Ausgabe 
4.1.1908
 
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Schriftsteller und Künstler, eine bedeutende Schriftstellerin, schreibt:Sie kennen doch sicher die schnurrige Geschichte von jenem biederen Droschkenkutscher, der von der Stadt- behörde auf seine Ehrlichkeit geprüft werden sollte. Der Richter fragte ihn:Hören Sie mal, guter Freund, wenn Sie eines Abends beim Ausspannen zufällig in Ihrem Wagen eine Handtasche mit 50000 Mk., die jemand dort vergessen, fänden, was würden Sie tun?" Der Rosselenker riß die Augen groß auf und, ohne sich lange zu besinnen, öffnete er den Mund und sprach:50 000 Märker sagen S'? Donner und Doria, wenn ich die fänd', da würd' ich gar nichts mehr tun!" Auf Ihre Anfrage kann ich un­gefähr dieselbe Antwort geben. Wenn die Frauen zur Herrschaft kämen, würden sie gar nichts mehr tun. Das wäre nämlich ein Beweis daftir, daß die Zivilisation so weit vorgeschritten wäre, daß den Frauen nichts mehr zu tun übrig bliebe, es sei denn, sich in ihr, Hand in Hand mit den Männern, zu sonnen. Aber wie weit entfernt liegt dieses künftige goldene Zeitalter!"

Ida B o h - E d, die bekannte Romanschriftstellerin, schreibt: Die klugen Frauen würden viel besser regieren, als die klügsten Männer. Die dummen Frauen würden noch viel mehr Verkehrtheiten begehen als die dümmsten Männer.

Helene Lange, wohl mit die bedeutendste Führerin der Frauenbildungsbewegung im Deutschen Reiche, Vor­sitzende des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins, des Berliner Lehrerinnenvereins, faßt ihre Meinung in fol­genden Sätzen zusammen:Was die Frauen tun würden, wenn siezur Herrschaft" gelangten, d. h. in die Stellung einrückten, die jetzt die Männer innehaben, vermag ich nicht zu sagen; ich persönlich würde sofortMännerrechtlerin" werden, da ich in der Herrschaft des neuen Geschlechts über das andere niemals ein Kulturideal sehen würde, sondern nur in einer gemeinsamen Arbeit an allen Kultur­aufgaben, bei der weder von Herrschaft auf der einen, noch von Unterordnung auf der anderen Seite die Rede ist.

Ellen Key, die bekannte schwedische Rcfornrerin auf dem Gebiete der Philanthropie, schreibt: Wenn ich zur Herr­schaft käme, mürbe ich mit einigen Ausnahmen alle Schulen vernichten. Ich würde eine ganze Generation von Kindern frei herumlaufen lassen, um, von der Tradition des heutigen Elends ganz befreit, eine neue Generation von Eltern und Lehrern zu erziehen und so zu erziehen, daß sie wiederum durch ihre Tätigkeit eine neue Menschheit schaffen sollten! Alle Reformen sind nichts als oberflächliche Spielereien, ehe die M e n s ch e n - Neu­schaffung die Aufgabe wird, nicht eine Aufgabe unter vielen andern. Und wäre ich nicht Weltherrscheriu, wie es zu der oben genannte« Aufgabe nötig wäre, sondern nur Königin eines Landes, würde ich meinen ganzen Einfluß daran setzen, die Mütter zu veranlassen, ihre Aufgabe als die größte künstlerische Leistung und das wichtigste Amt des Staates zu betrachten. Ich würde den mütter­lichen Wetteifer wachrusen durch das Bewußtsein, daß Zu­stände zu ändern nichts hilft: die Menschen verwandeln ist alles. Und dieses kann nur durch Auslese und durch Er­ziehung geschehen.

Frau Marie Stritt, die bekannte Begründerin der Rechtsschutzvereiniguug für Frauen und in der deutschen Frauenbewegung hervorragend tätig, führt in ihrer Ant­wort aus: Die FrageWas würden die Frauen tun, wenn sie zur Herrschaft gelangten?" geht, da sie sich nicht auf die einzelne Frau, sondern auf das weibliche Geschlecht im all­gemeinen bezieht, dessen Hebung und Befreiung die moderne Frauenbewegung anstrebt, von einer falschen Voraussetzung aus; denn nicht auf die Herrschaft des einen Geschlechtes Über das andere, wie sie unsere bisherige patriarchalische Gesellschaftsordnung nur umgekehrt darstellt, sondern auf die Abschaffung einer Herrschaft, auf die Gleichberech­tigung von Mann und Frau zielt die Frauenbewegung ab. Eine Antwort erübrigt sich also umsomehr, als sie und damit zugleich eine unbewußte Kritik der bisherigen

