274
Aber schließlich rief er, einen Schritt näher tretend, unter lebhaftem Schwenken feines Hutes doch:
„Guten Tag, Martha!"
Tie auf dem Baume schien vor Schreck einen Fehlgriff getan zu haben; denn unter großem Gepolter kam der Korb, seinen Inhalt an faustgroßen Birnen wie einen Steinhagel ausschnttend, niedergesaust. Dicht neben einen; größeren, schwingenartigen Korb, der, fast schon bis zum Rande gefüllt, am Stamm des Baumes stand, schlug er auf.
Gar langsam stieg das Mädchen hinterher. Ihr war Wohl wirklich der Schreck in die Glieder gefahren; denn auch, als sie schon den festen Grasboden unter den Füßen hatte, wogte ihre Brust noch heftig, und auf ihrem offenen, bräunlichen Gesicht lag tiefe Blässe.
Heinz war ihr bis unter den Baum entgegcngegangen und sprach nun ein paar schcrzhaft-bcdanerude Worte über die schönen Birnen, deren viele sich bei dem Sturz ans der Höhe arge Risse und Quetschungen zngezvgen hatten.
Eine Sekunde lang ließ Martha Bartikow ihre stillen, blauen Augen mit einem seltsam forschenden Blick auf Heinz Vollraths Antlitz ruhen. Tann bot sie ihm ihre feste, ein wenig gedrungene Hand, welche die Merkzeichen harter Arbeit trug, und nun erst erwiderte sie:
„Guten Tag, Heinz."
Heinz suhlte sich unter dem ernsten, tiefdringenden Blick ihrer großen, klaren Augen beklommen werden; —* er wußte selbst nicht, warum und wie. Und er beugte sich nieder, um unter harmloser Rede die bunt im Grase verstreuten Früchte zu sammeln und in den großen Korb zu legen. Dabei stand aber vor seinem geistigen Blick, klar und scharf wie in Stein gehauen, des Mädchens schmales Gesicht, das von einer unter Kämpfen und Entsagen er- rungenen Reife sprach, und um dessen edelgeschnittencn Mund die Spuren herben Leidens wie mit einem Meißel cingezeichnet schienen. „Wie alt ist sie eigentlich?" fragte sich Heinz, und er rechnete nach, daß sie sechsundzwanzig Jahre zählen müßte, vier Jahre weniger als er.
Martha Bartikow stand eine Weile regungslos, als hielte eine Lähmung ihre Glieder im Banne. Ihre Brust ging noch immer in starken Atemzügen auf und nieder; doch in ihr bleiches Antlitz flutete die Welle des roten, warmen Blutes schon langsam zurück. Und nun, da sie sich unbeobachtet Ivußte, brach aus ihren Augen ein Strom von Zärtlichkeit und schmerzvollem Glücksempfinden über Haupt und Gestalt des gebückt vor ihr Stehenden hin. —
„Ist es denn nötig, daß du gerade so gefährliche Kletter- Partien unternimmst, bei denen du Hals- und Beinbruch riskierst?" fragte Heinz. „Können so schwieriges Obstpflücken denn nicht eure Knechte oder Mägde besorgen — oder dein Bruder?"
_ Tie letzten drei Worte waren ihm fast gegen seinen Willen Entfahren und kamen so ein wenig gedehnt heraus.
Martha fühlte gleich den seinen Stachel, der in ihnen lag.
„Oh — Wilhelm hätte mir gewiß gern die Arbeit abgenommen, wenn ich ihn darum gebeten hätte," entgegnete sie mit leisem Trotz. „Tie Knechte allerdings behaupten, daß unter ihrem schweren Gewicht die Zweige zusammenbrechen wurden, und die Mägde toerben so leicht schwindlig — außer beim Karussellfahren." Ironie klang durch ihre Stimme. „Aber," fuhr sie wieder irn halbversteckten Trotz fort, „wenn du dich nicht fürcht tetest, fünf Jahre lang im ungesunden Klima unter Wilden und Heiden zu leben, warum sollte ich mich fürchten, ein paar Stunden auf einem zehn Meter hohen Baum zu. stehen? Es macht mir, ehrlich gestanden, sogar besonderes Vergnügen. Schon das Obstpflücken, das Einheimsen an sich. Unb dann genießt man aus der Spitze unseres „Urgroßvaters" — du erinnerst dich wohl rwch, daß wir den alten Birnbaum so nennen? — eine so herrliche Aussicht . . . ordentlich emporgetragen über den Wirrwarr dieser Welt fühlt man sich, wenn man von dort oben in's Land hinaus schaut." Sie beugte sich nieder, um nun ebenfalls Birnen aufzulescn.
„Laß du das nur," sagte sie dabei, „das ist keine Arbeit für dich. Uebrigens scheinst du auch die guten Lehren des Aschen- Lwdelmärchens vergessen zu haben; sonst müßtest du wissen, daß man nicht gute nnb schlechte Früchte in einen Behälter werfen darf."
Sie ivar offenbar bemüht, einen leichten, unbefangenen Ton anzuschlagen, was ihr aber nicht sonderlich glückte; denn selbst durch ihr Lachen klang zitternde Erregung und schwer verhaltene Bitterkeit.
