Ausgabe 
6.5.1908
 
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Totenfeier Franklins einen schwarzen Anzug borgen mußte und mit Diogenes an Armut und Zufriedenheit wetteiferte. So schreitet er, ein ärmlich düsterer Unheilsmann, durch die meisten der Dramen, die ihn als demokratischen Demagogen und Kämpfer für die Freiheit schildern. Die Gottschall, tzamerling, Griepen- kerl und Genfichen haben ihn mit einer solchen phantastisch düstern Gloriole umgeben, am meisten Karl Bleibtreu in seinem Revolu­tionsdrama, während er nur in des genialen Hessen Georg Büchner Dantons Tod" dem genial leichtlebigen Helden gegenüber als der kleinlich mittelmäßige, geschwätzige Philister erscheint. Louis Blanc feierte unter dem Einfluß des Jahres 1848 in Robespierre den Heros und Märtyrer der Revolution, den ahnenden Propheten des Sozialismus, und sein begeistertster Lobredner, 'Eryeste Hamel, schrieb eine der langatmigstenRettungen" von mehr als 2000 Seiten, die je geschrieben worden sind. Michelet nannte ihn eine Shakespeares würdige tragische Figur". Shbel hat in ihm den starren. Doktrinär gesehen, den verbissenen Idealisten, der die Lesefrüchte einer eilfertig zusammengerafften Bildung durchaus in die Wirklichkeit umsetzen wollte; einer seiner neuesten Be­urteiler erblickt in ihm die Personifizierung des französischen Mittelstandes, der in seiner Gestalt zur Herrschaft gelangte, eine beschränkte, aber ehrliche Natur mit kleinlichen Mitteln und engem Horizonte.

All das war Robespierre nicht: nicht das teuflische Ungeheuer mit dem Basiliskenblick und nicht der im Herzen gutmütige, mißbrauchte und irre geleitete Menschenfreund; nicht der tief­sinnige Staatsmann und Weltbeglücker, aber auch nicht der ein­fältige Vielredner und unpolitische Wirrkopf. Aber doch von dem allen etwas, eine vielgestaltig zwiespältige Persönlichkeit, nach dem echt Grabbe'schen Wortaus Löwenknochen und aus Esels­ohren zusammengewürfelt". Er wartugendhaft", weil in diesem berechneten, vertrockneten Gemüt für ein wärniercs Fühlen, für Leidenschaften kein Raum war; er war sicher und zielbewußt, weil seine Begriffe von Gesetzlichkeit, Humanität, Religion so unverrückbar und einseitig in ihm fest standen, daß ihn kein Zweifel beschleichen konnte. Tie Unfehlbarkeit seiner Meinung und die Bortrefflichkeit seines Wollens standen ihm so klar vor der Seele, daß jede abweichende Ansicht todeswürdiges Verbrechen, jeder Gegner ein Verräter, ein Lasterhafter war. Dazu kam ein ständig wachsendes Mißtrauen gegen jeden, das fast in Verfolgungswahn ausartete, ein keinen andern neben sich ertragender Ehrgeiz, der allein einen Grund für die sonst sinnlose Vernichtung Dantons bietet, eine Charakterstärke und Energie des Willens, die stets bis zum Uebermaß angespannt war. Und mit diesen Eigenschaften verband sich eine starke Einbildungskraft, die in dem geqirälten Schwung seiner Reden bisweilen durchbricht, eine zeitweilige Sorg­losigkeit, die aus seiner Unfähigkeit herkam, die Sachlage klar zu übersehen, eine leicht gerührte Schwärmerei für ®ott, Tugend, Glück, eine große Angst vor Gewaltsamkeiten und Tumulten, die ihn stets an allen Schreckenstagen ängstlich zu Hanse gebannt hielt und ihn vor jeder physischen Gefahr erheben machte. Der Mann, dessen Federstrich viele Tausende der Guillotine überlieferte, wagte nicht eine Pistole in die Hand zu nehmen und der unbeugsame Systematiker, der mit allen Mitteln einer Schreckensherrschaft seine Ideen durchzusetzen strebte, war im Augenblick der höchsten Gefahr nicht dazu zu bewegen, einen ungesetzlichen Aufruf gegen den Konvent zu unterschreiben.