Zustände eigentlich schon durch die Formulierung der Frage gegeben ist und danach nur lauten könnte: Die Frau en würden,zur HerrschuftüberdieMän. n er gelaugt, erstere genau so mißbrauchen, wie die Männer ihre Herrschaft über die Frauen in Staat und Gesellschaft bisher zu ihrem Vorteil und zum Nachteil der Frauen mißbraucht haben. Was dieHerrschaft" d.er einzelnen Frau, d. h. das natürliche Uebergewicht einer stärkeren Individualität, über den ein­zelnen Mann und über ihre Umgebung, betrifft, so wird die Frage in jedem einzelnen Fall individuell beant- wortet werden müssen. Im allgemeinen läßt sich aber wohl voraussetzen, daß das Uebergewicht einer nicht bloß stärkeren, sondern and) vornehmeren Individualität denen, die mit ihr in Berührung kommen, zum Heile fein wird, während der Druck, den eine brutale Kraftnatur mit ge­meiner Gesinnung auf ihren Kreis ausübt, diesen nur unheilvoll beeinflussen tarnt. Das gilt aber ebenso vom Mann wie von der Frau.

Der findige Telegraphist.

Der italienische Journalist Barzini, der den Fürsten Borghese . auf der Automobil-Wettfahrt Peking-Paris be­gleitete, berichtet eine lustige Anekdote über die Findigkeit eines Telegraphisten der alten Hauptstadt Nischnij-Now- gorod. Die Telegraphenstangen in ar en den Reisenden in vielen Gegenden die einzigen Wegweiser und die Tele- gravhenätnter ihre einzige Verbindung mit der übrigen Welt, und von jedem Amte aus telegraphierte Barzini die nettesten Daten der Fahrt. Dies hatte er auch bei An­kunft in Nischnij-Nowgorod getan und sich nach Erle­digung dieser Amtspflicht zu einem Bankett begeben, das zu Ehren der Reisenden veranstaltet wurde. Doch hören wir Barzini selbst:

Während des Banketts wurde ich abgerufen.Sie haben ein Telegramm abgesandt?" fragte der behand­schuhte Kellner.Jawohl, vor zwei Stunden."Das Telegraphettamt läßt sagen, daß es das Telegramm nicht befördern könne . . . Wenn Sie telephonieren wollen?" Ich eilte ans Telephon. Meine Depesche konnte nicht befördert werden, weil sie nicht russisch geschrieben mar! Seit Nischnij-Udinsk hatte ich diese reizende llngeheuer- lichkeit nicht mehr gehört! Zum Gluck waren die einfluß­reichsten Männer der Stadt zur Stelle; sie telephonierten, eilten auf das Telegraphenamt und kehrten triumphierend zurück: Das Telegramm war abgegangen.Jeder macht es sich so bequem wie möglich!" sagte man mir zur Er­klärung.Das Amt fand, die Depesche fei zu lang . . .!"

Mitternacht war vorüber, als an die Tür meines Hotelzimmers geklopft wurde.Wer ist da?"Sie haben ein Telegramm aufgegeben?"

Wütend sprang ich aus dem Bett und eilte an die Tür, um zu öffnen.Ja", schrie ich bett Oberkellner an, dem ich mich gegenüber sand;es ist vier Stunden her, daß ick) es aufgegeben habe. Vier Stunden!"Beruhigen Sie sich", "erwiderte er sanften Tones,Ihr Telegramm ist abgegattgen und wird vielleicht schon angekommen sein. Nur wünscht das Telegraphenamt eine kleine Auf- klärtmg ..."Welche?"Es fragt an, ob die Worte von oben nach unten, eins unter dem anderen, gelesen werden oder wagerecht von links nach rechts." Ich war wie vom Donner gerührt; ich sank auf einen Stuhl und sagte mit kraftloser Stimme:

Ich habe nicht chinesisch telegraphiert. Ebensowenig japanisch. Ich schwöre es Ihnen. Ich habe in einer eu­ropäischen Sprache geschrieben. Nur das Chinesische und Japanische schreibt mau von oben nach unten. Und man lieft es von oben nach unten!"Sehr schön, sehr schön. Ich telephoniere sofort. Also von links nach rechts?"Wenn Sie es aber doch schon abgeschickt haben? Wie habett Sie es beim abgeschickt?"Wie? Bon oben nach unten, Herr!"

Spvachecke des aügeneeinest deutscher! Sprachvereins. Es geht auch so'l

Daß es auch im kanbncmnischen Leben ohne die Fremd­wörter geht, beweist, was Ludwig Schalter (öhiltgart) kürzlich iw der PapierzeMnig veröffentlichte: