Ausgabe 
6.1.1908
 
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fefiuna schon mehr oder weniger heilsam vorausbestimmt. Landsleute treffen sich auf den Straßen und in den Ver- kehrszentren der ganzen Welt. Aber auf eiltet Pfeil­schnellen Fahrt quer durch die Steppen der Mongolei, wo selbst die Karawanenspuren verschwinden und der Kom­paß der einzige Führer ist, wo die Lager der schweifen­den Nomaden auf Hunderte von Meilen hm die einzigen Mmkte am tzoNnte bilden,, in der glücklich .ernsten Aiutte eines gastfreien Mongolen ausgerechnet einem ber­liner zu begegnen, dürfte immerhin eine Ueberraschung fein, Eie nicht zu den gewöhnlichen gehört! Und doch ereignete es sich nach dem Bericht dreier Automobilisten, die? aus Anlaß der WettfahrtPeking-Paris im ^uw- mobil" im vergangenen Sommer von der chineflschen Hauptstadt kommend, die ganze Mongolei m acht Tagen durchquerten. Bei einer kurzen Rast in der Hütte eine» Mongoleiihäuptlings mit Milch und Tee freigebig lu- wirtet, wurde an sie plötzlich dw Frage gestellt:Sprechen Sie deutsch?", die int richtigsten Akzent aus dem Zu­schauerkreise kam, der sich um die fremden Gäste gebildet hatte. Man kaim sich die Verblüffuiig der Reisenden, die seit ihrem Abschied von Peking fast ausschließlich auf die Grbärdensvrache angewiesen waren, vorstellen, hier an einem zufälligen Punkt der ungeheueren mon­golischen Wüste Kulturlauten zu begegnen, deren zwei der Automobilisten, Fürst Borghese und sein Begleiter, der Schriftsteller Barzint, mächtig waren. Der Fragesteller war allerdings kein waschechter Berliner, sondern ein junger Mongole, der sich mit vollständiger Geläufigkeit m der Sprache Goethes unterhielt, sich mit der ruhigen Selbft- v<-rständlichkeit des Eingeweihten nach der Maximalge- schwindigkeit des Automobils erkundigte und von der emp­fangenen Auskunft sehr befriedigt schien. Des Rätsels Lösung brachte nun folgende Unterhaltung.Wo haben Sie denn Deutsch gelernt?" fragte Fürst Borghese.In Berlin. Berlin liegt weit von hier."In Berlin?"ya, es sind jetzt zwei Jahre her."Und was taten Sie dort?"Ich trat als Mongole auf!" entgegnete er würde­voll. Wir glaubten, er scherze oder habe unsere Frage nicht verstanden.Mas taten Sie in Berlin?" Ich trat als Mongole auf", wiederholte er mit Bestimmtheit; dann fügte er hinzu:Ich war auf einer Ausstellung, verstehen Sie? Es ivaren dort Leute aus allen Völkern, und es war auch ein mon­golisches Jurtenlager da, mit Pferden, Hunden und Frauen; täglich besuchte uns eine große Menge Menschen und sprach mit uns, und so habe ich Deutsch gelernt."Gefiel es Ihnen in Europa?"Ja. Und wie gefällt Ihnen die Mongolei?"Ausgezeichnet!" Der Berliner Mongole war von dieser Anerkeiinuiig seines engeren Vaterlandes höchst geschmeichelt und dürfte auch seinen Stammesangehörigen durch seine internationalen Beziehungen nicht wenig im­poniert haben.

Vermischtes.

* Ueber die amerikanische Frau veröffentlicht Otto von Gottberg im 3. Heft der ZeitschriftUeber Land und Meer" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) eine interessante illustrierle Plaudern, die manche scharfe und von der landläufigen deutschen Anschauung abweichende Beobachtung enthält. Die Frau des Ostens, schreibt der Verfasser u. a gibt gemeinhin mehr Geld für ihre Toilette ans als die schlicht, ja ost geschmacklos gekleidete Tochter des mittleren Westens, die knausernde Bewohnerin der mageren Scholle Neu-Englands und die Euroväerin aus.. Eine Mehrheit der Männer hat dagegen nichts einzuwenden. Eine gut angezogene Frau erhöht hier des Mannes Ansehen und Kredit. Aber dcs Yankees Bereitwilligkeit, die Rechnungen von Juwe­lieren und Schneiderinnen zu begleichen, einem ritterlichen Opfer­mut zuzuschreiben, halte ich für gewagt. Das junge Mähchxn darf sich in dieser Gesellschaft mehr als bei 'uns zur Geltung bringen. Aber darum ähnelt in Amerika keine Tochter guten Hauses jenem Fabelmädchen, das den Verehrer allein im Salon der Eltern empfängt und ohne Begleitung mit ihm Theater und Restaurant besucht oder gar über Land fährt. Modell für diese stereotype Figur der Amerikaschilderung war vermutlich stets die Tochter einer Pensionswirtin. Junge Damen werden hier von Herren besucht. Aber diese lassen sich bei Mutter und Tochter zugleich melden und beide empfangen gemeinsam den Gast. , Er ladet während des Gesprächs seine Adorata vielleicht zu einer Automobilfahrt für den kommenden Tag ein. Sie sagt zu. Aber nun bittet der junge Mann die alte Dame nm die Ehre, wenn auch nicht das Vergnügen ihrer Begleitung. Sie ist auch einmal jung gewesen und lehnt darum ab. Pflicht des Herrn

