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Oh, das ift ein ganz anderes Herr, als die Leute, die sonst xu meiner Schwiegermutter zum Trinken komnien. Ich habe ihn Nur ein einzigesmal gesehen, aber sein Gesicht ist mir im Ge­dächtnis geblieben. Es war an einem Sonntag. Er war in eitlem^ Wagen, der dicht am freien Felde hielt, und er sprach mit Polyte. Als er wieder abgefahren war, sagte mein Mann zu mir:Sieh dir mal den Alten da an, der wird unser Gliick machen!" Meiner Meinung nach sah er aus, wie ein recht anständiger Herr. . .

Genug! nuterbrach Leeoq sie. Jetzt, meine gute Frau, handelt es sieh darum, das; Sie vor dem Richter Ihre Aussage machen. Ich habe einen Wagen unten. Nehmen Sie Ihr Kind mit, wenn Sie wollen, aber beeilen Sie sich. Kommen Sie schnell, kommen Sie!

26. Kapitel.

Segmüller war einer jener Beamten, die mit Leib und Seele in ihrem Berns aufgehen. Man kann sich also denken, )uie sehr der ihm nuvertraute geheimnisvolle Vorgang in der Schenke der Witwe, Chnpin seinen Geist beschäftigte. Er fand dabei alles, was sein Interesse auf das höchste anstachelte: ein großes Ver­brechen, dunkle Nebenumstände, ein undurchdringliches Geheim­nis, das die Opfer lind den Mörder umhüllte, und endlich das seltsame Benehmen eines rätselhaften Angeklagten. Auch das romanhafte Element fehlte nicht; es war vertreten in den.Per­sonen der beiden Frauen, deren Spuren man verloren hatte, und des unfaßbaren Komplizen. In der Ungewißheit eines glücklichen Erfolges lag noch ein weiterer Reiz. Ein bißchen Eitel ist wohl jeder Mensch, und Segnnillev dachte, der Erfolg würde nm so ehrenvoller für ihn fein, je größer die Schwierigkeiten gewesen Wären. Und er hoffte ans einen schließlichen .Sieg, besonders mit der Beihilfe eines solchen Mitarbeiters wie Leeoq.

Ter Tag hatte eine harte, erschöpfende Arbeit gebracht; trotz­dem dachte Segmtiller nicht daran, es an dieser Mühe genug sein zu lassen und seine Amtssorgen auf den nächsten Tag zu ver­schieben. Er beeilte sich bei seiner Mahlzeit und hatte kaum den Kaffee geschlürft, so saß er schon wieder am Schreibtisch. Er hatte bnS VerhörSprotokoll des angeblichen Jahrmarktskünstlers mit nach Hause genommen und studierte es nun, wie etwa ein Ingenieur um eine belagerte Festung he rumfchl eicht, um deren schwache Stellen auszuspähen. Er analysierte jede Antwort, prüfte Wort für Wort, jeden Ausdruck, ob er nicht irgendwo eine ent­scheidende Frage anbriugen könnte, durch die er, gleichsam wie durch eine Miene, Bresche in das Verteidigungssystem legen würde.

Ein guter Teil der Nacht verstrich bei dieser Arbeit; trotzdem )var er am anderen Morgen früher aus dem Bett als für gewöhn­lich. Schon um acht Uhr loar er angekleidet und rasiert, hatte seine Akten geordnet, feine Tasse Schokolade getrunken und machte sich auf den Weg. Er vergaß, daß die Ungeduld, die ihn ver­zehrte, nicht auch in "den Adern der anderen kochte. Doch" merkte er dies bald genug. Im Justizpalast war man kaum erst auf­gewacht, als er ankam; es waren noch nicht einmal alle Türen üufgeschlossen.

Ta er etwas mit dem Staatsanwalt zu besprechen hatte, so be­gab Segmüller sich zunächst nach dessen Amtszimmer. Es war noch Niemand da. Aergerlich ging er in sein eigenes Kabinett, wo er fortwährend auf die Wanduhr sah; er wunderte sich, wie langsam die Zeiger vorrückteu.

Zehn Minuten nach neun erschien Äoquet, der lächelnde Pro­tokollführer, und wurde mit einem: Ah, da sind Sie ja endlich! empfangen. Der Ton des Ausrufs ließ keinen Zweifel über die Stimmung des guten Untersuchungsrichters. Dabei kam Go- quet eigentlich- früher als gewöhnlich! Bon Neugierde getrieben, hatte er sich auf dem Wege zum Bureau befonders beeilt. Er wollte sich entschuldigen, Ausreden Vorbringen, abev Segmüller fuhr ihn dermaßen an, daß. ihm die Lust verging, noch ein Wörtchen zu sagen,

Ahaf dachte er bei sich selbst. Der Wind bläst heute morgen von der schlimmen Seite her!

Und mit philosophischer. Ruhe zog er seine Schreibärmel von schwarzem Glanzkattun über-, setzte sich an seinen kleinen Tisch und vertiefte sich in das Schneiden seiner Federn und die Zn-'" richtung des Papiers.

Im Grunde seines Herzens ärgerte er sich aber doch. Am Abend vorher hatte er mit seiner Frau über den rätselhaften .Angeklagten geplaudert, und da waren ihm verschiedene Ideen gekomm-m, die er dem Richter gerne vorgelegt hätte. Die Ge­legenheit wäre schlecht gewählt gewesen. Herr Segmüller, sonst die Bedächtigkeit und Ruhe selber, war kaum wiederzuerkennen. Er ging in seinem Kabinett hin und her, fetzte sich, sprang wieder aus, fuchtelte mit den Armen in der Luft herum-, kürz, schien es Nicht, ans seinem Platze aushalteu zu können.

