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das; sie alles für möglich hielten. Ich fürchtete schon, eilt neuer Umsturz aller bisherigen Anschauungen könnte mich oder gar Maitland des Mordes verdächtig machen.
Mein Freund fuhr fort: „Herr Godin hat erklärt, er spiele hin und wieder Karten, doch nur nm einen kleinen Einsatz, nur damit nicht alles Interesse fehle. Ich werde Ihnen zeigen, daß er ebensogut ein gewerbsmäßiger Spieler wie ein Detektiv ist,
Am Morgen nach der Mordtat untersuchte ich genau jeden Fußbreit Boden auf dem Grundstück, besonders in der Nähe des östlichen Fensters. Als Ergebnis meiner Beobachtungen teilte ich Fräulein Darrow mit, ich müßte annetzmen, ihr Vater sei von einer Person getötet worden, die jedenfalls guten Grund habe ihre Fnßtapfen zu verbergen, und deren Gang hinkend sei. Das Gewicht dieser Person konnte ich auf etwa einhnndertund-- sünfunddreißig Pfund bestimmen und ihre Größe auf etwa fünf Fuß fünf Zoll. Auch äußerte ich die Ansicht, der Täter habe die Angewohnheit, seine Fingernägel abzubeißen und einen ganz besonderen Grund, den Nagel am kleinen Finger zu schonen und ihn ungewöhnlich lang wachsen zu lassen. Das war keine hohle Mutmaßung meinerseits, denn in dem feuchten Boden unter dem östlichen Fenster fand ich den vollständigen Eindruck einer geschlossenen Hand. Hier ist ein Gipsabguß davon. Schauen Sie ihn recht aufmerksam an! Sehen Sie hier die Warze über dem ersten Daumenglied und da die Unebenheit am dritten Finger, wo er offenbar einmal gebrochen ist! Herr Godin hat nach seiner Aussage die Darrowsche Besitzung nie betreten, außer an dem Mvrdabend zusammen mit den Herren Osborn und Allen, und doch stammt der Farbenabdruck auf diefent Stücke Glas von seinem Daumen; das Glas aber habe ich aus dem östlichen Fenster des Mordzimmers geschnitten, aus dem Fenster, durch das die Tat begangen worden ist. Dieser Gipsabguß ist von einem Eindruck im Boden unter demselben Fenster am nächsten Morgen genommen worden. Die Hand ist Herrn Godins Hand, und Sie werden bemerken, daß dieser Herr einen verunstalteten linken Fuß hat, und daß er stets beim Gehen etwas hinkt."
Wir alle blickten auf Godin, um uns von der Wahrheit dieser Behauptungen zu vergewissern, aber der Herr schlug seine Arme.übereinander, so daß man seine Hände nicht sehen konnte, und streckte seine Füße, um sie ebenfalls außer Sicht zu bringen, möglichst weit unter den Stuhl vor ihm, während er uns in anscheinend höchst harmlos gutmütiger Weise anlächelte. Offenbar fiel es ihm noch gar nicht ein, das Spiel aufzugeben.
Maitland zog wieder unsere Aufmerksamkeit durch die Worte auf sich: „Sheriff, verhaften Sie, bitte, Herrn Godin!"
Ein erregtes Geflüster und halb hörbare Bemerkungen ließen sich aus allen Teilen des Raumes vernehmen, und cs bedurfte erst eines ernsthaften Eiugreifens des Vorsitzenden, bis wieder völlige Stille eintrat. Daun fuhr Maitland fort: „Euer Ehren, und meine Herren Geschworene, wir wollen unseren Fall für heute auf sich beruhen lassen. Morgen oder vielmehr am Montag werden wir darlegen, welchen Einfluß Herr Godin auf Herrn Latour ausübte, und was Herrn Latour zu seinem Geständnis bewog. Wir werden nachzuweisen versuchen, wie Herr Latour wirklich zu dem Glauben gebracht wurde, er Habe John Darrow ermordet, und wie man ihn durch Bestechung bewogen hat, sich zu einem Verbrechen zu bekennen, das ein anderer begangen hatte. Bon dem hypnotischen Einfluß Herrn Godins auf Herrn Latour habe ich unzweifelhafte Beweise, obwohl wir sehen werden, daß Herr Godin sich keineswegs ausschließlich auf diesen Einfluß verließ. Wir werden Ihnen auch zeigen, daß genügend Zeit blieb, Herrn Godin in stand zu setzen, die Schuldbeweise mit großer Geschicklichkeit und Schnelligkeit beiseite zu schaffen und doch noch mit Osborn und Allen sich bei der Untersuchung einzufinden. Kurz, wir werden vor Ihren Augen ein VerbrechM enthüllen, das in bezug auf den Scharfsinn des Planes und die Geschicklichkeit der Ausführung in der Geschichte dieses Gemeinwesens nicht seinesgleichen findet."
Nachdem Maitland so geendet und dabei in seinen Schluß- wvrten durch Anwendung der Mehrheitsform eine höfliche Verbeugung vor Herrn Jenkins gemacht hatte, vertagte fich der Gerichtshof bis Montag, und ich eilte heim in der Befürchtung, ich könnte nicht der erste sein, der Jeanette die frohe Nachricht von der Unschuld ihres Vaters brächte; denn ich zweifelte keinen Augenblick, daß Maitland alle?, was er angeküudigt hatte, auch aufs bündigste würde beweisen können.
