Ausgabe 
2.9.1908
 
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Mittwoch den 2. September

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Der Dorfkönig.

fJtomtat von Karl Böttcher- Chemnitz'.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Dora wollte eben weiter deklamieren, doch in Anbetracht, dass Madame Hennig in wenig ehererbietiger Weise an ihrem WnigSniantel zerrte, sagte sie nur noch:Und zum Lohn darsst du heute abend den Salat zubereiten!"

Run ists aus!" rief entrüstet die Pensionsmutter,bitte, verhaltet euch doch wenigstens mal zwanzig Minuteir ruhig, bis ich den Bries meines Sohnes gelesen habe."

Das zog.

Die beiden Pensionärinnen: Beate von Horbach, das Majors- töchterchen aus Leipzig und Doris Ufert, die Tochter eines Groß- fabrikauten in der Lausitz, bezwangen ihr Lachen und setzten sich mit ihren französischen Büchern an den Tisch.

Madame Hennig hatte sich schon wieder in das Eckzimmer- zurückgezogen.

Beate von Horbach konjugierte:

,,j' ai en ich habe gehabt, tu as en du hast gehabt, il a en er hat gehabt."--

Was hat er gehabt?" fiel Doris ein, und nun lachten die Mädchen gedämpft und überboten sich mit Schelmereien.

Währenddessen saß drüben vor ihrem Schreibtisch Mutter Hennig über ihres Sohnes Brief gebeugt und las nach ihrer Ge­wohnheit laut:

Meine liebe Mutter!

Wenn dieser Brief in deinen Händen' ist, ist schon ein junges Mädchen auf dem Wege zu dir, um in deinem fried­lichen Heim und unter deiner Fürsorge das zu erlernen, was man Bildung nennt. Es ist Erika Guttermann, die jüngste Tochter meines' Bauherrn, des Dorfkönigs, wie ihn die Leute hier heißen. Sie ist ein gutes Mädel, wenn auch noch etwas wild und kindlich. Ich bin überzeugt, daß sie sich nirgends tvvhler fühlen wird, als in meiner lieben Mutter Pflege und in Gesellschaft der lustigen Beate und Doris. Mit beut alten Guttermann habe ich den üblichen Pensionspreis vereinbart, dein Einverständnis voraussetzend. Donnerstag früh uM 9 Uhr wird dein neuer Zögling aM Bahnhof eintreffen. Du wirst ihn gewiß dort empfangen und mein Gebund herzlichste Grüße, die ich der kleinen Erika für dich mitgegebcn, dazu.

, Mir ergeht es wohl; sogar sehr wohl, trotz der vielen Arbeit. Doch du weißt, das ist mir Bedürfnis und Vergnügen. Meine neue Freundin, Irene Guttermann, von der ich dir des öfteren schrieb, bittet mich soeben, dir ihre Grüße trotz sie dich nicht kennt, aber hoch verehrt zu übermitteln. Und nicht wahr, mein liebes Mütterchen, du nimmst die Grüße an. Sie ist doch ein so liebes Kind, du Machst dir gar keinen Be­griff, so gar nicht wie ihr Vater, wie überhaupt die Ge­schwister GutterMann (den Aeltestzn kenne ich noch nicht) in nichts ihren: Vater ähnlich sind. Ich könnte dir viele Seiten über Irene schreiben--dock das will ich beute taffen.. Du

denkst sonst am' Ende gar, dein großer Junge ist verliebt un$ das ist doch gar nicht---- wer weiß?!

In treuer Liebe sendet herzlichste Grüße

Mühlwinkel, April 1870.

Dein Sohn Fritz."

Das feinfühlige Mutterherz schied den geschäftsmäßigen ersten Teil des Briefes von dem' herzlichen zweiten.

Sie stützte den Kvpf in die Hand und blickte still sinnend auf das Bild ihres Mannes, das vor ihr auf dem Schreibtische stand.

Ihre Gedanken weilten in ferner, ferner Zeit, da sie noch im vornehmen Vaterhaus gewesen, da ihr Gatte als Hauslehrer dahin kam' und die erste heimliche Liebe ersproß. Dann stiegen die schweren Tage der Not auf, die Tage der Wnkpfe mit den Eltern, die ihre einzige Tochter nicht dem!tannen Kandidaten geben wollten. Doch sie war Siegerin geblieben, und als daheim der finanzielle ZusamMenbruch erfolgte, war sie wvhlgeborgen gewesen in der kleinen Landpfarre, die ihr Gatte innehatte. Leider nur zwei kurze Jahre; durch den Tod ihres Mannes stand sie mitten iM wüsten Elend und kümmerlich schlug sie sich durch. Hätte ihr Junge nicht solch eisernen Willen gehabt, er wäre nimmer das geworden, worauf sie so stolz war.

Und jetzt dünkte ihr schier, als ob es ihrem Sohne ebenso ergehen müsse, wie dem Vater; denn daß es ihm Kümpfe kosten' würde, dem reichen Gutterntann die Tochter abzuringen, war sie überzeugt und ob der Reichtum' des Mühlherrn so solid sei, war ihr zweifelhaft.

Die Mutter Hemtig loar ein wenig Philosophin und so sagte sie sich: Alles wiederholt sich iM Leben; sogar der Spektakel meiner Pensionsgöhren, fügte sie in Gedanken hinzu, als sich iM Nebenzimmer die Lustigkeit von Doris und Beate auf nie geahnte Höhe steigerte.

Madame Hennig hatte sich aber trotz ihrer 60 Jahre ein junges Herz bewahrt, sie verstand die sorglose Fröhlichkeit der Back­fischchen noch gar wohl und darum grünte sie ihnen nie ernstlich.

Den Brief in der Hand, trat sie in der Mädchen Stube.

Sofort verstummte das Lachen, und tief über ihre Bücher gebeugt, als hätten sie nie andere Gedanken gehabt wie ihre französische Grammatik, konjugierten sie eifrig das passs indöfini.

Die Pensionsmutter ging denn auch aus dieses Scheinmanöver, eilt und sagte:Pardon, meine Kinder, ich störe euch nur einen Augenblick. Aber ich bringe euch eine Neuigkeit, die es schon verdient, daß ich sie euch frisch anftische. Also: Morgen be­kommen wir Zuwachs!"

Ach--der Herr Baumeister?" jubilierten di«l

Mädels.. i.

Nein ein femininis generis!"

Meine Mutter?"

Meine Tante?"

Meine Schwester?"

Zn allem schüttelte Madame den Küpf.

Ihr erratet es nicht.--Ich bekomstte eine dritte PeN<^

sionärin."

AhI" Doris und Beate blickten sich mit großen