411
Goethescher Vorfahren war dabei kaum mehr wie der Name und die nackten Lebensdaten zu erfahren, von vielen nicht einmal der Beruf, Und doch sind einige allgemeine Feststellungen, die der Verfasser über Goethes Ahnen macht, voii Interesse. Die Mehrzahl gehörte dem kleinbürgerlichen Stande an. Wir finden viele Handwerker unter seinen Ahnen. Schneider und Barchentweber, Schmiede und. Kannengießer, Bäcker und Metzger, auch Kürschner und Drechsler, dann Fischer, Hecker, Böttner und Bender, Bierbrauer und Weinwirte, Bartscherer und Balbierer, Müller imb Steinmetzen, Krämer und Handels- Herrn; aus der Menge heben sich ein Kupferstecher und zwei Maler hervor, Geistliche und Juristen in ziemlicher Zahl erscheinen neben Universitätsprofessoren, Lehrern, fürstlichen Verwaltungsbeamten, Kanzlern, Rentmeistern inld Kellnern, Ratsverwandte und Bürgermeister vieler Städte nnb kleiner Gemeinwesen finb vertreten, einige Kriegsmänner, zwei Aerzte, ein Jägermeister treten auf. Eine ganze Gruppe von Abelsfamilien, deren Namen nur in den Goetheschen Ahnenreihen antreffen, hat später ihren Platz inmitten des Adels gefunden. Roch heute blühen die von Eranach, v. Heydwolsf, v. Lucanus, die Freiherrn von Lyncker und v. Rotsmann (früher Rotzmaul), die v. Scheibler und die Wolff v. Todeuwarth, während die Schausuß und anscheinend auch die von Lindheim und Schröter wieder verschwunden sind. Besonders aber hebt Dr. Knetsch die uon ihm gemachte Entdeckung hervor, daß ein Tröpflein Blutes von Lucrns Cranach dem Aelteren oder voni^ kursächsischen Kanzler Gregorius Brück und seinem Sohn Christian, der 1567 ein ffo schauerliches Ende fand, in Goethes Adern rann. „Was würde der alte Olympier wohl dazu gesagt haben, wenn er's noch erfahren hättet" Männer von überragender Bedeutung finden sich unter Goethes Vorfahren nicht, wohl aber eine Menge von interessanten und wichtigen Persönlichkeiten. Unter den deutschen Landschaften, die durch ihre Söhne und Töchter zum Entstehen eines Goethe beigetragen haben, sind in fast gleicher Stärke drei dem ' Volkscharakter nach grundverschiedene Stämme beteiligt, die Thüringer, die Schwaben und die Hessen. Aus der gesegneten goldenen Aue stammt bte eigentliche Goethesche Sippe, nach dein jetzt württem- berqischen Ländchen Hohenlohe gehen durch bte Famme Textor und Walther zahlreiche Fäden zurück, und ms Hessische, zumal in unser Oberhessen, weisen die Ahnen der mütterlichen Großmutter Goethes, der Anna Margarete Lindheimer.
Zunge, werde Premierminister oder Jockey!
Ein berühmter „Jockey" zu sein, trägt in England dieser Persönlichkeit mehr in Pfund Sterling ein, als dem Prenner- minister des Landes seine Tätigkeit erwirbt. Der Erste Mi- nister der Krone erhält 100 000 Mk. im Jahre, der „Jockey ober — ich spreche natürlich nur von dem ersten in feinem Fache — läßt sich für die Ausübung seines Berufes das Dreifache bezahlen. Und dabei hat er doch mehr freie Zeit als so ein Kanzler und viel weniger Plage und Schererei! Aob Sloan z. B„ der berühmteste „Jockey" seit den Zeiten des verstorbenen Fred Archer, bekannte jüngst, daß er vor fünf Jahren 2 Millionen Mark (100000 Psd. St.) Vermögen besaß. Er stand damals auf der Höhe semes Ruhmes und war König unter den englischen Jockeys, obschon er der Geburt nach Äinerikaner war. Dank seiner unehrlichen Methode des Reitens aber brachte er es dahin, dag ihm vom „Jockey-Klub" jegliche Rennbahn gesperrt wurde, und heute findet er als Einreiter einen kargen Unterhalt. Was den Jockeys zweiter Güte ihr Geschäft wert ist,, beweisen die folgenden Zahlen, die maßgebend sind, denn sie entstammen den Hauptbüchern der Herren Weatherby, die als die offiziellen Buchhalter der englischen Sportwelt 42 Mk. für j.ebe Seite ihrer Buchhaltung berechnen dürfen. Mäher, em bekannter Jockey amerikanischer Abkunft, ritt 353 Pferde m einem Jahre und gewann mit 103. Er erhielt 10o Mk. für jeden Sieg und 63 Mk. für die übrigen Pferde; demnach hatte er ein bestimmtes Einkommen von 26 565 Mk. Madden,
