410
schon eingetragen habe. Ist eine Waffe vorhanden, und befindet sie sich auf dem Boden, so seien Sie sicher, sie wird gefunden, und mag sie auch noch so winzig sein. Die Wände, insbesondere alle vorspringenden oder winkligen Teile, und die Möbel werde ich mit gleicher Genauigkeit untersuchen, obwohl ich jetzt noch einige weitere Gründe zu der Annahme habe, daß die Waffe nicht hier ist."
„Haben Sie etwas Neues entdeckt?" rief Florence, die ihre Aufregung über Maitlands letzte Bemerkung nicht zu bemeistern vermochte. „Sie müssen mir verzeihen," erwiderte er, „wenn ich erst eine Frage an Sie und den Doktor richte, ehe ich Ihnen antworte." Sie nickte, und er fuhr fort: „Ich mochte wissen, ob Sie mir glauben, daß wir die Lösung des vorliegenden Problems mit größerer Wahrscheinlichkeit erreichen, wenn wir nur eigenem Urteil folgen, oder ob wir die Hüter des Gesetzes oder, sonst jemanden ins Vertrauen ziehen sollen. Sie haben ziveifellos. bemerkt, wie Herr Godin grundsätzlich alles für sich behielt. Polizeiliche Methoden, bei denen alles vorschnell über einen Stimm geschoren wird, — ganz abgesehen von kleinlichen persönlichen Reibereien und der Sucht, sich hervorzutun, — können unsere eigene Arbeit nur hindern und uns jedenfalls, denke ich, in keiner Weife fördern. Was sagen Sie?" „Daß wir auf eigene Hand vorgehen wollen," erwiderte Florenee schnell, und ich stimmte ihr bei. „Dann," fuhr Maitland fort, „will ich Ihnen auf Ihre Frage von vorhin Antwort geben. Ich habe in der Tat etwas festgestellt, das tvoljl auf unfern Fall Bezug hat. Sie werden sich erinnern, daß ein Teil des zur Erneuerung des Krocketgrundes bestimmten Sandes unter dem nach Osten gehenden Fenster dort lag. Ein paar Anstreicher sind, wie ich höre, gestern morgen mit dieser Seite des Hauses fertig geworden, ehe der Sand fortgebracht und ausgebveitet wurde, die Fußspuren, die sie also etwa während der Arbeit darin hinterlassen haben, waren getilgt. Es ist aber, wie Sie wissen, etwa fünf Zentimeter hoch loser Sand unter dem Fenster liegen geblieben. Diesen Sand habe ich sorglich untersucht — von Fußspuren war nichts zu finden."
Ich warf einen Blick auf Florenee; sie preßte die Lippen zusammen, und ihr Gesicht war totenbleich. „Es fanden sich jedoch," fuhr er fort, „Stellen, wo der Sand glatt gestrichen war unter dem Drucke eines rechteckigen Brettes. Diese Stellen prüfte ich mit peinlichster Genauigkeit und kam mit Hilfe des Maßstabes und auf Grund besonderer, von der Beschaffenheit des .Holzes herrührender Eindrücke zu dem Ergebnis, daß die glatten Stellen von zwei kleinen Holzstücken herrührten, und nicht, wie ich zuerst gedacht hatte, nur von einem. Ich fand weiter, daß das Verhältnis dieser beiden Bretter zueinander sich immer gleich geblieben war, und daß, wenn das eine herumgedreht worden war, das andere eine gleiche Wendung erfahren hatte. Dieser letzte Punkt scheint mir höchst bedeutsam, denn wenn man dazu die Tatsache nimmt, daß -die Entfernung zwischen je zwei Eindrücken desselben Brettes sich fast gar nicht veränderte, und etwa eine Schrittlänge ausmachte, so konnte ich vernünftigerweise reicht mehr zweifeln, daß jemand diese Bretter an seinen Füßen getragen hatte. Sie konnten nicht bloß hingeworsen worden sein, um darauf zu treten, denn dann würde ihr gegenseitiges Verhältnis nicht so charakteristisch und beständig gleich gewesen sein — wahrscheinlich wäre von Wendungen überhaupt nichts zu merken gewesen — und sicher würden beide nicht immer zufällig zur selben Zeit gewendet worden sein. Ich verschaffte mir ein Brett von dem Umfang der beiden zusammen, die meiner Annahme nach die Eindrücke auf denr Sand gemacht haben, und belastete es, bis es bett Sand genau ebenso zrtsammendrückte, wie es nach meinen Beobachtungen die Bretter getan hatten. Das Gewicht betrug einhundertfünfunddreißig Pfund, das heißt so viel, wie etwa ein fünf Fuß fünf Zoll großer Mensch wiegt.
„Ferner machte ich noch eine sehr wichtige Entdeckung, nach- bem ich die Eindrücke, je nachdem sie vom rechten oder linken Brett herrührten, in zwei Klassen geschiedett hatte: daß nämlich der Schritt beim Vorwärtssetzen des rechten Fußes drei bis vier Zoll länger war, als beim Ausschreiten mit dem linken Fuße. Gerade unter dem Fenster zeigte der Sand einen tiefen Eindruck. Ich machte einen Gipsabguß davon; hier ist er," sagte er und brachte den wohlgelungenen Abdruck einer geschlossenen Hand zum Vor- fchein. „Es unterliegt," fuhr er fort, „nach der Stelle des Ein- drucks kaum einem Zweifel, daß er entweder zufällig von einem Menschen gemacht worden ist, der sich vor dem Fenster bückte, plötzlich das Gleichgetvicht verlor und sich nur durch plötzliches Ans- strecken feiner Hand vor dem Falle bewahrte, oder — tvas mir weit wahrscheinlicher ist — daß die Hand absichtlich auf den Sand gestemmt worden ist, um ihren Besitzer bei der Ausführung irgend eines besonderen Handgriffs zu stützen."
