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(getreten itnb immer in demselben Dienst geblieben.. Mit zehn­jährigen Entbehrungen und harter Arbeit hatte. sie, Sou bei Sou, dreitausend Frauken auf die Seite gelegt, als ihr böser Geist Polyte Chnpin auf ihren Weg führte. Sie verliebte sich in den blassen Mischen Taugenichts, und er heiratete sie ihrer Ersparnisse wegen.

Sv lange das Geld vorhielt, d. h. etwa drei oder vier Monate, ging es in ihrer Ehe wie int Himmel zu. Aber mit dem letzten Silbertaler verschwand auch Polyte und nahm voll Entzücken fein ausschweifendes Faulenzer- und Verbrecherleben wieder auf.

Seitdem liest er sich bei seinev Frau nur noch sehen, um ihr ihr Geld wegzunehmen, wenn er dachte, sie hätte sich wieder ein bißchen zusammengefpart. Und in regelmäßigen Zwischen­räumen liest sie sich alles von ihm abnehmen. Er hatte sie gern Noch tiefer heruntergebracht, in der Hoffnung, von ihren Reizen Vorteil zu ziehen. Sie widerstand.

Dieser Widerstand eben Ivar die Ursache des Hasses, den die alte Chnpin gegen ihre Schwiegertochter hegte, und der sich in so schlechter Behandlung äußerte, daß die arme Frau eines Abends flüchten mußte, ohne etwas mitnehnten zu können, als die Lumpen, die sie auf dem Leibe trug. Mutter und Sohn rechneten viel­leicht darauf, daß dev Hunger bewirken würde, was ihre Droh­ungen und Ratschläge nicht hatten bewirken können. In diesen schändlichen Erwartungen hatten sie sich indes getäuscht.

Der Sekretär fügte hinzu, diese Tatsachen wären allgemein bekannt, und alle Wtzlt ließe der tapferen Auverguatin Gerechtig­keit widerfahren. In dem Spitznamen, den man ihr gegeben, spräche sich sogar eine derbe aber aufrichtige Anerkennung aus: man nturnte sie nämlichTugend-Toni".

Mit diesen Auskünften versehen, begab Leeoq sich zu seinem Magen zurück. Die Ruelle de la Butte-anx-Cailles, wohin Pa-, pillon sie mit Windeseile fuhr, hat wenig Aehnlichkeit mit deut Boulevard Malesherbes. Wenn Millionäre in beut Gäßchen wohnen, so merkt man jedenfalls nichts davon. So viel ist sicher, daß alle Bewohner sich gegenseitig kennen; es ist wie in einem Dorf. f&er erste Mensch, an den Leeoq sich mit einer Frage nach Frau Polyte Chnpin wandte, half ihm aus seiner Verlegenheit.

Tugend-Toni wohnt in deut Hause hier, gleich rechts, so lautete die Antwort, im obersten Stockwerk, die Tür gerade der Treppe gegenüber.

Leeoq und der alte Absinth traten in das Hans und fanden sofort das ihnen bezeichnete Zimmer. Es war eine traurige und kalte, ziemlich geräumige Dachstube, mit Fliesenfußboden; das Licht fiel durch ein Klappfenster hinein. Ein windschiefes Bett aus Nußbaumholz, ein wackliger Tisch, zwei Stühle und einige schlechte Kochtöpfe, das war die gattze Einrichtung. Aber trotz der offenbaren Armut blitzte alles vor Sauberkeit, und, wie der alte Absinth sich etwas kräftig ausdrückte, man Hätte vom Fußboden essen können.

. Als die beiden Beamten eintraten, fanden sie eine Frau vor, die Säcke aus grober Leinwand nähte. Sie saß mitten im Zim­mer, genau unten dem Fenster, iint das volle Tageslicht für ihre Arbeit auszunntzen.

Beim Anblick der beiden fremden Männer erhob sie sich über­rascht, sogar ein wenig erschreckt,. halb von ihrem Stuhl. Mit einem einzigen Blick hatte Lecoq die Wohnung und die Frau' gemustert.

Sie war klein, stämmig-. dick, fürchterlich gewöhnlich. Ein Wald von struppigen, schwarzen Haaren über ihrer sehr niedrigen Stirn und große kornblumenblaue Augen gaben ihrem Gesicht jenen Ausdruck von Resignation eines verprügelten Tieres, der einem ins Herz schneidet.

Vielleicht war sie früher in ihrer Jugendfrische nicht ganz häßlich gewesen; jetzt sah sie beinahe so alt aus wie ihre Schwiegerl- mntter. Aber von ihrer ganzen Erscheinung ging ein Hauch von angeborener Ehrenhaftigkeit aus, den auch ihre verbrecherische Umgebung nicht hatte zerstören können.

Ihr Kind war ihr sehr unähnlich; bleich und schmächtig, mit eigentümlich glänzenden Augen, die Haare von jenem schmutzigen Gelb, das manPariser Blond" nennt. Ein Umstand fiel den beiden Beamten besonders auf: die Mutter hatte ein sehr schlechtes Kattunkleid an, der Kleine dagegen war in einen dicken warmen Tuchanzug gekleidet.

Fran Chnpin, begann Leeoq freundlich, Sie haben ohne Zweifel von dem großen Verbrechen gehört, das, in der Wirtschaft Ihrer Schwiegermutter begangen worden ist,

Ach ja, mein .Herr.

Und lebhaft setzte 'sie hinzu:

Aber mein Mann kann nicht dapin, verwickelt fein, denn er ist im Gefängnis.

