward und bald eine junge Dam: war, und die Architekten, die jungen Lehrer, Apotheker und Kaufleute um sie im Haus und auf der Promenade, im Theater und Konzert scharwenzelten, war sie liebenswürdig gegen jeden, aber ihr kleines Herz pochte nur noch immer für sich allein.
Da meldete sich eines Tages Besuch an. Der Sohn eines Schulfreundes vom Vater. Auf dem pädagogischen Seminar sollte er noch einen tüchtigen Kursus nehmen.
Und zu Pfingsten war's, als er kam.
„Geh, Mariandl," sagte die Mutter, „und hol' ihn von der Bahn ab — Vater kann nicht, er muß noch die Gesangbücher vergolden für den Nachmittagsgottesdienst."
Und Mariandel zog ihr cremefarbenes Zephhrkleid an mit der blauen Hüftschleife, setzte den Sonnenstrohhut auf die Locken und tänzelte ihres Weges. Da die Schüler in den Ferien waren, so blieb sie auf der Straße fast unbehelligt von Begrüßungen. Und was den Besuch anbelangte, so war ihr nicht anders zu Sinn, als eile sie nach dem Wochenmarkt, um Gemüse und Eier einzuholen.
Der erste Blick aber aus seinem Auge brachte sie in Verwirrung. So etwas hatte sie noch nicht gesehen wie diesen Kopf, diesen überlegenen Ausdruck. Er grüßte stumm und sie hatte nur genickt. Und unterwegs? Ihre Stimtne vibrierte bei jeder dummen Antwort, die sie auf seine Fragen gab und sie hätte vor Scham vergehen mögen über ihr, linkisches Wesen. Der Kofferträger hinter ihnen drohte, einige Male mit beut Finger — kannte er doch Fräulein Heier schon seit ihrer ersten Kindheit. Und dann mußte sie gar erröten, doch sobald sie sich umweudete, ihre Erregung vor dem Begleiter zu verbergen, dann drohte Wieder der Dienstmann so eigentümlich lächelnd ... .
Droben im blauen Azur trillerte die Lerche — so weit das Auge blickte über die Felder rings, durch die sie gehen mußten, klare, flirrende Sonnenluft, hin uttb wieder von einem leichten Südwest gefächelt. . . ein wonniger, balsamischer Pfingstmorgen!
Mariandel war auf diesem Rückwege eine andere geworden. Sie wußte plötzlich, was Liebe • ist, sie wußte.
daß diese Liebe sich dehne, wie draußen der weite Himmek und sie wußte auch, wem diese Liebe gelte.
Und Gerold, der einen Kursus der Pädagogik vorhatte?
Ans dem geschlossenett Pestalozzi hatte er ein Blättchen weiß Papier, und unter dem Schatten eines blühenden Lmdeubaumes in Mariandels Vaters Garten schrieb er Verse darauf:
„Am heil'geu Pfingstfestmorgen
Bei Festesglockettklang, Bei Sonnenschein und Blumen Und lust'ger Vöglein Sang, Da schwang mit Himmelszauber Die Liebesfee den Stab, Und schwor ans sel'gen Welten Das Glück auf uns herab — —" . „ Und als er eben das letzte Wort „gedichtet" und sie selbst vor ihm stand, ganz plötzlich, die ihm Herz und Kops vertauscht hatte, da sprang er empor und--steckte
die Verse tu die Tasche — —
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Gut volles Jahr dauerte die Seelengual der beiden. Gerold Franke blieb im Hanse. Er speiste mit der Familie und verbrachte auch seine Mußestunden in ihrer Gesellschaft. Im übrigen aber arbeitete er so fleißig, daß für die Liebe eigentlich nichts übrig blieb. Mariandel indessen ioar es, obwohl sie sich unglücklich fühlte, daß er ihr seine Liebe nicht gestand, als sei nun alle Tage Sonntag. Ihre Herzbeklemmungen hinderten nicht, daß sie mit dem Kanarienvogel um die Wette sang und nur eins verriet äußerlich die eigentliche Verfassung ihrer Seele: daß sie den Schülern im Laden die dicksten Faber stifte um fünf Pfennige halb verschenkte und noch so manchen anderen Mißgriff machte, der zwar die Eltern nicht reicher machte, wohl aber den Zuspruch. So verging der schöne Sommer, der Herbst zog ins Land, Weihnachten brannte der Tannenbaum, aber Gerold war nicht dabei, — — Ostern schneite es — — dann aber kam Pfingsten, das Fest der Maien, der Rosen und der ersten Liebe — — und Gerold und Mariandel küßten sich das Jawort von den Lippen.--
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Wieder ist es Pfingsten--auch die Natur hat ihre
Launen wie die Menschen.
Die weißen Gardinen sind ganz geschlossen. Das Fenster auch. In den Korbsessel auf der Estrade, dem heiligen, liebegeweihten Boden, wo sic vor sieben Jahren mit ihm eng umschlungen gestanden hatte, da drückt sich Mariandels Kopf und Oberleib und die verschränkten Arme hinein.
Wie sie weint--herzzerbrechend — trostlos--
es rinnen die schweren Tränen uttb die Augen sind so rot, so feurig brennend--- um ihn!
Draußen tost der Wind und wenn auch der Laudmaun seinem Schöpfer für den srnchtbaren Regen dankt. . . dem verlassenen Mädchen bedeutet auch dieses segenvolle Hiin- melswasser nur Tränen — —
Verlassen! Mit seinem Ernst, seiner heitern, stolzen Würde sie, seine Brant, verlassen ... für immer . . .? So hat sie ihr Herz gefragt Pfingsten um Pfingsten. . . nun ist es das siebente Mal seit jenem Abend nnd er hat noch keine Antwort gegeben. . .
„Ich komnte wieder zu dir, du mein Liebstes . . . harre nur und bleib mir treu . . ." das waren seine letzten Worte gewesen und. dann ist er hinausgedampft in die Welt, sein Gluck zu machen . . . nicht als Pädagoge, nicht um. nach Amt und Würden zu trachten, sondern als „Streber", aber als ein ehrlicher, wie er selbst gesagt hatte. Reichtümer wolle er erringen, um damit ein Stift zu gründen für arme Leute und um seinem Mariandel ein schönes Haus zu bauen. . . War das nicht alles ehrlich und gut. .. ? Und doch
„Das Glück ist rasch vergänglich Und bricht wie Glas so bald. Und Treuwort liegt gebrochen Und Eidschwur ist verhallt —"
Gerold selbst hatte das einmal auf einen Zettel geschrie-- 6eit, den sie dann zufällig gefunden, ebenso wie den andern, wo er von der Liebesfee sang, die das Glück auf sie Beide herabbeschworen habe. . . Wie beseligten sie diese Verse, welche Angst bereiteten ihr die vom „gebrochenen Treuwort"!
Mariandels Vater war schon drei Jahre tot, um Ostern war er gestorben. Nun lag auch die Mutter schwerkrank


