Ausgabe 
3.8.1908
 
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1988

Montag den 3. August

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John Darrows Tod.

Roman von Melvin L. Severy.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Als die Ruhe völlig wiederhergestellt war, nahur Maitland aufs neue das Wort.

Ich wollte eben sagen, als ich unterbrochen wurde, Herr Clinton Brown und Herr Charles Herne würden beide die Tat­sache bezeugen, daß eine recht merkbare Zeit zwischen der Ver­wundung und dem Tode des Opfers vergangen ist. Ich werde Ahnen demnach den vollgültigen Beweis liefern, daß Herrn Darrows Tod nicht von dem Gifte, das der Angeklagte ge­nannt, herrühren kann. Ich werde Ihnen zeigen, daß eine genaue chemische Analyse, die ich kurz nach dem Morde in meinem Laboratorium machte, keine einzige von den wohlbekannten Reak- tioneit jenes Giftes ergab. Ich werde Ihnen beweisen, daß John Darrow, nachdem er den Todesstreich erhalten hatte, auf seine Füße gesprungen ist; daß er sich an die Kehle fuhr; daß er nach sekundenlanger Anstrengung einzelne Wlorte hervorbrachte. Ich werde Sie davon überzeugen, daß er, wenn er in der be­schriebenen Weise vergiftet worden wäre, den Tod gefunden hätte, ehe er auch nur seine Hand zum Hals erheben konnte. Wir haben mit größter Sorgfalt alles, was die Anwesenheit des be­haupteten Giftes beweisen oder widerlegen könnte, untersucht, und es bleibt hier keine Möglichkeit des Zweifels übrig. Ich werde Ihnen weiter zeigen, daß das Kapuzineräffchen, von dem Herr Latour sagt, es sei getötet worden, noch am Leben ist; ich werde das Tier, wenn nötig, vorführen und Herrn Latour, oder wer es sonst sei, auffordcrn, es das angeblich gelernte Kunststück aussühren zu lassen. Ich werde Ihnen erklären, daß ich natür­lich, da ich die Mitwirkung des Affen bei dem Morde leugne, bei meiner Befragung des Angeklagten nichts mir tatsächlich Be­kanntes anführte, wenn ich von der Abrichtung des Tieres sprach und Einzelheiten vorbrachte, die Herr Latour als wirkliche Um» stände des Mordes anerkannte. Meine einzige Absicht war dabei, eine annehmbare Art und Weise anzugebcn, um zu sehen, ob sie der Angeklagte etwa als tatsächlichen Verlauf der Tat an­nähme. Ich verflocht damit die Tötung des Affen, obwohl ich wußte, daß er noch am Leben war, um zu sehen, ob mir Herr Latour auch hierin folge. Sie haben selbst gehört, daß er cs getan hat; daß er meine Angaben bestätigte, die eben bloße Ver­mutungen waren, und daß er auch den einen Punkt gelten ließ, der mir als falsch bekannt war. Ich werde Sie daher bitten, zu erwägen, wie völlig unwahrscheinlich es ist, daß eine solche Reihe bloßer Vermutungen genau den Tatsachen entspricht, wie dies Herr Latour behauptete, während Sie dabei den unleugbaren Umstand nicht aus denn Auge verlieren dürfen, daß Herr Latour in dem einen Punkte, itt dem mir die Wahrheit bekannt ist, un­bedingt. eine falsche Aussage gemacht hat."

Hier flüsterte Maitland Jenkins etwas zu, der seinerseits dem Sheriff oder einem andern Gerichtsbeamten leise eine Mit­

teilung machte. Gerade in diesem Augenblick hätte ich viel darun- gegeben, Godins Gedanken zu lesen, dessen Züge von einem Chaos von Gefühlen zu zeugen schienen.

Maitland fuhr fort:Herr Latour hat positiv erklärt, er habe mit Herrn Darrow in der Decaturstraße zwischen dem ersten und fünfzehnten März gespielt. Das ist nicht wahr. Erstens läßt sich nachweisen, daß Herr Darrow wohl gelegentlich in seinem: Hause Karten gespielt, daß er aber jedes Spiel um Geld, auch mit dem kleinsten Einsatz, verabscheut hat. Weiter wird Herrn Darrows Arzt bezeugen, daß Herr Darrow vom 25. Februar bis 18. März an sein Lager gefesselt war, und daß er ihn während dieser Zeit mindestens einmal und öfter zweimal täglich besucht hat.

Ferner: Herr Latour versichert, er habe Herrn Godin bis zum Tage seiner Verhaftung niemals gesehen, und Herr Godin versichert, er habe bis zu jenem Tage Herrn Latours Wohnung nicht betreten. Ich habe hier eine Photographie und ein Phono- gramm. Tas Bild zeigt Herrn Latours Zimmer und diesen Herrn und Herrn Godin an einem Tische sitzend und offenbar in ernster Unterhaltung begriffen. Dieser Zylinder ist der Träger eines sehr interessanten Teiles von jener Unterhaltung. Herr Godin wird gebeten, das Zimmer nicht zu verlassen!"

Das letzte sagte er, als Godin auf die Tür zuschritt. Der Beamte, zu dem Jenkins vorher etwas gesagt hatte, legte Hand an den Detektiv und hielt ihn auf.Wir brauchen pielleicht noch Herrn Godin," fuhr Maitland fort,da er uns wohl manches erklären kann."

Ich lenke Ihre Aufmerksamkeit auf den Umstand, daß Herr Godin ausgesagt hat, bei der Nachforschung nach Herrn Darrows Mörder seien ihm gewisse Bücherbcstellzettel von Nutzen gewesen, die Herr Latour unter zwei verschiedenen Namen ausgefertigt hat. Er hat auch ausgesagt, er kenne nicht einmal die Titel eines der bestellten Bücher und habe eines davonDie Gifte, ihre Wir­kung und ihr Nachweis" nicht nur niemals gelesen, sondern nicht eininal von seiner Existenz etwas gehört. Ich werde Ihnen zeigen, daß alle diese Bücher mit Godins Wissen bestellt und daß die meisten von ihm gelesen worden sind. Ich werde außer Zweifel stellen, daß er insbesondere von biefcm Buch über Gifte nicht nur gehört, sondern daß er es auch gelesen, und daß er sein unverkennbares Zeichen auf Seite 469 neben denselben Abschnitt gesetzt hat, der dem Mörder Herrn Darrows die Art der Aus­führung seiner Gewalttat au die Hand gegeben hat!"

Godin fuhr auf, als hätte ihn einer mit dem Dolch getroffen, gewann aber bald seine Selbstbeherrschung wieder, als Mait­land fortfuhr:Hier ist der fragliche Band. Sie werden, bitte, den Daumenabdruck am Rande der Seite 469 bemerken. Es gibt nur einen Daumen auf der Welt, von dem dieser Abdruck stammen kann, und das ist der Daumen, der sich vor Ihren Augen auf diesem Briefe verewigt hat. Es ist auch derselbe Daumen, der diese Farbe auf dieses Glasstück gedrückt Hat."

Aller Augen richteten sich auf Godin. Er war sehr bleich, jedoch seine Kiefern waren zusammengepreßt, und dabei spielte etwas wie ein trotziges Lächeln um seinen wohlgeformtcn Mund. Tie Zuhörer waren bei dieser schlier unfaßbaren Wendung der Tinge so aus den Geleisen des gewöhnlichen Denkens gebracht,