Ja, ich weiß, sagte Lecoq, Polyte ist schock vor viccheW Tagen verhaftet worden.

Oh, ü-nd sehr ungerechter Weise, mein Herr, darauf schwöre! ich Ihnen! Er ist, wie immer, von seinen Freunden, schlechten Subjekten, verleitet worden. Er ist so schwach; wenn er ein Glas Wein im Kopf hat, kann man mit ihm machen, was man will. Bon sich selber aus würde er keinem Kinde was zu leide tun man braucht ihn ja nur anzusehen.

Und währeud sie sprach, sah sie mit flammenden Augen auf eine schlechte Photographie, die an der Wand hing. Sie stellte einen abscheulichen Burschen mit falschem Blick dar; ber IM-- liche Mund war kaum von einem leichten Schnurrbart beschattet, die geölten Haare waren in Locken an die Schläfen geklebt. Das war Polyte.

Unverkennbar liebte die Unglückliche ihn immer noch; er war ja auch ihr Gatte.

Ein minutenlanges Schweigen folgte diesem stummen Blick, aus welchem so viel Leidenschaft sprach, und während dieser Minute öffnete sich sachte die Tür der Dachstube. Ein Mann steckte seinen Kopf durch die Türöffnung, zog ihn aber sofort mit einem! unterdrückten Ausruf wieder zurück. Die Tür schloß sich .wieder, der Schlüssel drehte sich kreischend im Schloß, und man hörte schnelle Schritte die Treppen hinabeilen.

Mit dem Rücken nach der Tür, mitten in der Stube sitzend, hatte Leeoq das Gesicht des sonderbaren Besuchers nicht sehen! können. 'Trotzdem zweifelte er nicht eine Sekunde daran, wer dieser war, und ries:

Das ist er! Der Komplize!

Der alte Absinth war stelstn geblieben und hatte das Gesicht daher gesehen.

Ja, sagte er, ja, ich habe den Mann erkannt, der mich gestern betrunken machte.

Mit einem Satz waren die beiden Beamten an der Tür, aber alle ihre Anstrengungen, sie aufzureißen, waren vergeblich; es war eine auf der Auktion gekaufte Tür aus altem Eichenholz-, mit einem soliden schmiedeeisernen Schloß.

Aber so helfen Sie uns doch! rief der alte Absinth der Frau zu, die ganz starr vor Ueberrafchung dastand. Geben Sie uns eine eiserne Stange, einen großen Nagel oder sonst irgend !vas.

Lecoq ^erarbeitete sich inzwischen die Hände blutig, bei dem! Bemühen, den Riegel abzureißen. Er zitterte vor Wut. End­lich wurde die Tür ausgerissen, und die beiden stürzten, von' gleichem Eifer beseelt, hinaus, um ihren geheimnisvollen Wider-. facher zu verfolgen.

In dem Gäßchen angekommen, erkundigten sie sich Sie! Gnnten den Mann genau beschreiben, das war immerhin einl Vorteil. Zwei Personen hatten ihn in das Haus, worin Tugend- Toni wohnte, eintreten sehen; eine dritte hatte ihn bemerkt, als! er Hals über Kopf herausgeeilt war. Kinder, die auf dem! Straßendamm spielten, versicherten, das Individuum! sei sehr schnell in der Richtung auf die Rue du Monlin-des-Pres wegge­laufen. In dieser Straße, am Eingang des Gäßchens, hattcs Lecoq die Droschke halten lassen.

Lausen wir hin! schlug der alte Absinth vor. Der Kutscher kann uns vielleicht irgend eine Auskunst geben.

Aber Lecoq schüttelte entmutigt den Kopf und rührte sich nicht.

Wozu? Die Geistesgegenwart, deu Schlüssel umzudrehen,; hat den Mann gerettet. Er hat jetzt zehn Minuten Vorsprung! vor uns, ist also schon weit. Wir werden ihn nicht mehr einholen.

Der alte Beamte war ganz blaß vor Zorn. Er betrachtete! jetzt diesen listigen Komplizen, der ihn so schändlich angeführt hatte, als seinen persönlichen Feind; er hätte ein Monatsgehalt darum gegeben, wenn er ihn hätte nm Kragen packen könnest.

Rh, an Frechheit fchlts dem Banditen ebensowenig wie an Glück, rief der alte Absinth. Der Kerl macht sich ja über uns lustig, wie eine Maus, die zwischen den Kr'allen der Katze spielt/ und schon dreimal ist er uns entwischt. Dreimal!

Lecoq war mindestens ebenso aufgebracht wie sein Kollege und dabei viel tiefer in seiner Eitelkeit verwundet. Aber er fühlte, daß er seine Kaltblütigkeit bewahren mußte und nuhuortetc daher in nachdenklichem Ton:

Ja, der Bursche ist kühn und klng und legt sich nicht auf die Bärenhaut. Wir sind auch nicht faul, aber der ist uns über. Der Teufelskerl ist überall. Er hat Sie von Gustaves Fährte abgebracht, er hat die schöne! Komödie im Marienburger Hof ins Werk gesetzt . . . ja überall' ist er mir bis jetzt zuvorgekommen; darum hat er mich auch geschlagen. Hier sind wir wenigstens vor ihm da. Daß ev hierher kam, ist ein Zeichen, daß er irgend eine Gefahr witterte. Also können wir hoffen. Gehen wir wieder zu der Frau des scheußlichen Polyte hinauf.

(Fortsetzung folgt.)