Ausgabe 
3.2.1908
 
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sei» halbgefülltes Glas, als holte er aus' dein pyihischeu Wein seine (Mauten und Reime, und ließ sie dann er­klingen. Uebrigens konnte er auch für einett Priester des Bacchus gelten, so innig gut stand er mit diesem Gott. Sein Weinkeller war wie ein Tempel, aus dein er sich die göttliche Freude holte;er ist vielleicht weniger auf seme Gedichte als aitf seine Weine stolz", schrieb ich einmal an eine Freundin,und es ist auch fraglich, ob die einen oder die andern schöner sind. Getbel, der sonst em selt- samer Hypochonder ist, lebt dann bei Nacht erst auf, und mit seiner roten Kappe, vor dein Glas Champagner, nimmt er sich um Mitternacht aus wie eilt auferstandener Troubadour aus dem Mittelalter/' Den unglücklichen großen Lyriker Heinrich Lenthold lernte der junge Dichter ebenfalls kennen. Seiner Schweizer Heimat entflohen, lebte der Schöpfer desHannibal" von dem kümmerliche,t Ertrag seiner ' schwerflüssig langsamen Schriftstellerei, Uebersetz- ungen, Aufsätze, Zeitungsbriefe, in Sorge und Not.Ich halt' meine Kommode immer fest verschlossen",, sagte er tvohl mit seinem aufrechten bitteren Humor,nicht damit mir nichts gestohlen wird, sondern damit meine Wirtrn nicht sieht, daß garnichts drin ist."Eine hohe Pracht­gestalt mit ausdrucksvollem Kopf, die mau nur tu alte Gewänder zu stecken brauchte, um einen Schweizer Helle­bardier von Granfon oder Marten ans ihm zu machen, ein weinfroher Gesell, ein guter Kamerad gefiel und gclvauu er auch noch durch das, was eigentlich komisch und be- vder wenigstens seine llebersetzungen laut ertönen zu hören, frerndend war: die naive Bedürftigkeit, seine Dichtungen sie vorzutragen, ivo es irgend anging. Er wirkte dann durch die Harmonie des Ganzen, das vollsaftig Schwer- Mische in Erscheinung, Stimme und Sprache, das charakter­voll Ungeschlachte, das in seinen großartig rauhen Alpen- kehllanten, in seinem steinewälzenden Sturzbachvortrag erklang, den doch eine Seele mit Herzenslanten füllte."

Vermisöhtrs.

* Die männliche Tochter. Eine drollige Szene spielte sich auf dem Standesamte in Dünkirchen ab. Frl. Leys, eine hübsche Brünette von zwanzig Jahren, hatte sich verlobt, und die Mutter begab sich ,auf das Standes­amt, nm die erforderlichen Papiere zu beschaffen und das Aufgebot für die Tochter za bestellen. Sie erfahr von dem Beaniten, daß sie gar keine Tochter habe, sondern daß unter dem angegebenen Datum für das Ehepaar Leys ein Sohn eingetragen fei. Kein Beteuern der Frau half, der Beamte verweigerte die Schriftstücke auszuhäudigen und blieb, dabei, daß es sich um eineu Sohn handle. Nach vielem Hin und Her klärte sich die Sache auf: die Vornamen des neuge­borenen Mädchens waren mit Ganden Arsdne angegeben worden, und der Beamte hatte, da er diese als männliche Vornamen auffaßte, einen Sohn in das Geburtsregister eingetrageu. Trotz alledem wurde der Mutter erklärt, daß ihr Kind in den Büchern der Behörde ein Sohn fei, und daß deswegen das Aufgebot nicht erfolgen könne. Nun muß das Brautpaar noch einige Wochen mit der Hochzeit warten, bis die erforderliche Richtigstellung des Geburts­registers von der Behörde bewilligt ist. Um die Ironie des Schicksals voll zu machen, erhielt die glückliche Braut wenige Tage später ein Schreiben von der Militärbehörde, in bem Monsieur Arsone Leys aufgefordert wird, sich au einem der nächsten Tage zur Aushebung für den Militär­dienst zu stellen.

