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Stall, Mer dem der Stern stehen blieb als Zeichen, daß ihr Ziel erreicht sei. Dieser „neu erschienene Stern" ist eine durch die Astronomie historisch beglaubigte Tatsache. 747 Jahre nach der Erbauung Roms traten sich alten Berichten zufolge die Planeten Jupiter und Saturn so nahe, wie es sich immer nur nach Jahrhunderten wiederholt und erst wieder durch Kepler 1604 beobachtet wurde; und in ihrer nächsten Nähe zeigte sich ein bis dahin unbekannter dritter Stern, der nach "wenigen Tagen wieder verschwand.
Der Gedanke liegt nahe, daß die „drei Weisen", von denen der Evangelist erzählt, drei angesehene Männer der „geheimen Wissenschaft" und der Astronomie kundig waren, die die ihnen wohlbekannte Prophezeiung Michas sofort in Verbindung mit dem Erscheinen des Sternes brachten und diesem folgten. Sehr viel spätere Ueberliese- rungen gaben den Weisen erst den königlichen Titel. Die Legende "bemächtigte sich im Laufe der Zeiten der schlichten Erzählung und umspann sie mit allerhand phantastischem Beiwerk. Sie machte die drei Weisen, deren Namen der Evangelist nicht nennt, zu den Königen von Saba, Arabien und dem Mohrenlande: Balthasar, Melchior und Kaspar und läßt sie zugleich die drei Lebensalter, den Jüngling, den Mann und den Greis repräsentieren.
Sonst stimmt die Legende mit dem Evangelium überein; auch darin, daß Gott ihnen im Traunr befahl, auf einem anderen Weg heimzukehren, um den Nachforschungen des Herodes zu "entgehen. Der Legende zufolge erbauten die drei Könige gemeinsam dem Jesusknaben eine Kapelle aus einem Berge von Jerusalem, wurden Christen und pilgerten alljährlich zu dieser Kapelle, um von den Wundertaten des Messias zu hören. Der einen Lesart zufolge starben sie hochbetagt in ihrem Lande, während eilte andere Lesart von ihrem Märtyrertode spricht. Die Mutter Kaiser Konstantins des Großen, Helene, die den Beinamen der „Heiligen" erhielt, ließ die angeblichen Gebeine der drei Könige nach Konstantinopel bringen und dort feierlich bestatten. Später gelangten sie als Kriegsbeute nach Mailand, um endlich nach Köln gebracht zu werden und dort in einem kostbaren Reliquienschrein, einem Meisterwerk der Goldschmiedekunst ferner Tage, der noch heute als schönste Zierde des Doms gilt, die letzte Ruhstatt zu finden.
In allen Ländern sind die heiligen drei „Könige" populärer geworden als die „drei Weisen". Auch die Malerei, die sich ihrer in alter Zeit schon bemächtigte, stellt sie stets im fürstlichen Schmucke dar. Die berühmtesten Künstler in Belgien und den Niederlanden, in Italien, Frankreich, Deutschland schufen seit dem 15. und 16. Jahrhundert in reicher Zahl Darstellungen der heiligen drei Könige. Jnl Berliner Museum befindet sich ein Gemälde von Roger van der Heyden, das die drei Könige in der Pracht des Burgunderhofes zeigt. Sie knien vor dem Stern, in dessen Mitte sich die Figur dis Christkindes zeigt.
Auch die Poesie beschäftigte sich mit den drei Königen. Gustav Schwab dichtete einen ganzen Legendenzyklus über sie; vor allen Dingen aber erhielten sich durch Lust und Leid der Jahrhunderte die im Volke selbst entstandenen Lieder, die einst von jung und alt am 6. Januar gelegentlich der früher allgemein üblichen,Umzüge' gesungen wurden.
Wir sind die Könige ans Mohrenlan'o, Die Sonne hat uns schwarz gebrannt.
In malerischen Trachten, der Mohrenkönig mit geschwärztem Gesicht, zogen Kinder oder junge Burschen singend und Gaben heischend von Haus zu Haus. In der Gegend des Harzes trugen sie den Herodes auf einer Stange vor sich her, während in Thüringen die Krippe beliebter war. Hier lautete eine Variante des alten Sanges:
Wir sind drei Könige wohlgesinnt. Wir bringen Maria und das Kind.
Die alles nivellierende Jetztzeit räumt mit den letzten sinnigen Resten einer poesievollen Vergangenheit gewaltig auf. Selbst in jenen von der Kultur weniger berührten Gegenden Deutschlands gehen sie von Jahr zu Jahr mehr ihrem Untergänge entgegen. Ein letztes Ausflackern kurz vor dern^ Erlöschen — noch ertönt hier und dort der. alte Reim. Bald aber wird auch der Dreikönigstag überall von nüchterner.Alltagsprosa erdrückt sein, und- mit ihm verschwinden die „Sternsänger", die überall freundlich ausgenommen tvurden, und von denen Goethe sang:
Mr sind die drei Könige mit ihrem Stern, Mr essen und trinken und bezahlen nicht gern.
A. M. Witte.
Bo« der Studentensprache.
