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steifen Nrmbewegungen seine Stiche machte. Brauen und Schnurrbart waren sorgfältig schwarz gefärbt — eine Perücke verschmähte er.
Ada Valois wandte die großen, ■ braunen Augen langsam dorthin.
„Er kleidet sich tadellos" — sagte sie halblaut, „und ist in jeder Weise comme il saut. .
„Aber zu alt."
„Das sage ich nicht."
„So nimm also meinen Glückwunsch entgegen."
„Das kann ich nicht — denn mein Entschluß ist noch nicht gefasst. Jni Vertrauen gesagt — ich habe noch ein anderes Interesse .... eine — eilte Jugendliebe .... man ist so töricht manchmal —- und ich kann nicht mit mir darüber einig werden, ob ich nicht einem anderen tlnrecht tue, wenn ich Trauens Bewerbung annehme. Ich möchte niemand unglücklich machen."
Auch darin war sie sich gleich geblieben. Sie hatte immer „ein audercs Interesse" gehabt, welches einer brillanten Partie int Wege stand, die sie „um ein Haar" hätte machen können.
Die blasse, nüchterne Frau im hellgrauen, schlichten Tuchkleid, die Frau, der das Leben alle träumerischen Illusionen genommen hatte, empfand beinahe Neid. Wie jung ist die hier geblieben, und wie ist es doch im Grunde etwas Schönes nm die törichte Jugend. Wer cs auch so verstanden Wie, sich die Einbildungen und Träume der Jugend hinüber zu retten in die blütenlose Zeit. Sie kam sich plötzlich so alt und so stumpf vor. Heute früh hatte sie die ersten Silberfäden in ihrem Haar gefunden, und heute abend war ihr schon, als umrahme ein schneeiger Scheitel ihre Stirn. —:
XXV.
„So ist sie nun!" — sagte Wilhelm von der Haide lächelnd und reichte der Großmutter eine Depesche — „sie kommt heute ichon, zwei Tage früher, wie ausgemacht, da hat sie es wieder mal in der Fremde nicht ausgehalten!"
„Ach, das gute Kind, aber wo nehme ich nun einen Festkuchen her und eine Giclcmdcum ihre Zimmertür? — Zivei Uhr fünfzehn? Kaum einen Strauß kann ich noch binden lassen.... und ob sie nur unterwegs Mittag gegessen hat?"
„Und wo nehme ich gleich Pferde her zum Entgegenschicken? — Aber um Edel wollen wir uns nicht sorgen, das Wetter ist schön und Jarowitz nahe .... sie muß sich ja selber sagen, daß ihre unterwegs aufgegebene Depesche zu spät kam und wird wohl gern zu Fuß kommen."
Er nahm seinen Stock und verließ das Haus — ein prüfender | mundgang durch Hof und Ställe ist nicht überflüssig, wenn die s iintge Herrin naht.
Er sah dabei sehr fröhlich und sehr frisch aus. Sein Gang I Mte sich in diesen ztoci Jahren gefestigt, seine ganze Konstitution I gekräftigt. An manchen Tagen konnte er einen ansehnlich langen I Weg zurüKegen, ohne es durch Nervenschmerzen büßen zu müssen. |
Nachdem er den Leuten im Hof die Mitteilung gemacht hatte und die Ställe inspiziert, ging er hinauf in das Zimmer seiner Schwester. Einige kleine Ueberraschungen fand sie hier stets vor, wenn sie aus Berlin oder von einem Besuch bei den Schnade- witzens heimkehrte. Heute hing er ein Landschasisbildchen auf, Welches er sowohl gemahlt, ivie zierlich eingerahmt hatte. Ein feiner Gedanke lag in dieser Gabe — Edeltraut sollte nicht denken müssen, er sei in ihrer Abwesenheit mit Arbeit überbürdet gewesen. Das Bild hing gut. Nun betrachtete er die im Fenster stehenden blühenden Rosenstöcke und öffnete beide Fenster. Dabei sah er in den Hof hinab und sah durchs Tor den Milchwagen daherkommen, der die Mittagsmilch nach der Bahn gebracht hatte. | Der Wagen rollte klappernd durch den Hof. Auf dem ftrohge- j fütterten Sitzplatz vorn saß Edeltraut und lenkte den Esel, neben j ihr in drangsalsvoller Enge der inzwischen zum „Milchjungen" avancierte Christel, bemüht, das Köfferchen des gnädigen Fräuleins vor dem Herabfallen zu bewahren.
Edeltraut aber sah sich um und um, lachte, nickte, grüßte, sprang vor dem Stall leichtfüßig von ihrer Staatskarosse.
Als Wilhelm die Treppe herabkam, trat sie unten ins Haus | unb mit ihr, so schien es, flutete Sonnenschein und Frohsinn. \ ^hr gelbes Haar leuchtete und ihre Augen blitzten, sie lief die Stufen hinauf bis zum Treppenabsatz, itro Wilhelm sie erwartete, I warf bte Arme um seinen Hals und küsste ihn herzhaft.
„Da hatte ich dich wieder!" —• sagte sie, nahm seinen Kopf | in beide Hände und sah ihm unbeschreiblich froh und zärtlich in die Augen, zupfte ihn dann am Ohrläppchen und klopfte ihn auf die Schulter. „Ach!" — seufzte sie aus tiefer Seele, so recht I befriedigt. ' |
Er streichelte die blühende Wange: i
I „Ja, Liebste^ schon, daß du wieder da bist. Recht gesehnt habe ich mich nach dir. Es geht eben schlecht ohne einander "
„Es geht überhaupt nicht!" — sagte sie überzeugt.