Sein Schicksal, sein Emporsteigen und sein kurzer Sieg er­klären sich allein aus seiner Zeit, ans der Revolution. Die wild aufgewühlten Wellen jener stürmischen Epoche trugen ihn lang­sam empor; in einem stilleren Jahrhundert, in einer nicht so ganz aus ihren Fugen gerissenen Gesellschaft wäre er vielleicht als ein wunderlicher Sonderling der Provinz, wie sie später Balzac geschildert hat, gestorben. Denn recht durchschnittlich waren seine Anfänge, ganz gewöhnlich und alltäglich seine ersten Er­folge und seine Leistungen. Als armer kleiner Advokat hatte er begonnen, von Stipendien unb der Gunst großer Gönner war er abhängig gewesen. Das einzige, was ihn aus der korrupten Gesellschaft heranshob, war seine Ehrlichkeit, sein Eintreten für die Armen, obwohl er auch hier den Wunsch verriet, vor allem Aufsehen zu erregen. Daneben hatte er, wie jeder gute Bürger, seine Steckenpferde, sammelte Blumen und hielt sich Vögel, wie er ja auch noch zuletzt am Tage vor seinem Sturz auf die Mai- käfcrjagd ausgezogen ist, machte den Honoratiorentöchtern von Arras den Hof undvcrnachläsfigte über den Wissenschaften nicht die Musen". Er schrieb Abhandlungen für die Akademie von Arras, deren Mitglied er war, und machte Gedichtchen für die Rosengesellschaft", einen Verein, dessen poetischen Spielen er eifrig huldigte. Mit Politik hat er sich bis zu feiltet Wahl in die Ständeversammlung vom Mai 1789 kaum beschäftigt; wohl aber machten die Werke Rousseaus einen großen Eindruck auf ihn, wie ans seinen eigenen Abhandlungen hervorgeht, und bil­deten früh in ihm die Grundlagen seiner Weltanschauung heraus, deren Prinzipien er dann mit so viel Hartnäckigkeit auf einen Staat und auf ein Volk angewendet hat. Man hat mit Recht gesagt, daß Robespierre das Stück aufgeführt habe, das Rousseau ersonnen; er hat die,Ideen des großen Genfers in die Wirklich- keit zu übertragen gesucht. Was dercontrat social" theoretisch aussührt von dem Staat als dem Gesamtwillen aller, von der unbedingten Unterordnung des Einzelnen unter die Allgemein­heit, von der absoluten Demokratie, die fich doch in unbeschränkten

Despotismus auflöst, das hat derAristides" der Revolution in feiner Politischen Laufbahn praktisch verteidigt und gepredigt. Was der savoyische Vikar in derNeuen Heloise" mit so schöner Begeisterung als sein Glanbensbekcnntnis vorträgt, die Vereh­rung eines höchsten Wesens und die Anbetung einer sittlichen Weltorduung, das hat der Oberpriester der am 7. Mai 1794 anbefohlenen Staatsreligion bei dem Feste des höchsten Wesens in feierlicher Rede allem Volke vorgetragen. Immerhin war cs auch das Große in Robespierre Politik, daß er nicht nur wie feine revolutionären Vorgänger eine äußere Macht zu erwerben strebte, sondern nach einer Herrschaft über die Geister verlangte, das Volk durch eine Umformung der fittlichen und religiösen Ge­walten zu einer republikanischen freien Staatsform erst vorbilden und erziehen wollte.