Fast jeder Stand hat seine Sprache, die dem Zunft- fremden häufig unverständlich bleibt, und aus deren verborgenen Schätzen man vor nicht gar zu langer Zeit erst angefangen hat, die Allgemeinsprache zu bereichern, wie auch in den letzten Jahrzehnten Wörterbücher und Schriften über Staudessprachen erschienen sind. Mr nennen Prof. Friedrich Kluges „Seemannssprache" uud „Rotwelsch", Paul Horns „Soldatensprache", Dr. Heinr. Klenz' „Druckersprache". Nur uneigentlich können wir Schüler und Studenten Stände nennen, aber ein gewisser Korpsgeist hat auch ihnen das Bedürfnis einer Geheimsprache aufgedrängt; ihre Festausdrücke sind a'uch dem Philister — um «gleich ein Wort der Studentensprache zu gebrauchen, dessen Femininum „Phi- löse" eine besondere Bildung ist — nicht ganz fremd sind. Woher freilich viele von ihnen stammen, darüber gibt es heute noch viel Kopfzerbrechens. Wer wird einst überzeugend das große Rätsel vom Ursprünge des geriebenen „Salamander" lösen, der einmal von einem unbeliebten Universitätsrichter Salomon, ein andermal von dem orientalischen Heilgruß „Salem" stammen, ein drittes Mal das zusammengezogene „Sauft alle miteinander" sein und schließlich in einem geheimen Zusammenhänge mit dem Feuermolche stehen soll. Auch den Spuren des „Schmollis" zu folgen, ist keine leichte Mühe, und die Verwandtschaft des „Schwagers" aufzuftnden, hat recht lange gedauert. Auch hier ist Friedrich Kluge der zuverlässigste Führer gewesen; aber schon lange vor ihm, vor der Mitte des 19. Jahrhunderts, ist der Versuch eines Wörterbuches der Studentensprache erschienen unter dem Titel „Burschikoses Wörterbuch" von Dr. rei cneip. I. Vollmann, Ragaz 1846. Aus diesem Buch hat jetzt Otto Julius B i e r b a u m als Anhang zu t*:m von ihm veranstalteten Neudruck des im vorigen Jahrhundert weit verbreiteten Studentenromans: „Felix Schnabels U n i v e r s i t ä t s j a h r e oder der deutsche Student, ein Beitrag zur Sittengeschichte des 19. Jahrhunderts" (Berlin, Karl Curtius) eine Reihe von Anmerkungen mitgeteilt, von denen wir einige hier hersetzen wollen. Nach diesen ist ein Fuchs 1. ein Student im ersten Semester, 2. ein angehender Studio, 3. eiu in den Komment (Trink- und Fechtsitten) noch nicht eingeweihter, der Wissenschaft beflissen sein sollender Jüngling. Im ersten Semester heißt er krasser Fuchs, im zweiten Brandfuchs, Brander, im dritten Jungbursch, junger Bursch, im vierten Bursch, Korpsbursch, im fünften Altbursch, alter Bursch, im sechsten Moosbursch, bemooster Bursch, Haupt, im siebenten Althaus, altes Haus, im achten Schlukbursch, im neunten Schanzbursch, Korbbursch, wenn er studiert, sonst Bollbursch, im zehnten Buxbursch, Ochsbursch, wenn er studiert, sonst Tollbursch, im elften Philister, und wenn er durchgefallen und zum zweiten Male st ' 'ert, Fall'" • im zwölften Kandidat, Sitzbursch. Und dann noch eine lauge Litanei darüber, was ein Fuchs darf und was ev nicht darf. Ein Rausch ist 1. das Rauschen im Kopfe, 2. das Zuviel des Geistes, 3. der Zu stand eines Betrunkenen; der Katzenjammer ist eine Krankheit, die im Magen sitzt und sich durch ein unbehagliches Gefühl unterm Haar, d. i. im Kops äußert. Uud die Radikalheilmittel, die für manchen in ’ diesen Tagen eine unerwünscht „aktuelle" Bedeutung erlangen könnten, sind: Hering, Kaviar, schwarzer Kaffee mit Salz, frisches Wasser mit Salz usw. Wir verraten noch, daß die Knackmandeln Studentenfutter sind, weil man ihnen die Kraft zuschreibt, vor dem Betrunkenwerden zu schützen, und schließen mit Goethes Versen im „Schenkenbuch" des „Westöstlichen Divans": „Welch ein Zustand! .Herr so späte / Schleichst du heut aus deiner Kammer; / Perser nennens Bidamag buden, / Deutsche sagen Katzenjammer."
Berlin in der Mongolei.
Man muß nur irgendwo recht unerkannt sein wollen und darf gewiß sein," allen Freunden und Bekannten zu begegnen, die nur am Orte aufzutreiben sind. Wer hat nicht schon die oft genug peinliche Ueberraschung durch- gekostet, daß. er, „fern von Madrid" im behaglichen Gefühl seines Inkognitos umherschlendernd, plötzlich auf die Schulter geklopft und von einem alten Freunde lachend begrüßt wird, den eine gleiche Sehnsucht, zeitweilig im Uniiversum zu verschwinden, just an denselben Ort geführt, hat. Auf einem Erholungsausflug nach Paris, seiner Schwiegermutter, bei einem Badeaufenthalt seinem Schneider zu begegnen, ist keine Kunst und von der Vor-


