Ausgabe 
2.12.1908
 
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habe Dir aus den eigenen Erlebnissen seit dein 28. v. M. nur bruchstückweise geschrieben. Die näheren Beschreibungen mögen auch überhaupt mündlicher Mittheilung- Vorbehalte!: bleiben. Im Allgemeinen aber waren es trübe Tage von: 28 November bis 1. Dezember. Wir waren ohne rechte Uebersicht von den:, was der Feind vor uns zu bedeute:: hatte, an: 24. November ans ihn losgegangen, er hatte keine besondere Widerstandslnst gezeigt, und wem war ziemlich unbesorgt. Am 28. November Morgens aber wurden ton; in: militärischen Sinne überrumpelt, d. h. unsere Vor- postei: ivurden ganz unerwartet heftig angefallen, und als wir in unseren: Dorfe Jnranville auf die ersten Schüsse aus den: Walde her aus die Straße sprangen, fttsch- te:: die Kugeln schoi: ganz handfest auf die Gasse, und einer meinet Leute wurde schon durch den Fuß geschossen, ehe ton noch unsere Compagnie rangirt hatten. Die 4. Compagnie, über deren Verlust Du Dich einst so gegrämt, war auf Repli und hielt den ersten Anlauf muthig aus aber der Com- pagnieführer wurde durch die Brust geschossen, und von den beiden anderen Offneren der eine sehr schwer, der andere leichter verwundet. Das ganze Bataillon, und was von Infanterie noch sonst zur Hand >var, zog sich nun schnell aus dem rings vom Walde umgebenen und von den: feind­lichen Feuer erreichten Dorfe zurück und sammelte sich Mr Aufnahme der Borpostencompagnieen ein Viertelstündchen rückwärts hinter einer flachen Höhe, die, wie hier vielfach, mit Nußbäumei: durch das ganze Feld hin besetzt und von Weinbeeten durchzogen war. Als daS Feuer unserer ume näher kam, gingen wir vor, und ich mit meinem Zuge an der Spitze über die Höhe hinweg in die Weinberge. Dort lagen wir dann wohl eine Stunde lang im stehenden Feuergefechte mit bei: herandrängenden Massen, bis sich eine Lockerung drüben zeigte, dann ging es mit Hurrah auf ihn los, uno unsere rechten Flügeleompagnieen nahmen eine Zeck lang wieder Besitz von dem Dorfe und machten chinige Hundert Gefangene. Aber zu einem nachhaltigen Erfolge waren ton zu schwach und mußten uns schließlich nach zwei- oder ztvec- undeinhalbstündiger Arbeit auf unsere ursprüngliche Srel- lnng zurückziehen, lvo die Artillerie dem Nachfolgen, deo Gegners leicht ein Ziel setzte. - So würde das einfache m i l i t ä r i s ch e R e s n l t a t lauten, m e n s ch l: ch aber um­fassen solche Stunden doch eine ganz eigen thumlich reiche Stufenleiter von Empfindungen, und wer daheim viel zu verlieren hat, muß sich seines Zweckes und seiner Pflrche recht ernst bewußt sei,:, o unbeirrt nur das Rechte zu thun. Vorstellen kaim sich eine solche Feuerprobe Niemand, der nickt darinnen gewesen ist; die Kugeln pfeifen, heulen, zischen und quatschen so un: Einen herum, daß man sich selber gar nicht denken kann, man könnte mit Heuer Haut aus d e r Schule heranskommen, und ivemt dann die Ver­wundeten aufschreien und die Tobten zusammenschnappen, so pocht bas Männerherz gewiß an die Rippen, zuletzt aber wirb Einem der ganze Schwindel geradezu egal und man laßt pfeifen und fitschen, was pfeifen und fitschen will. ^ch schrieb Dir schon neulich, daß mir damals auch mein guter Löwenstein erschossen worben ist. Er bekam erst erneu Schuß durch den Mund, schiei: aber noch Bewußtsein zu Imbeit, denn er streckte die Hand wie flehend nach nur aus. Ich gab ihm die Hand und legte ihn eben still auf die Erde, weil ich sah, daß er zu Tode getroffen war da traf :hu ein zweiter Schuß gerade zwischen die Augen, und nun rntjchte er lautlos in sich zusammen. Meine liebe Tüla, da» sind ernste und schwere Bilder! Der arme Kerl hatte seine Pflicht so gern nut Dienstleistungen aller Art getham nur- bas eigentliche Fechten war gelviß ferne schwächste Seice; dennoch legte er sich so still und rescgnirt neben tinch nteber und schoß, tote ich ihn antotes, ruhig und pflichttreu, bis ihn der Tod ereilte. Als wir am anderen Tage mis der Chaussee mt der Kampfstätte vorüberzogen und die Nußbaumkronen Mis dem Abendnebel so umhin iithrg herubersahen, hatte es mir fast das Herz abdrücken mögen, so weh that mn der arme Mensch, der dort die fremde Erde uttt fernen: Blute färbte. Vorbei! vorbei! das ist das Motto des Krieges, wenn die Dinge erst in Fluß gekommen sind! M der Nacht nach den: Gefechte bivouakirten wir mit wenig Stroh, bei einem mageren Feiler und fast ohne alles Eßbare; doch ging die Nacht schnell vorüber, da ab und zu kleine Unterbrechungei aus der Borposteiikette herüberkamen, unb bte Kugeln einmal bis mitten in unser Mvouac schlugen. Gegen Morgen aber zogen die Franzosen lvieder rückwärts, mir ^dlne Zurück­gebliebene ließen sich iir den: Dorfe fangen, und em Tureo

