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Keinen Städtchen, in denen sein Ange so viele entzückende Motive und eine ganze runde Welt des Schönen zu finden wußte, nach Nördlingen oder Dinkelsbühl, nach Meersburg oder Landsberg, vor allein nach dem lieblichen Wunder Rothenburg n. d. T., kurz überall dahin, wo man mich heute noch ein etwas von seinem Geiste walten und sich regen sieht, und saß dann still in seinem Atelier, drei Stiegen hoch, Ivo die alten Giebel miteinander Zwiesprach halten und von wo man das weite Land und die blauenden. Berge sehen kann, malte fleißig und unermüdlich vor sich hin, schwer von seinen eigenen Leistungen befriedigt, stets bereit, mit dem Messer dreinzufahren und auszumerzen und von vorn anzufangen, und doch ein Bild nach dem andern sich zur Freude schaffend und den Vielen, die ihn liebten und ehrten. So hat er gemalt, bis er nicht weit entfernt war von dem Alter seines erlauchten Malerpatrons Tizian, und dann hat ihm der Tod den Pinsel aus der Hand genommen . . .
Spitzweg war kein originaler großer Künstler, der ein neues Empfinden, ja nur eine eigenartige Note in die Kunst gebracht Hätte. An Ursprünglichkeit des Gefühls, an Stärke und Fülle der Phantasie überragen ihn Schwind Und Richter, von denen beiden er mancherlei gelernt hat. Besonders oem Freunde Schwind ist er in manchen romantischen. Nachtszenen, in Serenaden und Märcheustimmungen gefolgt. Das Romantische lockte ihn nicht, nicht zog's ahn zum Schweifen in ferne Traumlande, noch nach den dämmernden Fernen der Vergangenheit. Wo er alte Einsiedel und Mönche, Hexenspuk nnb Nympheutänze gibt, ist es nicht der Dust einer wundersamen Waldstimmung, das Phantastische einer Vision, sondern das Behaglich-Irdische, Traulich-Versteckte einer eng umschränkten Existenz. In Spitzweg hat sich jene Einkehr der Romantik in der Wirklichkeit vollzogen, die schon Jean Paul in der Literatur vorweg genommen hatte. Es ist jene Uebergaugszeit von Romantik zu Realismus, zu deren reizvollsten Vertretern er gehört. Der Umschlvnng vollzog sich zuerst auf den: Gebiete der Literatur, da das biedermeierische Element stärker vordrang. Die Dichter ließen ab von der unendlich weiten Wanderung nach der blauen Blume; sie blieben bei ihren Rosenstöcken im Hausgarteu. Von den Wundern der Vergangenheit, der Legende und Sage, von all den traumhaften Verzückungen einer übersteigerten Phantasie wandten sie sich der Umgebung zu, dem Leben und sahen sie in dem bunten Glanz ihrer romantischen Brillen wunderlich gefärbt. So hat E. T. - A. Hoffmann gespenstisch-unheimlichen Spuk rings um sich wie einen Schwarm Fledermäuse ausflatteru sehen, bis noch zuletzt fein Blick, aus des Vetters Eckfenster schauend, gesundete. Brentano sah die Wirklichkeit in dein Zerrspiegel philiströser Dummheit, und Eichendorfs wurde
■ gemütlich, still verträumten Idylle. Aber sie alle reizte noch das Skurrile in der Erscheinung; die Originale und Querköpfe, die sonderbaren Käuze und wunderlichen Heiligen waren ihre Leute. Und andere folgten ihnen. Weisslog, ein Schüler Hofmanns, schilderte seine braven Organisten und Dorfschullehrer, denen das große bunte Schnupftuch aus der Tasche hängt, und die in Bachs rind Schillers Welten schweben, während die Schuljugend tausend Possen treibt. In Schwaben, in den Gedichten Moerickcs wch in den Novellen von Hermann Kurz, traten die alten Herren Dorfpastoren aus, in liefe Lektüre eines erbaulichen Buches verloren, während um sie die Hühner gackern und die Levkojen blühen, dann die Liebespärchen, „als der Großvater die Großmutter nahm", die zwischen den bunten Kugeln des Gärtchens schüchtern feurige Blicke tauschen oder sich ehrsam linkisch um den Hals fallen, während der Postillon zum Wfchied bläst. Stifter malte mit seinen fdit gestrichelten Worten die etwas mürrisch gravitätischen jungen Herren mit den bunten Westen und den blasierten Mienen/das Ehepaar beim Spaziergang oder einem harmlos spießbürgerlichen Spaß, Edmund Hoefer suchte sich die alten Stadtsoldaten mit ihrer bärbeißigen Jovialität für feine Geschichten aus, Karl von Holter das lustige Völkchen der Fahrenden in seiner grotesken Mischung von Glanz und Schein, Elend und Humor, Auerbach gab feine etwas geleckten Bäuerinnen; Franz Trautmann, ein engerer Landsmann und Gefinnungsgenosse unseres Spitzwegs, schuf feine mittelalterlich verschnörkelten Ritter-, Räuber-, Mönchs- und Abenteuer-Geschichten. Die Meister des Realismus, ein Raabe und Gottfried Keller haben dann diesen Stoffkreisen eine Kassische Prägung verliehen, und überallhin durch die Welt der Dachstübchen und Sonderlinge geleuchtet.
