75

fällte durch Respiration nach außen, so daß die ausgestoßene Lust jetzt nur 15,4 Proz. Sauerstoff, dagegen 4,3 Proz. Kohlensäure enthält. Der erwachsene Mensch nimmt in 24 Stunden etwa 750 Gramm Sauerstoff auf und gibt dafür 800 Gramm Kohlensäure ah. Das durch den Kreislauf in die Venen abfließende, kohlensäurebeladene, dunkelrote Blut Itrmnt aus der rechten Herzkammer in die aus 2 elastischen, -chwammigen Säcken bestehende Lunge, gibt hier Kvhlen- äure an die Lust ab, tauscht dafür Sauerstoff ein, färbt sich lochrot und sucht nun durch die Arterien die linke Herzhälfte auf re. Die Zahl der Lungenbläschen ist auf 1800 Mil­lionen berechnet worden. Täglich werden von einem Men­schen gegen 9000 Liter Luft verbraucht. Durch die Ver- hrennung wird Wärme entwickelt, Arbeit geleistet, das Leben erhalten.

Demnach erhellt, daß kräftiges, tiefes Aus- und Ein­atmen besonders für Kinder und alle, die sitzende Lebens­weise führen, von der allergrößten Wichtigkeit ist. Bei den sich viel im Freien Bewegenden und körperlich Tätigen ordnen sich Blutkreislauf und Gasaustausch einigermaßen von selbst. Mr erstere ist darum eine methodische Lungen­gymnastik nötig. Diese vermag Reisen, Höhenklimas, See­oder Waldluft, Winteraufenthalt im Süden, Jnhalations- «pparate und Zeitopfer zur Not überflüssig zu niachen, da alles in der Erholungszeit, auf Spaziergängen besorgt wer­den kann. Reine, frische Luft ist das allen solchen Menschen unbedingt Nötige. Ein gesundes Blut-, Muskel- und Nerven- leben muß erstrebt werden, weil körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sonst behindert sind, weil man dann Krankheiten der Atem- und Verdauungswerkzeuge vorbeugen und beginnende beseitigen kann, weil sie das sicherste Mittel find, um angeborener Schwächezustände und krankhafter An­lagen Herr zu werden. Dann gelingt aber auch alles Lehren und Lernen besser. Wer die Notwendigkeit der Lungen­gymnastik einzusehen gelernt hat, der wird derselben nicht mehr passiv oder gar gegnerisch gegenüberstehen, sondern ein Förderer derselben werden.

Wie soll nun das Tiesatmen betrieben werden? Vor allem dürfen wir nicht durch den Mund, sondern müssen durch die Nase den von der Natur uns verordneten Respirator, welcher am besten das allmähliche, gedehnte, tief eindringende Atmen vermittelt, Luft zu schöpfen uns angelegen sein lassen. Der Mund kann diese Tätigkeit nur stoßweise und unvollkommen ausführen. Anhaltendes Mundatmen trocknet die Rachenhöhle und Kehle aus und läßt manche Unreinlichkeiten em. Niemand wende ein:Ich muß durch den Mund atmen, ich kann sonst nicht genug Luft bekommen". Wenn wir uns ernstlich bemühen, nur durch die Nase zu atmen, so gelingt es uns auch oder es muß in der Nase eine abnorme Bildung (z. B. Wucherung, Polypen rc.) vorhanden sein. Wer trotz ernsthafter Bemü­hungen mit dem Nasenatmen nicht auskommt, der hat alle Ursachen, sein Riechorgan einer spezialistischen Untersuchung zu unterwerfen. Mütter sollten ihre Kleinen von Haus «us an Nasenatmen und Schlafen mit geschlossenen Lippen gewöhnen und absolut nicht dulden, daß Säuglinge im Wickelkissen das Kinn der Brust sehr nahe bringen; denn dadurch werden die unglücklichen Kinder geradezu zum Luft- ichnappen gedrängt. Nur nebenbei sei daran erinnert, daß das Mundaufhalten im Schweigen (Maulaffen feil bieten") nicht als Kennzeichen von Geist und Witz angesehen wird und den Zügen gewiß nicht erhöhte Anmut verleiht. Die Züge gestalten sich angenehmer, wenn mit geschlossenen Lippen zugehört, zugesehen, gelächelt wird.

Lungengymnastik soll womöglich im Freien, bei ungün­stigem Wetter in gut gelüfteten Räumen bei offenem Fenster vor sich gehen. Das Eindringen von Winterkälte schadet dem gesunden, nicht erhitzten Körper keineswegs, sondern härtet ab und kräftigt. In einigen Erziehungsanstalten leitet der Lehrer die Atemübungen mit dem Taktstock. Die Tugend fährt gut dabei, die Brustkörbe erweitern sich, die Westen und Mieder werden zu eng, das Muskelfleisch wird strammer, die bleichen Gesichter werden farbenfrischer und runder, leichte Krankheitsanlagen der Lungen und Bronchien verschwinden. Wo Lungenertoeiterung (Emphysem) vorliegt, muß die Uebung entweder unterbleiben oder nach Vorschrift des Arztes geschehen, der vielleicht bestimmt, den Akzent auf die Ausatmung zu legen.

