Ausgabe 
3.6.1908
 
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mit welcher die jetzt ins Leben gerufenen Fortbildungs­schulen zu kämpfen haben. Die Schüler wollen sich dort doch durchaus nicht mehr um ihre früheren Lehrer sammeln. Die Ursache ist in dem System begründet, unter und in dem die heutige Schule arbeitet. Auch unser Kaiser muß diese Schulnot am eigenen Leibe und Geiste empfunden haben, sonst hätte er nicht gleich bei Beginn seiner Regierung eine Schulkonferenz angeordnet, um eine Neustellung der Bildungsfaktoren vorzunehmen. Doch was ist herausge- kommen? Leider wenig! Das alte System, wenn auch nicht ganz das alte Berechtigungswesen, ist geblieben. Man raunt sich heute in die Ohren, daß die Berichterstat­tung über jene Kvnferenzarbeiten dem Kaiser einseitig ge- macht worden ist, so daß keine andere Entscheidung möglich gewesen ist. Wie es in den höheren Schulen geblieben ist, mit um so größerer Selbstverständlichkeit mußte in der Volksschule alles beim alten bleiben.

Man wetterte auf den toten Verbalismus und rief nach Vertiefung. Die Vertiefung kam, doch der Verbalismus blieb auch. Man tadelte das Lesebuch und gab dann den Schülern ein solches mit Bildern und schönem Ueberschrif- tenaufputz in die Hände, vergaß aber dabei, daß nicht der Aufputz, sondern das Kleid allein den Körper erwärme, der Aufputz meist aber Blendwerk sei. Man klagte, daß die Schüler im Rechnen nichts leisteten, und drängte den umfangreichen Arbeitsstoff auf zwei, ja auch auf ein kleines Heftchen zusammen und gab sie Schülern und Lehrern in die Hand. Aber beide entdeckten bald mit Schrecken, daß daS Merkchen unbrauchbar war und nur noch mehr Ver­wirrung anstiftete. Es hieß: die Sozialdemokratie nähme gewaltig überhand, die Schule müsse sie dämpfen; sie er­ziehe nicht mehr zu Patriotismus! Da rückte der Ge­schichtsunterricht in den Prüfungen an die dritte Stelle, und die Ergänzungen zum Seminarlesebuch wurden in den Schulschrank gestellt. Trotz der Vertiefung der alte Jammer über Mangel an Religiosität, trotz der umgeänderten Lese­bücher kein merklicher Fortschritt im Gebrauch der deut­schen Sprache. Trotz der Rechenbücher die alte Rechennot. Trotz der Höherbewertung des Geschichtsunterrichts noch meist erschreckende Unkenntnis vaterländischer Einrichtungen und Unkenntnis.

So ist es denn nicht zu verwunderns daß die Rufe nach Umgestaltung des UnterRchtsbetriebes in unfern Schulen nicht verstummen wollen. Aber tote im Mittel- alter die Reformer als Ketzer verschrieen und verfehmt waren, so meist auch noch heute. Man mißtraut ihnen, matt feindet sie an, daß mancher den Mut verloren hat, noch weiter gegen alles Verkehrte anzukämpfen und weiter für daS Wohl der Schule zu denken und zu sorgen.

Unser so sehr bedächtiger Konservativismus ist schuld daran, daß gesunde Gedanken, welche schon unsere ersten Pädagogen wie Comenius und Pestalozzi ausgesprochen haben, noch immer nicht zur Tat in unseren Schulen ge­worden sind. Wir müssen uns beinahe vor dem heidnischen Japan schämen, welches das Gute der europäischen Kultur so schnell übernahm, dabei nicht zugrunde ging, sondern zn ungeahnter Blüte und Ruhm emporstieg.

Wenn ich ein Urteil über meine eigene Schularbeit mir erlauben darf, so komme auch ich zu einem wenig schmeichelhaften Resultat. Im Religionswissen und int Lesen und Schreiben fällt die Zensur höchstens genügend aus. Im Rechnen und den übrigen Unterrichtsgegenständen kann der Durchschnitt ehrlich kein volles genügend erhalten. Ich muß mein Urteil weiter in das betrübende Bekenntnis zusammen- sassen, daß wir Lehrer in den ersten Jahren mit unseren Schülern alle Arbeit unter Hochdruck leisten müssen, daß dieser Zustand erlahmend und oft vernichtend auf die Kräfte der Schüler für die folgende Zeit gewirkt hat, daß dann oft eine Gleichgültigkeit, ja ein Widerwille gegen jede Auf­nahme neuen Lehrstoffes entstanden !var. Daß diese an den Ergebnissen meiner eigenen Schularbeit geübte Kritik nicht auf gesunde Zustände schließen läßt, ist einleuchtend.