C. K. Eine lebende M o d e a u s st e l lu n g. In London wird dieser Tage eine Modeausstellung eröffnet, die ihre besondere Unziehungskraft durch eine Boudoir- szene erhalten soll. Durch sie soll den eleganten Damen die beste Art und Weise anschaulich gemacht werden, auf die man alle Stadien and Handreichungen der Toilette durchmacht. Ein Raum der Ausstellung ist als elegantes Boudoir eingerichtet mit einem Toilettentisch, der alle nur erdenklichen Werkzeuge und Materialien enthält, die zunl Ankleiden notwendig find. Die Vorstellung wird

natürlich nur vor Damen stattfinden. Zweimal am Tage; werden hier drei oder vier Damen an sich den ganzen Prozeß einer Toilette vornehmen lassen. Sie kommen vom Bad und übergeben sich dem Kammermädchen, die sie zn einer bestimmten Gelegenheit ankleiden. Eine Damd macht ihre Toilette für eine Vorstellung bei Hofe, eine an- dere für einen Jagdansflug, die dritte für einen Ball, die vierte für eine Spazierfahrt. Jede dieser Toiletten geht in verschiedener Weise vor sich. Französische Ankleide­frauen, die in allen Handreichungen und Finessen er­fahren sind, sind engagiert und werden die praktischste und bequemste Form des Ankleidens vorführen. Besondere Haarkünstler vollenden, wenn die ganze Ankleideszene vor­über ist, die Toilette durch eine künstlerisch ausgeführte Frisur. Einige der hervorragendsten Damen der engli­schen Gesellschaft, darunter eine Gräfin, haben sich bereit erklärt, diese Prozedur des sashionablen Ankleidens an sich vornehmen zu lassen. Die Zuschauerinnen sitzen um das Boudoir herum und haben ausgiebige Gelegenheit, mon­däne Damen in den intimsten Einzelheiten ihrer Toilette zu belauschen und diesein vorbildlichen Beispiele selbst nach­zueifern.

LLterar'lsches.

Heinrich Stümcke, Modern es Theater. Eindrücke und Studien. (Deutsche Bücherei, Band 82/83.) 186 Seiten, 60 Pfg. Berlin, Verlag Deutsche Bücherei. SW. 68, Kochstr. 73.' Der Chefredakteur vonBühne und Welt" bietet in diesen Essays eine Einführung in das Verständnis der bemerkenswerten Werke, die in den letzten Jahren über die deutsche Bühne gegangen sind. Ausführlich werden unter anderen Hauptmann, Schnitzler, Hugo von Hoffmanns­thal, Sudermann, Rudolf Herzog, ferner Strindberg, Heyer- manns, Shaw, Dreyer, Holz, Beer-Hofmaun und Wedekind besprochen, auch Shakespeare, Ibsen, die Moskauer und Eleonore Düse werden berücksichtigt. Der denkende Schau­spieler und Regisseur, Theater- und ßiteraturfreunb kann sich hier übet die Bestrebungen des modernen Theaters orientieren und luirb das Büchlein nicht oh,le Belehrnng lesen. _____________

Ratschläge.

Frost. Bei Nasenrote habe ich mit Bleiwasser gekühlt und bann Borax in Orangeblütemvasser aufgelöst ;ur Anwendung gebracht. Bei Jucken in den Händen habe ich die Hände mcht an beit heißen Ofen gehalten, sondern immer an bet Wasser­leitung mit kaltem Wasser abgefpält. Sofort horte baS Jacken und Brennen aut Hermann Klie, Kassel.

Goldene Worte.

Früher, da ich unersahreii lind bescheidner ivar als heute, Halten meine höchste Achtung Andre Leute.

Später trai ich au? der,Weide Außer mir noch mehre Kälber, Und nun schätz' ich, sozusagen, Erst mich selber. Wilhelm Busch.

Bilderrätsel.

soiiwyi

Auslösung .in nächster Nummer.

Auslösung des Rätsels in voriger Nummer: Talar.

Redaktion: P. Wittko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jeden Universitäts-Buch- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.