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„Sehen Sie, dort drüben liegt Lessing begraben nit'o die hohen Bäume dort hat der Campe gepflanzt, der den Robinson geschrieben hat." Da sagte ich: „Meister Raabe, ich möchte Ihnen jetzt mal sagen, ivas ich für Ihr bestes Buch halte." Er sah mich forschend, fast feindselig an. „Deu Stop fluchen," sagte ich. Da blitzte in seinen ernsten Augen eine Freude auf, und er rief: „Das ist wahr! Das ist wirklich wahr! Der „Stopfkuchen" ist mein Bestes! Können Sie das nicht den Leuten sagen?"
Ich habe es schon öfters gesagt und sage es wieder, gleichzeitig als Geburtstagsgruß an den lieben Meister in Braunschweig. Wilhelm Raabe ivird in dieser Woche 77 Jahre. Paul Keller.
vevmßschLss.
* Preußische Grobheit. Eine holländische Firma in Rotterdam, anscheinend ein kleines Geschäft, hat, wie wir iir der „Köln. Ztg." lesen, die Naivität gehabt, in ihrer llnbe- holfenheit an einen preußischen Bahnhofsvorsteher — vielleicht auch an mehrere — ein Schreiben zu richten mit der Mtte um Aufgabe von Adressen deutscher Handelsfirmen. In den Hamburger Nachrichten lesen wir, daß der gedachte preußische Beankte „das Ansinnen der Firma mit gebührender Derbheit zurückge- getviefen" habe. Wahrscheinlich hat bei Holländer diese erste derbe Zurückweisung noch nicht im Besitz gehabt, denn inzwischen ist bei dem Bahnhofsvorsteher eine.zweite Karte mit Rückantwort eingelaufen, deren Inhalt luie folgt lautet: „Leider bis zur Stunde noch' ohne Antwort auf mein Schreiben, womit ich um gefl. Ausgabe einiger Adressen von Gemüsehandlungen ersuchte, wäre es mir sehr angenehm, solches noch von Ihnen erhalten zu dürfen, wozu Sie gefl. blie z. Z. angebogene Karte beuutzeir wollen. Indem ich Sie nochmals im voraus bestens danke, sehe ich Ihrer werten Rückän.ßerung gern entgegen und zeichne hoch-- achiend. . ." Und was antwortet der preußische Bahnhofsvorsteher, nach dem genannten Blatte, auf diese komisch-naive, vielleicht auch reichlich zudringliche, aber doch in der Form nicht unhöfliche Karte des biedern Holländers? Er antwortet unter dem unbegreiflicher Beifall der Hamburger Nachrichten folgendermaßen: „Ihre Dummdreistigkeit übersteigt alles, was mir je vorgekommeu ist. Ein preußischer Staatsbeamter ist doch reicht dazu da, holländischen Händlern Adressen zu verschaffen, an die sie ihre meist minderwertigen Wären schicken können. Wenderr Sie sich gefälligst an berufsmäßige Auskuuftgeücr, die vielleicht gegen Vorauszahlung Ihre anmaßenden Würrsche erfüllen. Können Sie mir nicht mitteilen, ob die dortigen Bahnhofsvorsteher Ans- kunftsstellen für d«as Ausland sind? In Preußen haben wir mit unserem Dienste zu tun, denken auch nicht daran, unsere eigenen steuerzahlenden Geschäftsleute zu schädigen. Die seinerzeit angebogene Karte hatte ich zur Antwort benutzt, die allerdings wohl faunt in Ihrem Sinne ausgefallen ist: daher stellen Sie sich dumm, denn meine Aeußerungen passen nicht in Ihren Kram. Ich würde es aufrichtig bedauern, wenn einer meiner Antts- brüder harmlos und gutmütig genug wäre, Ihr Ansinnen zu erfüllen. Leuten Ihres Schlages geblihrt eine ganz gehörig grobe Zurechtweisung. Schließlich empfehle ich Ihnen, einige Jahre die deutsche Sprache zu erlernen, denn „auf dem Hochdeutschen" vermögen Sie sich nicht richtig auszudrücken." Man brauchte sich wegen eines holländischen Krämers und eines vielleicht mehr von Beamtengefühl als von Herzenskultur beherrschten preußischen Bahnhofsvorstehers nicht weiter mit dem „Fall" zu beschäftigen, verdiente er nicht als ein kleines, aber vielsagendes Beispiel für die bedenkliche deutsche Grobheit Beachtung, die sich hier und da int Verkehr mit dem Auslände in der verfehlten Doppelpose polternder Schneidigkeit und scheltender Schulmeisterei breit macht. Eine solche Erscheinung ist, abgesehen vom rein menschlichen, vom wohlverstandenen nationalen Standpunkt aus ebensowenig rühmenswert wie ihr Gegenteil, die unwürdige Verhimmelung, die man ebenfalls bei manchen deutschen Handlungen und Aeuße- riiugcn dem Auslande gegenüber feststellen kamt. Beides sind Dinge, die dem Deutschen int Auslande das Leben recht sauer ntachen und die Kultur feiueA Vaterlandes in Verruf, das Deutschtum mutwillig um alle Sympathien bringen. Achtung und Sympathie für den deutschen Namen sind aber wichtige Imponderabilien, ote der im Ausland? lebende Deutsche gesellschaftlich und wirtschaftlich sehr gut gebrauchen kann. In diesem Falle kommt erschwerend hinzu, daß es sich um feen Angehörigen einer besonders veivenndeten und stammverwandten Nation handelt, in deren Landen ungezählte Deutsche leben. Zu der rein menschlichen und praktrschen Seite der groben Abfertigung braucht nur die Selbst- verstandltchkeit angeführt zu werden, daß die Wirkung der Zu- rechtwepung, die wir an und für sich tticht tadeln wollen, in Aleser Form auch gegenüber einem kleinen Manne sicher voll- kommen verfehltJein wird und daß sich der Preuße ohne Zweifel viel mehr dem Tadel ausgesetzt hat als der Holländer, der zwar ü-aiv-zudringltch, aber doch wenigstens in der Form entschieden
höflich gewesen ist und damit Veit äußerlich doch wohl viel ge- bildctern Bahnhofsvorsteher beschämt hat.
