Ausgabe 
2.5.1908
 
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schäft, durch Busch und Hecke gedeckt. Noch wenige Schritte und sie war im tiefen Schatten des eilten Parkes. Niemand wird sie ja vermissen und dort bleiben konnte sie nicht. Graf Gustav Trauens Anrede in leidenschaftlichem Flüsterton hatte gerade noch gefehlt, um das Maß ihrer Seelennot voll zu machen. Sie fühlte sich beleidigt entehrt. Er, ein verheirateter Mann, ein Mensch, dem sie nie im Leben auch nur um einen Schritt entgegengekommen war, wagte es, so zu sprechen! Oder war sie nur krank, daß ihr heute alles so ungeheuerlich erschien? Wenn, dann ist das hier der beste Ort, um zur Raison zu kommen. Die Stimmen der fast lärnrenden Gesellschaft verhallten hinter ihr, sie stand allein unter den Riesenbäumen, Dust und Stille umgab sie. Wohl war es auch hier drückend schwül, kein Blättchen regte sich aber es atmete sich doch leichter, als im Gedränge der Ge­sellschaft. Und man war allein oder doch nicht? Ihr war, als höre sie Schritte und Stiinmengeinurmel hinter sich und der schreckliche Wahn, Trauen könne ihr gefolgt sein, veranlaßte sie, sich umzusehen. Aber nein, es waren nur Loysen und die Valois, welche hinter ihr herkamen, jetzt stehen blieben und wieder um­kehrten. Schneller ging sie vorwärts, ganz gleich wohin. Von der herrlichen Gruppierung und effektvollen Farbenmischung der Baumarten sah sie nichts, nichts von dem von Silberweiden um­hegten Schwanenteich und den weiten, blumigen Rasenflächen. Immer weiter vordringend quälte sie sich ab in dem schrecklichen Zwiespalt zwischen der Schwesterliebe, die dem Bruder jedes Glück gönnen möchte, und dem eigenen Herzen, das nicht aufgeben will, was einst eigener Besitz war jenes Rothaide, welches einst war und welches ihr zu entgleiten scheint. Dazu kam dieser seine, stechende Schmerz, so oft sie Loysens gedachte, und nicht zum letzten die Sclbstvcrachtnng über den Egoismus des eigenen Herzens.

Sie biß die Zähne zusaminen und ging rascher, kreuz und quer, wohin der Fuß sie trug. Was war ihr Hitze und Sonnen­glut? Nichts wiegutes Erntawetter". Was ihr den Atem drüben beklemmte, hatte andere Ursachen.

Einmal war es ihr, als höre sie sich aus der Ferne beim Namen rasen. Sie kannte die Stimme. Es war Anne Marie. Nein! Jetzt nur nicht gerade dieser da begegnen, von der am wenigsten das verhaßte: Was hat man dir, du armes Kind, getan? hören müssen. Sie lief nun schon quer durch den inimcr dichter werdenden Laubwald, bis sie sich gestehen mußte, daß sie nicht mehr wisse, in welcher Richtung das Schloß lag. Dadurch kam sie zur Besinnung, blieb stehen und horchte nun doch auf einen erneuten Ruf, aber es kam keiner mehr doch statt dessen fuhr ein Blitz hernieder, der gleich einem flammenden Schwerte das Weltall zu spalten schien. Krachender Donner folgte. Nun sah sie erst, daß sich eine blauschwarze Wolkenschicht über die Bannimasse des Parkes emporgeschoben hatte, daß Blätter und Halme in der Luft umherwirbelten, hörte, daß es in den Kronen der Bäume mächtig brauste. Anne Mariens Ruf war ein Warnungssignal gewesen, welches sie unbeachtet gelassen hatte.