Nicht nach dem Kinde wird bei der Schularbeit gefragt.

sondern nach dein Lehrstoffe. Man fragt nicht: Kann das Kind das alles schon aufnehmen und geistig verdauen und assimilieren? kann das Gebotene auch freudig ausgenom­men werden? sondern es heißt einfach: Hier stehts im Lehrplan, und Du, Lehrer, hast es unter allen Umständen zu leisten, oder ich steige dir aufs Fell, dann wird es schon gehen. Ich war seinerzeit mit andern Kollegen zu einer Konferenz zur Begutachtung unseres jetzigen Lehr­plans für L a n d s ch u l e n berufen. Auf dieser Kon­ferenz sind nun drei hochwichtige Bemerkungen gefallen, die verdienen aufbetoahrt zu werden und die schlagend die von mir gekennzeichnete Lage unserer jetzigen Schule beweisen. Als ich gegen die Aufnahme der Kain- und Sündflutgeschichte auf der Unterstufe in den Lehrplan Ein­wände machte, da hieß es: Aber wo bleibt das System? Also nicht hieß es: Haben unsere Kinder auch wirklich davon einen Gewinn? Schaden nicht etwa diese blutigen Erzäh­lungen den unschuldigen Kinderseelen? Nein, von solchen Gedanken ließ man sich nicht leiten, sondern befürwortete die Geschichten mit dem theologischen System der Sünden­entstehung, ihrem Wachstum und Fortgang und dem endlich folgenden Strafgerichte Gottes. Wenn Kinderseelen sich daran ärgern, so gibt das keinen genügenden Ausschlag; wenn aber ein System bei den Kleinen nicht schon ganz ausgebaut wird, fällt das ganze Haus zusammen! Meine Vorstellungen fanden dann schließlich doch Gehör. Ich bat ferner, den Lesestoff auf der Unterstufe nicht zu erweitern und mit dem Schreiblesen nicht vor den Sommerferien zu beginnen. Da bekam ich zur Antwort: Aber was wird der Schulrat dazu sagen, wenn wir so spät anfangen und auch nicht einen Schritt weiter gehen! So wurde die große Druckschrift bis zu den Dehnungszeichen auch für das erste Jahr vorgeschrieben, und die Fibel sollte den Anfängern schon nach vier Wochen in die Hand gegeben werden. Ich war ferner gegen die Aufnahme der Katechismusstücke auf der Unterstufe. Da leistete sich einer der Unfern die Er­klärung: Die Kinder müssen nicht nur Luthers Text, sondern auch die Erklärungen lernen, denn sonst weiß ich nicht, wie ich die Religionsstunden auszufüllen habe! Armer Lehrer! Arme Schüler! Goethe hat recht:Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fort! Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage!"

So liegt nun einmal die Sache. Man kann sich das Kind ohne Buch gar nicht vorstellen. Eine Schule, die nicht unter Zwang und Gewalt arbeitet, ist ein Unding. Wie freudig und willig sind doch die Kleinen zu uns ge­kommen! Brot, Brot! leuchtete es sehnsuchtsvoll aus ihren Augen entgegen. Aber statt dessen gab man ihnen die harten unverdaulichen Kieselsteine der Fibel und des Kate­chismus und die bitteren Knackmandeln des Rechnens. Schon nach mehrwöchentlicher Arbeit war ihre Lebensfreude und ihre Natürlichkeit dahin. Ihr Mund will sich nicht mehr auftun, ihr Körper sich nicht mehr erheben. Sie scheinen vollständig zusammengeklappt zu sein, obgleich keines noch die Rute gekostet hat. Die Kleinen verlangen nicht mehr nach Beschäftigung; immerwährendes Bitten, Mahnen und Drohen muß sie an ihre aufgegebenen Arbeiten drängen. Alle warten sehnsüchtig auf den Schluß der Stunden, um mit Hurra, Wenns erlaubt wäre, nach Hause zu stürmen.

' Und nun dieser Jantmer, diese Tortur unserer Kinder mit dem amtlich vorgeschriebenen Kopflautieren, dem Analy- sieren und Synthetisieren der Sätze und Wörter, die Qualen beim Schreibeil des n, m, r, o, a! Nichts will in den Kopf und in den Griffen trotz der verdammten Einfachheit und Aehnlichkeit der zu malenden Buchstaben. Seit Jahr­zehnten ist inan das so gewöhnt, so muß es natürlich auch weiter bleiben. Wers anders versucht oder sogar treibt, verstößt gegen die offiziellen Vorschriften und muß schon eine ganz besonders gute Note bei seinen Vorgesetzten haben, wenn man seine Weise noch duldet.

Noch schlimmer als im Schreiblesen ist die Not im Rechnen auf der Unterstufe. Wieviel tausendmal werden dieselben Hebungen im Zahlenkreise von 110, von 120