Ausgabe 
2.12.1908
 
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_ Oh, das denke idjl nicht, bemerkte Papa Tirauclair mit der Unschuldigsten Miene, deren er fähig war. Es kommt nns haupt­sächlich auf das an, was den Herzog von Saivmeuse betrifft, und (ruf den brauchen Sie. ja wohl keine Rücksichten zu nehmen. Uebrigens können Sie sich auf unsere Verschwiegenheit verlassen, soweit sie notwendig sein sollte.

In der Tat! rief Bavois, sich besinnend. Warum sollte ich auch nicht davon sprechen? Es ist ja nicht das Geringste vorgefallen, was den Herren d'Escorval zur Unehre gereichen könnte. Also hören Sie:

'sie wissen wohl, daß es sich um die Rebellion handelte, die von dein früheren Besitzer des Schlosses Sairmcuse angestistet Ivar, einem gewissen Lachenenr. . .

Bei diesem Rainen Lachenenr überzog eine dunkle Röte Lecoqs Gesicht; er wollte etwas sagen, aber Tabaret gebot ihm mit einem Blick Schweigen und fragte ruhig:

Lachenenr? Was war denn das für ein Mann?

Eiil sehr braver, das kann ich Ihnen versichern. Denkeir Sie, er hatte, als die Güter der Emigranten im Namen der Nation versteigert wurden, die Besitzungen der Familie Sairmense erworben. Tas Geld dazu hatte ein altes Fräulein der herzog­lichen Familie ihm gegeben; aber kein Mensch wußte davon. Trotzdem gab er sofort die ganze Besitzung freiwillig heraus, als Mit den Bourbonen auch der Herzog von Sairmeuse zurückkam. Das war ein Junker, sage ich Ihnen, solche gibt's schon lange Nicht mehr. Durch Lacheneürs zwanzigjährige Arbeit waren die Güter dreimal so viel wert geworden; der Herzog nahm das Alles ruhig an und sagte nicht malschönen Dank". Im Gegen­teil, er gab dem Lachenenr zu verstehen, er würde Wohl sein Schäfchen ins Trockene gebracht haben, und das wäre eigentlich -Nicht viel besser als Unterschlagung; denn alles was er hätte, Wäre mit den Erträgnissen von Sairmeuse erworben.

Tatsächlich, hatte nun Lachenenr außer der prachtvollen Be­sitzung Sairmeuse gär nichts, er mußte also wie ein Bettler aus seinem schönen Schloß herausziehen, und mit ihm seine Tochter Marianne, die schönste und beste junge Dame weit und breit. Sein Sohn Jean mußte aus Paris, wo er Student war, zurück- kommen. An dem war eigentlich nicht viel dran; er hatte in der letzten Zeit gar nicht mehr studiert, sondern sich an eine Schau­spielerin gehängt und Ivar selber als Schauspieler aufgetreten.

Lachenenr wollte sich natürlich rächen: er machte die große Rebellion von Montaignac. Er dachte, wennder Andere" zu­rückkäme Sie wissen, so nannten wir unseren Kaiser Napoleon so würden die Emigranten wieder zum Lande hinaus müssen, und tiaiui würde er dem Herzog von Sairmeuse sein früheres Eigentum wieder abnehmen.

Die große Rebellion mißlang kläglich. Der Plan wurde rin paar Stunden vor der Ausführung bereits verraten; Lachenenr Mit seinem aufrührerischen Landvolk kam zu spät. Die Tore von Mvntaignae waren geschlossen, und unser Bataillon war «usgerückt und hatte sich in einen Hinterhalt gelegt. Natürlich trieben wir die armen Bauern wie eine Schafherde auseinander. Uebrigeus wurde zwar eine Menge Pulver verbrannt, aber es trafen nur wenig Kugeln. Tenn Sie können sich denken, die meisten von unserem Bataillon hätten's lieber gehabt, wennder Andere" zurückgekehrt wäre.

Es wurden eine Menge Leute gefangen genommen, aber der Haupträdelsführer Lachenenr entkam in die Berge, und wir dach­ten alle, er wäre über die Grenze ins nahe Piemont hinüber -geflohen. Der Kommandant von Montaignac, Generalleutnant Herzog von Sairmeuse, war außer sich vor Wut und setzte so­fort einen Preis von zivanzigtcmsend Franken auf Lacheneürs Kopf. Das wurde des armen Teufels Verderben. Er hatte rin Versteck bei einem Schenkwirt, dicht an der Grenze, namens Balstain, gefunden. Sobald der Mensch von der hohen Be­lohnung hörte, wollte er sich das Sündengeld verdienen. Lache- 1teuv konnte zwar noch aus dem Hause entfliehen, weil er ge­warnt wurde, aber er lief dem schlimmsten Kerl in der ganzen Gegend, der von seinem Versteck Kenntnis erhalten hatte und ihn mit einer Dragonerpatrouille verfolgte, gerade in die Arme hinein. Das war ein gewisser Chupin.

Chnpin! rief Lewa, von seinem Stuhl aufspringend.

So, so Chupin? sagte Papa Tabaret, sich die Hände reibend. Aber, mein guter Leeog, es kann dich doch nicht wun­dern, daß du diesen Namen hörst! Ich wenigstens hatte ihn bestimmt erwartet. Nun, und wie wurde es mit diesenr Chupin? Wandte er sich wieder an den alten Soldaten.

