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knocheu und Geweihe zu allerlei Haus- und Schreibgeräte Ich erstand ein Papiermesser, auf dem sehr zierlich ein mit Renn- tieren bespannter Schütten cingeritzt war und einen Fellbeutel, der sich aber seines infernalischen Dustes wegen in der Folge als ganz unbrauchbar erwies. Viele Hunde waren int Lappenlager, Wohl zur Bewachung der Herde, sie sahen womöglich noch schmieriger aus wie ihre Herren, für beide galt die Parole: Drei Schritt vom Leibe.
Nach diesem Ausflug ürs Unsaubere bestiegen !vir wieder unseren reinlichen ,,Neptun", der uns vorbei an zerrissenen Klippen und malerischen Gebirgsketten nach dem berühmten Thor- g h a t t e it brachte. Es ist ein gewaltiges Felsentor, von dem aus man, wie durch ein Riesenteleskop auf das Meer mit seinen unzähligen Scharen und Inseln blickt. Die letzte interessante Bergkette von Drontheim sind die sieben Schwestern, alle in ziemlich gleicher Höhe, nur ein kleineres, wahrscheinlich eilt Nachkömmling, ist dabei.
Nach siebentägiger Seefahrt landeten wir wieder in Drontheim im Brittania-Hotel, machten am nachmittag noch eine Partie zu dem Lille Lerfos Wasserfall und rüsteten uns zur Nachtfahrt nach Brake, von wo wir die Fahrt auf dem Jndalself und vou da zurück auf den Angermannelf machen wollten. Bräke hat als Knotenpunkt ein großes, durch ganz Skandinavien berühmtes Bahnrestaurant, dessen Betrieb typisch für den ganzen Norden — einschließlich Rußlands — ist. Man findet zuerst die Tafel besetzt mit der sogen. Vorkost, einer überreichen Zusammenstellung kalter Fisch- und Fleischspeisen mit Butterbrot, smörbröd, dann folgen einige warme Fleischgerichte mit Gemüse und Kartoffeln in verschiedener Form, dann ein kalter Pudding und in der guten Jahreszeit stets Waldoder Gartenerdbeeren mit Flöt (süßem Rahm) und Zucker. Ter Bezahlungsmodus ist eigentümlich, es gilt dabei der Gefpenster- grundsatz: „Wo sie hinein, da müssen sie heraus", aber nur im Besitz einer Mark, die man drinnen für 3 Kronen (3 Mk. 36 Pf.) erstehen und am Eingang abliefern muß. Gesondert bestellt inan nur die Getränke, welche für die Leute des Orientklubs, abgesehen vom Wein in den Gesamtkosten mit einbegriffen waren. Auch für Gepäckbeförderung und die lästigen Trinkgelder brauchten wir keine Sorge zu tragen, das besorgte alles die Reiseleitung, die, obgleich selbst zum erstenmal in Skandinavien, durch Beziehungen dort alles vortrefflich organisiert hatte.
Nach kurzer Eisenbahn- und einer längeren schönen Wagenfahrt von Bräke aus bestiegen wir bei Edset das Dampfboot Liden. Es hat der Stromschnellen wegen zwei starke Schraubenmaschinen, fährt mit reißender Schnelligkeit den Jndalself stromabwärts. Felsige User, schäumende Wasserfälle wechselten mit prachtvollen Wäldern, die in ganz Nordschweden den Reichtum des Landes ausmachen. Auf dem Jndals-, wie auf dem Angcr- mannelf treiben ungeheure Massen gefällten Holzes dem Meere zu, und werden von dort zu Schiffe weiter befördert. Hier und da sind große Holzrinnen gebaut, in denen die mächtigen Stämme heruntergleiten, dann in weitem Bogen herabspringen, hochaufspritzenden Schaum wie bei starker Brandung in die Luft sendend. Dreimal mußten wir, der Verschiedenheit des Stromwassers wegen das Schiff wechseln, wie man im Gebirg z. B. auf das Stanhcr Horn dreimal den Wagen wechseln muß.