Wo nun gleich ein Obdach finden? Sie kannte keine Furcht vor Gewittern, aber sie kannte die Gefahr des Baumschutzes, vornehmlich der Eichen. Naß wurde sie, das stand fest, aber was fie tun konnte, um sich nicht mutwillig mit eineni dieser Riesen niederschmettern zu lassen, wollte sie tun; also ging sie wieder mitten auf einen W!eg und auf diesem planlos weiter. Laufen hätte nicht den geringsten Zweck gehabt, sie muß es dem Zufall überlassen, ob sie sich dem Schlosse nähert. Da die Wolken über den Park kämen, muß sie mit ihnen vorwärts streben. Sie hatten ihre schwarzen Ausläufer schon gierig vorgestreckt, cs wurde sehr dunkel und der Sturm peitschte dem Mädchen die ersten Regen­tropfen an den Kbps. Sie hatte weder Hut noch Schirm, an beides war sie zu wenig gewöhnt und hatte es achtlos liegen lassen. Was kam darauf an? Eigentlich tat ihr der Aufruhr in den Lüften wohl mit der elektrischen wich auch viel von der seelischen Spannung.

Ta hörte sie wieder einen Ruf und blieb stehen. Tas war Loysen. Er hatte seine Tame in Sicherheit gebracht und kam nun, sie zu holen. Sehr gütig! dachte sie etwas bitter und setzte ihren Weg fort. Da kam er aber schon heran, schnell wie der Sturmwind. Während sie sich noch überlegte, was sie ihm sagen wolle, etwa: Aber bitte, bemühen Sie sich doch nicht, ich bin ja ganz gelassen, mir schadet kein Weiter! fühlte sie schon etwas Warmes um ihre Schultern geworfen und sich selbst mit fortgerissen, ohne viel Worte, quer durch eine Tannengruppe, deren stachliches Gezweig beiden ins Gesicht schlug, einen schmalen Weg hinan, zwei Stufen herauf und sie standen in einer Borkenhütte. Fast im selben Augenblick rauschte ein wolkenbruch- ähnlicher Regen herab, durch den die breiten Blitze lodernd flamm­ten. Das Getöse des polternden Donners machte jedes Wort

unverständlich, mißendem war Edeltraut von dein jähen, stummen Uebersall fast betäubt, so schwieg sie und rang nach Fassung.

Tie Hütte war aus Tannenstämmen imb Rinde gebaut, inner­lich lief eine Holzbank ringsum und stand ein kleiner Tisch. Vor dem offenen Eingang aber stand und saß zwischen Fichten, Farnen und Glimm eng estein eine Gesellschaft tönerner Zwerge, mit Spitzhacken und Hämmern in den Händen.

Na, das war die höchste Zeit!" sagte Loysen. Seine Stimme hatte einen frischen, fast lachenden Kling, so etwas Sieghaftes. Gut, daß ich nicht zu spät kam! Beinah doch!"

Tanke für die Bemühung es war ein Kunststück. Zwei Damen zu dienen ist wohl schwerer als zwei Herren. Ich setze voraus, daß Sie erst Fräulein von Valois unter Dach und Fach bringen mußten."

Stimmt genau. Und sie wollte nicht absolut nicht. Sie wollte mich begleiten. . . aber dem Wetter war sie doch nicht gewachsen dem nicht!"

Er sah so froh aus und rieb sich die Hände. Edeltraut bemerkte nichts davon, aber sie bemerkte jetzt erst, daß es sein Rock war, der wärmend auf ihren Schultern lag, gab sich einen heftigen Ruck und ließ das Kleidungsstück achtlos auf den Boden fallen. Loysen bückte sich sofort und legte es ihr wieder um.

Lassen Sie das, ich will nicht!" rief sie.

Ich will aber! Ich bin vor Wilhelm und Anne Marie, die Sie gebracht hat, dafür verantwortlich, daß Sie sich nicht erkälte». Ter Regen strömt und hier drinnen ist es dumpf und feucht. . . Uebrigens, wissen Sie, wo wir sind? Bei Schnee­wittchen und den sieben Zwergen. Mollen Sie die armen Kerlchen, denen das Wässer über die langen Bärte rieselt, nicht herein-! rufen, Schneewittchen?"

