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Mit bent Ausdruck bittenden Vertrauens richtete Martha ihre Niigen voll auf Heinz Vollraths Antlitz.
Ter hatte den Blick 31t Boden gesenkt und nagte an seiner Unterlippe.
„Luise! . . . Liese! . . . Martha! .... Martha! . . ." rie' ebeu vom Bartikvwschen Gehöft her eilte laute Stimme, erging sich, als keine Antwort erfolgte, in heftigen Flüchen und trompetete dann wieder, „Martha! . . . Martha!"
Die so stürmisch Begehrte rührte sich nicht. Noch immer sah sie mit dem Ausdruck heißen, vertrauenden Flehens den Jugendfreund an.
Ta wurde auch schon die Tur des hohen Staketenzaunes aufgerissen, der Hof und Garten schied, und immer noch rufend und fluchend erschien der alte Bartikow unter dem großen Ho- lunderbaum, dessen Zweige den Torbogen wie mit einer grünen Laube überwölbten.
Bartikow war von untersetztem, gedrungenem Körperbau, breitschultrig. In die großen, hellfarbigen Augen, die niedrige Stirn fast ganz verdeckend, hing wirres, störrisches, grauweißes Haar, wie ein bereiftes Strohdach über die Fettster eines alten nord- deutschen Bauernhauses hängt. Eine Kopfbedeckung trug Bartikow nicht; seine Kleidung war städtisch, von feinem Tuch und Schnitt, aber zerdrückt und lüderlich; einen Kragen hatte er nicht um, und seine Füße steckten in bunten, mit zierlichen Blumen bestickten Hausschuhen; — es sah aus, als wäre er so, wie er da ging und stand, eben mit deut Ausschlafen eines gehörigen Rausches fertig geworden. Auch im Zorn waren seine Bewegungen schwerfällig und alles in allem machte er den Eindruck eines Mannes, der inmitten der sechzig steht, während er doch in Wirklichkeit kaum erst die Mitte der Fünfzig überschritten hatte.
Als er Heinz Vollraths ansichtig wurde, stutzte er einen Moment. Dann, ohne ihn weiter zu beachten, polterte er, wenn auch mit etwas vermindertem Stimmaufwand, weiter:
„Mas ist denn das für • 'ne Wirtschaft eigentlich? Ihr wißt doch, daß ich meinen Kaffee verlange, wenn ich von meiner Mittagsruh' aussteh'. Wo steckt beim überhaupt die Liese?"
„Sie ist mit ins Heu," erwiderte Martha mit gelassener Kürze, fast unfreundlich.
„Mas hat die ins Heu zu gehen? Die ist zu meiner Bedienung da. Hol der Deibel das Heu, wenn ich meine Bedienung nicht haben soll."
Er stand noch immer unter dem Torbogen und schickte fctzt einen hochmütigen, beinahe herausfordernden Blick zu Heinz hinüber, gleich als wollte er sagen: „Na, mein Bürschchen, du weißt wohl nicht, was deine Schuldigkeit mir gegenüber ist?"
Heinz fühlte sich nicht im geringsten verletzt durch diesen merkwürdigen Empfang. Er wußte von früher her, daß dem alten Bartikew ein grenzenloser Dünkel im Nacken saß, ein Dünkel, der es nun und nimsniermehr zuließ, daß er dem jüngeren zuerst die Hand bot. Welch ein Abstand auch zwischen ihm, dem größten Grundbesitzer von Fichtenwalde, der trotz seiner Schulden auf semen zweihundert Morgen Land wie ein kleiner Fürst saß, und dem „Kramersohn", dem „Studierten", bett der Staat durchfüttern mußte!
Heinz wußte: ;o lange dem Alten noch ein Stein an seinem Haus, em Halm auf seinen Feldern gehörte, würde sein Dünkel nicht in die Brüche gehen. Und um Marthas willen trat er heran, lüftete den Hut und sagte:
„Guten Tag, Herr Bartikow."
Ter nahm gnädig die ihm hingestreckte Hand und fragte:
„Na, Mund wieder daheim?" Ohne eine Antwort abzu- warten, winkte er seiner Tochter mit dem Kopse und brummte dabei: „Nun möcht' ich aber endlich meinen Kaffee," nickte Heinz herab- chssend zu und trat auf das Gehöft, aus dessen Stallungen das Blöken der Kühe tönte.
Martha nahm ihre beiden Körbe auf, grüßte Heinz noch einmal mit den Augen, wobei aus ihrem Blick eine Bitte um Verzeihung für ihres Vaters Betragen sprach, und folgte dann dem Borangegangenen mit raschen Schritten. — ---— —
dlls Heinz Vollrath ein Viertelstündchen später die Tors- strnße betrat — er wollte noch einmal ins Pfarrhaus, fich um Rerchardt zu kümmern —, sah er seine Mutter vor der Tür ihres ^adeus stehen und sehnsüchtig nach seinen Fenstern spähen. Er ging zu ihr hinüber und fetzte sich mit ihr auf die kleine Bank, die lindeuuberwölbt vor seinem niedrigen Elternhaus stand.
Ten Fahrdamm daher kam eben, eine große Staubwolke aufwtrbelud, eine bunt glänzende Kavalkade; zwölf bis vieo- zehit Retter tn roten Rücken, tackledernen Stulpenstiefeln und brnchgezterten -lagdmützen; in der ersten Reihe eine Dame in hellgrauem, fast weißem Tnchkleid; und in gemessenent Abstand hinter dem Trupp von Herrenreitern, die fast durchweg den Eiu-
druck von Offizieren machten, Pigneure und Jäger, die großen Jagdhörner über den Schultern, und begleitet von einer buntscheckigen, wohl vierzig bis stinfzig Köpfe starken Meute.
