Ausgabe 
6.5.1908
 
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Keünuih von LoAen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Sie stand etwas ernüchtert auf und raffte den schleppenden Saum ihres weißen Neides. Es berührte sie fast schmerzlich, daß ihre Herzensergießungen diesen plötzlichen Abschluß fan­den. Sie hatte auf Wind und Wetter schon lange nicht mehr ge­achtet.

Ter Weg durchs Dickicht war schmal und naß und im Vor­beigehen spritzten ihnen die Aeste Tropfen ins Gesicht. Edel- traut ging voraus. Loysen hatte seinen Rock wieder ungezogen und folgte ihr.

Einmal strich er ihr mit der Hand prüfend an der Schulter herab.

Ihr Neid ist wirklich nicht mehr feucht," sagte er,aber die Füße werden Sie sich naß machen."

Wenn's weiter nichts ist! Ich bin im Leben viel barfuß gelaufen itnb oft im Regen naß geworden."

Sie kamen auf den breiten Weg. Er war mit abgebrochenen dürren Zweigen und abgerissenen Blättern bedeckt. An der Seite schoß noch das Regenwasser hin.

Plötzlich blieben beide stehen. Rings um sie her ging eine Welt funkelnden Glanzes auf. Tie Sonne sandte einen Licht- stveisen durch das Gewölk gleich geschmolzenem Gold und Silber leuchteten die Wdlkeusttume und der Wald erstrahlte im Tiamanienschmuck der zahllosen Regentropfen. Zu gleicher Zeit begann sich int Osten eine farbige Himmelsbrücke aufzu­bauen, ein mächtiger Regenbogen, dessen Farbenpracht mit jeder Sekunde zunahm ein Gürtel aus funkelnden Edelsteinen. Im Herzen des Mädchens brachte die Verwandlung der regen­grauen, trüben Natur in ein Zaubermarchen ganz unvermittelt den Umschwung die Kiwspen. sprangen und der Frühling zog ein mit jubelndem Brausen, sie sah sich wie verzückt rings um und dann in die Augen ihres Begleiters; der Funke zündete und ohne ein Wort zu sagen, mit einem leisen Jauchzen warf sie sich in seine Arme. Sie fühlte sich fest umschlossen.

Meine Edel!" sagte er und daun küßte er sie auf die Lippe» und als sie sich mit einem Ruck zu befreien strebte, statt sie loszugeben, auch noch auf das Haar, auf die Augen, auf den Hals.

Sie wehrte ihm nicht mehr- sie war viel zu erschrocken über dies Nene, Fremde, das an sie herantrat, über diese maß­lose Glückseligkeit im eigenen Herzen und bte zitternde Ver­wirrung angesichts eines Menschen, der doch ihr altbekannter Freund war. Gesprochen wurde so gut wie gar nicht. Sie gingen weiter, fein Arm lag um ihre Gestalt, über besonders nasse Stellen hob er sie herüber. Von Zeit zu Zeit blieben sie stehen und küßten sich und seine Küsse ließen sie er­schauern. Sie hatte geglaubt, etwas Lieberes gebe es nicht, als Wilhelms warmer, herzlicher Morgenkuß und, jetzt dachte sie gar nicht mal an Wilhelm und sie wußte, daß sie das, was sie hier empfand, noch nie gekannt und erlebt hatte, und dachte

immer wieder mit Verwundern: Was macht er nur aus mir? Ich kenne mich ja selbst nicht mehr.

Sie kamen an der Bank vorbei, auf der sie dantals ge-i sessen hatten, als er ihr sein Vorleben beichtete. Ihre Micke gingen achtlos darüber hin, sie hatten das beide total tret*; gessen. Sie standen, neue Menschen in einem neuen Leben.

Einmal blieb sie wieder stehen in ihrer großen Verivirrung und sah ihn an, und was da in seinem Gesicht antwortete, war ihr auch so wunderbar und beseligend, daß sie zaghaft fragte:

Bist denn du auch so glücklich?"

Ja, durch dich."

Durch mich! Und ich durch dich . . . Wir! Was ist das für ein Wort! Das habe ich ja noch nie gekannt. Nicht du und ich oder er und ich, sondern wir!"

Weiter kam sie nicht.

Seiner Sorge um eine etwaige Erkältung für sie war es zu danken, daß sie doch schließlich aus dem Park herauskamen. Ach, wie sah der Platz aus, wo vordem die Gesellschaft ge­sessen! Der Sturm hatte starke Aeste von den alten Eichen und Linden geworfen, Stühle und Bänke, vergessenes und zer­brochenes Eßgeschirr, Neiderfetzen und Papier lagen hier durch­einander. Die Gesellschaft hatte sich vom Unwetter völlig überraschen lassen.

Aber da oben schimmerte schon Licht hinter den Saale, fenstern, und abgerissene Musikklänge zeigten an, daß man sich schnell getröstet hal>e und zum Tänzchen übergegaugen sei.

An den überlaufenden Bassins der Springbrunnen vorbei,- über die durchweichten Gartenwege führte er sie nach dem stattlichen Portal.

Tie Haustür stand weit offen, in der Tür lehnte eine Gestalt, ausspähend, die Hand über die Augen. Es war Anne Marie. Sie zitterte vor Unruhe.

Endlich!" rief sie.Endlich! Schnell, kommt schnell! In mein Zimmer aber schnell!"

Fast lausend ging sie voran, die Treppe hinauf, den laugen Gang hinab und beide folgten und traten in das erleuchtete, behagliche Gemach.

Jetzt erst wandte sich Anne Marie um, sie war ganz blaß vor sorgender Erregung.

Kind Kind! Sie sind doch unbeschädigt? Kem Baum fiel auf Sie kein Blitz. . ." Ihre Hände glitten tastend über das durchfeuchtete, dünne Kleid. Sie griff ein weißes, weiches Tuch auf und legte es Edeltrant um die Schultern. So! Und nun die Füße! Setzen Sie sich, bitte, schnell, so haben Sie doch Erbarmen mit mir, nie im Leben verwände ich's, brächte ich Sie Wilhelm krank zurück!"

Sie drückte die Geblendete und völlig Willenlose in einen Sessel. Loysen stand verstummt. Er hatte diese Schwester noch nie haltlos, in nervöser, unruhiger Bangigkeit gesehen. _

Ohne sich um ihn zu kümmern, kniete sie vor Edeltraut hin und zog ihr mit der Behendigkeit der geübten Kranken^ Pflegerin die durchnäßten gelben Schuhe und die Strümpfe von den Mißen, diese in ein wollenes Tuch hüllend und