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Uilgen an und wußten nicht, ob sie sich freuen oder ob sie betrübt "Mit sollten.
„Wer ist es denn?" fragte endlich Beate schüchtern.
„Fräulein Erika Guttermann."
„Bon Stand?" fragte Beate von Horbach
„Bon guter Familie?" Doris Ufert.
Da ward Madame Hennig ernstlich böse.
„Ihr dummen Mädels, beurteilt man den Menschen zuerst Nach Staud uird Familie? — Liber beruhigt euch, ihr kleinen Hochnasen. — Erika Guttermann entstammt einer steinreichen Familie, ihr Vater ist Großgrundbesitzer und ein ehrbarer--!"
<gte verschluckte den Rest. — Lügen war ihr unmöglich, und da sie von ihrem Sohne erfahren, wodurch der Dorfkönig seine Millionen erworben hatte, sagte sie bloß noch: „Kurz und gut, ich bitte mir aus, daß ihr Erika Gutteriuaun freundschaftlichst empfangt !"
Die beiden Mädels waren viel zu guten Herzens, als daß sie dies nicht freudig versprochen hätten. Sie baten sogar Fran Hennig, die Novize mit in ihr Zimmer anfnehmen zu dürfen.
Der Donnerstag kam. — Madame Hennig erwartete am Bahnhof ihre neue Pensionärin.
IW! stillen hatte sie die Befürchtung, daß Erika Guttermann recht landpvuieranzenhaft aussehen konnte.
Um so mehr war sie überrascht, als aus dem Abteil zweiter Klasse ein elegantes Gcschöpfchen schlüpfte und lebhaft auf sie Kukant.
Madame Hennig reichte ihr herzlich beide Hände. „Aber kennen Sie mich denn, liebes Kind?"
„Ach, Frau Pastor, — Ihr Herr Sohn hat Sie so genau geschildert, wissen Sie: Vornehme Erscheinung, das edle Grau des Haares, — aber die guten, lebhaften, jungen Augen — das müßten Sie ja sein, Frau Pastor, — und ich bin so froh, daß ich endlich da bin: und hier — bitte, eine Rose von mir Und die hier von Ihrem Fritz — und endlich diese weiße von sneiuer Schwester, — nicht wahr, — Sie nehmen sie doch an?"
„Aber natürlich, mein Kind! — — Gott, sind Sie ein herziges Geschöpfchen und so natürlich!"
Die alte Dame streichelte in ehrlicher Freude Erikas Hand. — Auf der Elb brücke gab Erika ihrem Wohlgefallen an diesem herrlichen Stück Erde begeisterten Ausdruck.
„Wir haben ja auch Berge daheim: — eigentlich nur Berge, über die sind so ernst, so finster. — — Hier dagegen ist alles so frisch — so lebendig, — und da blüht schon die Kirsche.--
Prächtig; ich glaube, hier könnte ein Gemütskranker genesen!"
„Aber Erika — sind Sie denn gemütskrank?"
Das Mädchen lachte, daß die weißen Zähnchen blitzten, und die dunklen Augen bekamen einen tiefen Glanz.
„Nein — Frau Pastor, im Gegenteil--ich bin so wild,
so ausgelassen. Mama hat immer gescholten!"
„Da legen Sie sich bei mir nur keinen Zwang auf, Kind, Beate und Doris sind es auch."
Und Beate und Doris standen schon im Erkerzimmer und lugten neugierig aus nach der dritten Pensionsschwester und ergingen sich in allerhand Vermutungen.
„Es wird ein flachshaarig Baucrndirndl sein," meinte Beate, und die andere wollte eben auch ihrem bösen Zünglein freien Lauf lassen, als Frau Hennig mit dem Ankömmling in den Meinmarkt einbog. Die beiden Späherinnen im Erker erkannten sofort, daß ihre vagen Vermutungen unangebracht gewesen waren. Sie eilten in die Flur, uni die beiden Damen zu empfangen.
@6eit ttrt Begriff, eine formelle Verbeugung zu machen, wie sie es in der Gavottestunde gelernt hatten, trat Erika auf sie zu und begrüßte sie herzlich.
„Ich bitte Sie, mich in Ihrem Freundschaftshunde als dritte aufzunehmen und mir kleine Unarten, deren ich eine ganze Menge besitze, nachzusehen! — Bitte — — wollen Sie?"
Das klang so natürlich und war doch so voll Anmut, daß Beate und Doris alle sich vorgenommene Zurückhaltung vergaßen und Erika links und rechts unterfaßten und sie im Triumph hinaufführten in ihr Zimmer.
Frau Hennig war beglückt über Erika und über die Herzlichkeit von Beate und Doris.
Erika hatte sich die Herzen ihres neuen Lebenskreises ich Nu erobert, und als sie das Hausmädchen, welche ihre Reise- tzffekten von der Bahn geholt, durch ein überreiches Trinkgeld entlohnte, schwärmte auch dieses in der Küche von der hübschen Millionöse.