Zunächst waren die parlamentarischen Leistungen Robespierre in der Stände- und Nationalversammlung recht gering. Aber durch sein Eintreten für die Rechte des Volkes, seinen offen zur Schau getragenen Biedersinn, die zwar schwerfällige, aber ver­ständliche Ausdrucksform seiner Reden, durch seine peinlich genaue Erfüllung aller Pflichten erwarb'er sich allmählich eine ungeheure Beliebtheit, besonders unter den Mittel- und Kleinbürgern. Als er daher äm 27. Juli 1793, genau ein Jahr vor seinem Sturz, nach Marats Ermordung in den Wohlfahrtsausschuß eintrat, war er bald der mächtigste Mann und die führende Persönlichkeit. Tie gemäßigte Partei sah in ihm einen auf dem Boden des Ge­setzes und der Ordnung stehenden Politiker, die Jakobiner er­kannten ihn als den energischsten Fichrer in der siegreichen Partei an, die Klerikalen aberbegrüßten ihn als Retter, da er sich gegen die Anhänger der atheistischen Vernunftsreligion wandte, und dem Volke wieder einen Gott und einen Glauben schenkte. Nach­dem noch Tanwn, der einzige, der als ernsthafter Nebenbuhler in Betracht kam, aus dem Wege geräumt war, fühlte sich. Robes- pierre als unumschränkter Gebieter, da er im Konvent jederzeit die Mehrheit für sich hatte und die beiden ausführenden Aus­schüsse in seiner Hand waren. Ob der ehemalige Advokat die Alleinherrschaft, die Diktatur damals ernstlich erstrebte, wissen wir nicht; jedenfalls vermied er den Schein eines solchen Ehr­geizes nicht mehr, obwohl er sonst so vorsichtig gewesen ist. Er warf sich ganz den Jakobinern in die Arme und entfremdete sich so die gemäßigte Partei. Eine unbegreifliche Sorglosigkeit erfaßte ihn; von seiner Macht und Größe geblendet verlor er völlig den Blick für den Ernst der Situation. Er schritt ahnungslos dem Ab­gründe entgegen und verrannte sich ganz in seinen eigensinnig unüberlegten Plan, eine Reihe verhaßter Gegner im Konvent zu vernichten, während diese den Kampf auf Leben und Tod richtig er­kannt hatten und entschlossen waren, mit allen Mitteln um ihre Existenz zu ringen. So ward der allmächtige Mann durch die Ungunst der Verhältnisse und eigene Unklugheit innerhalb weniger Stunden zum gestürzten Tyrannen, den man im Konvent mit Hohn und Spott überschrie, bis er in ohnmächtiger Wut zu- fammenbrach. Die Kopflosigkeit, die Unfähigkeit, in einer ver­zweifelten Situation sich aufzurafsen, lähmten auch nach seiner ungesetzlichen Gefangennahme und Äechtung jede Entschließung. Er weigerte sich, das Gefängnis zu verlassen, als ihn seine Freunde noch einmal zur Tat aufriefen. Von feiner Unschuld überzeugt, glaubte er, daß das Volk, das ihn soeben noch vergöttert und angebetet hatte, ihn befreien u. zn glänzender Genugtuung als Vater des Vaterlandes krönen werde. Als er sich dann endlich aufs Stadthaus hat schleppen lassen, wo der Aufstand organisiert wird, fveigert er sich, lange kostbare Stunden hindurch, die Proklamation an die Menge zu unterzeichnen. Als er endlich die Feder an­setzt, ist es zu spät. Ein Pistolenschuß zerschmettert ihm die Kinn­lade und notdürftig verbunden wird er am nächsten Tage ans das Schafott geschleppt, wo er als letzter von 22 Gefährten beim Jubel desselben rasenden Pöbels, der ihm noch gestern zu- gejanchzt hatte, unter dem Beil der Guillotine endet. Dr. P. L.

Aus dem Zoologische» Garte» in Frankfurt a. M.

Auch in diesem Jahre wurde durch den wissen- schafilichen Direktor die Tierversteigerung in Antwerpen besucht und für den Garten eine Anzahl von Seltenheiten erworben. Bor allem verdient der prachtvolle Mandschuren- oder Grünschnabel-Kranich hervorgehoben zu werden, wohl die schönste und kostbarste Kranichart, die man so oft auf den reizvollen Erzeugnisfen des japanischen Kleinkimstgewerbes ab­gebildet findet. Die Heimat des schönen Vogels ist Ost-Sibirien und die Mandschurei, in Japan ist er lediglich seit alten Zeiten als Hausgenosse eingeführt und dort gewissermaßen zum Na- tionalticr geworden. Andere in Antwerpen erworbene Tiere des Gartens sind der braune Pelikan, der stolze und edle Weißkopsseeadler aus Amerika, vor allem aber die schönste und wertvollste Art aus der Affengattung der Meer­katzen, die Brazza, mit brennendroter _ Stiruzeichnung und weißem, auf die Brust übergehenden Kinnbart. Das Vogel­haus weist eine Kollektion der farbenprächtigen, großschnäbeligen Pfefferfresser oder Tukane auf. Im Reptilienhause ist die seltene prächtige Assala-Rieseuschlange (Python febae) eingetroffen, ferner riesige Teju- unb Waran-Eidechsen, eine Kollektion dalmatinischer Schlangen und als Zierde der Kiwkodilsammlung der merkwürdige, langschnauzige Gavial. Auch die Kreuzotter und ihre gehörnte