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Kelmuih von Lonsen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ter Regen trommelte, mit Hagel vermischt, hart auf das Lach und floß am Eingang als graue Gardine herab.
„Tun Sie mir jetzt den Gefallen und ziehen Sie Ihren Rock selbst an!" sagte Edeltraut hart.
„Finden Sie mich shocking, so in der Weste?"
„Ich sehe Sie ja gar nicht an, aber ich weiß nicht, wes^- halb ich Ihren Rock halten soll."
Ta war etwas in ihrem Ton, was seine Lebensgeister mehr hob, als niederdrückte.
„Wenn ich gewußt hätte, daß Sie so unartig sind," sagte rr heiter, „wäre ich bei Fräulein Ada geblieben!"
„Tas wäre auch das beste gewesen."
Er überlegte, was nun tun, wie sie dahin bringen, daß sie ihm freiwillig, von ihrem Kümmer um Wilhelm sprach.
Es entstand eine Pause. Endlich war Edeltraut diejenige, hie das Schweigen brach.
„Schön ist sie," sagte sie.
„Wer?" fragte er verwundert. „Tiefe Hütte? Das ist Geschmackssache."
„Fräulein von Valois."
Er lachte.
„Ja, die!" versetzte er etwas ärgerlich. „Und das war sie schon, als ich mich vor neunzehn Jahren in sie verliebte. Sie ist ein Unikum guter Konservierung."
Edeltraut sah sich um, ihre Augen öffneten sich in ungläubigem Staunen.
„Bor neunzehn Jahren waren Sie vierzehn Jahre alt!"
„Ganz recht. Ich habe eben sehr früh angefangen. Was sie betraf, so sagte sie schon damals, daß sie nun bald aufhören werde, Bälle zu besuchen. Uebrigens eine gräßliche Person mit ihrem Afrikakultus. Man wird sie ja nicht wieder los. Heute gerade habe ich sie wohl zehnmal dorthin gewünscht, wo der Pfeffer wächst, und ihr die besten Worte gegeben, sich in den Schatten zurückzuziehen — aber es war umsonst. Na, aber nun ist sic fort und ich stehe Ihnen endlich allein gegenüber und möchte fragen: Edeltraut, was denken Sie eigentlich? Bitte, sehen Sie mich doch einmal an und sagen Sie mir Ihre Gedanken."
. „Ich weiß nicht, was ich denke!"
Das war wahr. Sic sagte es ganz tonlos und starrte in den Regen und mit offenen Augen in die Blitze und dann trat sie plötzlich vor, daß ihr die Tropfen auf das dünne, jveiße Gewand klatschten, und hob beide Arme hoch empor, als wolle sie mit diesen den Regen aufsangen oder eine Engelsbotschaft grüßend umfangen.
Der Mann sah ihr zuerst betroffen zu. Tie auf den Fußspitzen^ schwebende Gestalt mit den auswärts gestreckten Armen war die Verkörperung frohen Aufschwunges und dabei so ahnungslos der treibenden Kraft ihres Tuns, daß die fast theatralische Stellung den Reiz des Unbewußten behielt.
" Ob ihm eine Ahnung dessen dämmerte, was in ihr vorging, oder ob er nur dem richtigen Instinkt folgte — er trat neben fie, nahm den Rock, der nun doch wieder herabgefallen war, vom Boden und legte ihn ihr zum drittenmal um. Sie ließ es geschehen. Auch als er sie aus dem Bereich der Regentropfen zog und dabei etwas schatt, erwiderte sie nichts. Ihre Seele war in Verwirrung und siechte sich umsonst zurecht zu sinden.
„Liebe Edeltraut," sagte Loysen nun herzlich in brüderlichem Ton, „Sie geben mir, seit ich Sie wiedersah, Rätsel aus. Weshalb? Weshalb vertrauen Sie mir nicht an, was Sie drückt?"
Cfr snhsrte fie zur Bank im Hintergrund der Hütte und er fuhr fort, während sie sich setzten:
„Daß dies der Fall ist, sehe ich ja. Wozu bin ich dcnn da, wenn nicht um Ihre Kümmernisse und Freuden zu teilen? Soll ich Ihnen ein wenig entgegenkommen? Vielleicht denken Sie, cs sei nicht erlaubt, über anderer Leute Geheimnisse zu reden, aber ich ahne solche. Ich verlange auch gar nicht, daß Sie mir hierüber etwas erzählen sollen — was ich allein wissen möchte, ist, was Sie innerlich durchgemacht haben, seit es Ihnen klar wurde, daß sich Wilhelm und Anne einst nahegestanden haben."
Sie sah ihn unverwandt an, ihre Hand lag in der seinen und sie ließ es geschehen, daß er den schützenden Rock, wenn er von ihrer Schulter glitt, heraufzog und dort scsthiclt. Seine. Worte und der Ton seiner Stimme taten ihr unbeschreiblich wohl. Es war) als lege eine linde Hand heilenden Balsam auf ihr wundes Empfinden. Tie Tränen schossen ihr in die Augen, sie kämpfte sic herunter und sagte mit einem kurzen Ausschluchzen:
„Alles will ich Ihnen sagen, alles. Helmuth, ich bin nun nial so, ich muß immer mit der Wahrheit heraus. — Ich schwieg bisher, weil ich glaubte. Sie hätten ja doch nur noch ein geteiltes Interesse für mich. Ich glaubte, ich hätte den Freund verloren, wie ich den Bruder verloren habe ... den Bruder, der mir alles war."
