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Wirket, so lange es Tag ist.
Roman von Maximilian Böttcher,
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Drittes Kapitel.
Als Heinz sich gegen Abend — nach vollzogener Uebersied- lnng in das Schulhaus — von Onkel Nagel dessen Stolz, den großen, mit einem Uebermaß von Liebe gepflegten Garten, zeigen lreß, rtef die Wirtschafterin Lene, eine starke, grobknochige Vicr- Srgerm, die man im Dorf mit scherzhafter Uebertreibung „die Rresendame" nannte, von der Hintertür her: „Herr Kdntor Herr Kantor!" und schwenkte dabei ihr nasses Ausscheuertuch wre eine Srgnalfahne durch die klare, von Blumenduft erfüllte ä-uft. (Die Arbeit ging Lenen nicht sonderlich von der Hand, und
’Pn Zeit, zu der andere Frauen schon an die Rüstung des Nachtmahles dachten, hatte sie noch ihr Wesen und Wunder NM dem nachmittäglichen Reinmachen ihrer niedrigen, stcinae- Pflasterten Küche.)
„Na, was ist'n los?" rief der Schulmeister zurück.
„Es sind schon wieder zwei Jöhren da, die 'n Bouquett haben wollen, die Dannenbornschen," kam die Antwort den langen Mittelweg entlang, der den Garte» in zwei gleiche Rechtecke teilte
. "Sollen warten, komme gleich!" telephonierte der Kantor und stnch sich dabei über den vorsintflutlich gezogenen grauen Bvllbart, der, Kinn und Oberlippe völlig frei lassend, das kleine Gnomengeslcht nur an seinen äußersten Grenzen umrahmte
„xin, die Dannenbornschen," wandte er sich in bescheidenem r?‘LÄ. rtXtt soffen, zu dem er mit einem Gemisch von verwandtschaftlichem s-tolz und respektvoller! Verehrung anfsah, „zwei Waisen V " 1IC Eltern hast du noch gekannt... sie hatten die letzte Kate am Ausgang des Dorfes nach Schönaue zu. Vor zwei Jahren sind beide innerhalb vier Wochen gestorben — Schwindsucht Nun wohnen die Kinder im Armenhaus »ich essen Reihe herum. Ja : V sst em Jammer. Aber sag' mal den Leuten 'was davon, daß sie dre archen Geschöpfe m's Waisenhaus bringen sollen —
"Achten sie dich fressen von wegen der Kosten. Morgen m der Todestag oer Frau Dannenborn, wenn ich Uiich recht be- siune. Ja. . ." Er blickte auf die Spitzen seiner groben Holzpantinen -- stiefel trug er nur während des Dienstes — 'und p'y. nncy «Hier Jßnuie, die wie eine Verlegenheitspause anmutetc,
g- J)a6' ,ba§ nämlich seit einiger Zeit so eingeführt, daß die Kinder, die in der Schule fleißig iind brav sind, sich zu vorkommenden Gelegenheiten Blumen von mir holen können. Ich ’.L J“ ^nd . . er räusperte sich — „die Maß-
regel wirkt erzieherischer, hab' ich gefunden, als der Rohrstock. Äeick SJT« te£ bldLninJ "Uein ’n bißchen um. Ich bin ein dein Neffen zu und ging langsamen,
fhn l^leppenden Ganges - Alter und Rheumatismus hatten Hause 1 8ebori9 unter — zu den Blumenbeeten hinter dem und lvauderte weiter durch den Garten kreuz uird quer »nd freute sich der mit goldgrünen und roten Früchten beladenen
Baume und der RvM, von denen es an jedem sonnigen Plätzchen mitten zwischen Kartoffeln, Rüben und Kohl, ein paar Sträucher oder Stamme gab nicht ohne Grund nannte man Nagel in der ganzen Gegend „den Rosenküster".
,. „dlls Heinz einmal zufällig nach dem Bartikowschen Garten hinubersah, der dicht ireben dem Schulgrundstück lag, durch nichts von ihm getrennt als durch eine schmale, im Lauf der Jahrzehnte versallene Grenzfurche, blieb er stehen und staunte mit großen Augen nt die Luft.
e. Aus der höchsten Spitze eines geivaltigen Obstbaumes, dessen ^erwssen rungs umher weit überragte, wuchs er» Heller Madchenkopf heraus. Klar zeichneten sich die reinen ™b ^n Limeilseines Profils gegen den blauen Hintergrund des wolkenlosen Herbsthimmels ab, und das blonde Haar, leicht gelockt und soilncnscheinilmflvssen, glänzte !vie gesponnenes Gold
Lange blickte Heinz zu dem holden Bilde empor: und nun da er genauer hmsah, gewahrte er, daß das Mädchen nicht auf rP? "u den Baum gelehnten hohen Leiter, sondern auf einem schwankenden Ast staich, der sich unter der Last ihrer schlanken hochgewachsenen und doch vollen Gestalt bedenklich bog. Geschäftig und mit, der regen, alle Nebendinge ausschließen- den Anfmerkiamkeit, mit der die von Natnranlage fleißigen Menschen sich ihrer Arbeit hingeben, pflückte sie Birnen in einen Ävrb, der ihr handlich zur Seite hing.
Wieder stieg Heinz die Frage auf, die ihn schon am Tage zuvor, nn Hause der Mutter gequält hatte: Hatte er Martha Bartlkvw Beranlaßung gegeben, zu glauben, daß er sie liebte?
xsnnige Freundschaft — Jugendfreundschaft — hatte sie und ihn verbunden, allerdings. Schon darum, weil Martha an seiner ‘ a eine eigene Tochter gehangen hatte. Uiid
auch ivohl deshalb, jveil sie sich beide aus der Schar der übrigen Fichtenwälder Kinder dadurch herailshoben, daß sie ausivärts ihre Schulbildung genossen, .er auf dem Gymnasium, sie auf der höheren Mädchenschule. lind geiviß ... es hatte auch eine Zeit gegeben, vor nun sechs Jahren, eine Zeit, in der Martha Bar- tlkows ^irbrerz, ihre unverzagte Frohlaune, ihre nimmermüde , Arbeit, fleudigkelt und ihre Hilfsbereitschast gegen jedermann, eine starke Wirkung auf ihn ausgeübt hatten. Möglich, daß Martha dies gentetfi [j-ettte; nbev nie I)ntte er feinem (Snibfinben mit einem uoch so verstohlenen, harmlosen Wort Ausdruck verliehen. Auch mcht mit einem Blick? Vielleicht... Wer kann sich Rechen- ichafl geben über Blicke, die er mit vierundzwanzig Jahren getauscht hatte? . . . Doch kaum, daß damals von des lieben Mädchens lichter Somrenseele die ersten Funken tit sein Her» hinübergv- sprungen waren, hatte er die Reise in den fernen Osten angetreten. Und vor der Sturmflut neuer Eindrücke, die sich über ihn ergossen hatte vor dem Entschluß, sich mit ganzem Herzen und ganzer Seele ausMießlich seinem Amte zu widmen, war Marthas Bild ra>ch in seiner Brust verblaßt.
Einen Moment überlegte Heinz, ob er der Jugendfreundin einen Gruß zurufen sollte oder nicht. Und auch das erforderte ein Nachdenken, ob er sie noch mit ihrem Vormaulen und mit „du" anreden dürfe, wie es bis zum Tage seiner Abreise zwischen ihnen Gebrauch gewesen war.


