Ausgabe 
2.9.1908
 
Einzelbild herunterladen

547

alles aber, was 311111 Lebensunterhalt diente, sorgte der König auf das gewissenhafteste und freigebigste. So ge­schah es, daß es seinen Untertanen zwar wohl ging, aber sie wurden alle ernst und traurig, und selten lachte jemand, und auch er selbst wurde ernst und traurig und lachte nie­mals. Das konnte er gar nicht begreifen und dachte: den Leuten fehlt doch gar nichts! Warum sind sie nicht ver­gnügt? Ich habe keine Armen im Lande! Warum lacht niemand? Und warum bin ich immer so ernst und so finster? Die Leute aber hatten alle Furcht vor ihm und wenn sie ihm begegneten, gingen sie ihm scheu aus dem Wege.

An die Hauptstadt des Königs grenzte ein ungeheurer Wald, in dem er oft jagte; das Wild, das er erlegte, ver­teilte er meistens an minder Bemittelte. Eines Tages ging er allein in diesem Walde spazieren, in trübe Ge­danken versunken. Er achtete nicht auf den Weg und wanderte immer weiter, und je weiter er kam, um so trauriger wurde es ihm zu Mute, und um so schwerer wurde es ihni im Herzen. Endlich wußte er nicht mehr, wo er war. Er blieb stehen und überlegte, welche Richtung er zur Rückkehr einschlagen sollte. Es war mittlerweile dunkel geworden, die Sterne flimmerten am Himmel und blickten freundlich in die Schatten des Waldes hinein, balsamischen Duft spendeten erquickend die leicht bewegten Lüfte, kein Laut unterbrach das feierliche Schweigen der Macht. Da ertönten plötzlich ganz in seiner Nähe die sehnsuchtsvollen Klänge einer Zither und nach einem leisen Vorspiel gingen sie in eine liebliche Melodie über, die von einer sanften Mädchenstimme begleitet wurde. Da ward der König zornig und dachte: Wer wagt hier gegen mein Gebot zu handeln? Er zog sein Schwert und wollte nach der Richtung eilen, von der die Zitherklänge ertönten. Doch kaum hatte die sanfte Mädchenstimme einige Worte gesungen, als er ihr lauschte. Das Lied aber lautete;

Durch den weiten Weltenäther

I Tönt ein glückverheißend Wort; Von den Sternen hallt es wider Und es tönet immerfort.

Wenn im Wald die Bäume rauschen, Labet es dein lauschend Ohr, Und in tausend frohen Stimmen Singet es der Vögel Chor.

Wenn des frühen Morgens Leuchten Liebevoll das Land erhellt, Alle, die auf Erden weilen, Neu mit Lebenswonne schwellt, Tönt's wie eine stille Mahnung A'rs dem großen Weltenall Und erwecket in den Herzen Innig tiefen Widerhall.

Friede sei den Erdenkindern, Lust und Freude sei ihr Teil! Friede führe sie zusammen, Führe sie zu Glück und Heil! Menschen, euch ist es gegeben! Schlingt der Liebe Zauberband, Folget treu dem Führerworte, Der Natur reicht eure Hand!

Seht, wie sie in ew'gem Streben Täglich sich von neuem schmückt/ Wie sie blühet, schaffet, waltet Und aus Trümmern uns beglückt! Menschen, euch ist es gegeben! Schlingt der Liebe Zauberband, Folget treu dem Führerworte, Der Natur reicht eure Hand!

Poesie und Liebe führen

Sicher uns auf unsrer Bahn;

Sie vereint die Segel schwellen Mächtig unserm Lebenskahn.

Ihre sanfte Führerstimme Tönt in ew'ger Melodie: Zu den höchsten Zielen leiten Liebe nur und Poesie!

Hier verstummte die Sängerin, die Zither aber er-* klang leise weiter in derselben Melodie, die, oft durch kleine Uebergänge unterbrochen, immer wiederkehrte, dann ließ sich aufs neue die Stimme der Sängerin vernehmen, die in weichem, innigem Tone die letzte Strophe wieder­holte. Hierauf wurde alles still, nur der Wind flüsterte geheimnisvoll in den Blättern der Bäume.

Da wurde dem König ganz seltsam zu Mute. Ein Gefühl, das er niemals gekannt hatte, durchströmte seine Brust; es wurde ihm so wohl und so leicht, und er fühlte/ daß er froh und glücklich sei. Von ungestümer Sehnsucht ergriffen, die fremde Sängerin zu entdecken, wollte er nach der Stelle eilen, von wo aus der Gesang und die Saiten­klänge ertönt waren, aber dichtes Gesträuch versperrte ihnt den Weg. Da versuchte er sich mit seinem Schwerte Bahn zu schaffen, doch kaum hatte er die Zweige damit berührt/ als sie sich auseinandertaten und ein breiter, schöner Pfad sich vor ihm öffnete. Der König drang mit klopfendem Herzen vorwärts, und nachdem er einige Schritte gegangen war, sah er einen hellen Lichtschimmer durch die Bäume blitzen und plötzlich stand er vor einem großen, freien Platze und schaute auf ein wunderbares Bild. Der Platz war ringsum bedeckt mit Beeten von herrlichen, in den mannigfaltigsten Farben glühenden Blumen. Hier und da plätscherten kleine Springbrunnen, alles glitzerte und strahlte heller als der Tag. In der Mitte des Platzes standen zwei goldene Sessel nebeneinander, und auf dem einen saß ein Mädchen von solcher Schönheit, wie der König nie zuvor eins gesehen hatte. Es trug ein weißes Kleid, das überall mit Perlen und funkelnden Edelsteinen besetzt war. Glänzend schwarzes Haar wallte lang an ihm herab, auf dem Kopfe trug es eine kleine goldene Krone, und auf dem Schoße hielt es eine Zither. Das Mädchen schaute den König mit einem Blicke an, der ihm sagte, daß sie ihn erwartet hatte, und gab ihm einen Wink, sich neben sie zu setzen. Der König gehorchte, und von allem, was er sah und gehört hatte, ganz überwältigt, rief er aus:Wie herrlich war dein Lied und dein Spiel! Wie schön ist alles hier, und wie schön bist du!"

Das Mädchen lächelte und sagte zu dem Könige mit einer Stimme von bezauberndem Wohllaut:Wisse, ich bin die Tochter einer gütigen Fee, die mich zuweilen zu den Menschen, die unzufrieden oder unglücklich sind, aus­sendet, um ihnen Trost und Glück zu Bringen. Wir kennen dein Leben und das deines Volkes und wissen, daß du den guten Willen hast, deine Untertanen glücklich zu machen, daß du aber in einer verkehrten Ansicht befangen bist/ durch deinen Ausruf hast du schon gesagt, was euch fehlt. Was ist es?"

Die Schönheit des Lebens!" antwortete der König. So ist es!" erwiderte das Mädchen.Wenn du einem Menschen alles gibst, was ihm zum Leben notwendig ist, ihm aber alles entziehst, was sein Herz erfreut, so ist er nicht glücklich. Nicht was wir genießen, macht uns froh, sondern wie wir es genießen. Das Auge muß erfreut/ das Ohr muß ergötzt, das Herz muß befriedigt werden. Das geschieht aber nur bann, wenn wir uns das Leben schön zu machen suchen. Dann wird das Herz des Menschen froh und gut, und er wird glücklich. Die Natur gibt ihm ein herrliches Vorbild dazu. Die Sonne erwärmt nicht nur, sondern sie entzückt auch unser Auge durch den Glanz/ der alles überflutet. Der Boden bringt nicht nur nützliche Pflanzen hervor, sondern auch schöne Blumen, deren lieb­licher Duft uns erquickt. Der Wald ist nicht nur da, itnt uns Holz zu liefern, sondern er labt uns auch durch seine Kühle und seinen Schatten. Und wenn ein Element eine Zerstörung angerichtet hat, dann keimt und blüht bald alles wieder zu neuem Leben und weckt neue Hoffnung