Statt der Antwort zog sie sich wieder den Rock von den Schultern, aber sie ließ ihn nicht fallen, sondern hielt ihn auf den: Arm, damit er ihn nicht wieder umlegen könne.

(Fortsetzung folgt.)

Johann parrWas Tat.

Znni 600. Jahrestage der Ermordung König Albrechts, 1. Mai 1308.

(Nachdruck verboten.)

Der Name des Vertvaudtemnörders Parricida, den österreich. Chronisteil zuerst dein jungen Herzog Johann von Schwaben beigclegt haben, ist dem Mörder seines Oheims, des deutschen Königs Albrecht I., in der Geschichte geblieben. Andere haben schwerere Untaten vollbracht, haben Eltern und Geschwister er­schlagen; auf ihm lastet der Fluch des entsetzlichen Beinamens, sein Bild ist uns allen eingeprägt in dem düsteren Rahmen der Acht und der Verzweiflung, wie ihn Schiller als dunklen Kontrast der hellen Heldengestalt seines Tell eutgegengestellt hat. Und doch mag der leidenschastliche Jüngling, dem der harte und starr­sinnige Vatersbruder sein Erbe vorenthielt, im Glauben an sein gutes Recht gehandelt haben. Der Schweizer Chronist Tschudi erzählt in pathetischer Steigernng, wie Johann dreimal den König um sein Eigen anging und dreimal abgewicsen wurde. Bei einem Gastmahl in Winterthur verteilte der König zur Maifeier Maienkrnuze an seine Umgebung. Der junge Herzog aber weigerte sich, die Blumenspende aus der Hand des Oheims anzunehmen; er sei nun zu alt für solche Tändeleien; er wolle auch regieren und herrschen. Der bittere Ingrimm fraß sich immer tiefer ein in seinem Herzen.Also wandte er sich an jenem Maiabend wieder au den König," so erzählt Tschudi weiter,er möge ihm sein väterlich und mütterlich Erbe an Land und Leuten, das ihm gehöre, zustellen." Der König gab ihm zur Antwort:Es kommt dazu wohl die Zeit", und er gab ihm keinen anderen Bescheid. Diese Rede und hochmütige Antwort tat dem Herzog Hans wehe, und er klagte cs weinend seinen Räten, Rudolf Freih. von Wart, Walter Freih. von Eschenbach, Rudolf Freih. vou Palm, Konrad Ritter von Tegerselden und etlichen Ver­trauten und erinnerte sie an ihre Eide, die sie ihm geleistet, daß sie ihm nunmehr behilflich seien, wie sie ihm im vorigen Jahre versprochen; denn er wolle sich nm König bei nächster Gelegen­heit rächen. Des anderen Morgens am Maitag, auf Phrlippr und Jakobi, ritt der König von Baden, um sein Ehegemahl, bte Königin Elsbeth, die er zu Rheinfelden gelassen hatte, zu be­suchen. und dann sein Heer, das noch vor Fürstenstein lag, zu mustern. Als er zu Windiich an die Fähre kam, hatren srch Herzog Hans von Oesterreich, sein Vetter und die vier erwähnten, Wart, Eschcnbach, Palm und Tegerselden, mit Fleiß zusanimengehalten, daß sie zuerst mit bcm König durch das Wasser der Renß fuhren; alles andere Gesinde kam langsam nach. Und wie der König durch das Saatfeld zwischen Windisch und Brugg ritt und mit Herrn Ritter Walter von Casteln sprach und sich nichts Arges versah, ward er vou seinem Vetter Herzog Hans und seinen Helfershelfern angerannt. Herzog Hans stach den König in die Gurgel und sprach:Du Hund, jetzt will ich dir bte Schmach lohnen, die du mir erwiesen, und sehen, ob mit mein