w * Marokkanische Ti s chüberraschungett. Im Anschluß an dre marokkanrschen Wirren erzählt Jules Claretie im „Temps" ein amüsantes Erleb ms, das der französische Admiral Dupetit-Thonars vor Jahren im nördlichen Afrika hatte. Dupetit-Thonars war damals Kapitän und hatte vott einem maurischen Bey Genugtuung ztt verlangen für irgend eine Kränkung, die einem französischen Konsul widerfahren war. Der Bey, ein verständiger Mann, entschuldigte sich, die Sache war erledigt, und zum Schluß bat er den französischen Schiffskommandanten zum Mahle. Obgleich vor den bisweilen ein wenig bitteren Scherzen des Maurenhäuptlings getvarnt, nimmt der Kapitän art. Matt setzt sich zn Tisch. In dem Augenblick, da Dupetit-Thonars seitte Füße ein wenig ansstreckt, fühlt er unter dem Tische einen lebenden Körper. Er beugt sich nieder und sieht auf deut Teppich ausgestreckt — einen großen ausgewachsenen Löwen. Mit einem leisen Lächeln der Schadenfreude aber streicht der Scheik feilten Bart und weidet sich an der pein- lickett Ueberraschung seines Gastes. Der Offizier verliert nickt die Fassung. Er ruft seinen Dolmetsch und befiehlt kurz: „Meine Revolver". Man bringt ihm die Waffen, und ruhig legt der Franzose sie vor sich auf den Tisch. Der Scheik lächelt spöttisch und wendet sich zum Dolmetsch: „Sagen Sie dem Kommandanten, daß diese kleinen Revolver ganz unnütz sind, dem Löwen können sie nichts anhaben, er hat einen soliden Schädel." Mit einem kalten Lächeln erwidert der Franzose den seltsamen Humor seines Wirtes: „Sage Seiner Hoheit, die Revolver liegen nicht hier, um gegen den Löwen zu dienen, sondern um mit ihren Kugeln den Schädel Seiner Hoheit zu zerschmettern, in demselben Augenblick, da dieser ungemütliche Fußschemel unbequem wird." Der Bey wurde ernst, sein Lächeln schwand und schließlich meinte er friedlich: „Mein Löwe ist gut gezogen und völlig ungefährlich, aber wenn er mißfällt, kann ich ihn fortschicken." Und folgsam wie ein Hund schlich das gewaltige Tier auf einen kurzen Zuruf langsam aus dem Zelt. . .
* Eine Röhrenleitung für gekühlte Luft. Die Stadt St. Louis besitzt eine eigenartige, nachahmenswerte Einrichtung. Es besteht dort nämlich, wie die „Daily' News" melden, eilt Eiswerk, das seine Kunden mit kalter, frischer Luft versorgt, genau so, wie andere Gesellschaften Gas und Wasser liefern. Eine Röhrenleitung führt von der Fabrik zu den Häusern der Abnehmer. Wünscht man bei allzu großer Hitze das Zimmer auszukühlen, so braucht man nur einen Hahn aufzudrehen, und ein Strom reiner, kühler Luft ergießt sich in den Raum. — Bon besonderem Segen könnte eilte solche Einrichtung itt Krankenhäusern werden, wo die Luft, besonders bei heißem Wetter, oft geradezu unerträglich wird. Auch in Schulen ivird trotz Ventilation und Entstaubung in der Sommerhitze stets! drückende, stickige Luft herrschen. Ihre Erneuerung durch retne, kalte Luft wäre gleichfalls wünschenswert.
Charade.
Die Ersten von Schwärmern gepriesen werden 9l(§ „lieblichste Zierde" auf dieser Erden.
Das Zweite, btt hast's in der Schule gelernt, Liegt draußen am Meere, gar weit entfernt. Die Landkarte zeigts an den äußersten Rändern, Du findest es nur an den Küstenländern.
Da§ Dritte galt früher als Maß für die Längen; Es kam ein Franzose, da ließ sichs verdrängen, Wer Stoffe und Weißwaren bietet zum Kauf, Von dem wird behauptet: „Er reitet darauf". Das Ganze hat spielend oft Herzen entflammt;
Doch seltsam ist's, daß es ans Wien meistens stammt. Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummerr Aristides Lena Epigramm King« Achmed Namur Delaware;
Alexander Dumas.
Redaktion: E. Anderjom — Rotationsdruck und Verlag 6ei Brühl'jchen Universität!? - Buch» und Slemdruckerei, R. Lange, Gießen.


