E M

We),

M

W-

Tflb

<908 Nr. 70

IM

Wirket, so lange es Tag ist.

Roman von Maximilian Böttcher.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Marthas Gesicht, das dem Fragesteller noch immer abge­wendet war, hatte sich zum Ausdruck grenzenloser Qual verzerrt. Aber wieder faßte sie sich rasch und antwortete scheinbar gleich­mütig:Mutter muß wohl ausgeglitten sein. Vielleicht lag auf einer Stufe ein Kirschenstein oder eine Obstschale, und unten der Boden des Flurs, auf den fie auffchlug, ist mit Steinplatten gelegt dn kennst ihn ja. Ich hatte gerade int Garten zu tun. Als ich aus Vaters und Wilhelms Hilferufe herbeikam, war schon alles vorüber."

Seit drei Jahren schon lebt Wilhelm hier bei euch?" fragte Heinz, und gleichsam erklärend setzte er hinzu:Pfarrer Reichardt hat mir von ihm gesprochen."

Ach so," erwiderte Martha und zog die Schultern hoch.

Heinz hatte sich aus seiner gebückten Stellung aufgerichtet und sah mit besorgtem Blick auf die noch immer neben ihrem Korbe Knieende nieder.

Und diese langen drei Jahre über hat dein Bruder nichts getan, keine Arbeit, keinen Verdienst gesucht, hat er seinem Vater, oder richtiger dir, zur Last gelegen?"

Weshalb fragst du? Reichardt hat es dir doch offenbar schon erzählt," versetzte das Mädchen in einem Ton, gegen dessen dumpfen Schmerz trotzige Auflehnung vergeblich anzukämpfen suchte.

Reichardt hat mir nur andeutungsweise. . ."

Nun ja, es ist so. . ." unterbrach Martha heftig.Wil- helm arbeitet nicht. Er lungert herum, wenn du willst. Und ier trägt ungesunde Ideen unter die Leute. Aber. . ." fügte sie leise hinzu,ich bin seine Schwester und habe ihn lieb trotz alledem."

Sie war mit dem Aussuchen der angeschlagenen Birnen fertig, erhob sich und las jetzt auch die im Grase verstreuten Früchte zusammen. Doch ihre Bewegungen waren mechanisch, und ihr Blick irrte wieder und wieder unruhig ins Leere.

Heinz Vollraths Züge hatten den Ausdruck der Bitterkeit angenommen.

Allerdings ein Mustermensch, dein Bruder, der die Arbeit scheut nnt> vom Schweiße eines schwachen Weibes lebt," stieß er höhnisch hervor.

Ich bin nicht schwach," antwortete Martha in zähem Eigen­sinn.

Wenn deinem Vater einst," fuhr Heinz fort,jemand die Befürchtung aussprach, daß aus Wilhelm nichts Vernünftiges wer­den möchte, pflegte er fcharf zu erwidern:Meine Wirtschaft ernährt nur einen Faulenzer, und der bin ich selber". Hat er sich geändert, oder hat er nicht mehr die Kraft, einen Tage­dieb mit dem Stock vom Hose zu treiben?"

Ganz gegen seinen Willen hatte ihn der Zorn übermannt, aber das erging ihm leicht so, wenn er einen braven Menschen

um eines Unwürdigen willen leiden sah. Und nichts vor allem konnte ihn heißer empören, nichts erschien ihm verächtlicher, als die egoistische Ausbeutung des Weibes durch den Mann.

Martha hatte sich aufgerichtet, mit einer raschen Bewegung ihr Kleid geglättet und den schweren Korb vom Boden aufge­hoben. Mit der freien Hand strich sie sich eine Strähne wider­spenstigen Haares aus der Stirn.

Ich kann dir auf alles das nicht antworten," sagte sie mit einem seltsam müden Tonfall.Und dann ... es ist Zeit zur Abendmelke ... die Mädchen sind noch auf dem Felde . . ."

Sie stand regungslos auf ihrem Fleck und streifte Heinz mit einem forschenden Blick, als erwarte sie noch ein letztes Wort von ihm.

Martha," sagte Heinz mit leiser Eindringlichkeit, nahm des Mädchens Hand und hielt sie eine Weile mit festem Truck mit» schlossen.

In Marthas Antlitz zuckte es, und sie versuchte ihm ihre Hand zu entziehen.

Martha," sagte Heinz noch einmal, und tiefe Innigkeit klang durch seine Stimme,ich wollte dir nicht wehe tun, gewiß nicht. Ich sah nur, wie schwer du zu leiden hast, und ich weiß nicht, was ich darum geben möchte, wenn ich dir dein Leben leichter machen könnte."

Da perlten, trotz allen Tagegenwehrens, zwei große Tränen aus Marthas Augen. Sie stellte den Korb ins Gras zurück und strich sich wieder mit der Hand über daS blonde Haar, auf das die Strahlen der sich langsam zur Rüste neigenden Sonne fielen.

Tu mußt Wilhelm nicht verurteilen," sprach sie:er ist nicht, schlecht, ich weiß, daß er nicht schlecht ist. Ich hab' sogar schon immer gedacht, du könntest ihn vielleicht wieder zu einem brauch­baren Menschen machen, wenn du dir die Mühe gäbst, Einfluß auf ihn zu gewinnen. Ihr wart doch früher so gute Freunde. . Es ist ja schrecklich, daß Wilhelm dahinlebt, zu nichts und nichts nütze," fuhr sie nach einer kleinen Pause fort:aber er hat wohl Vaters Blut, und die Eltern haben ihn so sehr verwöhnt in seiner Jugend und ihm allen Willen gelassen. Da ist er haltlos und schwach geworden. Zu vernünftiger, ordentlicher Arbeit fühlt er nicht die Kraft und möchte sich doch irgendwie betätigen. Er ist ein Phantast. Einmal, gleich nach Mutters Tode, har ep eine Stellung gehabt, eine leichte, angenehme Stellung auf Fichten­höhe, bei dem neuen Besitzer, dem Kommerzienrat Friedheim, als Verwalter des Gutshofs, und er hat da auch zwei Monate lang ganz redlich feine Schuldigkeit getan und sich auch wohl gefühlt, wic's schien. Doch Friedheim hat eine bildschöne Tochter, und Wilhelm Ivar unvernünftig genug, sich wie toll in sic zu vergaffen. Weil er's aber schließlich wagte, sic mit Liebesanträgen zu verfolgen, wurde er Knall und Fall entlassen. Erst von da an ist's überhaupt so schlimm mit ihm geworden, erst von da an hat er begonnen, seine dummen Ideen unter die Scutc^ zu tragen. Und wenn er auch nicht darüber spricht, das Fräulein M»m Schloß sitzt ihm noch immer im Kops, und er trcib's mit ihretwillen noch mal zum Unglück, wenn d u nicht imstande bist» ihn auf vernünftige Gedanken zu bringen,"