ein anderer Reiter zweiten Ranges, vereinnahmte 40 837 Mark. Tom Cannon, ein anderer berühmter Jockey, erhielt 300 000 Mk. (15 000 Pfd. St.) im voraus von dem verstorbenen Herrn Baird, und verpflichtete sich damit, Herrn Bairds Pferde zuerst drei Jahre hindurch zu reiten. Alles in allem gerechnet, kann man ruhig annehmeu, daß jeglicher dieser drei „Jockeys" annähernd 400 000 Mk. einheimste, denn mit dem vom „Jockey-Klub" festgelegten Reitgeldern von 105 Mk. für jeden Sieger und 63 Mk. für jedes Pferd überhaupt, ist es ja bei weitem nicht abgetan. Der Eigentümer des siegenden Pferdes vergißt, honoris causa, den Reiter nicht, und belohnt den letzteren gewöhnlich mit einer anständigen Summe, die nach den Wetteinnahmen, die ihm selbst zugefallen, berechnet wird. Daß der Eigentümer des Pferdes, mag es nun siegen oder nicht, bedeutende Auslagen hat, braucht kaum erwähnt zu werden. Es ist berechnet wor- deu, daß jegliches Pferd ihm auf 50 Mk. wöchentlich für soge- naniltes „Training Fees", d. h. Ausbildungskosten für das Rennen, allein zu stehen kommt, und in diese Summe sind die Eintrittsgelder und was darum und daran hängt, nicht einbegriffen. Es ist also klar, der Pferderennsport ist nur ein Sport für die Reichen. Daneben wird von dem „Spor- ting Gentleman" mehr noch als von dem privaten „Gentleman" erwartet, daß er mit seinem Gelbe nicht karge, besonders dem Manne gegenüber, dessen Kaltblütigkeit im Reiten sein Pferd zum Siege bringt. Er mutz, uoblesse oblige, dem Jockey ein anständiges Geldgeschenk machen, und daher ist, nach einem großen Siege, eine Belohnung von 20 000 Mark (1000 Pfd. St.) für den Reiter des Pferdes nichts Ungewöhnliches. In einem Falle schenkte der Eigentümer des siegenden Pferdes die ganze Summe seines Gewinnes, 40 000 Mk., dem Jockey und hinterlegte außerdem ein Kapital bei der Bank of England, ausreichend, um dem glücklichen Jockey für den Rest seines Lebens 20 Mk. wöchentlich an Zinsen zu sichern. Zu einem der berühmtesten Wettrennen gehört das Derby-Rennen — bekanntlich das erste aller erstklassigen Rennen Europas — vom Jahre 1867, denn während eines Verlaufs schneite es wie im Januar. Aber .gleicy- zeitig war dieses Rennen das letzte Kapitel eines Romans der feinen Aristokratie Englands, denn der Eigentümer des siegenden Pferdes brachte durch seinen Sieg den Mann zum Ruin, der ihm seine Geliebte abgewonnen. Der Mann hatte schwer gegen das Pferd seines Todfeindes gewettet, konnte nicht bezahlen und gab sich als echter „Gentleman selbst den Tod. Ersterer gewann nahezu 3 000000 Mk. durch den Sieg seines Pferdes und schenkte dem Reiter 60000 Mk. Die »es Wettrennen ivird aber heutzutage noch von den alten Herren, die es erlebten, mit der Begeisterung besprochen, die damals die ganze Nation ergriffen hatte, denn die ganze Nation wußte heimlich, daß bei dem Wettrennen nicht nur Pferd gegen Pferd, sondern auch Manu gegen Mann stritt. „And the best man won" war nachher der Eutscheid des Publikums. Zum Schluß noch ein Erlebnis des ^ockeys Fred Archer, des besten Reiters der achtziger Jahre. Eines Tages übergab ihm der Stationsvorsteher zu Newmarket ein Paket, für das aber 3.50 Mk. Porto zu erlegen waren. Archer sagte: „Daraus falle ich nicht herein. Da will mm jemand einen Schabernack spielen; das Paket enthalt nicht» und ich soll außerdem noch mein gutes Geld embußen Er verweigerte das Paket Tag nach Tag. Endlich bezahlte der Stationsvorsteher selbst die Unkosten, auf sein eigenes Risiko, wie ihm Archer lachend zurief, und siehe da! das Paket enthielt eine wertvolle, mit Gold ausgelegte Reitpeitsche, um die 40 Fünfpfuudbanknoten gewickelt waren, also 4000 Mk. in deutschem Selbe. Das Gesicht Archer» kann man sich vorstellen; aber, bis zu seinem traurigen $obe — er beging Selbstmord — hat er mernals feststellen können, wer es gewesen, der ihn so freigebig bedacht hat.
Ver'mrschLcs.
* Der K a in pf gegen das Trinkgeld. In ^England ivird gegenwärtig ein energischer Feldzug gegen das Xruugelö geführt, das besonders in London zu einer wahren Plage geworden ist. Das ganze Leben in der Oeffentlichkeit Pt durch diesen Uebelstand beeinträchtigt, und die Schuld tragen die Amerikaner, die jeden Sommer in Scharen über den x-zean kommen und bereit übertriebene Freigebigkeit die Ansprüche außerordentlich m die Höhe geschraubt hat. In den gvotzenJRestaurants des West- End ist der gewöhnliche Satz des Trinkgeldes schließlich auf 20/o gestiegen, und jeder Gast gilt für einen argen UNauser, ber etwa ein Diner für 80 Mk. eingenommen hat und nicht 20 Mk. als Trinkgeld auf den Tisch legt. Man erinnert sich dabei,