Tie dunkelblaue Wirtschaftsschürze, die sie zum Schutze ihres hellblauen Kättuukleides trug, vorsichtig unter sich breitend, kniete sie ins Gras nieder, das schon der Tau zu feuchten begann, suchte
aus dem großen Körbe die beschädigten Birnen sorgfältig iviedcr ans unb tat sie in den kleineren Körb.
Dabei sprach sie kein Wort; und auch Heinz schwieg.
Tiefe Stille rings umher. Nur die unermüdlichen Bienen summten noch immer, und im Stachelbeergesträuch zwitscherte ein Finkenhahn.
Nach einer Weile begann Heinz, der sich den erteilten Rüffel zu Herzen genommen hatte und nun sorgfältige Scheidung zwischen guten und schlechten Früchten walten ließ, in ernstem, mitleidsvollem Ton:
„Du hast viel durchzumachen gehabt in den Jahren, daß ich fort ivar."
„Jeder muß durchinachen, der eine früher, der andere später — luie es ihm bestimmt ist," klang cs schroff, >vie in Abiveisnng jeden bedauernden Mitgefühls, zurück.
Heinz empfand es wohl, und cs schoß ihm durch den Sinn/ daß sie sich das Wiedersehen mit ihm ivohl doch anders vorgestellt haben mochte.
„Es ist jetzt fast drei Jahre her, daß deine Mutter tot ist," fuhr er beklommen fort; „ich kann dir nicht sagen, wie leid es mir um die herrliche Frau getan hat."
„Du schriebst mir ja damals auch eine Koudolation," entgegnete Martha in unbestimmtem Ton.
„Wie kam das Unglück eigentlich? Man schrieb mir, sie wäre die Treppe hinuntergestürzt und unten mit zerschmettertem Köpf liegen geblieben. Aber es war doch am Hellen, lichten Tage; wie in aller Welt konnte ihr das nur passieren?"
(Fortsetzung folgt.)
Kelmuiß von Lovlen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Nun kam der alte Graf Trauen herzu und fragte, seinen Schnurrbart streichend, worüber man so lache. Eigentlich kam- er nur, nm sich das weiße Mädchen am Eichenstamme, diese blonde Freia, einmal näher zu besehen. Er wußte darum, daß sie 'mal, vor sechs Jahren, seinem Sohn einen Korb gegeben hatte. Ter Junge hatte wirklich Geschmack gehabt, das mußte wahr sein — nicht gerade eine Schönheit, aber ein Staatsmädel vom Scheitel bis zur Sohle. Sein Kennerblick fand das gleich heraus. Man machte ihm natürlich Platz und er setzte sich neben sie, fing sogleich an von den alten Zeiten zu reden, da sie „noch ein Baby" gewesen und die Trauens Hochwert besessen hatten. Sie antwortete ganz mechanisch und zuletzt schwieg sie. Es ivar zu heiß, um zu reden, hier unter diesem! Baume drückend heiß. Ter Platz an ihrer Seite wurde leer, der alte Herr hatte die vielbewiinderte Schönheit an der Seite des Tagcshelden erblickt, gestutzt und war dann hingeeilt. Seine Tochter kicherte und alles reckte die Hälse, nur Edeltraut blieb gleichgültig, sie kannte ja den Zusammenhang der belustigten Kommentare zu diesem Intermezzo nicht. Plötzlich ivurde sie sich bewußt, daß der Platz neben ihr wieder besetzt war. Gras Gustav Trauen hatte ihn unbemerkt eingenommen und sah sie wieder an mit diesem Blick, der sie so empörte. Dazu mur> melte er:
„Wenn Sie ahnten, gnädiges Fräulein, welch' fchmerzlich- süße. Erinnerungen an den eilten großen Traum meines Lebens dies unverhoffte Wiedersehen in mir wachruft! Ich kann nie vergessen..."
Weiter kam er nicht. Sie war aufgesprungen und, sich einen Weg bahnend, eilte sie ohne ein Wort der Entschuldigung nach dem rot und weiß gestreiften Zelt, wo Marie Anne soeben einige Befehle an die Diener erteilte.
„Kann ich nicht helfen?" stammelte Edeltraut atemlos. „Etwas holen? Bestellen? Ich fühle mich nutzlos in der Welt!"
Tas versuchte sie scherzend zu sagen, aber ihre Wangen glühten und in ihren Angen schimmerte es verräterisch.
Marie Anne tätschelte freundlich die heiße Wange.
,Tanke, Liebste, danke — Sie halfen ja schon wie eine wahre Haustochter, aber wenn Sie so furchtbar gut sein wollten, der Mamsell zu sagen, daß es an kleinen Serviettchen fehlt? Ja? Tanke tausendmal!" lind die rosige Hausfrau eilte schon wieder zu den Gästen.
Auf halbem Wege begegnete Edeltraut der Wirtschafterin; sie trug ein ganzes Päckchen gefranster Servietten dem Zelte zu und händigte sie dem Diener ein.
Also was nun beginnen? Edeltraut bog in einen Weg, den dichte Jasminsträuche einfaßten, stand still und atmete tief auf. Hier war sie wenigstens allein, im Rucken der lachenden Gesell-