Hm, antwortete dieser. Er bekam sein Geld, die 20 000 Franken, und sogar in Gold. Aber er hatte nicht viel Freude daran. Schon früher war er ein schlimmer Geselle gewesen, Rin berüchtigter Wilddieb, dem man lieber aus dem Wege ging. J

Nach seinem Verrat aber wollte kein Mensch mehr etwas von ihm wissen oder mit ihm trinken. Außerdem lebte er in be­ständiger Unruhe; der Wirt Balstain hatte nämlich einen grimmigen! Haß auf ihn, weil Chupin ihm bei Lacheneürs Fang um eine Viertelstunde zuvorgekommen war. Er hatte wenigstens einen Teil von der Belohnung verlangt Chupin gab ihm nichts, und da schwor er bei der heiligen Jungfrau, er wolle nicht eher wieder mit seinem Messer essen, als bis er cs dem Chupin im Leib herumgedreht hätte.

Und Lachenenr? fragte Leeog.

Er wurde zwei Tage darauf guillotiuiert. Aber das weiß ich nur vom Hörensagen. Da war ich nämlich schon von Mon- taignae fort, und mein eigener Hals war in ebenso großer Ge­fahr. Und das ging so zu:

Unter den Verhafteten war auch der alte Baron d'Escorvak. Er war zwar nicht schuldig, sondern hatte die Bauern nur zur Vernunft bringen wollen. Aber er war gefangen genommen und wurde mit den anderen vor ein Kriegsgericht gestellt, das ihn! ohne lange Formalitäten zum Tode verurteilte. Er hatte dieses Schicksal vor allem zwei mächtigen Feinden zu verdaukeii, dem! Herzog von Sairmeuse und dem Marquis von Courtomieux. Dies waren die beiden größten Herren in der ganzen Gegend; sie hatten Von Paris aus unumschränkte Vollmachten erhalten, die Rebellion nicderzuwerfen und die Empörer zu bestrafen; sie waren also den ganzen Tag. beisammen. Außerdem standen sie noch in engen vertvandtschaftlichen Beziehungen zueinander, indem die einzigs Tochter des Marquis von Courtomieux mit dem einzigen Sohn des Herzogs, dem jungen Marquis Martial von Sairmeuse, verlobt war.

Der Bacon d'Escorval schien verloren zu sein, denn Urteils eines Kriegsgerichtes werden binnen vierundzwanzig Stundet» voll­streckt. Aber es war zum Glück ein Haken bei der Sache: der junge Marquis Martial hatte sich in eine Falle locken lassen, und das Schriftstück, wodurch die Verschworenen von Tag und Stunde benachrichtigt wurden, eigenhändig aufgesetzt; er dachte, es wäre eine Hochzeitseinladuug für einen Bekanntei» Lacheneürs. In dessen Hause strich er nämlich fortwährend herum; er hatte, trotz seiner Berlovnng mit Blanche de Courtomieux, ein Auge auf die schöne Marianne Lachenenr geworfen. Biele Aussichten hatte er da freilich nicht, denn Marianne war mit dem jungen Maurice d'Escorval heimlich verlobt. Sie liebtet» sich schon lange.

Aha I rief Lecoq, indem er ein sehr befriedigtes Gesicht machte.

Der Korporal sah sich erstaunt im Kreise um; Herr Tabaret, der sich während seiner Erzählung mindestens schon zivanzignml die Hände gerieben hatte, nickte ihm zu und sagte:

Mein Freund denkt nur an den alten Satz:Suche das Weib!" Aber bitte, fahren Sie fort.

Nun also, begann der alte Bavois wieder, nachdem er eilt Glas Wein getrunken hatte, dies für den Herzog und seinen Sohn sehr unangenehme Schriftstück spielte einer der Gefangenen in Mariannens Hände. Sie ging zum Herzog und erklärte rund heraus:Entweder ist der Baron d'Escorval morgen früh in Sicherheit, oder das Papier wird nach Paris gebracht und dort gewissen Personen übergeben die man natürlich nicht gerade unter Ihren Freunden aussuchen wird."

Mas wollte der .Herzog machen? Er mußte auf die Be­dingung eingehet», umsomehr, da sein Sohn sofort erklärte, er würde selber alle Vorbereitungen zu einer Flucht treffen. Jeden­falls dachte et dabei hauptsächlich daran, dem von ihm begehrten Mädchen einen Gefallen zu tun.

(Fortsetzung folgt.)

Lin VM aus den Aämpsen mit der Loire-Armee.')

Fleury bei Orleans, 6. Dezember.

Wenn diese Zeilen zu Dir kommen, wirst Du laugst durch die Zeitungen erfahren haben, daß die Loire-Armee in den Kämpfen vom 2. bis 4. Dezember gänzlich geworfen und Orleans seit der Nacht vom 4./5. Dezember wieder in unseren Händen ist. Obgleich immer nur einige Stunden votr dem Schauplätze der Entscheidung entfernt, haben wir doch nur deu Kanonendonner gehört, dann einzelne kurze Ge­rüchte gehört, und miisseu von den endlosen Zügen von Gefangenen, denen lvir begegnen, abnehmen, daß die Arme« wahrscheinlich in einem Zustande ist, der ihr ferneres Auf­treten im Felde ziemlich zweifelhaft machen möchte ob­gleich das Gesindel mit dem Mute der Verzweiflung kämpft (so lange, bis die Panik über den Einzelnen kommt). Ich!

*) Diese Schilderungen entnehmen wir denFeldbriefest von Heinrich Rindfleisch 1870/71". Bei Banderhoeck u. Ruprecht, Göttingen