Was zwischen mir und Jeanette an diesem Abend vvrging, brauche ich nicht zu erzählen. Es handelte sich da ihm Dinge, deren Erwähnung vor andern mir heute noch, wo ihr rosiger Hauch nur schwach durch den blauen Nebel einer fernen Vergangenheit schimmert, als eine Entweihung erscheinen würde. Was sollen auch Worte, die in keiner Weise eine Vorstellung von der
wirklichen Bedeutung der Ereignisse zu geben vermöchten! Wollte ich sagen, daß ich durch ihre Dankesäezeugungen außer mir geriet, bis ich im Taumel der Freude sie mit meinen Armen umschlang und sie mit Küssen bedeckte — würde ich damit auch nur eine schwache Vorstellung von meinen Gefühlen geben? Nein, tausendmal nein! Darum scheint mirs das beste, gar nichts weiter davon zu sagen. Unsere Liebe kann ihre eigenen Geheimnisse bewahren. Wenn ich nur das eine hinzufüge, daß ich im Augenblick, während ich dieses schreibe, im Nebenzimmer eine Stimme höre, die mir damals zuerst so beglückende Dinge sagte, so weiß mau zur Genüge, wie wichtig jener Abend für mich geworden ist. Doch nun zur Vergangenheit zurück.
. Jeanettes Befriedigung über die Wendung der Sache war, glaube ich, nicht größer als die Florences. In der Tat war Floreuee trotz ihrer ruhigen Weise so voll übermütiger Freude, daß ich mich sehr über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, wunderte und endlich mir darüber bei Alice Aufschluß holen wollte.
„Ich begreife," sagte ich zu ihr, „warum Florence bei ihrer Teilnahme und Liebe für Jeanette sich freut, daß Latour voraussichtlich freigesprochen wird. Ich verstehe auch, mit welchem Abscheu sie der Gedanke erfüllt haben mag, mit Godin nach den Bestimmungen des Testaments ihres Vaters in Beziehungen treten zu sollen, aber beide Gründe können wir noch nicht ihren jetzigen Zustand erklären. Wie erWrst du dir die Sache?" Alices' Antwort war etwas schleierhaft und gab mir nicht die gewünschte Auskunft. „Weißt du," sagte sie, „ich will die Eintrittskarten für den ersten Zirkus zahlen, der herkommt, nur um zu sehen, ob du die Rüssel an den Elefanten finden kannst," Was ich auch tat, ich konnte fie nicht bewegen, deutlicher zu werden, denn auf jede Frage erwiderte sie mit herausforderndem Lachen.
Maitland besuchte uns und blieb fast den ganzen nächsten Tag — es war ein Sonntag — bei nns. Er schien Florences übermäßig freudige Stimmung weder zu teilen, no.ch zu verstehen, obwohl man leicht merken konnte, daß er von dem Gefühl der Genugtuung, das uns der Erfolg immer verleiht, nicht frei war. Mehr als einmal sah ich ihn einen Blick auf Florence werfen, in dem unzweideutig die Frage lag: „Was' bedeutet diese merkwürdige Veränderung? Warum soll es solchen Unterschied aus- machen, ob die Ermordung ihres Vaters durch Latours oder durch Godins Tod gesühnt wird?" Als er am Wend von uns ging, konnte man ihm ansehen, daß er noch keine befriedigende Antwort auf diese Fragen gefunden hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Leihgestern.
Altes und Neues zur Geschichte des Dorfes von Ludwig Strack.
(Originalbeitrag der „Gieß. Fam.-Blätter".)
Nachdruck verboten.
Der Einsturz und Abbruch der alten Kirche zu Leihgestern im Jahre 1906, der Bau der neuen Kirche in den Jahren 1907 und 1908 Hachen den Blick auch in die Vergangenheit schweifen lassen, zumal einige neuentdeckte Inschriften die Fragen nach der Entstehung des alten Gotteshauses immer lauter werden ließen. Doch konnte man bis dahin hierüber keinerlei Auskunft bekommen. Eine Zufammenstellung der Nachrichten über Leihgestern oder eine Geschichte des Dorfes gibt es nicht, und die Leihgesterner Ortschronik ist erst im Jahre 1858 angefangen, worden. So habe ich mich mit Freuden der Mühe unterzogen und das zusammengetragen, was ich erreichen konnte und war erstaunt, mehr zu finden, als zu erhoffen war. Hoffentlich vermehren sich die doch immerhin noch spärlichen Nachrichten in der Zukunft. Von Vollständigkeit kann also vorerst keine Rede fein. Trotzdem will ich anläßlich der Einweihung der neuen Kirche, vielfachen Bitten entsprechend, den Einwohnern von Leihgestern und allen, die sich dafür interessieren, etwas davon Mitteilen, was man aus der Vergangenheit beS Dorfes weiß. Für spätere Geschlechter sei auch aus der Neuzeit einiges hinzugefügt.*)
I. v
Woher kommt der Name Leihgestern?
Die Frage ist noch nicht entschieden. Die mannigfachsten Deutungen machen Anspruch auf Richtigkeit. Daß man auch früher schon Erklärungsversuche gemacht hat, zeigt ein Blatt in den Leihgesterner Kirchenakten, das nicht genau datiert ist, aber aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts stammt.
*) Als Quellen komtnen das Leihgesterner Pfarrarchiv, Akten aus dem Großh. Haus- und Staatsarchiv in Darmstadt und aus dem Königl. Staatsarchiv in Wiesbaden in Betracht. Außerdem Wyß, Urkunden der Deutsch-Ordens-Ballei Hessen und Baur, Hessische Urkunden.


