Ausgabe 
6.1.1908
 
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Sie wand sich in stummem, feindlichem Kampf wie ein Aal in seinem Griff, es war unglaublich, welch stählerne Kraft die Auf­regung ihr verlieh. Als er sie aber glücklich in dem sicheren Hort eines Torweges losließ, brach sie zusammen und lehnte sich mit fliegendem Atem und zitternden Knien an die rauhe Mauer, rechts und links mit den ausgestreckten Händen nach einem Anhalt tastend aber trotzig und böse kamen die keuchend hervorgc- stoßenen Morte:

Lassen Sie mich doch unbehelligt! Wer gibt Ihnen ein Recht, sich in meine Angelegenheiten zn mischen?"

Er stand mit wachsamem Blick am Eingang.Ich tat nur meine Pflicht!" sagte er kurz.

In solchem Falle gebietet die Pflicht, schweigend zu ignorieren!" stieß sie zornig hervor, ihre heisere spröd« Stimme versagte, sie begann heftig zu husten. ,

Er stand unschlüssig. Ja, was sollte denn nun weiter lverden? Wenn er sich jetzt beruhigte und ging, war seine Mühe um­sonst gewesen. Nah ivar der Fluß.

Wer sind Sie?" fragte sie plötzlich mißtrauisch,em ?z/

Er lachte.Nein, Fräulein, ich bin nichts als ein Passant, der tat, was er tun mußte. Nun bitte ich Sie, nehmen Sie Vernunft an, kommen Sie mit mir bis an di" Strasenbahn und fahren Sie hübsch artig nach Hause. Hier können wir doch nicht stehen bleiben und daß ich Sie hier nicht allein lasse, können Sie sich auch denken, also kommen Sie!"

Mit einer heftigen Bewegung zerrte sie sich das dünne Tuch um die Schultern und strich sich das wirre Haar aus der Stirn, dann folgte sie ihm trotzig, dem Zwang gehorchend, und sie traten aus dem Torweg in den Nebelregen und er ging neben ihr. Ihre Blicke fuhren umher, suchten die zwischen den Laternen blinkende Flut und schienen hinüber zu grüßen: Ich komme

* wieder! Dann ergab sie sich in ihr Schicksal und ging weiter. Ter Wind zauste ihr Haar und wehte ihr das Kleid um die Füße. Sie begann zu husten, rauh und hart und blieb stehen, um Atem zu schöpfen.

Nein", sagte er,so geht das nicht. Nehmen Sie meinen Arm. Sie fallen ja um."

Ihr spitzes, gelbliches Gesicht verzog sich zu spöttischer Grimasse.Beruhigen Sie sich, ich falle nicht um."

Wissen Sie, daß ich Sie schon einmal gesehen habe?"

Sie zuckte bie Achseln.Tas ist ja möglich. Was ist dabei!"

Sie müßten mich auch wiedererkennen."

Nein, ich erkenne Sie nicht wieder."

Es war in jenem verwünschten Geschäft. Sie standen in allen Jacken und Umhängseln, die es enthielt, vor mir."

Tas tue ich den ganzen Tag."

Sehen Sie mich doch einmal an. Können Sie sich nicht besinnen?"

Ihr Blick streifte sein Gesicht:Weiß absolut nicht, wer Sie sind."

Ich war in Kürassieruniform."

So? Jetzt erinnere ich mich übrigens" sagte sie gleichgültig. Sie standen jetzt au der Haltestelle, aber weit und breit war keine Straßenbahn sichtbar. Er bestrebte sich indessen, sie nicht in jenem morosen Schweigen versinken zu lassen, das neue Todesgedanken ausbrüten konnte.

Sehen Sie", fuhr er fort,während Sie so vor mir standen, dachte ich bei mir, das müsse ein trauriges Brot sein so ge­wissermaßen als Maschine angeftetit zu sein verstehen Sie? Und Sie sahen totelend aus. Ich denke mir, daß Sie in großer IKot sind und deshalb"

Bewunderungswürdiger Scharfblick" spottete sie und ihr abgezehrtes Gesicht verzog sich wiederja, zum Vergnügen wirst man das Leben doch nicht fort, und menschenfreundlich wärs gewesen, meine Erlösung au.s dem Elend nicht zu vereiteln." Ihre Art zu sprechen fiel ihm immer mehr auf. Sie stand wenig in Einklang zu ihrer Lebensstellung. Er sah sie grübelnd an. War es wirklich Hunger gemeiner Hunger, der sie in den Fluß getrieben? Aber das wäre ja entsetzlich. Sie sah hungrig aus, blutleer und krank. Sein Entschluß stand sogleich fest. Er muß ihr etwas zu essen geben und Gelegenheit, sich anszu- wärmen. Der satte Mensch sieht das Leben ganz anders an, wie der hungernde. Nachher konnte er sie ruhig nach Hanse gehen lassen, sie wird wieder Mut fassen.

Er ließ die Blicke umberwandern und sand bald, was er suchte, lieber jener erleuchteten Ecktür stand:Brenners Re­stauration". Das Ganze sah anständig aus so ein Lokal zweiten oder dritten Ranges, das der Fuß des verwöhnten

Kavallerieosfiziers Wohl noch nie betreten hatte. Aber in Zivil das geht, und Bekannte trifft man dort nicht.

