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Herr Lecoq.
K>riminal-Roman von E. Gabor lau.
Nachdruck Verbote«.
(Fortsetzung.)
Dia arme „Tugend-Toni" verstand keine Silbe von- diesem ganzen Abenteuer. Sie war. ihren Knaben an der Hand, auf ihrem Treppenabsatz stehen geblieben, neigte sich über das Geländer herüber und strengte Augen und Ohren an. Sobald sie die beiden Beamten bemerkte, die ebenso langsam wieder hinauf- stiegen, wie sie schnell hinuntergeeilt waren, lief sie ihnen entgegen und fragte:
Um des Himmels Wille», was ist denn los? was bedeutet denn das alles?
Mer Lecog war nicht der Mann, um seine Geschäfte in einem Korridor abznmachen, wo die Wände Ohren haben. Erst als er die Frau in ihre Dachstube hineingeschoben und die Tür wieder Verschlossen hatte, antwortete er ihr:
Was los ist? Wir waren eben hinter eiitent Mann her, der an den Mordtaten in der „Pfefferbüchse" beteiligt ist. Er kam, in der Hoffnung, Sie allein zu finden, unsere Gegenwart hat ihn verscheucht.
Ein Mörder! stammelte Toni mit gefalteten Händen. Wa- konnte er von mir wollen?
Mer weiß? Es ist anzunehmen, daß er zu den Freunden Ihres Mannes gehört.
Oh, bester Herr!
Warum nicht! Sagten Sie uns nicht gerade eben selber, daß Polyte die abscheulichsten Bekanntschaften hat? Beruhigen Sie sich, das kompromittiert ihn nicht int geringsten. Sie haben übrigens eilt einfaches Mittel, ihn von jedem Verdacht reinzu- ivaschen.
Ein Mittel? Welches? Oh, sagen Sie es geschwittd.
Sie sind ja eine anständige Frau; also antworten Sie mir frei und offen und setzett Sie mich in den Stand, den Schuldigen fcstzunehmen. Kennen Sie unter all den Freunden Ihres Mannes Nicht welche, die des Verbrechens fähig gewesen »vären? Rennen Sie mir ihre Namen.
Die Unglückliche zögerte augenscheinlich. Ohne Zweifel hatte sie oftinals schlimmen Beratungen beigewohnt, und man mochte sie unter furchtbaren Drohungen zum Schweigen verpflichtet haben.
Sie haben nichts zu fürchten! fuhr Leeoq fort. , Niemals, das verspreche ich Ihnen, tvird man erfahren, baß Sie mir ein Wort gesagt haben. Außerdem werden Sie uns vielleicht nichts Neues berichten. Wir wissctt bereits recht viel von Ihrem Leben, ganz zu geschweige» der Mißhandlungen, die Sie von Polyte und seiner Mutter haben erleiten müssen.
Mein Mann hat mich nieumls mißhandelt! sagte die junge Frau stolz. Ucbrigens ist das gattz allein meine Sache!
Und Ihre Schwicgemtutter?
Sie ist vielleicht ein bißchen heftig; int Grunde hat sie ei» gutes Herz.
Warum denn in Teufels Namen haben Sie sich aus bei Schenke der Witwe Chupin geflüchtet, wenn Sie da so glücklich lebte»?
„Tugend-Toni" war bis an die Haarwurzeln dunkelrot ge- worden.
Ich bin aus anderen Ursachen weggelaufen! sagte sie. ES kamen viele betrunkene Männer dahin, und wenn ich mal allein war, kam es vor, daß innentb den Spaß ein bißchen weit treibe« wollte. Sie wollen sagen: ich hätte kräftige Fäuste. Das ist ja richtig; deshalb hätte ich mich auch vielleicht in Geduld gefaßt .... Aber wenn ich fort war, machten sich manchmal Leut« den dummen Spaß, deut Kleinen Branntwein zu trinken zu geben; einmal fand ich! ihn beim Nachhausekommen wie tot vor, er war ganz steif und kalt, und wir mußten den Doktor hole» lassen.
Plötzlich schwieg sie, mit weit aufgerisseneu Augen. Alles Rot mar aus ihrem Gesicht gewichen, sie war leichenblaß geworden und schrie mit halberstickter Stimme ihrem Sohn zur
Toto! Unglückskind!
Lecog sah sich um und schauderte zusammen. Er hatte begriffen. Das Kind, das noch nicht fünf Jahre alt war, hatte sich auf Händen und Füßen an ihn heraugeschlichett und durchsuchte die Taschen seines Ueberzichers. Ein Taschendieb. . . , und zwar ein geschickter!
Jawohl! rief die unglückliche Mutter unter strömenden Träne«. Jawohl, das kam auch noch dazu! Wenn ich den Kleinen mal aus dem Auge ließ, nahmen schlechte Menschen ihn mit in die Stadt. Sie gingen mit ihm irgendwohin, wo viele Menschen sind, und hatten ihn abgerichtet, diesen die Taschen zu durchsuchen und das Gefundene ihnen zu bringen. Wenn man etwas merkte, so entrüsteten sie sich ganz laut über den Jungen und schlugen ihn. Wenn aber niemand was gesehen halte, so gaben sie ihm einen Sou, um sich Gerstenzuckev zu kaufen, und behielten, was er gestohlen hatte.
Sie schlug ihre Hände vor das Gesicht und setzte mit kaum verständlicher Stimme hinzu:
Und ich, ich will nicht, daß mein Kleiner ein Spitzbube wird!
Die arme Kreatur verschwieg, daß der Mann, der das Kind zum Stehlen abrichtcte, der eigene Vater war, ihr Mann, Polyte Chupin. Aber die beide» Polizeibeamten begriffen es wohl, und selbst ihnen schnitt dieses Weh einer Mutter ins Herz. Lecog wünschte daher diese peinliche Szene möglichst abzukürzen. Uebrigens bürgte die Bewegung der armen Frau für ihre Aufrichtigkeit.'
Hören Sie, sagte er mit angenommener Barschheit, noch zwei Fragen, und ich lasse Sie in Ruhe. War unter den Kunden, die in ihrer Schenke verkehrten, nicht ein gewisser Gustave?
Nein, Herr, ganz bestimmt nicht!
Möglich Aber Lacheneur? Siemüssen doch Lacheneur kenuenl Jawohl, den keirne ich
Lecog konnte einen freudigen Ausruf nicht unterdrücken. Endlich hielt seine Hand, so dachte er, ein Ende des Fadens, der ihlt zum Licht, zur Wahrheit leite» sollte.
Und was ist das für ein Mann? fragte Lecoq lebhaft.


