Donnerstag den 2. Zuli
1908
htlliuil
John Darrows Tod.
Roman von Melvin L. ©euer h., (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Er schien eine Antwort zu erwarten, doch sprach niemand von uns. So fuhr er {ort: „Unser Freund, der Doktor, glaubt, Herrn Darrows Tod sei natürlichen Ursachen zuzuschreiben. Die Polizei wird sehr wahrscheinlich zuerst seiner Meinung sein; welcher Theorie sie am letzten Ende folgen wird, läßt sich freilich nicht Voraussagen. Lassen sich genügende Beweggründe dafür finden, so werden sicher manche Selbstmord annehmen. Sie selbst haben die Ueberzeugung ausgedvückt, daß ein Mord vorliege. Herr Brown und Herr Herne haben überhaupt keine Ansicht zur Sache geäußert —"
Mit brennendem Eifer — oder war tS nur eine Folge nervöser Ueberreiztheit? — rief Florence: „Und was ist Ihre eigene Meinung?" „Ich glaube," versetzte Maitland mit Nachdruck, „der Tod Ihres Vaters ist die Folge von Blutvergiftung; das ist aber eine Frage, die sich leicht beantworten läßt, ich will also weiter keine Vermutung darüber aussprechen. Es gibt verschiedene Gifte, welche die von uns beobachteten Wirkungen hervorbringen können. Aller Wahrscheinlichkeit nach fand Ihr Vater, mag er nun selbst Hand an sich gelegt haben oder ermordet worden sein, seinen Tod durch die fast unmertliche Wunde unter seinen: Kinn. Ohne Anwendung des Glases vermag ich über die Natur und dre mögliche Ursache dieser Wunde keine bestimmte Vermutung auszusprechen. Natürlich muß bei dieser Annahme der Tod durch ein äußerst starkes Gift verursacht worden sein. Der wesentliche Punkt ist nun: Wo ist das Instrument, mit dem die Verletzung beigebracht wurde?"
„Könnte es nicht int Fleisch stecken?" fragte Florence.
„Möglicherweise. Da ich es aber nicht entdecken konnte, halte ich das nicht für sehr wahrscheinlich; vielleicht bringt es aber eine genauere Nachforschung noch zum Vorschein," entgegnete Maitland. „Der rechte Mittelfinger Ihres Vaters weist einen kleinen Blutflecken auf, die Wunde kann aber ihrer Beschaffenheit nach, nicht von einem vorher vergifteten Fingernagel herrühren. !Da wir wissen, daß er sich die Hand gegen die Kehle drückte, so will dieser Blutflecken ebensowenig etwas für die Selbstmord- theorie wie für die Annahme eines Mordes besagen."
Er schwieg, einen Augenblick überlegend, dann fuhr er fort: „Welchen Standpunkt nimmt nun die Polizei bei der Annahme eines Mordes ein? Keilt Mörder, wird sie sagen, konnte unbemerkt das Zimmer betreten oder verlassen. Wem: daher cm Mensch hereinkam und unfern Freund tötete, so müssen totr sämtlich mit ihm unter einer Decke stecken." Diese Bemerkung rief allerseits einen lauten Protest hervor. Nur Brown schwieg zuerst und sagte dann mit schlecht verhehlter Gereiztheit:^ ,,^a, das ist wahrscheinlich die wirkliche Lösung des Rätsels."
Diese Worte, und besonders der höhnische Ton, in dem sie gesprochen wurden, wären unter allen Umständen zum mindesten
unhöflich gewesen, in der peinlichen Lage jedoch, in der wir uns alle befanden, schienen sie unerträglich , roh.
Maitland aber fuhr ruhig fort, anscheinend ohne Browns Bemerkung gehört zu haben: „Sie sehen, diese Ansicht, deren bloße Erwähnung Sie alle schaudern macht — und das utrt so mehr, als die Tochter des Toten in unserer Mitte ist . kann keinen Augenblick aufrechterhalten werden und ist von mir nur angeführt ivorden, um zu zeigen, daß die Polizei logischerweise zu der Ueberzeugung gedrängt wird, daß der Mörder nicht ins Zimmer gedrungen und dann entwichen sein kann. Was bleibt also bei dieser Theorie übrig? Zwei Möglichkeiten: Erstens' kann der Mörder die Tat ausgeführt haben, ohne das Zimmer zu betreten. Ist dem so, dann muß er offenbar das teilweise geöffnete Fenster benutzt haben. Dies liegt so nahe, daß die Untersuchenden sich mit Gier daraus Mrzen werden. Zuerst werden sie sagen, der Mörder habe durch das Fenster herein-- gelangt und das davorsitzende Opfer getroffen. Da jedoch die Entfernung dafür viel zu groß war, — ich habe mit Absicht int Teppich die heutige Stellung des Sessels genau bezeichnet, — so wird diese Annahme sich als hinfällig erweisen, um bei der Polizei einer neuen Theorie Platz zu machen. Wenn das Opfer so weit vom Fenster saß, werden sie uns belehren, dann muß das Mordinstrument vom Täter geworfen oder abgeschossest worden fein."
„In der Tat," fiel Herr Herne ein, „ich habe zwar an diese Theorie nicht gedacht, sie erscheint mir aber jetzt, da. Sie davon sprechen, so annehmbar, daß ich meine, die Polizei wird nur Scharfsinn zeigen, wenn sie dieser Theorie folgt. Es scheint mir, die Annahme hat viel für sich, daß irgend ein Geschoß durch das teilweise offene Fenster geflogen kam und so dte Tat von uns unbemerkt blieb."
„Ja wohl," entgegnete Maitland; „wenn ich aber wiedeN- hole, daß Herr Darrow nicht nur zwei Meter siebenundvierzig! Zentimeter entfernt, sondern auch mit dem Rücken nach dem Fenster zu saß, und daß sein Stuhl eine solide Lehne hatte, die tote eilt schützender Schild volle fünfzehn Zentimeter über seinen Kops emporragte, so wird es schwer zu erklären sein, tute ein Mann, in seiner Lage, falls Geschosse nicht scharfe Kurven oder Winkel beschreiben sollen, eine Wunde gerade unter dem, Kinn erhalten konnte, eine Wunde, die so uiibedeutend ist, daß sie nicht einmal den unmittelbar darunterliegenden Schildknorpel durchdringt. Jn- folge dieser Erwägung wird man die Annahme, der Mord set von außen ausgeführt worden, fallen lassen müssen. Was bletbt nun übrig? Entweder müssen die mit der Untersnchnng Betrauten den Gedanken an Mord ganz, aufgeben, ober sie müssen zu der sogenannten Theorie der einzigen Möglichkeit ihre Zuflucht nehmen." . t
„Theorie der einzigen Möglichkeit?" wiederholte Florence mit verlegenem Ausdruck. „Ich — ich fürchte, ich verstehe nicht recht, was das bedeutet." t
Entschuldigen Sie, Fräulein Darrow» daß ich mich nicht klarer ausdrückte," sagte Maitland mit leichter Verbeugung. „Die Theorie der einzigen Möglichkeit bedeutet, auf unfern Fall angewandt, einfach folgendes: Wenn Herr Darrow ermordet worden ist, so ist einer von uns fünfen, die allein Gelegenheit zur Ms».


