Ausgabe 
4.4.1908
 
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Mcich Ivar das eigentümlich schmale Gesicht mit den larig- Seschnittenen Augen aber diese Augen hatten den inhaltlosen, gleichgültigen Blick nicht mchr. Sie verrieten Jmteresse am Leben.

Sowie sich der Wagen in Bewegung setzte, fragte sic:

Und wann kommt Helmnth?"

-,Dns ist iwch nicht genau bestinrmt. Unterwegs ist er schon."

>,Und bist du gclviß, das; er zu euch nach Barbes kommt?" Ja, wenn ich das wüsste."

Sie sahen beide nach Rothaide herüber, dessen Kirchturm sichtbar ward.

Du hast recht, er soll ihn nicht haben der sonderbare Schwärmer," sagte Anne Marie, sie wandte den Kvpf langsam lvieder fort.Was ist eigentlich aus der Familie geworden?"

Aus welcher Familie?"

Nun, ich muh ja jetzt wohl sagen: Ans Helmuths Familie. Man heiratet ja nicht die Frau allein, sondern alle Angehörigen mit. Sind sic noch in Jiothaide?"

Ja, gewiß."

Wie unangenehm."

Nun, weißt du, wir sehen ja nichts Von ihnen.^

-Also absolut kein Verkehr mit den Haides?"

Ach, das will ich nicht sagen. Als luir zum Begräbnis hinsuhven" Marie Anne wurde rotja. . . ich habe dir das wohl gar nicht geschrieben?" . . .

Natürlich hast du wir das verschwiegen, weil du wohl wußtest, wie ich über solche Inkonsequenzen denke. Also zum Begräbnis der Frau Schwägerin warst du dort! Weißt du, das finde ich »in starkes Stück."

Es erschien mir eine passende Gelegenheit, um mit Helmuth Frieden zu machen. Sie war ja nun tot und ich dachte mir schon wegen der Nachbarschaft. . . du glaubst nicht, wie die alle unser Verhalten beobachteten!"

Ja, arme Mieze, ihr wäret in einer peinlichen Situation dank Wilhelnr Haides unangebrachter Gastfreundschaft!"

Siehst du, mir schien es auch richtig, bei der Gelegenheit W zeigen, daß toir ja gegen ihre Familie nichts haben können . . . der arme, alte Pastor soll selbst unter bem Lebenswandel dieser Tochter gelitten haben."

Er ist auch tot, nicht wahr?"

'Er starb einige Tage nach der Tochter, deren plötzlichen Tod er nicht mehr erfuhr. Der Tod machte großes Aufsehen. Ich sprach den Doktor kurz nachher, da wir ihn zur kranken Mamsell rufen ließen. Er sagte mir, die unglückliche Person nicht die Mamsell, ich meine ine andere habe einen bedenklichen Heitzfehler gehabt. Es sei ein Glück für sie, daß sie daran so jung und schmerzlos gestorben sei."

Auch ein Glück für Helmnth."

Nattirlich, siehst du, das war doch mein erster Gedanke. Ich fühle mich wie erlöst, und dies Gefühl trieb mich hin, Helmnth am Grabe der Frau, die sein Unglück geworden, zu umarmen! Mer Doktor hatte mir alles erzählt, auch daß man ihm an dem Morgen, da man sie entseelt in ihrem Zimmer gefunden hatte, Nach Ostpreußen telegraphierte und er durch Tag und Stacht Gereift war. Also wußte ich, daß ich ihn dort treffen würde Aber ich sage dir, es war schrecklich, er war wie von Stein."

Geschah dir schon recht."

Er hat mich weder umarmt noch mir ein Wort von seinen Aukunftsideen gesagt. Daß er sich zum Dienst nach Ostasrika ge­meldet hatte und sofort angenommen worden war, erfuhren wir erst, als er schon dort war. Du, ich glaube wirklich, daß er eine maßlose Leidenschaft für diese Person empfunden hat."

Ach Torheit. Du wolltest mir aber noch von den Haides etwas sagen? Du sahst sie also?"

Ja, wir gingen nachher hin und Haide erzählte uns noch Manches. Er sagte auch, wenn der alte Pastor stürbe, würde sicher­lich sein Sohn die Stelle bekommen, und das ist auch geschehen. Er lebt dort mit seinen beiden Schwestern. Denke dir, Helmuth soll so reizend für die Zukunft der Jüngsten gesorgt haben. Weißt du, es gehörte Haides Ruhe und Herzlichkeit dazu, nm bei diesem Gespräch alles Peinliche zu vermeiden. Bei ihm kommt alles, ivas er sagt, so einfach und natürlich heraus, daß man ganz vergißt, wie ungeheuerlich er gehandelt hat, indem er sich bei dieser gräUichen Heirat auf Helmuts Seite stellte und dieser Frau sein Haus öffnete."

»Eule Seele, daß du so schnell vergißt nnd vergibst!" sagte dre Troß ironischnun aber sage mir noch ein Wort über die Schwester, von der du einst dachtest"

«Ach, darüber denke ich nichts mehr. Nicht, daß ich daran zweifelte, daß sie die einzig richtige Frau für Helmnth wäre, aber ich bin immer mehr zur Ueberzeugung gekommen, daß für sie nur ein Mann aus der Welt existiert ihr Bruder. Von diesem

Glück des Zusammenseins machst bu dir keinen Begriff. Sie wird ihn freiwillig nie verlassen er füllt ihr ganzes Herz aus. Doch war sie sehr herzlich gegen Helmuth, schwesterlich herzlich viel zu offenkundig und viel zu sehrWilhelm zu Liebe"."

Anne Marie zuckte die Achseln.

Gönnen wir denen das geschwisterliche Glück und wollen wir Helmuth eine Frau wünschen, die ihn vollständig in der Gesell­schaft wieder rehabilitiert."

Die Recknitz lachte vor sich h '

Ada Valois hat mir zu verstehen gegeben"

»Hat sie? Ja, darin ist sie groß! So ist wohl Hel­muths Witwerschaft daran schuld, daß sie noch nicht nut denk Grafen Trauen verheiratet ist?"

So deutet sie an."

Wie sieht sie aus?"

Brillant. Annchen, wenn ich bedenke, daß sie nur ein Jahr älter ist als ich"

Pst! Von Adas Alter spricht man nicht. Denn erzähle mir doch von den Ellenheims. Man sagte mir bei Wahrendorfs, sie wollten Hochwerth wieder verkaufen. Weshalb?"

Die Baronin stirbt vor Langeweile auf dem Lande sie stirbt faktisch, nicht nur bildlich. Es hat sich bei ihr ein Nerven­leiden ausgebildet, welches seine Ursache im Mangel anregender Lebensweise haben und zu völliger Erschlaffung führen soll."

Wie interessant. Ich hoffe, ich bekomme sie noch zu pflegen. Ah, da sind wir ja, und dort winkt Kvnrad!"

Auf der grAßen Veranda mit den bunten Glasfenstern stand der gedeckte Teetisch und Annchen kam der Tante in weißem Kleidchen entgegen, hübsch gewachsen und verständig. Man saß um den Tisch, die Hausfrau füllte die Tasscm, Anne Marie sah über die lichtgrünen Rasenflächen und buntleuchtenden Blnmen- beete nach dem Eichpark, dessen mächtige Wipfel im Abendlicht rötlich leuchteten. Die Schwalben flogen noch kreischend um das Dach, nnd in den Bosketts flöteten die Amseln. Es fiel fowohl Recknitz wie seiner Frau auf, daß ein ganz neuer sinnender Aus­druck auf dem Gesicht der Schwester lag. Ihre schmale Hand strich nachdenklich über Annchens dickes braunes Haar.

Es ist schön bei euch" sagte sie,und so heimatlich."

Brav, Amre!" rief Recknitz erfreut,spürst bu es end­lich?" er sah von einer zur anderen nnd dann seufzte er und schlug sich mit der Haird aufs Knie.Ja, Kinder, es ist nett, daß wir wieder beisammen sind, aber Helmuth fehlt und ich fürchte, zrr viel liegt zwischen daurals uitb jetzt, als daß es wieder je so werden könnte wie einst, als ja, wißt ihr's noch? Wir wollten gerade so, wir vier, wieder zusammenkommen!"

Oh, ich weiß", sagte Anne Marie.

Und ich sehe iwch Helmuths Gesicht," fuhr Recknitz seufzend fort,tote er die Bedingung stellte, daß er seine Frau mitbriugen dürfe!"

Du warst unvorsichtig, das im Voraus zu erlauben, lieber Schwager wie, wenn er dich beim Wort genommen hätte?" Laßt jetzt diese Fatalitäten ruhen. Wemt er kommt, schlagen wir ein neues Blatt um und alles ist vergeben und vergessen."

Das sagte ich auch schon," rief Marie Anneund nun will ich Amte ihr Zimmer zeigen!"

(Fortsetzung folgt.)

Don Merkwürdigen Gsiereiem

wird mit Hinblick auf die nahenden Osterfeiertage in beit Lectnres ponr Tons" allerler. Interessantes erzählt. Im Mittelalter, als die Fastenvorschriften von unerbittlicher Strenge waren, galt eine Zeitlang selbst der Genuß von Eiern als Sünde und alles harrte dann mit doppelter Sehnsucht auf das Osterfest, das Ende der Fastenzeit, tun sich mit einem schönen goldbraun gebratenen Eierkuchen von den Entbehrungen der mageren Wochen zu erholen. Am Morgen des großen Tages Pflegte man die Eier ist der Kirche segnen zu lassen, und bald bildete sich auch die Sitte heraus, den Freunden und Angehörigen eines dieser geweihten Eier als Feiertagsangebinde zu überreichen. Die Sitte bürgerte sich rasch ein und als später die Strenge der Fastenzeit gemildert wurde, und der Genuß von Eierst gestattet war, da Pflegte man doch noch am Ostermorgen den Frennden das altgewohnte Ei zu übergeben. Aber bald trat das einfache rohe Ei dabei in den Hintergrund und mit dem 16. Jahrhundert beginnt die Zeit, da man die Eierschalen färbte. Später wurden die ursprünglich so be­scheidenen und einfachen Ostereier ein Gegenstand des Luxus, und die Eier, die Ludwig XV. austeilte, waren oft von dest größten Künstlern mit erlesenen Miniaturen geschmückt. Lan-