Ausgabe 
4.1.1908
 
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Verfehlen freilich. Arme Marie Wie ihm wenigstens ein Geschäft nennen können. Ob er zu Gerson geht? Aber wie weit kam man da mit beit bewilligten fünfzig Mark?- Er hatte keine Ahnung rind fürchtete, sich dort lächerlich zu machen.

Unwillkürlich blieb er stehen und blickte die Straste suchend herauf und herab. Aber ernst und grau schlossen sich die Häuser «neinander, ohne jedes Geflimmer und den bunten Kram hinter Schaufenstern. Aber gerade der Trvstschen Wohnung gegenüber sah man in eine Querstraße hinein, in welcher sich Laden an Laden reihte. Wie er schärfer, die Hand über den Augen, hinsah, leuchtete ihm in riesengroßen Goldbuchstaben die Firma: Fuchs und Gansel, TamenGnfektion, entgegen. Ja, dachte er, warum denn nicht? Ansehen kann man ja mal, wie so 'ne Gelegenheit in der Nähe aussieht.

Er ging nun in die Straste und musterte die Schaufenster des Riesenbasars. Hinter den großen Scheiben standen Jacketts und Kvstüme, drall über Drahtgestelle gezogen. Eine elegante, aber kopflose Gesellschaft. Nach kurzem Zögern trat er plötzlich ent­schlossen durch die mittlere Glastür, bereit Flügel leise fauchend hinter ihm wieder zusammenfielen. In dem Magazin drängte sich eine große Menge von Käufern um die langen Ladentische. Gleich ' fleißigen Ameisen schleppten diensteifrige Kommis große Wareuballen herbei, die sie ausrollten, aufbauschten und an­priesen.

Ter Leutnant wurde von zwei solchen Jünglingen überfallen und auf das StichwortCape" ohne Verzug an den Fahrstuhl geführt und in die oberen Regionen heraufbefördert. Hier empfing ihn eine Dame von geschmeidigster Liebenswürdigkeit und führte ihn in die Mäntelabteilung. Die an endlosen Stellagen hängenden Kleidungsstücke bildeten förmliche Gasfen, durch welche er hin und her geführt wurde, wobei die liebenswürdige Direk­trice sich mit allem belud, wovon sie annahm, dast es in Frage kommen könne. Seine Einwände liest sie unbeachtet. Sie ruhte nicht eher, bis sie etwa dreißig Mäntel und Jacketts, von denen nach ihrer wortreichen Versicherung ein jedes ein Wunder der Schöpfung war, ausgestapelt hatte. Mit der inständigen Bitte, sich vorläufig einmal dies anzusehen, schob sie ihm einen S.sscl hin und bat ihn, Platz zu nehmen, da sie ihm das Gewünschte nun vorführen werde. Seine erregte Versicherung, das alles sei gar nicht das Gewünschte, er wünsche ein Cape zu kaufen, ward mit verbindlichemAugenblicklich!" beschwichtigt. Ihm .war schon ganz dumm zu Mut. Tas t rotzte ja entsetzlich zu werden, und weist der Himmel, was sie ihn hier schließlich zu kaufen zwingen würden im Geist sah er Tante Kvmmandöschei schon in einem rosenroten Theatermantel mit Silberbesatz durch die Gassen von. Klippingen wandeln.

Indessen winkte die Geschmeidige eine Probiermamsell herbei und alle die Jacken und Mäntel wnr. en ihm an dieser lebendigen Gliederpuppe vorgeführt. Diese entledigte sich ihrer Aufgabe mit mechanischer Behendigkeit. In jede der istig Jacken glitt die aalschlanke Gestalt blitzschnell hinein, die rechte Hand schloß die Knöpfe, die linke gab dem Ganzen einen zurechtziehenden Ruck, während sich die Figur langsam im Kreise drehte, dann drei Schritte vor, drei Schritte zurück und schon streifte sie das Futteral ab, um ins nächste zu gleiten. Jeoer Mantel, jeder Kragen ward um die Schultern geworfen, einigemal hin und her gc- schwenkt, von vorn und von hintc. präsentiert und beiseite ge­worfen. Keine Maschine hätte das prompter und lautloser be­sorgen können, während sich die Direktrice in blumenreichen Kommentaren erging, die sie wie eine Girlande von Stück zu Stück wob.

Ter schneidige Kürassier saß überwältigt, klein geworden von so unerschöpflicher Redseligkeit und lies; alles über sich er­gehen, innerlich das ganze Unternehmen Verwünscheno. Hätte er nur dem ganzen Treiben ein Ende machen können! Aber sein Protest verhallte in» Wortschwall der beflissenen Dame. Sie wollte ihm entschieden erst mit der Reichhaltigkeit ihres Waren­lagers imponieren, ehe sie sich entschloß, ihm das Gewünschte vorzulegen., Helle Jacken, dunkle Jacken, kurze Mäntel, lange Mäntel passierten Revue, blaue, rote, grüne und schottische Um­hänge marschierten auf, winzige Tändelkragen mit Schwan- und Spitzenbesatz ober steif durch überreiche Goldstickerei auf weißem oder blauem Atlasgrund cs nahm kein Ende, und schließlich begann 'ihm die Probiermamsell leid zu tun. Mein Himmel, dachte er, ist das ein Brot! Tie Person muß ja verrückt werden. Er sah dem stummen, gleichgültigen Geschöpf zum erstenmal ins Gesicht. Richtig, dachte er weiter, sie ist bereits verrückt, ober bin ich es, weil mir's ioie ein Mühlrad tut Kopfe herumgeht? Kann sein, aber mir sieht dieser Unglücksvogel gerade so aus, als sei er längst gestorben. Tie Augen sind ja tot, einfach tot.

