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Jetzt kaut der erwartete Inspektor, bekam einige Anweisungen i »— dann wandte Edeltrant ihre Braune und sie ritten durch all ! die srühlingsfrohen Fluren, von Feld zii Feld, durch Wiesen und Busch. Das Terrain hob und senkte sich in sanften Linien, wodurch die einfache Landschaft einen gewissen poetischen Reiz erhielt. Blühende Kirsch-- und Pflaumenalleen leuchteten überall.
Loyfen sah mit tiesinnerer Befriedigung, daß „seine Aus- crivählte" eine tadellose Reiterin war. Sie saß leicht und korrekt int Sattel, ohne sich dessen bewußt zu sein, ihr Wille beherrschte das ost mutwillige junge Tier, welches durch die ungewohnte Gesellschaft des weit ausgreifenden Rappen erregt, oft unruhige Seitenspriiuge machte. Sie sprach lebhaft und achtete nicht auf ihr Pferd, und doch ward jede Unart mechanisch korrigiert und in Grenzen gehalten.
Welch' eine Offiziersfrau würde sie abgeben! — Gr sah sich schon an ihrer Seite durch die Fluren von Klippingen und die Moorhaide von Tobrau, die er so liebte, hingaloppieren, die schlanke Frau auf schlankem Rassepferd, lebhaft, verständnisvoll, ein treuer Kamerad seines Berufslebens. Tie Vorstellung berauschte ihn förmlich.
„Reiten Sic intimer so allein?" — fragte er, nachdem beide, um einen Umweg zu sparen, über eine die Wiese abgrenzende Weißdornhecke gesetzt hatten.
„Ja, denken Sie, daß ich mir ime Komtesse Henny einen kleinen Groom in roter Jacke halten kann? Tas wäre nebenbei entsetzlich unbequem."
'„Kennen Sie die kleine Komtesse?" — fragte er rasch, „sind Sie befreundet?" —
„O nein, ich habe weder Zeit noch Begabung für Frennd- schaften. In die Nachbarschaft komme ich so gut tuie gar nicht, früher fuhr Großmama mit mir nach Bardes und Lobwitz zu den Empfangstagen und so lernte ich die Nachbarn kennen, aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie froh ich jedesmal war, wenn der Wagen wieder vor unserer Tür hielt. Wilhelm kann das Fahren schlecht vertragen, früher gar nicht, uni) was soll ich irgendwo ohne ihn! Sehen Sie, das ist nun unsere Schäferei, dies Gehöft mit, den alten Pappeln herum. Hier ist auch die Jnspektorwvhnnng, Auf dem Rothaider Hof bin ich Inspektor!" — Tie mandelweißen Zähne schimmerten zwischen den frischroten Lippen. „Ter Teich dort links von den Häusern ist die Schafswäsche. Tort übe ich mich, wenn es warm wird, in Geduld. Sehen Sie, dort oberhalb wird die Herde einzeln zwischen den Sittern auf das Sprungbrett getrieben, eines nach dem andern plumpst in das Wasser und muß den Teich zwischen Leiterzäunen in seiner ganzen Länge durchschwimmen. Tie Schafwäfchcr waten ihnen entgegen, fassen sie auf und rumpeln sie ab. Soll alles ordentlich zugehen, muß gut aufgepaßt werden, und ost sitze ich, um es besser übersehen zu können, zwei Stunden auf Fenellas Rücken, im kümmerlichen Schatten jener großen Kopfweide."
„Alle Hochachtung," sagte Loysen, „aber ist das nicht oft etwas reichlich langweilig?"
„Ich bin so glücklich, Langeweile nicht zu kennen, sogar nicht, während so und so viel hundert graue Schafe weißgewaschen werden! — So, nun blicken Sie in den Hof und beachten Sie den gegenüberliegenden Stall, Wilhelm hat ihn bauen lassen. Ein guter Ban, nicht wahr? — Jetzt aber möchte ich Jhneit attch itoch unser Dickicht zeigen, dort drüben das Wäldchen, Birken, viel Dornstrauch unb junge Fichten, ein kleines Wässerchen rinnt hindurch in den Teich. Da hatteit wir die kühne Idee, eine Fasanerie anzulegen, sie lieben das Terrain — aber die Fuchse haben sie erhascht und die Nachbarn haben sie uns weggeschossen."
„Tas ist stark! — welche Nachbarn?"
„Tort drüben grenzen wir an Hochwerth." Er wandte sich im Sattel der Richtung zn.
„Das habe ich nicht gewußt! Das interessiert mich."
„Tie Ellenheims stammen ja wohl aus Berlin, kennen Sie sie?"
„Bitte sehr, nein," wehrte er, „und mit Nachbarn, die so wenig fair waren, Ihnen die Fasanen abzuschießen, will ich auch nicht bekannt werden, obwohl ich sie neulich in Lobwitz sah. Ich rntereffiere mich für Hochwerth, weil es das einzige Gut ist, von dem ich weiß, daß meine Vorfahren es einmal besessen haben."
„Ach! Weiß Wilhelm das? Nein? Dann müssen Sie es »Hut erzählen. Es rückt Sie ihm noch näher — wer kann wissen, ob nicht etnmal ein Haide eine Loysen geheiratet hat?"
„Oder umgekehrt," schaltete er ernsthaft ein, aber seine Augen lächelten sie an.
„Oder umgekehrt," sagte sie ganz unbefangen, „dann wären Sie ja mtt Wilhelm verwandt."
„Und mit Ihnen, Base Edeltraut!"
„Und mit mir, Herr Vetter, aber das ist Nebensache!"
„Erlauben Sie mir, das als Hauptsache zu betrachten?"
„Gewiß nicht. Wilhelm kommt zuerst."
Sie sagte das ganz heiter und freundlich, und machte ihn dann wieder auf alles atifmerksam, was sie ringsum sahen.
Er bekam wirklich einen Ueberblick und war, als sie endlich auf Umwegen dem Gntshof znritten, wirklich ganz orientiert über Lage und Besehafsenheit der Felder.
Weiter hatte sie nichts bezweckt.
Bor dem Torf wollte er sich verabschieden, aber sie bat ihn, doch noch $u bleiben, ohne Bügeltrunk sollte er nicht nach Bardes zurück.
Das kam alles wieder so natürlich und selbstverständlich heraus, daß er bei sich dachte: sie ist wirklich entzückend.
Sie ritten nebeneinander die breite Torfgasse herab, Gänse schnatterten und Hühner flatterten, überall fah man junges, gelbes, pnsseliges Geflügel, auf dem Wasser des Tvrftümpels schwimmend, in die Hofpforten flüchtend, hier und da schob ein Köter bellend hervor, verstummte aber regelmäßig auf den Anruf des Schloßsräuleins. Sie kannte jeden Hund im Torf persönlich und das Alter und den Namen jedes Kindes.
(Fortsetzung folgt.)
Der Ma!er der deutschen Memstadt.
(Zu Spitz Wegs 100. Geburtstag, 5. Februar 1908.)
Karl Spitzweg, dessen 100. Geburtstag am 5. Februar in den Herzen die Erinnerung an den liebenswürdigen Maler deutscher Kleinstädterei wieder wachruft, war ein echtes Münchener Kind. Gar nicht weit von der Stelle, auf der der alte Peter, Münchens ehrsames Wahrzeichen, steht, hat auch sein Geburtshaus gestanden, und der still zufriedene, behag- liche Geist echt bayrischer Gemütlichkeit hat über feinem Leben wie über seiner Kunst gewaltet. Der Vater wollte nichts wissen von des Sohnes Neigungen zur Kunst; er ließ ihn Apotheker werden, uttd in der Münchener Hofapotheke hat der junge Spitzweg Lehr- und Provisorjahre verbracht. Man sagt bekanntlich den ehrsamen Herren Pillendrehern nach, daß sie einen besondern Vogel im Kopf hätten, und des Schnurrigen, Kuriosen und Kautzigen schwirrte wohl genug unter den Fläschchen und Mixturen herum, früher noch mehr denn jetzt. Die beiden großen Apothekerlehrlinge der modernen Literatur, Ibsen und Fontane, haben hinaus verlangt aus der engen Welt des Ladens; Spitzweg wußte seinem Berufe die besten Seiten abzugewinnen. Lange Jahre hat er Hintern: Ladentische gestanden, bis zum achtundzwanzigsten, bis der Vater starb und ihm die Frei- heitsstuitde schlug, die verschiviegetten Wünsche seines Innern ans Licht zu bringen. Das Behutsame, sein Ab wägende, sorgsam Machende, mit dem der Apotheker seine köstlichen und heilsamen Tränklein bereitet, ist ihm auch in feiner späteren Malarbeit eigen geblieben. Da hantierte er mig und doch im Innern seelenverguügt in feiner w liehen Werkstätte herum, strichelte und kratzte wied aus, bis endlich aus all den sonderbaren Prozeduren, unter Schimpfen und Stöhnen endlich ein solch buntes blankes Wunderding von einem Bild fertig war, das dem grämlichen Meister selbst ein befriedigtes Lächeln ablockte. Gern ist der Maler Spitzweg immer wieder eingekehrt in dies krause und absonderliche Milieu seiner Jugendjahre, bei der altertünrlicheit Architektur des alten Hauses, bei dem gemütlichen Herrn Prinzipal und dem gewichtigen Provisor, bei den alten Bauern, den Dienstmädchen mit dicken Backen und den kleinen pausbäckigen Kindern, die als Künden aus- und eingehen, bei den Stelzbeinen und alten Mütterchen, die nachdenklich verträumt auf der Bank sitzen und warten. Als Spitzweg seine Malerlausbahn begann, da hatte er schon sein Stoffgebiet gewählt und manche Skizze, manches sauber ausgeführte Blatt gezeichnet; er schloß sich aber nun an die alte Münchener Tradition an, die schon seit langem neben der offiziellen idealen Malerei blühte und gerade damals in Bürkels kräftiger Kunst sich Geltung verschaffte. Es waren das die Dillis, Wagenbauer, der Tiermaler Domenico Qttaglio mit seinen feinen Architek- tuven, der bisweilen so köstliche hnnwrvolle Peter Heß und Adam, der Soldatenschilderer. Sie alle hatten noch vom Rokoko gelernt, von seiner hellen, luftigen Harmonie; sie studiertest an den alten Niederländern die Delikatesse farbiger Wirkung und die Feinheit des Pinselstrichs. Spitzwegs besonderer Lehrer war Ednard Schleich, mit dem er zum Studium der Natur auszog und von dem er die gesättigt, warme Beleuchtung der Landschaft lernte. Mit Schleich hat er auch 1851 eine Studienreise nach Paris, London und Antwerpen gemacht; über am liebsten wanderte er doch durch die!