ist es nun, unter seinen verheirateten Freundinnen eine Be­gleiterin zu finden, wenn die Partie nicht ins Wasser fallen soll. Ist ein junger Mann in einem Hause sehr gut bekannt und viel­leicht Jugendfreund der Tochter, dan mag die Mutter erlauben, daß das junge Paar gemeinsam in Die Kirche geht oder ohne Be­gleitung auch eine bet beliebten lectutes, Vorlesungen, besucht. Ter Sport lockert die Straffheit der Umgangsregeln kaum in einer für den Europäer befremdenden Meise. Wir können verstehen, warum Yankeemütter ihren Töchtern gestatten, innerhalb der Stadt im Park mit einem Herrn allein im zweisitzigen Wagen zu fahren, dessen Zügel eins von beiden führt. Hinter einem Kutscher aber dürfen die beiden nicht ohne Begleitung sitzen, und die europäische Sitte, die Brautpaaren gestattet, nach der Ver­lobung gemeinsame VesuchSfahrten zu machen, erregt das Stirn­runzeln von Amerikanerinnen.

* Nach dem Ortent und nach Indien. Die 23. von Herrn Jul. Botthaufen in Solingen veranstaltete Orientfahrt beginnt am 8. Februar n. Js. und berührt folgende Punkte: Genua, Neapel, Messina, Athen, Smyrna, Konstantinopel, Rho­dos, Beirut, Baalbek, Damaskus, Mekkabahn, See Genezareth, Tiberias, Nazareth, Haifa, Karmel, Sammarin, Sichern, Bethel, Jerusalem, Bethlehem, Jericho, Totes Meer, Jassa, Port Said, Kairo, Memphis, Alexandrien, Brindisi, Triest. x?ebe der sol- aenben Fahrten, die am 21. März (Ostern in Jerusalem), 4. April, 27 Juni, 8. August beginnen, weist dieselbe Reiseroute auj. Teiltouren sind zulässig. Die zweite große Jndienreise fangt am 13. September n. Js. in Genna an und wird in derselben Wege wie die eben beendigte durchgeführt werden. Näheres ist aus dem Programm ersichtlich, welches auf Wunsch kostenfrei zu- gefandt wird.

LiLerKvifches.

Dunkelrot-weiß-rosenrot betitelt sich ein JR o- man aus dem Studentenleben von Hans Parlow. (E. I. Oehninger Verlag, Graz und Leipzig.) Man ist gegen Studenten- romane mißtrauisch geworden. Es wurden ihrer zuviele aus einmal in die Welt hinansgesandt. Parlows Buch gehört indes nicht zu bett allzuvielen. Parlow ist es geglückt, den ganzen Zauber bes Stubentenlebens auf bie Blätter eines Romanes zu bannen. Ja, noch mehr als das: er vermochte ein Buch zu schreiben, das getragen ist von dem Geiste der äugend Es handelt sich um die Pläne Hans Wanderslebens, eine neue Cou­leur zu stiften, die mit schmählich negativem Resultat und der Isolierung Wanderslebens endigen und damit auch eine zarte Liebe im Keime ersticken. Aber wie intensiv laßt unsrer Dich­ter das erleben, wie tief und dabei doch unaufdringlich führt er in die Psychologie seiner Gestalten hinein! Mit feinem Kunstgriff hat er dem Buch einen etwas melancholischen Austlana gegeben. ____________

Goldene Worte.

Weini alle Tag' tut Javr gefeiert würden, Co würde Spiet so lästig sein mie Arbeit» Doch kirne Feiertage sind erwünscht, Und nichts erfreut, als Ungewöhnliches.

(Heinrich IV.) Shakespeare.

Tie gute Tat, die uiigepriefeit stirbt. Würzt lausend andre, die ihr folgen könnten.

(Wintermärchen) Shakespeare.

Lebenslang sprecht wahr, und lacht des Teufels.

(Heinrich IV.) Shakespeare.

Tas Wahrsagen bringt mehr ein als das Wahrheitsage». Lichtenberg.

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CS geht den Buchern wie den Jiingfraueu. Gerade die besten bleiben oft am längsten sitzen. Ludwig Feuerbach.

Auflösung m m Ker Nummer.

Auflösung des Nälseis in voriger Nnmmerr Streichhölzer.

Zatzleufpicle.

In nachstehendes. 5D.ua brat sollen die Zahlen von 1 bis 25 fcerait eingetragen weiden, daß die Summen der mngrccttcii und senkrechten Reiben und der Diagonalen je 66 ergeben. Tie eine Diagonale ist gegeben:

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Redaktion: P. Wittko. Rotationsdruck und «erlag der Brüht'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckeiei, R. Lange, Gießen.