Ensichieden, sagte der Sekretär bei sich; das Knäuel will srch nicht entwirren lassen. Mais Sache steht sehr gut.

In diesem Augenblick war er entzückt darüber; er war ent­schieden für den Angeklagten, so sehr hatte ihn des Richters Benehmen gefuchst.

Bon halb zehn bis zehn klingelte Segmüller dem Gerichts- boten nicht weniger als fünfmal und richtete immer wieder die­selben Fragen an ihn:

Sind Sie ganz sicher, daß der Kriminalschutzmanu Leeoq nicht dagewesen ist? Erkundigen Sie sich! Es ist gar nicht mög­lich, daß er nicht wenigstens jemanden geschickt hat. -Oder er muß mir geschrieben haben.

Jedesmal mußte der Bote antworten:

Niemand ist dagewesen, und ein Brief ist auch nicht gekommen. Schließlich wurde der Richter ganz wütend.

Kann man so was begreifen! knurrte er. Ich sitze wie auf glühenden Kohlen, und so ein Schutzmann erlaubt sich, mich warten zu toffem Wo kann er bloß hingegaugen sein?

Endlich befahl er deni Gerichtsdiener, nachzusehen, ob er Leeoq nicht in der Nachbarschaft, etwa in irgend einer Kneipe fände; er möchte ihn suchen und schnell, ganz schnell Herdringen.

Als der Diener fort war, schien Segmüller seine Ruhe wie- derzusindei'

(Forlfetznug folgt.)

Dsr Uamps des Hauses Hessen mit der DeuWMens- ksmmeM Schiffenberg um die kaudeshstzeitüchen Rechte.

In der alten hessischen Hauptstadt Marburg hatte im Jahre 1233, bald nach dem Tode der heiligen Elisabeth, der deutsche Ritterorden feinen Sitz ausgefchlagen. Hier widmete er sich in den Anstalten der hohen Stifterin der Armen- und Kranken­pflege. Bald sah der Orden, mit Schenkungen reichlich bedacht, feinen Besitz mehren. Im Jahre 1325 ging an ihn auch das ehemalige Augustinerklvster S ch i f f e n b e r g bei Gießen über. Diese neue Ordensniederlassung suchte gleichfalls, durch fort­währenden Ankauf von Gütern, ihren Besitz abzuruuden. So stellte die ganze B a l l e i Hessen am Ende des 15. Jahrhunderts bereits eine politische und wirtschaftliche Macht dar. Am An­fang des 16. Jahrhunderts konnte sich die Ballei formell als re ichsu »mittelbar betrachten, wenn auch dieGeineng- lage" ihres töebietes die Behauptung dieser Ausnahmestellung im Lande erschweren mußte.

Die Einführung der Reformation innerhalb der hessischen Ordensgebiete vollzog sich ruhig und glatt, nachdem der Hoch­meister Albrecht in Preußen mit seinem Heber (ritt vom alten' zum neuen Kultus ein Beispiel gegeben hatte. Als 1532 die Gemeinde Leihgestern die Abschaffung der Messen von Schiffen­berg verlangte, wurde von Marburg aus sofort verfügt,statt der 3 Messen zwo evangelische predige halten lassen zu follen".-

Die Reformation ist von dem Orden selbst ausgegangen. Es ist dies zu beachten, da man geneigt ist, den Grund der Spannung, die bald nach der Reformation zwischen dem Orden! und dem Landgrafen Philipp dem Großmütigen eintrat, in gewalt­samen religiösen landesherrlichen Bedrückungen zu suchen. Das religiöse Moment scheidet bei den Jahrhunderte lang währenden Streitigkeiten ganz aus; es ist nur die territoriale Frage, um die es sich dabei handelt. Landgraf Philipp betrachtete den Orden als adlige H i n t e r s a s s e n. Und in der Tat hatte derselbe auch bereits ohne Widerspruch gewisse Verpflichtungen wie der Adel übernommen. So finden wir bei dem Heereszuge, den Philipp im Jahre 1534 zur Wiedereinsetzung des Herzogs von Württemberg unternahm, den hessischen Landeskomtur im Felde. Durch die persönliche Feindschaft zwischen Philipp und dem LandeMmtur Wolfgang Schutzbar, gen. Milchling, spitzten sich die Verhältnisse so zu, daß dieser wegen Beeinträchtigung der Ordensrechte die Reichsstände gegen Hessen anrief. Philipp ging auch wirklich mit dem Gedanken nm, den Orden zu säku­larisieren. Seine Gefangenschaft setzte seinen Zielen- ein Ende. Sie war für den Orden eine Zeit des Triumphes. Bei Phi­lipps Demütigung in Halle 1546 war auch der Deutschordens­meister zugegen. So konnte dem inhaftierten Landgrafen Philipp zu Oudenarde in Flandern am 16. Juni 1549 ein Vertrag abgezwungen werden, der dem hessischen Landesherrn die Ober­hoheit über den Orden entzog. Durch den Passauer Vertrag 1552, der den Vertrag von Oudenarde annullierte, begannen die Streitigkeiten von neuem. Durch den Carl ft adte r Vertrag vorn 18. März 1584, der zwischen dem Ordensmeister Heinrich von Bobenhausen und den Landgrafen Wilhelm, Ludwig und Georg von Hessen abgeschlossen wurde, wurde der Orden im wesentlichen dem landsässigeu Adel gleichgestellt. Der Carlstädter Vertrag bedeutete nur einen vorläufigen Waffenstill­stand ; denn noch zwei Jahrhunderte versuchten der Lan- deskomtur und der Komtur zu Schiffenberg, sich der fürstlichen Oberhoheit Lw entziehen. Die viel umstrittene Frage wegen Iw-