Hier unterbrach ich ihn mit der Frage, warum er die letztere
Ansicht für richtiger halte. „Ans verschiedenen Gründen," versetzte er, „die mir diese Annahme fast als sicher erscheinen lassen. Fürs erste stammt der Eindruck von der linken Hand. Zweitens ist es der Abdruck einer geschlossenen Hand mit den oberen Finger- knöcheln ztt nnterst. Ist es Ihnen je vorgekomtnen, daß jemand sich vor dem Fallen dadurch bewahrte, daß er die Faust ausstreckte? Sicher nicht. Wer das Gleichgewicht verliert, ist niemals völlig frei von einer Angstempfindung, mag diese auch ganz gering sein. Dieses Gefühl bringt sich durch das Spreizen der Finger zum unwillkürlichen Ausdruck. Hierzu kommt noch die Lage des Eindrucks im Verhältnis zum Fenster unb eine kleine Spur auf dem Sims und am Glas, deren genaue Prüfung ich erst mittels meines Mikroskopes vornehmen kann. — Ich bin unablässig bei der Arbeit gewesen, doch das ist alles, was ich herausbringen konnte."
„Alles!" rief Florenee und sah ihn mit unverhüllter Be- tvunderung an. „Mir scheint es recht viel zu sein. Die Peinlichkeit und Schärfe der Beobachtung sind unübertrefflich. Aber, sagen Sie, Haben Ihre Wahrnehmungen Sie zu irgend einem Schlüsse geführt?" „Nein," erwiderte er, „noch nicht. Ich muß mich hüten, mich an eine Theorie zu binden, solange der positive Tatbestand erst so lückenhaft festgestellt ist. Höchstens könnte ich als bloße Vermutung hinstellen, daß Ihr Vater in irgend einer geheimnisvollen Weise von einer Person ernwrdet wurde, die etwa fünf Fuß fünf Zoll groß ist, beiläufig hundertfünfunddreißig Pfund wiegt und ein lahmes oder ein etwas verkürztes Bein hat, jedenfalls aber an einem Gebrechen leidet, das eine Ungleichmäßigkeit der Schritte veranlaßt. Auch möchte ich annehmen, daß die Füße der Person irgend eine stark ausgeprägte Eigentümlichkeit aufweisen, woraus sich am besten erklären würde, daß wirkliche Fußspuren mit solcher Sorgfalt vermieden worden sind. Weiter fordert der Abdruck der Hand hier zu Mutmaßungen heraus. Die Finger lang, dünn und sein, außer an den Nägeln, wo sich, mit Ausnahme des kleinen Fingers, unzweifelhafte Spuren ton der Angewohnheit finden, die Nägel abzubeißen; aber sonderbar genug hat man den Nagel des kleinen Fingers geschont und ungewöhnlich lang wachsen lassen. Ich frage mich, warum gerade dieser Nagel so gut weggekommen ist, und kann nur antworten: „Weil er einem besonderen Zwecke dient". Offenbar haben wir hier keine Arbeiterhand; die Gelenke sind zn dünn, die Finger zu zart, das Hautgewebe, das man sehr.gut erkennen kann, viel zu fein, kurz und gut, würde das nicht jeder für eine Frauenbund hatten? Wäre es wirklich so, dann hätten wir auch Frauenfüße, die man natürlich verbergen wollte, wozu die Bretter sehr geeignet waren, — doch das ist alles nur Mutmaßung und darf uns zu keinerlei weiteren Schlußfolgerungen verleiten. Wenn Sie mich ein paar Augenblicke entschuldigen, so will ich mein Mikroskop ein wenig auf dem Sims des östlichen Fensters in Anwendung bringen, ehe wir von unseren Freunden, den Polizisten, in Anspruch genommen werden, die sicher bald hier sind."
(Fortsetzung folgt.)
Goethes Ahnen.
In den letzten Jahren hat sich die Forschung mit großem Eifer der Untersuchung voir Goethes Abstammung zugewandt und aus der Aufhellung dieser Familien- beziehungen neue Erkenntnisse für die Entwicklungsgeschichte seines Genies zu gemimten gesucht. So hat besonders der Gießener ProfessorSommer in seiner Studie über Goethes Wetzlarer Verwandtschaft auf die große Aehnlichkeit zwischeir der Großntutter mütterlicherseits und dem Eickel hingemiesen und manche psychischen Eigenschaften des Dichters gerade aus der Familie dieser Großmutter, dem aus Fraitkfurt stammenden Geschlecht Lind- heimer, herzuleiten versucht. Auf breitester Gruttdlage entwirft nun die Ahnentafel Goethes Dr. Karl Kn et sch. Er hat besonders aus Kirchenbüchern und Archiven ein umfassendes Material zusammengetrageit und alle die ver- schiedeiten Verzweigungen der Familiett, deiteit Goethe entstammte, soweit es irgend möglich war, zusammettgetragen und in einer Anzahl Fainilieittafeltt ausgezeichnet. Doch nicht einmal die Ururgroßeltern Goethes sind alle bekannt; hier versagen bereits die Quellen über die väterliche Familie, der Goethe den Nanten verdankt. Eine Generation weiter kennen wir statt 32 Ahnen bereit nur noch 23, dann statt 64 nur noch 34, statt 128 nur 41 usw.; in einem Fall ist Dr. Knetsch indessen bis in die zwanzigste Generation vorgedrungen. Von einer großen Menge