„Und weshalb, um Himmelswillen, glaubten Sie, den Freund verloren zu haben?"
Nun lvurde sie feuerrot und verlegen.
„Werden Sie mich auslachen? Ich glaubte, Sie wären hier, um — um Ihrer Jugendliebe wegen. . . Ada Valois. Sie hatte cs mir gesagt."
Er mußte wieder lachen.
„Edeltraut, Sie sind doch sonst eigentlich gescheit!" sagte er.
Sein Herz hämmerte und seine Pulse flogen, aber das durfte sie nicht merken. Jetzt noch nicht. Er kannte sie doch — ein verfrühtes Wort und mit Entsetzen hätte sie sich abgewandt und wäre, jeden Wetters spottend, davongelausen — wie vorhin. Seine Brauen zogen sich zusammen bei der Erinnerung.
„Sagen Sie mir doch, Edeltraut, weshalb ließen Sie denn vorhin den Grasen Trauen stehen und rissen vor ihm aus? Ja, das taten Sic. Ich habe alles beobachtet."
„Ter — dem — habe ich einmal vor vielen Jahren einen — Korb gegeben . . . ."
„Armer Kerl!"
„Was? Sic bemitleiden ihn? Wer hieß ihn sich den holen!
Aber es ist indiskret, daß ich Ihnen davon rede."
„Nein, das ist es nicht. Ta ich nicht die mindeste Absicht habe, „mein Interesse" zwischen Ihnen und der schönen Konserve zu teilen, sondern ausschließlich Ihr Freund zu sein wünsche, bitte ich um unbedingtes Vertrauen. Sie wollten also damals Gustav Trauen überhaupt nicht heiraten — Sie wollen überhaupt nicht heiraten?"
„Nein!"
„Sie lvürden natürlich auch mich abweisen, lvenn ich Ihnen einen schönen, formvollendeten Heivatsantrag stellte."
Sie lächelte ein wenig, so ganz verirauensficher und ruhig.
„T a s fiele Ihnen ja doch zum Glück im Leben nicht ein — bitte, versprechen Sie cs mir. . Es würde unsere Freundschaft zerstören,"
„Ich verspreche. Ihnen keinen Heiratsantrag zu machen. — Sind Sic nun beruhigt? — Werde ich nun endlich zu hören bekommen, was Ihr Herz beschwert hat, seit Sie mir den letzten Brief schrieben, der noch so ganz die alte, freudige Edeltraut war?"
Sie rückte näher und begann zu sprechen, erst zögernd, dann immer schneller, leise, unaufhaltsani. Es war eine so namenlose Erleichterung, alles Weh, alle Enttäuschung, alle Selbstvorwürfe diesem treuen Freunde ausschütten zu können, ihm so ganz genau zu berichten, wie die trauervolle Erkenntnis künftiger Verödung und Einsamkeit ihres Lebens über sie gekommen sei, wie sie jenes unfaßbare Ettoas, das sie sortan von Wilhelm trennte, zu erkennen und zu besiegen strebte, wie sie gelitten und heimlich geweint um ihr verlorenes Königreich und sich selbst deswegen des krassesten Undankes angellagt hatte.
Sie saß fest an ihn geschmiegt, den Köpf an seine Schulter gelehnt, ihre Hand noch in der seinen. Es war so köstlich, Verständnis und hier und da ein Wort des Trostes zu finden — Verständnis, Trost und brüderliche Liebkosung, wie sie dies bis jetzt bei Wilhelm gefunden hatte. So pflegte sie neben dem zu sitzen in schrankenlosem Einvernehmen, im Gefühl sicherer Geborgenheit.
Ter Regen hatte aufgehört, aber cs troff uoch von allen Zweigen und wie in Rcbeldunst war die nächste Aussicht gehtillt. Weit in der Ferne verhallte der Tonner und nur Äit fahles Aufleuchten kündete noch von Zeit zu Zeit, in welche Richtung sich das Wetter verzogen hatte.
Edeltraut schwieg endlich. Ihr war zu Mut, als sei eine Last nach der andern von ihr abgesallen. Ein Gefühl mrbegrenzter Dankbarkeit ■ gegen den mitfühlenden Freund an ihrer Seite erfüllte sie. Sie hatte mögen uoch lange so dasitzen und empfand es wie eine Dissonanz, daß er plötzlich ausspmng, an den Eingang trat und hastig sagte:
„Es hat aufgehört zu regnen. Wir können gehen." „Glauben Sie, daß man uns vermißt?"
„O nein," versetzte er ohnehin, „dafür wird Anne sorgen, daß sich ivenigstens nicniaud wundert."
„Also gehen wir."
(Fortsetzung folgt.)


