Ausgabe 
4.11.1908
 
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ihm der Genius Richard Wagners erschlossen Hat. Allmäh­lich ging Ferdinand zu politischen Auseinandersetzungen über und sprach sich über seine Aufgabe und seine Ziele aus. Man muß die Mission verstehen, die ich hier im Balkan zu erfüllen habe. Ich habe mich ganz diesen: Volk anheim- > gegeben, mit dem ich mich vor 22 Jahren verbunden. Dieses Kolk hat erstaunliche Tugenden. Es ist nüchtern, arbeitsam, stolz, eifersüchtig wachend für seine Unabhängigkeit und Freiheit. Wer der Bulgare ist nach so viel Jahren der Knechtschaft nun kaum vom muselmännischen Joch befreit, zu sehr auf sich selbst beschränkt geblieben. Er hat nicht ge­lernt, in die Ferne zu blicken. Die ganze Welt ist für ihn beschlossen zwischen den Bergen, dem Schwarz-en Meer und der Donau. Da stehe ich nun da als aufmerksamer Wächter, der unverweilt nach dem fernen Horizont schaut. Ich horch« für ihn auf alle Geräusche der Außenwelt; ich übermittle den Fremden seine Wünsche und seine rechtmäßigen An­sprüche. Ich bin wie die Lunge, die für ihn die Luft von außen einatmet und ihm die belebenden Lüfte mitteilt, die vom Ausland Herkommen. So bleibt Bulgarien durch feinen Herrscher nicht isoliert, nicht abgeschlossen in sich selbst, sondern es erhält seinen Anteil an der europäischen Bölker- familie. Ich will, daß Bulgarien in seiner auswärtigen Politik, in seinen Finanzen und seiner Kultur wie in seinen inneren Verhältnissen untadelig sei. Wenn Gott und meine Feinde mir das Leben schenken, so werden meine Nachfolger sicher auf dem Wege fortschreiten, dessen Bahnbrecher ich gewesen . . ."

* Der Wahrheit die Ehre! Als General v. Caprivi Chef der Admiralität war, begab er sich so erzählt man der Täglichen Rundschau eines Tages in Kiel zu Jnformationszwecken an Bord eines Kriegsschiffes. Nachdem er sich hier vom Kommandanten rind 1. Offizier alles, was ihm noch fremd war, hatte erklären lassen, sprach er derr Wunsch aus, auch die Besatzrnrg des Schiffes kennen zu lernen. Infolge dessen rnußten die Uirter- offiziere und Mannschaften antreten, und der Gerreral ging die Front entlang und hatte seine Freude an dem schmucken Aussehen der kräftigen, sonnverbrannten junger: Scelerrte. Am rechter: Flügel der Unteroffiziere standen die Deckoffiziere, zum Teil schor: ältere, langgediente Leute, mit denen der General sich in eine freundliche Unterhalturrg einließ. Sein besonderes Wohlgefallei: erregte ein alter Steuermann mit tief gebräuntem, fast dunkelrotcm Gesicht, in welchem besonders die Nase, wie ein Leuchtturm in dunkler Nacht, in strahlender Nöte sich abhob. Mit diesem Steuermann unterhielt sich der General längere Zeit, und er erfuhr von ihm, daß er in seiner langen Dienst­zeit fast ununterbrocher: ar: Bord geweserr wäre und auch viele Reisen ins Ausland mitgemacht hätte.Nun," sagte darauf der General,Ihrem braun gebrannten Gesicht sieht man es aber auch an, daß Ihnen Wind und Wetter tüchtig um die Nase geweht haben."Ja, Exzellenz," meinte darauf zögernd der Dcckoffizier,aber'n duschen Köhn: (Kornschnaps) ist wohl auch mit dabei".

* Woher stammt das WortSchwindler"? Ueber die Herkunft des WortesSchwindler" macht der be­kannte Sprachforscher Friedrich Kluge in seinem kürzlich erschienen BucheBunte Blätter"" (Freiburg i. B., Bielefeld) höchst interessante Mitteilungen. Das anscheinend urdeutsche Wort ist ein Fremdwort, es ist das englischeswindler". Zwar Flügels englisches Wörterbuch erklärt das englische Wort für eine Entlehnung aus dem Deutschen. Aber das ist nicht möglich. Das Wort läßt sich in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts mehrfach im Englischen Nachweisen, während deutsche Belege aus dem 18. Jahrhundert voll­ständig fehlen. Kluge ist nun in der Lage, ein sehr lehr­reiches Zeugnis aus Deiltschland für das englische Wort beizubringen, aus dem sich gleichzeitig ergibt, daß wir da­mals unser deutschesSchwindler"" noch nicht besessen haben. Lichtenberg hat bekanntlich 17941799 seineAusführliche Erklärung der Hogarthifchen Kupferstiche" in Göttingen er- schernen lassen, worin sich auchSzenen aus dein Leben emer Verführten"" finden. In der vierten SzeneMolly :m Zuchthause"" heißt es von einen: Glücksritter, der näher veschr:eben wird, folgendermaßen:Demnach wäre er eure