Menschliches Mitleid ergriff ihn und als jetzt endlich die

gewünschten schwarzen, soliden Capes ins Treffen geführt wurden, war er mit seiner Wahl schnell fertig. Sein diktatorisches: Halt! das da!" brachte die drehende Maschine zum Still­stand. Die Direktrice flö.ele:

Der Herr Leutnant haben einen außerordentlichen Geschmack!"

Loysen erhob sich und betrachtete eine Weile völlig verständ­nislos das von der Direitrice sorgsam zusammengelegte, schmelz- besetzte Ding. Er schämte sich einzugestehm, dast er doch im Grunde nichts davon verstand, klemmte sein Einglas ins Auge und heuchelte kritische Ueberlegmrg. Dann ging er hinter der vorantünzelnden Dame durch die weitläufigen Lagerräume nach der Treppe. Dabei gab er seilte Anweisungen, ihm den Einkauf ins Hotel zu schicken.

Die Probiermamsell war, wie er bemerkte, schon wieder in voller Tätigkeit. Sie stand in einen köstlichen Theatermantel gehüllt vor zwei auf einem Tivan sitzenden Damen, welche die sich langsam Trehcnde ditrch langstielige Lorgnons betrachteten. Die eine gähnte:

Gefällt dir's? Mir nicht. Lassen wir uns erst doch alle anderen zeigen."

Alle Wetter!" dachte Loysen, halb belustigt, halb erschrocken was muß das für ein Berufsleben sein! Ich danke!"

Er bezahlte an der Kasse und eilte dann ins Freie, wie ein der Hast Entlassener. Ach! Gut, daß das abgemacht war. Er prustete. Eine perfide Luft da drinnen. Natürlich hatten sie ihn auch betrogen. Sechzig Mark war so ein elender Lappin doch nicht wert. Auf jeden Fall bleiben die zehn Mark über das Budget seine stille Beisteuer.

Nun. ging er daran, Freunde aufzufuchen und sich in einem Offizicrkasino ein wenig feiern zu lassen. Man dinierte lange und der Abend wurde im Zirkus verbracht. Es war gegen Morgen, als er in sein Hotel kam und in seinem Zimmer einen großen weißen Karton gewahrte, welcher geduldig auf sein Er- scheinen gewartet hatte. Richtig, das war ja jenes entsetzliche Ting.

Der nächste Tag verging nicht minder schnell und angenehm. Die lustige kleine Komtesse war zu Hause getoefen, die Mama hatte ihn zum Gabelfrühstück eingeladen und er hatte das Geschwätz der Kleinen riesig nett gesunden. Nachher ein Bummel im Tier­garten mit seinen allerbesten Freunden und die Verabredung, abends zusammen. in den Wintergarten zu gehen.

Um sechs Uhr erschien Loysen daher wieder int Hotel, nut Zivil cmzuziehcn. Es war auch eine seiner Eigentümlichkeiten, daß ihm dies zu tun immer unangenehm war, anstatt dccß ihm 'die damit verbundene größere Bequemlichkeit und Ungeniertheit verlockend erschienen wäre. Nachdem er sich so, grau in grau, im Spiegel betrachtete, blickte ec in feinen Koffer und über­legte, wie er das gekaufte Cape unterbringen könne. Zugleich erfaßte ihn bäugliäM Neugierde. Wie sieht es eigentlich aus? Es war doch ein verwünscht sorgloser Kauf gewesen. Den Karton öffnend, zog er das Mäntelchen aus dem Seidenpapier und hielt es prüfend in die Luft. Ob es wohl so das richtige ist? Je länger er es ansah, desto zweifelhafter wurde er. Prima ff war es nicht, trotz des Geglitzers.

Ihm ward beklommen zu Simt und ein Entschluß reifte. Sosort hinsahren und noch nachträglich etwaigen Umtausch be­dingen. Ob die Leute darauf eingehen werden? Es war ja schon bezahlt. Und dann ihn schauderte. Wieder dort hinein? Stoch einmal der Superl'.eocnswürdigen in die Hände fallen oder, was fast noch gräßlicher loar, jenes elende Mädel mit den toten Augen sich im Streife drehen sehen? Das hat ihm schon ohnehin diese Nacht Albdrücken bereitet.

lFortiekung folgt.)

Wenn wir Kiauc« H-r schien . . .

Ein Berliner Blatt hat unlängst an eine Reihe hervor­ragender Frauen des In- und Auslandes die Frage ge­richtet:Was würden die Frauen tun, wenn sie zur Herr­schaft gelangten?" Auf diese Frage ging eine Reihe inter­essanter Antworten ein, von denen wir hier mehrere wieder­geben.

Carmen Sy Iva, die Königin Elisabeth von Ru­mänien, bekannt als Schriftstellerin und Menschenfreundin, meint: Ich denke, Semiramis, die große Katharina, Elisa­beth von England, Maria Theresia und noch mehrere andere haben gezeigt, wie Frauen herrschen.

Carmen Burgos, Professorin der Literatur au verschiedenen Madrider Instituten, Mitglied der Genossen­schaft spanischer Dramatiker und der Gesellschaft spanischer