In S u n d s v a l l am Ausfluß des Jndalself nahm uns das vornehme Hotel Knaust auf, das zu jedem erdenklichen Komfort jedem Gast ein eigenes Telephon bietet. Ueberhaupt ist. in Skandinavien alles, was mit Elektrizität zusammenhängt, weiter fortgeschritten und verallgemeinert wie bei uns, was wohl durch die großen Wasserkräfte des Landes erklärt wird. Sundsvall ist wie Aalesund schon mehrmals durch Feuer zerstört worden, und nun in Stein sehr schön wieder aufgebaut. Nach dem Grundsatz, daß man den Brunnen zudeckt, wenn das Kind ins Wasser gefallen ist, hat cs jetzt die besteingerichtete Feuerwehr Schwedens, die — wohl vorher bestellt — uns in 2 bis 3 Minuten den ganzen Verlauf der Mobilmachung zeigte. Sehr stolz sind die Sundsvaller aus ihr schönes Rathaus, wo wir uns alle einschreiben mußten, und aus ihre Schuteinrich- tungen, die allerdings, so weit man sie von außen beurteilen konnte, mustergültig sind. Bon Sundsvall aus erreichten wir, geleitet vom liebenswürdigen Hafendirektor in 4 Stunden H ö r - nosand, wo inr Stadtgarten bei Musik unser Mahl gerichtet war. Ich wäre fast darum gekommen, denn in einem Anhängsel des Stadthotels ganz allein, wenn auch sehr hübsch einquartiert, konnte ich den Anschluß erst nach längerem Suchen erreichen. Tie reizend am Sund gelegene Stadt konnten wir leider nur flüchtig ansehen, doch machte sie wie fast alle Städte tit Schweden einen sehr reinlichen, wohlhabenden Eindruck.
Fast einen ganzen Tag verbrachten wir auf dem Anger- n n n e l f, der anfänglich Meercsarm und mit Seewasser gefüllt erst allmählich Flußcharaktcr annimmt. Tie Ufer sind weniger romaittisch wie die des Jndalself, die großartige Holz- mdustrte gibt Strom und Ufer das besondere Gepräge. Da die erhabenen Eindrücke fehlten, hatte man auch Zett auf Kleinig- S.r^r 8lt ^-cken, und so bemerkte ich denn in meiner Nähe ein cmf dE mit großen goldenen Lettern bemerkt war, daß Kaper Wilhelm h. int Jahre 1898 — wie ich glaube — daran gefrühstückt habe, ein Beweis dafür, daß auch die alten
Schweden aus zarte Weise Reklame zu machen verstehen. Der Wahrheit gemäß muß ich übrigens bemerken, daß das Deutschtum sehr angesehen ist in Schweden und Norwegen, zum Teil durch des Kaisers alljährliche Reisen dahin, die einen großen Touristenstrom und viel Verdienst dem Lande zuführen. lieber jedem Hotel, wo wir angemeldet waren, wehte die deutsche Flagge, selbst die Speisekarte wies neben Fähnlein in den Landesfarben stets ein schwarz-weiß-rotes auf.
In S o l l e f t e a stiegen wir aus und erreichten mit der Onukbahn Bräke, wo .zu aller Freude das Tischlein wieder prächtig gedeckt war, int Gegensatz zu den etwas frugalen Schifssmahl- zeiteu. Am andern Morgen war früher Ausbruch. Die Bahn führte uns durch reizvolle Landschaften, dunkle Wälder, weite Seen, fesselnde Gebirgsbildcr, Städte und Dörfer, die von hohem Kulturstand zeugten, begleiteten den Weg, der sich leider zum Teil bei Nacht vollziehen mußte. Upsala, die berühmte alte Universitätsstadt, sahen wir nur von weitem, der viertägige Aufenthalt in Stockholm mußte dafür entschädigen.
Man hat Stockholm wohl das Venedig des Nordens genannt, aber die Aehnlichkeit ist sehr gering, da die Kanäle, welche Venedig überall durchziehen, hier gänzlich fehlen; eher würde ich eine Aehnlichkeit mit Hamburg zugeben, schon wegen der Uebcreinstim'mung des Klimas, der Luft- und Wasser-Stim- iming.
Unser Hotel zum Kronprinzen, mit einem langen Negerportier, lag leider in der lärmersüllten Hauptstraße, und ich war froh, schließlich int Annex ein stilles Zimmer mit Aussicht auf die Dächer zu erhalten. Ein Regentag erwartete uns, den wir morgens notgedrungen mit der Besichtigung einiger Kirchen — in einer derselben steht der Sarkophag" Gustav Adolfs — und am Nachmittag mit einer verunglückten Partie nach dem Park Hasselbaken ausfüllten. Eine kleine Gunst des Augenblicks, wo es nicht regnete, benutzend, ließen wir uns auf Katharina Hißen listen, einem ähnlich dem Eiffelturm aus Eisen konstruierten Gerüst, von dessen Spitze aus man einen herrlichen Blick über Stadt uud Mälarsee genießt.
Ter kommende Tag brachte die Besichtigung des nordischen und des Freiluftmuseums. Ersteres bietet durch Jahrhunderte sortlaufende Eindrücke der Nordländer in Wohnung, Trachten, Lebensgewohnheiten und Bräuche, es ist ein Stück versunkener Welt mit dem Zauber eines eigenartigen Volkslebens. Das von dem reichen Bürger Slänsen gestiftete Freiluftmuseum vervollständigt den Eindruck, das nordische Bauernhaus, die Fischerhutte, die Kirche, der frühere Betrieb der Landwirt scha st, die verschiedenen Gewerke, alles findet sich in diesem schönen Park, Freilustmnseum genannt, vereinigt. Im Restaurant wird man von Mädchen in Landestracht bedient, die, wenigstens int Sommer, auch von Töchtern feiner Familien getragen wird und vorzüglich kleidet.
Statt Besichtigung der Galerien wurde uns ein Ausflug nach Schloß Grypstöhn geboten, das durch seine schöne Lage am Mälarsee und die größte Porträtsammlung berühmter Schweden ausgezeichnet ist. Tic Fahrt geht durch einen Seearm mit bewaldeten und villenbedeckten Ufern, ist aber zu lang für das Opfer eines ganzen Reisetages. Weit genußreicher als dieser Ausflug war der nach S a k t t j ö b a t> e n, dem beliebtesten Seebad der Stockholmer in entzückender Lage. $a§_ Grand Hotel mit 100 Zimmern und einer großen Terrasse ist der Sammelplatz der seinen Welt, die, genau wie bei uns, geputzt und gelangweilt ist, trinkt, schwatzt und flirtet. Biel eigenartiger ist das kleine Seebad T a l a r ö , wo man int Glaspavillon, der an drei Seiten vom offnen Meer umschlossen ist, das alte ewig neue Spiel der Wellen aus erster Hand genießt. Das Badewesen ist in Schweden hochentwickelt, die Anstalten vornehm ausgestattet. Merkwürdig berührt es. daß in den m ei sten B ä d er n Damenbedienung ist, die auch das Einpacken, Abreiben und Massieren der Herren anstandslos besorgt. Ob wir in Deutschland uns jemals zu solcher Vorurteilslosigkeit durchringen werden?
Mit Bedauern verließen wir nach vier Tagen Stockholm, um die Fahrt nach Ko pe nh a g en anzutreten, die durch das südliche Schweden, die Kvrukammer des Landes führt. Fruchtbar, aber unbedeutend ist die Landschaft, so daß wir durch die Nachtfahrt wenig einbüßten. Bei schlechtem Wetter kamen wir morgens früh in Kopenhagen an und wurden in zwei Hotels, von denen mir diesmal das bessere zufiel, verteilt. Statt einer Wagenfahrt zur Besichtigung der Stadt, die ich schon kannte, sagte ich mich bei einer liebenswürdigeit von Gießen her befreundeten Familie au und verlebte dort einen angenehmen Tag und Abend.
Der nächste Tag war ein Sonn- und Sonnentag, so daß die große Wagenfahrt in die Umgebung unter besten Aussichten angetreten wurde. Zuerst besuchten wir Schloß Rosenborg, das so voll von Kunstschätzeu aller Art steckt, daß man es dem großen Gewölbe in Dresden und dem Musse Cluny in Paris dreist an die Seite stellen kann. Der Weg von da nach Klam- pcnborg ist ein wahrer Blumenweg. Vor jedem noch so kleinen Haus, in jedem Fenster Blumen, dazu die schönsten Meitscheublumen, lustige Radlerinnen, die zu hunderten unseren Weg begleiteten und Grüße mit uns tauschten. Im Strandhotel