Wir haben so ausführlich bei diesen literarischen Anregern Spitzwegs verweilt, weil es galt, die Atmosphäre zu bestimmen, aus der er herauswuchs, die Einflüsse zu kennzeichnen, die ihn zu seinen Stoffen führten. In ihm lebt jene spezifisch münchnerische Kulturstimmung, die etwa W. H. Riehl in seinen Schriften geschildert hat, da München noch viel von der Kleinstadt hatte nnb ein künstlerisches Leben sich, noch in wunberlich vertrackten Formen, eben zu regen begann. So begegneten sich seine persönlichen Eindrücke, fein eigenstes Empfinden mit den Kunstteilbenzen der Zeit. Die Genremalerei, die die Kunst der Romantiker und Nazarener ablöste, ist ja die Parallelerscheinung zu dieser Seite unserer Literatur. Spitzweg nahm nur Gegenstände zu Inhalten seiner Bilder, die überall behandelt wurdens er aber wußte sie innerlicher zu gestalten und mit einem echten Hauch des Lebens, einem über alles Kleinliche hinwegtragenden Zug des Mihrendeit und Ewigen zu durchdringen. Schon sein erstes Bild ist dafür Beweis: „Der arme Poet", der 1837 auf der Kunstausstellung sogleich das größte Aufsehen erregte und heute in der Münchener Reuen Pinakothek ist. Wie da der hungrige Dichter im Bett liegt in der kalten Dachkammer, in die es hereinregnet, unter dem roten Schirm, und Verse skandiert, das könnte Holteis „Lorbeerbaum und Bettelstab" illustrieren ober eine Posse von Nestroh; aber es ist weder sentimental noch zynisch gegeben, sondern mit einer humorvollen schlichten Güte, die trotz alles Keinlichen Beiwerkes, aus dieser malerisch reizenden Enge ausstrahlt. Mit einem Wort: Das Süget ist malerisch gesehen und gestaltet. Das ist es, was Spitzweg über seine Zeitgenossen so hoch hinaushebt nnb seine Bilder noch heute mit Heller Freude unb reinem Genießen anschauen läßt. Nicht die Inhalte machen die Welt Spitzwegs auch nicht die strickenden nnb lesenden Mönche, die Ed. Grützner bis zum Ueberdruß wiederholt hat, nicht die knickebeinigen Bürgersoldaten, die schon Heß gemalt hatte, nicht die Freuden und Leiden des Philisters, an denen sich die Düsseldorfer nicht minder ergötzten. Was aus feinen Bildern uns entgegenlächelt wie ein Gesicht aus guter alter Zeit, das ist bie verklärende Wärme eines reichen Gemüts, die in Farben und Formen ausgedrückt ist. Dieser Geist strahlt aus der säubern blanken Nettigkeit des Ganzen, aus dem bunten putzigen, überlegt „gekläubelten" Kolorit, aus dem eigensinnig krausen, drollig zierlichen Spiel und Gewirr der Linien, ruht in der spitzen fernen Art, wie die Figürchen und Gestalten in dem Raum gesetzt sind, luie sie sich aus der Natur, aus der Gasse herausheben, liegt in dem traulich gehaltenen Tönen, in denen die efeuumsponnenen alten Gemäuer, die Türme, die freundlichen Dächer und Stadtsilhouetten warm und weich gebettet sind, in dem hellblau lachenden Himmel mit den weißen Schäfchen-Wolken, dem heitern Rahmen aller Spitzwegschen Bilder, der das neutrale Braun der Landschaft mit all seinen bunten Tönen und hellen Lichtern zrir Einheit zusammenfaßt.
Spitzwegs Kunst ist nicht nur eine Freude für die Herzen, sondern auch ein Fest für die Augen. Vom Zerch- nerischen, das er zunächst für die „Fliegenden Blätter" mit ergötzlichem .Humor deö Striches übte, entfernte er sich immer mehr; immer wärmer und leuchtender ivurden seine Farben, immer lockerer und leichter seine Harmonien, immer delikater die farbigen Akkorde. Unleugbar hat französische Kunst auf ihn gewirkt; noch stärker freilich der Kolorismus der alten Holländer. Für das farbenreiche Bukett seiner Bilder geben BroMvers kostbar leuchtende, warm flimmernde Farbensinfonien am ehesten ein Vorbild. Die Süße und der Wohllaut seiner Farben, die im Sonnenlicht spielende Helligkeit eines Waldinnern, die lockere Gelöstheit des Auftrags ist ihm dennoch im letzten beit Franzosen, vor allem Diaz, dann ben Meistern von Barbizon, wie Tau- bigny, übermittelt worden. Der beste Beweis für die Veränderung feiner Palette durch die französische Reise ist fein herrliches „Frauenbad von Dieppe", das in seinem ganzen Oeuvre vereinzelt steht. Wie hier von den seiusteii Nuancen des Gell', Grün und Weiß sich einzelne Töne von Blaurot und Rosa pikant abheben, das ist von einer an Corot ober Cliintreuil geinakmeiideii Feinheit. Spitzweg kennt überhaupt nicht die neutralen Sone, die berühmte „braune Sauce", die zu jener Zeit als Einheitston herrschte. Die Schatten hellt er durch rote Lichter, durch hellgrüne, blaugraue Nüancen auf; mit kecken Farbenspritzern und Tupfen belebt er die Hintergründe durch rote, grüne, gelbe Flecke und stimmt die Farben auf das feinste zueinander. Am


