Rk.86
1908
Mittwoch den 3. Juni
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Wirket, so lange es Tag ist.
Roman von Maximilian Böttcher., (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Fünfzehntes Kapitel.
Am Sonntag nach der Sommersonnenwende bestieg Heinz zum erstenmal wieder die Künzel. „Es ist eine Verrücktheit", hatte Tr. Schröder gebrummt, „eine Woche wenigstens sollten Sie sich noch Ruhe und Erholung gönnen!" Aber Heinz vermochte das Verlangen, endlich seine Gemeinde wieder vor sich zu sehen, nicht länger zu zügeln.
Tie liebe, altertümliche Dorfkirche, von treu Ergebenen mit Blumen und Tannengirlanden geschinückt, war bis auf den letzten Platz gefüllt. In der Schlvßloge saß zwischen Isabella . und Werner der Kommerzienrat. Daß Heinz in der Unterredung, die er wenige Tage vorher mit ihn: gehabt hatte, unerschütterlich auf seinem Entschluß beharrte, Isabella dürfe ihm keine Mitgift in die Ehe bringen und müsse sich deshalb noch längere Zeit hindurch prüfen, ob sie auch imstande sein würde, sich in das Los einer Pfarrersfrau zu schicken, hatte ihn stutzig gemacht und mit Sorge erfüllt. War der junge Geistliche nicht etwa ein Eiferer, ein fanatischer Asket, an dessen Seite Isa ein ödes, freudloses Leben bevorstand? Ein selbstloser, grundehrlicher Mensch war er gewiß. Wie hätte er ihn sonst bitten können, daß auch er, als Vater, seine Tochter wieder und wieder auf alle Gefahren und Widrigkeiten, denen sie entgegen ginge, Hinweisen möchte! Wäre es nicht vielleicht am besten, der Verwöhnten die Sache auszureden, — wenn's nicht anders glückte, List oder Gewalt anzuwenden, um sie von ihrer Liebe zu Vollrath abzubringen? . . .
Ueber das Wort der Schrift: „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch beleidigen und verfolgen", predigte Heinz. Obwohl es sonst nicht seine Sache war, seine persönlichen Angelegenheiten in den Kreis seiner Kanzelbetrachtung zu ziehen, so wußte er wohl, weshalb er es beute dennoch tat. Nicht allein Isabella, nein, seine ganze Gemeinde verwunderte und entrüstete sich darüber, daß er Wilhelm Bartikow — auf denr der Verdacht aller ruhte — unbehelligt laufen ließ, ja, daß er sich einer gegen diesen von Amtswegen einge- leiteten Strafverfolgung geradezu widersetzt hatte.
Etwas von der Wärme, die von Heinz Vollraths Predigt ausging, strömte über des Kvmmerzienrats Herz: Tie Worte rissen ihn hin, zwangen ihn, Bewunderung zu empfinden für den, der sich zu solcher Höhe des Denkens und Handelns auf- geschwungen.
Es kam ihm in den Sinn, daß Werner neulich gesagt hatte: „Den Wert oder Unwert des Menschen erkennt man am besten an der Fülle oder dem Nichts dessen, was er seiner Mitwelt Gutes getan hat."
Ein seltener Mann, dem es gelungen war, sich in weniger denn einem Jahr die Anhänglichkeit und Liebe Hunderter zu erwerben. Ein herrlicher Mensch, gewiß, aber wohl schwerlich
ein passender Gatte für seinen verhätschelten Liebling, seine Jsa- bell.--
Die Tage gingen ihren gleichmäßigen Gang. Heinz genas durch der: Willen zur Arbeit, die nach Win rief an allen Ecken und Enden.
Die Shmpathien, die ihm Wilhelm Bartikows Attentat eingetragen hatten, kamen seinem Arbeiterverein im reichsten Maße zugute. Fast in jeder wöchentlichen Vevsaminlung meldete sich beim Sekretariat, dem ein invalider Aufseher der Schönauer Glashütte Vorstand, eine Anzahl neuer Mitglieder. Auch die Einrichtung der Abendschule wurde im wesentlichen mit Freuden begrüßt, wenn es ja auch wohlhabenderen Fichtenwäldern nicht recht in den Kram Paßte, daß sie ihre Sprößlinge nun auch noch außer den vormittäglichen Unterrichtsstunden neben den Kindern ihrer Tagelöhner sitzen lassen sollten. Aber keiner wagte es/ Bollrath durch eine Absage vor den Kopf zu stoßen, und schließlich fühlten sich dadurch, daß die „Prinzessin vom Schloß" eine der Klassen leitete, die meisten einigermaßen versöhnt.
Heinz indessen war mit Isabellas Tätigkeit nicht sonderlich zufrieden. Er merkte bald: cs ging ihr hier wie in allem andere»/ das sie früher unter seinen Augen angefangen hatte. Sie hatte den Willen, etwas zu vollbringen; aber die Kraft versagte ihr regelmäßig schon nach dem ersten Anlauf. Ja, diestnal gewann er sogar den Eindruck, als ob sie nicht einmal den guten Willen besäße, als ob sie das Amt in der Abendschule nur übernommen hätte, um ihm einen Gefallen zu erweisen. Er begriff sie nicht/ oder er begriff sie nur zu gut und wollte sich doch nicht zufrieden geben mit dem Resultat der Erkenntnis, die er von ihrem Charakter erlangte. Er sah sie mit den Augen des Liebenden, hob sie auf den Thron und umhing sie in seiner Phantasie mit dem Purpurmantel und der Krone aller Tugenden. Es durfte nicht sein, daß sie nur ein Luxusgeschöpf war, nur dazu da, durch ihre Schönheit Männerherzen zu betören, mit leichtem Sinn des Lebens Honigseim zu naschen. Es mußte ihr gelingen, auf irgend einem Gebiet des uner'messenen Arbeitsfeldes, das der ivilligen Frau offen stand, etwas zu leisten, Befriedigung zu empfinden am Werk, am Wirken. Denn sonst ... er hätte nichts mit ihr anzufangen gewußt, weder draußen im Leben, noch drinnen in seiner Seele; denn sonst... bei Gott, sie wäre für ihn verloren gewesen.
lind er wurde nicht müde, alle Wärme seines Herzens über sic auszuströmen, allen seinen Geist über sie zu ergießen. Ob eS ihr denn nicht Freude bereitete, die ihr anvertrauten Kinder auf Stunden hinwegzutäuschen über den Kampf ums Dasein, in den sie allzufrüh gezogen würden, fragte er sie einmal. Ob sie sich nicht vorstellen könne, wie diese Kinder, die sie durch spielende Lehre und belehrendes Spiel froh und glücklich gemacht^ habe, Sonnenschein hineintrügen in freudlose Heimstätten, auf die harten, wettergebräunten Gesichter ihrer Eltern einen Abglanz des Lichts zauberten, ' das in ihren eigenen Augen und Herzen brannte? Ob es denn ftir eine Frau überhaupt etwas Reizvolleres gäbe als die Kindesnatur zu studieren, das Wachstum des jungen Gemütes mit Aufmerksam-