Beate und Doris waren so taktvoll gewesen, sich zurück- züziehen, während Erika ihren Koffer und Korb ausräumte.
Mitten im Korb lag eine blaue Schachtel. Sie öffnete sie und blickte lange hinein. — Da lag, von verblühten Veilchen und
Himmelschlüsseln umrahmt, ein rote# Pfefferkuch-eitherz, und darunter staud auf einem Papierstreifen in plumpen, großen Buch- staben:
„Meiner lieben Mondprinzessin zum Andenken!
Herald Emmrich."
Erika legte die Schachtel offen auf den Tisch und starrte hinein. — Ein eigentümliches, quälendes Gefühl stieg in ihr auf: Heimweh.
Langsam stahl sich ein Tränlein aus den Mandelaugen, hing zitternd an den Wimpern, dann fiel es langsam herab mitten ins Pfefferkuchenherz. Dort grub sich der salzige Tropfen ein Löchelchen, er löste die Farbe und den Zucker. — Das Kuchonherz hatte einen Schandfleck.
Doch der Trost, — er liegt so nahe und schmeckt so süß, und das Heimweh schwand und mit ihnt das halbe Pfefferkuchenherz.
Der treuherzige Müllerbursche aber, dem sie vor vierzehn Tagen noch Nacken und Ohr geküßt und der zur selben Stunde daheim im Kornhaus bittere Tväneit der Sehnsucht in Gutter- manns Mehlsäcke weinte, der versank in ihrem Gedenken ein großes Stück. Sie war zu jung, um treu zu sein, und die vielen neuen Eindrücke hier forderten ihr Recht.
Am Wend aber, als Beate und Doris schon schliefen, schlich sie hinaus und tastete sich in das Erkerzimmer, wo Madanie Hennig noch wachte.
Die alte Dame erstaunte nicht wenig, da sie Erika im langen Nachtgewand vor sich stehen sah.
„Kind--Sie sind doch nicht etwa krank?! — Was wollen
Sie noch?"
Erika schüttelte mit schwachem Lächeln das Köpfchen, das lange, schwarze Haar flatterte wild um den jungen, schlanken Körper. — „Ich habe eine herzliche Bitte, Frau Pastor!"
„Mer sprechen Sie doch, mein Kind!"
Und Erika stotterte verlegen: „Ich tvollte gern, daß Sie mich auch „du" nennen, wie Beate und Doris."
Da zog Mutter Hennig das Mädchen an sich und küßte es lange auf die Stirn: „Wer gern, mein Kind, — und nun geh zu Bett!"
(Fortsetzung folgt.)
Der Kenig und die Tochter der 8ee.
Ein Märchen von A u g u st A m m a n n.
(Originalbeitrag der „Gieß. Fam.-Blätter".)
Einst herrschte in einem Lande ein König, der war ein sehr sonderbarer Mann. Er war von dem besten Willen beseelt, alles, was in seinen Kräften stand, für das Wohl seines Volkes zu tun, aber er tat dieses auf eine sehr einseitige Weise. Er meinte, man solle sich nur um das Nützliche und Praktische kümniern, alles andere sei dummes Zeug und führe zum Verderben. Er war aber zu dieser Ansicht gekommen, weil sein Vater ein großer Verschwender gewesen war, in Saus und Braus gelebt und fast den ganzen Inhalt seiner reichen Schatzkammer vergeudet hatte. Als er König geworden war, beschloß er, alles aus seinem Lande zu verbannen, was ihm für das Leben überflüssig und daher schädlich zu sein dünkte. Die herrlichen Blumenbeete, die seinen Palast umgaben, verwandelte er in Gemüsegärten; alle Bäume seiner prachtvollen Parkanlage ließ er abhauen und dafür Obstbäume einsetzen. Seine Vorleser und seine Musikkapelle verabschiedete er; die schönen Gemälde, mit denen die Wände der Zimmer seines Schlosses geziert waren, ließ er wegnehmen und verbrennen. Diesen Aenderungen entsprechende Befehle gab er auch seinem Volk und verfuhr dabei mit rücksichtsloser Strenge. Bald sah man in seiner Hauptstadt und den übrigen Städten und Dörfern seines Landes in den Gärten keine Blumen mehr, sondern nur eßbare Kräuter; auf den freien Plätzen standen an Stelle der Akazien und Platanen Aepfel- und Birnbäume. Keine Musik hörte man mehr ertönen, keine Tanzbelustigungen fanden mehr statt. Die Geburt eines Kindes oder eine Hochzeit durfte nicht mehr mit geräuschvollen Festlichkeiten gefeiert werden.
In den Häusern hingen an den Wänden der Zimmer statt der Bilder Landkarten oder standen lange Reihen von Sprüchen, Ermahnungen und Gesetzesvorschriften. Für