mußte abgeschlachtet werden, weil er sich in einem Hause' verkrochen hatte und hinter Matratzen hervor aus einer dunklen Ecke aus Angst oder aus Muth? immerfort !choß. Abends übernachteten wir wieder in dem Uuglücks- dorfe. Es sah schön darin aus! Die Franzosen und unsere Granaten hatten darin gewirthsckaftet, und es gab tonnber- liche Seeiien bet Zerstörung und des Elends. Ja dem Häus­chen, wohinein ich mich legte, mußten ton uns erst mit Ge­walt die Thür öffnen; drinnen aber saß, ohne Nahrung und 1)1)116 Luft, ein halb stumpfsinniges altes Weib unter den Trümmern ihrer Habe und zog leise fluchend in die Nacht ab, als wir sie aufscheuchteu. Im Nebenhause wollten sie unsere Soldaten nicht einlassen, weilun Messe darinnen! lag, bei: sie als sauve-garde gegen Einquartierung einge­nommen hatten. Der blessß, ein armer Teufel von Mobil- garbisten, lag beim auch mit einem zerschmetterten Obcr- chenkel in der dämmrig erleuchteten Stube o» der Erde, daneben auf dem breiten Bette aber lag ein alter Bauer, der Schwiegervater des Hausbesitzers, der am Morgen durch! eine verirrte französische Kugel dicht vor seiner Hausthttre zusaminengeschossen und gleich tobt geblieben war, nub seine alle Frau tanzte um ihn herum, imb verwünschte die sc6- lerats Francais, bie ihn gelobtet hätten. Natürlich würben unsere Leute mitten zwischen den Tobten imb Schtoerverwujt- beten hineingelegt und begannen ihr Kochhandwerk, von den: sie Nichts abhalten kann, ohne nach dem Trödel um sich herum zu fragen. Der nächste Morgen schien uns sehr glücklich. Wir marschierten nach vorwärts, und da sich fchetn- bar größere Massen auf der Chaussee zusammenfanden, s» vermutheten wir eine Schlacht in Aussicht. Leider kam e?, nicht so. Es wurde nur eine größere Recognosenung beabsichtigt und zu deut Ende ein Dorf angegriffen, das der Schlüssel der höchst unübersichtlichen französischen Stellung zu fein sckien. Zwei Compagnien 79er drangen unter dem Schutze des Granalseuers bis an und stellenweise bis in das Dorf, zwei schwache Compagnien von uns, meine (4.) unb bie des Lis. v. Plettenberg, sollten bet: Angriff unterstützen. Wir kamen aber, weil sehr spät abgeschickt, erst in bem Augen­blicke in die Höhe geklettert, als der Commanbeur jener beiben Compagnien bas Dorf vor der darin angetrofseneu Uebermacht wieder verlassen mußte, und vor dein Anblick seiner zurücklausenden Leute und dein furchtbaren Feuer, das ihnen nach- und uns eutgegentäm, wachte unser Com- mandeur und die Leute mit ihm fast mechanisch Kehrc. Ich wollte nicht so weit zurück, und lief zu meinen: Schutzew zuge vor, der den Anprall aufhalten sollte. Aber bte lieber- macht war zu groß, und bie Kerle wichen im Handumdrehen in einen Wald aus, wo ich sie bald in gleicher Höhe mit der zurückgehenden Kolonne rückwärtslaufen sah. Mit den wenigen muthigen Burschen, bie bei mir blieben, lpelteui wir noch eine kurze Zeit Stand, bis sich an der owecke Cavallerie zeigte. Dann gab ich sellßt das Zeichen gum! Laufen, denn wenn uns die Cavallerie nur fünf Minu.en ver­folgte, waren wir verloren. So bin ich lange nicht ge­sprungen, wie damals, zuletzt konnte Keiner mehV um wir mußten ganz langsam gehen, obgleich sie au mw paar Leute jetzt ein Feuer machten, daß bie Kugeln nur so rechts unb links von uns spritzten man m u ß zuletzt an eine göttliche Fürsehung glauben, denn das bloße llngefähr tonnte nicht so rechts und links spielen, ohne den N'nalen Weg zu treffen, auf dem inan geht. Ain unteren Waldraude schloß ich mich mit meinem kleinen Häuschen einer Compagnie an, bie bort zur Bertheidigung eines Gehofts stand D orck gab es einen zweiten Kugelfegen, und bie Ziegelsteine klapperten nur so von den ausschlagendeii Kugeln. Endlich, "ls wir auch dort von mehreren Seiten umgangen wurden, zog N) b Abtheilung, bie zii dem 79. Regimente gehörte, nack; einer flnberen Seite ab, und ich ging, fast «och allem, zu meiner früheren (2.) Compagnie, bie in ben ersten Gehöften des -Domes Juranville lag unb leitete bort, weil kein älterer Offizier da war, bie Vertheibigung, bis uns da^

Ilankenseuer und die Sorge um bte Rückkehr ->u u tsereu Reserven, zu denen wir nur noch hier und da einzelne Grüppchen aus den Wäldern hinlaufen sahen, zwang, auch den letzten Posten zu räumen, und auf bte Hauptstellung rin'ückznaeben wohin uns aber bie Franzosen gar nicht folgten 8 Als 'ich fast eine Stunde nachher unser Bataillon

Ä ich mit großer Freude empsanmn^ich war einmal im Weinberge hin geschlagen, undmeine -ent hatten in Folge dessen erzählt, daß ich gefallen >oaie. Ooir R Dank, daß es nicht fo war. Es ist eine zu elende Bagage,