. ino g"tgep sie daun die Treppe herab und traten IN MllMlms Zimmer. Sie nahm den Strvhhut ab und streifte das ^acsttt herunter, die Handschuhe hatte sie gleich mit ein-r gelutifen demonstrativen Nachdrücklichkeit in die Sofaecke geworfen Wahrend alledem ging sie herum, begrüßte die Stieglitze und Zetstge tu ihren Käfigen, betrachtete die Palmen in der Fenster- I ccke, schob und rückte dies und das zurecht. Dabei sprach sie froh erregt:
„Sahst du mich ankommen? Großartig, was? Das lockte nncy doch zu sehr. Baron Prancken- bot mir sehr höflich einest Platz tn dem Wagen an, der ihn nach Lobwitz brachte, danke, sagte ut> stolz, ich werde in meiner eigenen Equipage nach Hause fahren- Er sah sich ganz verblüfft um und fuhr dann ab —. rG aber hatte eine herrliche Fahrt! — Wo ist Großmama?"
„Natürlich backt sie dir doch noch einen Festkuchen. Kind, ime kamst du so früh? War es nicht schön bei den Schnade- witzens?"
„?lch, sehr nett, natürlich — auch in Berlin. Aber du weißt, : wia ich bin. Es zieht mich immer wieder zurück. Aber ich habe viel Schönes gesehen und auch vieles Gute gehört, was mich interessierte. Bei den Wahrendvrfs konnte ich Auguste bei ihren Armenbesuchen Helsen. Wer nun bin ich hier. Wilhelm, istz denn der kranke Ochse gesund? — Du schriebst mir nie davon. Und dann, die alten Lcuschkers feierten doch wohl ihre goldene Hochzeit. Hast du daran gedacht?"
„Ja, mein Herz, ich war dort mit einer Gabe und las dest wunderschönen Brief, den du geschrieben."
„Ach, in Gedanken war ich ja immer hier. Mer Bruder, tveshalb geht man eigentlich weg? Es ist zu dumm!"
„Mir scheint, das Wiederstimmen ist des Fortgehens schon wert."
„Da hast du recht. Uebrigens sehe ich nichts von Malerei —- dn schriebst doch, du maltest."
„Ich habe auch gemalt. Nachher sollst du es suchen. Jetzt erzähle mir doch, was hörtest du dort über unseren Helmuth? Wie spricht man über ihn?"
„Oh, der ist jetzt ein lieber Mann. Er ist ja nun wieder in Gnaden von der Gesellschaft ausgenommen! Bei den Schnade- witzens war ein größeres Diner, da wurde über Helmuth viel gesprochen. Sehr vorsichtig — kein mißbilligendes Wort fiel. Man hofft, er werde wieder in sein altes Regiment eintreten. Es war ganz komisch. Helene Schnadewitz sagte nichts über ihn, sie ist zu zartfühlend. Aber die anderen! Ich gesteh« es, diese lavierende und sondierende Menschenliebe verdroß mich mehr, als es die verständnislose Entrüstung getan hat."
„Ein Brief von ihm liegt oben auf deinem Schreibtisch."
„Oh! — Was schreibt er? Wann kommt er?"
„Das weiß ich doch nicht. Der Brief ist an dich. . . , ich muß mich schon drein ergeben, daß auf dich jetzt der Löwenanteil der Korrespondenz fällt."
„Aber Wilhelm! — Was fiel dir denn ein, den Brief nicht zu öffnen?"
„Ja, liebes Herz, für ihn sind wir doch wohl nicht eins."
„Ich hoffe stark, daß er uns für eins ansieht. Stirn, so hole ich den Brief!"
(Fortsetzung folgt.)
Gerhart Hauptmarms Schlottervers.
In Hauptmanns Prosa entdeckt Richard v. Wilpert (im Türmest Aprilhest) einen bestimmten Tonfall, der die Sprache auch in den Prosadramen Hauptmanns als gebundene Form erscheinen läßt. Wilpert nennt das den „Schlottervers", defsen stündiges Merkmal die vier Hebungen sind (nur ausnahmsweise kommt auch einmal ein Halbvers mit nur zwei Hebungen vor), aber diese vier Hebungen sind so deutlich ausgeprägt, daß sie sich geradezu dem Gehör aufdrüngen. Die Zahl der Senkungen ist verfchi-dcn: am Anfang des Verses stehen deren eine oder zwei, manchmal auch keine, und nur ausnahmsweise brd; ähnlich ist es am Ende; und auch in der Mitte können eine oder zwei, ausnahmsweise drei, Senkungen aufeinander folgen. Die durch diese ziemlich große Freiheit im Bau bedingte Holperigkeit lasse es begreiflich erscheinen, das Ganze als Schlottervers zu bezeichnen.
In „Vor Sonnenaufgang" ist dieser Vers, mit sehr veromzelten (wohl nur zufälligen) Ausnahmen, nicht zu finden. Deutlich erkennbar aber ist er schon in „Kollege Crampton". In späterem Stücken dagegen hat Wilpert den Vers von Anfang bis zu Ende angewendet gefunden.
Am deutlichsten ist er in „Michael Kramer". Die Aw-


