Ausgabe 
2.12.1908
 
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Mittwoch den 2. Dezember

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1908 Nr. 189

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Herr Lecoq.

Kriminal-Roman von E. Gaboriau.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

43. 5kapitel.

Hundertmal hatte während der letzten Wochen Lecoq bei sich geseufzt: Wenn ich doch wusste, iver dieser Mai ist! Und jetzt, da cr's wußte oder wenigstens mit größter Wahrscheinlichkeit ver­muten konnte, mußte er sich sagen, daß diese Kenntnis für ihn so gut wie wertlos war. Eine neue viel dunklere Frage tauchte vor ihm auf: Warum ivar der Herzog von Sairmeuse in der Ver­kleidung eines Proletariers in die verrufene Spelunke gekommen? Und wer war die ebenfalls verkleidete Frau mit den Diamant­ohrringen ?

Seeon fühlte, daß er diese Frage bcanttvorten mußte, um snr Lösung des Rätsels zu gelangen. Wer würde ihm das jemals glücken? Er verhehlte sich nicht, daß durch die Verwicklung des Untersuchungsrichters d'Csoorval in die verworrene Angelegen­heit fast jede Hoffnung für ihn schwand. Er fürchtete sich, Herrn Segmüller überhaupt etwas davon mitzuteilen, denn er konnte Nicht wissen, wie weit dieser die Rücksicht auf den Kollegen treiben würde. Damit ivar zugleich L-coqs ganze Laufbahn bei der Polizei in Frage gestellt.

Den ganzen Nachmittag ging er herum, ohne einen festen Entschluß fassen zu können. Endlich legte er sich mißmutig und abgespannt zu Bett: vielleicht käme guter Rat über Nacht! Und seine körperliche Ermüdung war so groß, daß er wirklich in Schlumnrer verfiel, in einen unruhigen Schlummer freilich, der Von wirren Träumen geängstigt wurde.

Er mochte eine Stunde geschlafen haben, als er von einem starken Pochen an der Tür aufgeweckt wurde.

Wer ist da? Was giöt's? rief er.

Ein Brief von Herrn Tabaret.

Sofort sprang er aus dein Bett und öffnete. Ein Dienst- titoun übergab ihm den Brief und erklärte, er solle auf Antwort warten.

Bor Aufvegung zitternd, riß Lecoq das Schreiben auf,' es war kurz genug, nur drei Zeilen:

Mein lieber Junge! Wenn Du morgen früh um acht bei mir frühstücken willst, kannst Du vielleicht einiges zur Vorgeschichte desFall Mai" erfahren. Tirauclair.

Ein viertel vor acht Uhr war Lecoq nach einer schlaflos ver­brachten Nacht in der Nue Saint-Lazare. Papa Tabaret strahlte; tue Gicht war gänzlich vergefsem

Du siehst, sagte er mit einer Handbewegung nach dem sehr einladend mit kalten Speisen und einer Anzahl Flaschen besetzten Frühstückstisch, ich habe dafür gesorgt, daß der Mann, den ich er­warte, etwas Gutes für den Magen vorfinde. Es ist zwar ein wenig früh, aber er ist ein alter Soldat und fürchtet sich zu keiner Tageszeit vor ein paar Flaschen Wein. Ich glaube, ich habe in dem Korporal Bavois gerade den rechten Mann zur Hand,

um uns Auskunft zu gebet!. Er stammt aus Mouiaiguacich muß also die ganzen Verhältnisse jener Gegend kennen. Außer­dem aber hat er, wie ich bestimmt glaube, die Unruhen vom Jahre 16, in die der Baron d'Esvorval lind der alte Herzog von Sairmeuse verwickelt Umreu, selber mitgeniacht. Daß er uns alles sagt, was er weiß, daran zweifle ich nicht. Ich habe vor ein paar Jahren einen jungen Neffen von ihm, der in einen: hatzlichen Verdacht geraten Ivar, davon befreit, indem ich bett wahren Schuldigen entdeckte. Er hat mir Dankbarkeit dafür ge­schworen. Die Hmiptsache ist, daß er meinen Brief erhalten hat; das weiß ich nämlich nicht, weil das Jnvalidenhaus gestern abend schon geschlossen war. Aber wir werden es bald erfahren: es muß in wenigen Minuten acht Uhr sein, und wenn Bavois nicht mit dem. Glockenschlage erscheint, so ist das einfach ein Briveis, daß er meine Befehle nicht bekommen hat.

In der Tat, als Tabaret die letzten Worte aussprach, schlug! es auf dem Bahnhof Saint-Lazare acht, und im selben Augen­blick wurde die Wohnungsglocke gezogen. Eine Minute späte« öffnete sich die Tür, und ein alter Soldat, in der Uniform der Invaliden, betrat das Zimmer. Man sah der braunen, beinahe lederartigen Haut des Gesichtes an, daß es den Brand der ägyptischen Sonne und den Frost der russischen Schneefelder kennen gelernt hatte. Eine scharfe schmale Hakennase sprang unter den funkelnden schwarzen Augen hervor, ein buschiger, weißer Schnurr­bart fiel ihm über die Lippen. '

Ei sieh da, mein alter Bavois! rief Vater Tirauclair, Freut mich, daß Sie gekommen sind, und pünktlich wie immer?

Aber natürlich doch! antwortete der alte Krieger im schönsten militärischen Baß. Sie wissen ja, daß Sie dem Korporal BavoiS nur zu befehlen brauchen.

Schön, schon! Nun, zunächst, bitte, nehmen Sie Platz. Dieser junge Herr ist ein Freund von mir, Herr Lecoq.

Nachdem der Korporal mit einem, in Anbetracht der frühen Stunde sehr achtungswerten Appetit unter de» Speisen aufge­räumt und einige Gläser Wein hinuntergegossen hatte, hielt Papa Tirauclair cs an der Zeit, zur Hauptsache zu kommen und begann:

Nun, mein alter Korporal, wir möchten von Ihnen gern einiges aus Ihrem Leben erfahren. Sie sind doch aus Montaignac, nicht wahr?

Ganz recht.

Da wissen Sie also, ohne Zweifel, mit den Unruhen Bescheid, die zu Anfang des Jahres 1816 gegen die Bourbonen in der dortigen Gegend stattfanden.

Das will ich meinen. Ich war ja selbst daran beteiligt, erst auf der einen, und dann auf der anderen Seite.

Herrlich! rief Tabaret. Nun, dann erzählen Sie uns doch 'mal, wie war's damit, daß der Herzog von Sairmeuse dem Herrn Baron d'Escorval wollte den Kopf abschlagen lassen?

Der Invalide toarf einen mißtrauischen Seitenblick auf Lecoq und sagte nach einigem Besinnen:

Hm, hm! . . . Das heißt Sie wissen wohl, daß ich denk Herrn Baron, und jetzt seinem Sohir, sozusagen alles verdanke. Ich möchte nicht gerne etwas sagen, was meinen Wohltätern! vielleicht nachteilig sein könnte.