von den berüchtigten Personen, die der Gerechtigkeit irt London jährlich nicht wenig zu schaffen machen und di« man in England Sivindlers nennt ... Sie sind Betrüger, die durch fein ausgedachte Ränke und zwar hauptsächlich unter dem Schein eines Mannes von Stand und Vermögen die Mensche,: um ihr Eigentum zu bringen suchen."" Lich­tenberg schildert offenbar eine Menschenklasse, für die ihm eine deutsche Bezeichnung fehlte. Dazu stin:mt denn auch ein Beleg für unser Wort in der 1786 verfaßten Autobio­graphie des Freiherrn Friedrich v. d. Trenck, der um 1775 in London als Weinhändler tätig war:Ich war persönlich in Loudon und wurde durch einen Betrüger (in London Schwindler genannt) schändlich berückt." Mundartlich ist das Wort zuerst in SchützesHolsteinischem Idiotikon"' (1806) bezeugt:Swindler, so nennt, man in Hamburg undj Altona die Negozianten, Handelsleute, die sich mit Wechsel­geschäften, Wechselreuterei zu sehr und über ihre Kräfte einlasfen und verwickeln, un: ihr gefährliches Negoz zch bezeichnen." Bei dem regen Verkehr, der zwischen Ham­burg und London schon duxch das ganze 18. Jahrhundert; herrschte, dürfen wir Schützes Zeugnis als beweiskräftig dafür ansehen, daß unser Wort von London aus übep Hambicrg in die deutsche Sprache eingedrilngen ist. H. M.

* Der kleine Max über dieSanität. Wir lesen im Neuen Tageblatt: Die Sanität ist eine ernste Sache, worüber man nicht lachen darf. Zur Sanität gehören viele Leute: Die wichtigsten sind die Dökter, die Hebammen, die Apotheker, und die Samariter. Die Zahndökter sind weniger tvichtig. Die jung«: Dökter erkennt man am Geruch Die alten Dökter haben Fuhrwerke, mit welchen sie durch die Stadt wettfahren. Biele Dökter verstehen nur eine Krank­heit, diese heißen dann Spezialisten. Man erkennt sie daran, daß sie größere Preise haben und sagen, die anderen Dökter verstehen njchts von ihrer Krankheit. Die Dökter kommen in der Stadt und auf dem Lande vor. Sie lieben die armen Leute und tun ihnen Gutes. Sie lassen darum die armen Leute schneller gesund werden als die reichen. Das ist schön. Wenn die Dökter eine schlechte Laune haben, verbieten sie! den Patienten den Alkohol. Das ist nicht schön. Die Heb­ammen gehören auch zur Sanität. Dieselben bringen die kleinen Kinder. Früher brachten die Störche die kleinen Kinder. Aber bei uns gibt es jetzt mir noch einen einzigen Storch auf dem Wasserturm und der ist von Holz und gehört dem Stadtrat. Darum ist er zu nichts mehr zu gebrauchen. Die Apotheker verkaufen die Mixturen. Sie verdienen viel daran. Wenn viele Bauern in die Stadt kommen, doktern die Apotheker selber; aber es tut den Bauern nichts, weil sie viel vertragen können. Die Zahnärzte können die Zähne schmerzlos ausziehen. Das Schmerzlosmachen tut aber sehr weh. Wenn ein Zahnarzt einem Slmerikaner einen Zahn ausreißt, so bekommt er den Doktorhut. Die Zahnärzte sind bei den Damen meistens sehr beliebt, manchmal ist es auch umgekehrt. Die Samariter lernen die Sanität von den Döktern; im Frieden helfen die Samariter, welche alles umsonst machen, auch beim Pferderennen. Sie passen bei den Barrieren auf, bis ein Reiter herabfällt; wenn keiner herabfällt, so ist der Tag verloren. Die Samariter können allerlei, was man beim Dokter braucht, z. B. Verbände machen und schröpfen. Wenn sonst kein anderes Unglück passiert, wo sie helfen können, so machen sie-einen Wohltütig- keitsbazar. Dort wird man auch geschröpft. Es gibt auch Samariterinnen; diese hat man lieber.

* Einen hübschen Entschuldigungszettel erhielt dieser Tage eine Lehrerin in Halle a. S. Das Schriftstück lautete: Görtes Schulfreulein! Indem meine Tochter Lrsoeth gestern über Ohrenschmerzen klagte, da wird Ihr wohl ein Ohrwurm ins Ohr gekrochen fein und hat sich auch noch erMtet. Zu diesem Zweck liegt sie im Bett und schwitzt mit aller Hochachtung Frau Neumann, Mutter."

Veränderungs-Rätsel.

Rast Oder Rand Sieb Outet Laub Hase.

Die Anfangsbuchstaben vorstehender Wörter sind der Reihe nach durch andere zu ersehen, so datz ebenso viele neue Wörter entstehen, deren Ansangsbuchstaben eine Stadt am Stiebe tri; eilt ergeben.

Auflösung in nächster Nummer:

Auflösung der Charade in voriger Nummer: Damen, Kap, Elle; D a m e n k a p e i l e.

Redaktion: (& Anderjom Rotationsdruck und Verlag 6« Brühi'schev UnwerstlälS-Vuch» und Stemdruckerei, N. Lange. Gieße«.