Wir sind beide ganz erfroren und Sie durchnäßt, Fräulein- kommen Sie dort herein und trinken Sie etwas Warmes."

Gegen seine Erwartung erhob sie gar keinen Widerspruch, sondern ging vor ihm her aus die Tür zu, zog den grünen Fries­vorhang zurück, trat, leicht taumelnd, über die Schwelle und setzte sich, wie fallend, auf den nächsten Stuhl. Eine Schwäche- anwandluug überkam sie, ihre Glieder zitterten und die Zähne schlugen ihr im Frostschaner aneinander, aber ungebrochener Trotz klang aus ihrer heiseren Stimme:Ohre Ihre Einmischung wäre ich jetzt dort, wo man nichtsWarmes" mehr bedarf, um diese elende Maschine zusammenzuhalten. Und Sie verlangen wohl gar noch Dankbarkeit von mir?"

Ihre Art sing fast an, ihn zu belustigen.

Warten Sie es nur ab, Fräulein, vielleicht danken Sie es mir doch noch einmal."

Dazu müßte ein Wunder geschehen", versetzte sie höhnisch.

Weshalb nicht?" sagte er gut gelaunt,es passieren ja noch genug Wunder."

Daß Totes wieder lebendig wird?" fragte sie bitter.

Na, ich dächte, gerade dafür wären Sie ein Beweis denn vor einer halben Stunde waren Sie doch eigentlich schon so gut wje tot und jetzt sitzen Sie hier und trinken was Warmes."

III.

Der kleine Tisch, an welchem sie gleich rechts neben der Eingangstür saßen, war durch einen hölzernen Klappschirm der­artig gegen die Zugluft geschützt, daß man dort ziemlich un­bemerkt blieb. Das war ihm angenehm, denn ganz behaglich erschien ihm die Situation nicht -- wenn er hier gesehen wurde! Indessen beruhigte ihn ein Blick ins Lokal. Hier saß der ruhige Bürger beim Abendschoppen und Skatspiel. Man beachtete ihn gar nicht, die Bedienung war niangelhaft. Erst nach zwei­maligem Klingeln erschien ein Kellner. Ohne abzuwarten, was ihr Begleiter etwa bestellen werde, sagte das Mädchen kurz und bestimmt:Eine Tasse Ka-ssee!"

Ein tüchtiger Grog wäre besser", mahnte Lohse».

Nein. Ich trinke Kaffee. Aber schnell, bitte!"

Nun und außerdem bringen Sie zweimal Beefsteak", ries Loysen dem Forteilendewnachaber schneller!" er lachte.

Sie haben einen guten Appetit", sagte das Mädchen trocken ober soll das etwa mit für mich bestellt sein? Sehe ich soaus, al« fei ich in den Verhältnissen, abends warm zu soupieren?'

Nein, so sehen Sie nicht ans und deshalb hoste ich, werden Sie mir erlauben, Ihnen ein Beefsteak servieren zu lassen".

Fällt mir gar nicht ein".

Tas ist Eigensinn!" jagte der Leutnant ärgerlich,und ÜB erben» unlogisch. Ich habe Sie sozusagen wieder ins Leben gestellt und bin nun dafür verantwortlich, das; Sie auch am Leben bleiben und nicht verhungern."

Sie sah ihn zornig an. .

Wer sagt Ihnen denn, daß ich das tue? Ich denke gar nicht daran. Ich habe meine Anstellung."

Der Kellner kam und stellte eine Tasse Kaffee vor sie hin. Ehe Lobscn es Hintern konnte, hatte sie zwanzig Pfennig auf den Tifch gelegt, beugte sich dann über die dampfende Tasse und trank gierig. Loysen schob ihr den Brotkorb hin.

Nehmen Sie wenigstens eine Semmel dazu. Ueberdem kostet' das nichts." , ,

(Fortsetzung folgt.)

AretKötttgStag.

(Zum 6. Januar.)

Nachdruck verboten.

Der weihnachtliche FestzyNus der sogenannten Zwölf Rächte findet feinen offiziellen Abschluß 6. Januar, demEpiphanientage", das heißt dem Feste der Erscheinung.

Das Morgenland gedenkt dabei der Taufe Jesu tut Jordan. Das Abendland jedoch feiert bie Offenbarung Christi vor den Heiden, verfinnbildlicht durch die drei Weifen ans dem Morgenlande, die der neu erschienene Stern gen Bethlehem geleitet.

Längst hatte (nach der biblischen Erzahtitng) die Welt ans die Erfüllung der Worte des Propheten geharrt, daß aus Bethlehem der Fürst kommen sollte, derüber das Volk Israel Herr sei". Da zeigte sich plötzlich ein neuer glänzender Stern am Himmel. Jhvl folgten drei Werfe aus den verschiedensten Ländern. Vor Jernsalem trafen sie zusammen, und gemeinsam pilgerten sie weiter gen Beth- lehenr und erreichten an; zwölften Tage ihrer Reste der»