„Aha," brummte Frau Vollrath, „die vom Schloß haben heute wieder Parsorcehetze gehabt, oder wie sie das Ding nennen." , , ®am.e, in hellgrauem Kleid galoppierte eben an, rief lachend über die Schulter weg eine Bemerkung zurück, und sogleich sprengte em auffallend großer, sehr hagerer Herr ihr nach, ohne daß cs ihr gelungen wäre, so rasch, wie er es wohl wünschen mochte, an ihre Seite zu kommen.
Als die Dame am Vollrathscheu Hause vorübergaloppierte, durchzuckte es Hemz wie ein elektrischer Schlag; denn er erkannte in ihr das schöne Fräulein Friedheim, das auf der gestrigen Fahrt von Fuchsendorf nach Fichtenwalde seine Coupsgenossin gewesen war. Heinz folgte der pfeilschnell vorüberhuschenden Gestalt mit trunkenen Augen; und wieder war es ihm, als hätte sich plötzlich in seinem Herzen ein Licht entzündet, das mit großer, brennender Flamme sein ganzes Inneres erfüllte.
„Der . . . der Hvpfenstock, der dem Fräulein da nachreitet auf Kinern hochbeinigen Fuchs, ist unser neuer Forstmeister, Baron von Bannemann," sagte Frau Bollrath in ihrer derb-drastischen Weise. „Auch so einer, der die armen Leute am liebsten mit Hunden aus der Heide jagen möchte, wenn sie eine Hucke voll Holz oder einen Kvvb voll Beeren sammeln. Dabei hat er selber nichts wie Schulden über Schulden. Na, er wird wohl denken. Wenn er erst das Fräulein Friedheim geheiratet hat, dann wird sie der Kommerzienrat schon bezahlen müssen."
„Ist er denn mit dem Fräulein verlobt?" fragte Heinz mit tonloser, beklemmender Stimme.
„Noch nicht, aber es soll ganz nahe daran sein. Jedenfalls vergeht kaum ein Tag, wo er nicht oben ist auf 'm Schloß."
Eben zog der Haupttrupp der Jagdreiter in dem gemächlichen Tempo der Heimkehr vorüber.
„Ter da ganz hinten, der Kleine mit dem großen Schnurrbart — eben dreht er sich nach den Hunden um — das ist der Kommerzienrat," kommentierte Frau Vollrath weiter.
„Hat er noch mehr Kinder, oder nur die eine Tochter?" fragte Heinz, nur um etwas zu sagen.
„Einen Sohn noch... so von sechzehn, siebzehn Jahren." „Hm —Heinz blickte der bunten Kavalkade nach. Zu ihren beiden Seiten, immer durch den dicken Sand der Sommerwege, lief ein großer Haufe barfüßiger und ärmlich gekleideter Kinder, die. nicht müde wurden, den Reitertrupp mit lautem Zuruf zu umjubeln, gleich als käme er aus siegreich bestandenem Feldzuge heim.
Doch sah und hörte Heinz das alles wie durch einen dicken Nebel; seine Gedanken waren bei der schlanken Gestalt der schönen Amazone, die ihm Herz und Sinne wie mit einem Zauberbann umstrickt hielt.
Viertes Kapitel.
Tie Wochen gingen hin. Ter Herbst verlor feine bunten Farben, und über den, von rauhen Winden kahlgefegten, grauen Bäumen hing meist ein trüber sonnenloser Himmel, düster und nebelschwer. In den Nächten schliff schon der Winter seine scharfen Eispfeile, und mit um so bangerer Sorge sahen die Aermsten in Fichtenwalde und Schöuaue seinem Nahen entgegen, als Forstmeister von Bmtnemnnn, dem Lesehvlzsammler, Beeren- undPilz- ucher von jeher Dornen im Auge gewesen waren, eine kategorische Bekanntmachung erlassen hatte, mit welcher er das Betreten der einer Oberaufsicht unterstellten Forsten ein für allemal bei Pfändung und Strafe verbot.
Die Leute, betten — so weit sie zurückdenken konnten — der Wald immer offen gestanden hatte, die durch jahrzehntelang Ge- wöhnung dahin gekommen waren, ihn gleichsam als eine Domäne des Nebenerwerbes zu.betrachten, empfanden des neuen Forstmeisters Verfügung als eine ganz unnötige Härte. Dazu waren nicht wenige in den beiden Dörfern, für die es in der Zeit, da die Feldarbeit ruhen mußte, keine andere Beschäftigung als Besenbinden, Körbeflechten und Anfertigung kleiner Holz- chnitzereien gab, die im Winter auf den Wald als auf ihre einzige Berdienstguelle unbedingt angewiesen waren. Diese klagten Heinz, bei dem — wie sie wußten — jeder für seine Beschwerden ein offenes Ohr fand, in bitterett Worten ihre Not; und Heinz ging eines Tages auf die Oberförsterei, um Herrn von Bannemann um Aufhebung des strengen Verbotes zu bitten, das die Existenz von mehr als zwanzig Familien seines Sprengels geradezu in Frage stellt.
(Fortsetzung folgt.)