Jeder Erzieher, der mit seinen Kindern Atemgymnastik treiben will, geht sicherer, wenn er zuerst diesen eine Be­lehrung darüber erteilt, sie auffordert, bei den Eltern Er­

laubnis einzuholen und nur Kinder mit solcher zuläßt. Sicherlich wird sich auch ein Arzt finden, welcher, um der Sache toillen, zu seiner eigenen Belehrung, wie auch um ängstlichen voreingenommenen Eltern gegenüber einen Rück­halt zu haben, die Wirkung der Hebungen untersucht.

Am besten eignen sich die Morgen- und späteren Nach- mittagsstunden für die Hebungen. Anfänglich sollen täglich etwa 2 Kurse mit je 2030 Atmungen stattfinden, später mehr, bis zum Doppelten steigend. Nach jeder tiefen, kräf­tigen Einatmuim bei aufrechter, militärischer Haltung, ohne daß die Schultern sich heben, damit das Zwerchfell betätigt wird und ohne gewaltsames Pressen tritt eine kleine Pause ein, damit die erngeströmte Luft, sich gehö­rig verteilen kann, dann folgt langsame, gründliche Lust­entleerung. Einzelne Kinder sträuben sich und ermüden anfangs, manche befällt auch wohl Gähnkrampf, das alles ist jedoch mit seltenen Ausnahmen (in denen der Arzt ent­scheidet) schon nach wenigen Wochen beseitigt.

In unserer Zeit, wo die Maschine immer weitere Ge­biete erobert und tausende und abertausende Arbeiter und Arbeiterinnen aller Lebensalter zu einseitiger, meist brust- einengender Tätigkeit verdammt und viele einen frühen Tod erreichen, kann die Notwendigkeit und Wichtigkeit einer bruststärkenden Lungengymnastik für Jung und Alt nicht oft und nicht stark genug betont werden. Stur dadurch ver­mögen wir den Großstadtkindern einigermaßen zu geben, was die Landkinder fast von selbst bekommen, eine gesunde, kräftige Lunge. Nur dann vermag das jetzige und kommende Geschlecht die großen Errungenschaften auf allen Gebieten menschlichen Denkens und Arbeitens gehörig mrszunutzeu und weiter miszubauen.

Aus den Erinnerungen von Adolf wilbrandt.

Adolf Wilbrandt, der Siebzigjährige, hat uns ein neues Buch geschenkt, in dem er einkehrt in die goldenen Tage seiner Jugend.Aus der Werdezeit" heißt es und führt uns vom frühen Dichten und Träumen der Kinderjahre über die Wirren und Gärungen der Jünglings­zeit bis zur beginnenden Reise, da der Rostocker in Wien sich dauernd niederließ zu segensvoller Tätigkeit. Die übermütigste, tollste Zeit seiner sich regenden dichterisch genialen Kräfte verlebte er in Gemeinschaft mit Heyse und in der Sphäre der damals blühendenMünchener Dichter­schule".Paul Heyse strahlte damals in einer ersten Blüte, die kaum mehr zu überbieten war; eben achtund­zwanzig alt und schon von Ruhm und Erfolg gekrönt, in einer jungen Ehe voll Liebe, Eintracht und Glück, schön, gesund, rastlos fruchtbar, und mit Mutterwitz und Humor so reich ausgerüstet, daß er auch Berge von Unglück überstiegen hätte. Sein von langem, schön fallendem Haar umflossener Kvpf war ein Dichterkopf; und wie die vor- driugenden Augen leuchteten, so tönte sein Tenor, so flutete seine Rede, in der jeder, der Ohren hatte, den Poeten hörte. Auf spaßhafte dramatische Weise lernte ich ihn kennen: ich hatte ihn noch nicht (oder einen Augenblick) gesehen und sprach mit seiner Frau, während er nebenan tief in Arbeit steckte; da hörten wir seine Tür zum Vorplatz auf­gehen, eine fremde Stimme, und dann Paul Heyses kraft­voll herzlichen Tenor:Ah! Wie freu' ich mich, dich 'mal wiederzusehn! Ich hab' gar keine Zeit!" Diese beiden Sätze, so unmittelbar nacheinander gesprochen und gleich herzlich beide ei das ist genial, dachte ich. So spricht kein Mensch und so sollte jeder sprechen!" Auch Geibel stand Wilbrandt damals nahe und bald verband beide miteinander das brüderliche Du.Geibel wirkte im Umgang nicht durch Geist, Beredsamkeit, Witz oder Humor, sondern durch etwas, das freilich auch leicht zu parodieren war, eine gutmütige, aber beinahe feierliche Würde, die ihn auf der Stelle von der Menge schied. Alles war Würde an ihm, der Gang, der Charakter­kopf, der schön geformte, mächtige Schnurrbart, der wohl­tönende, bedächtig redende Baß . . . Man konnte ihn einen Priester der Dichtkunst nennen. Sluch wenn er in I guter Stunde und guter Gesellschaft schön improvisierte ich habe ihn einige Male mit Bewunderung gehört hatte er etwas Priesterliches.; er schaute mit tiefem Blick in