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* Jenas Bierdörfer. Die alte thüringische Mnsen- stadt ist bekanntlich von einem Kranze freundlicher „Bier- dörfer" umgeben, in denen ein nach besonderem Rezept gebrautes Werßbier als „Nationalgetrünk" verzapft wird. Gemeinhin unter dem Namen „Lichtenhaiuer" bekannt, besitzen auch die Dörfer Auerbach, Wöllnitz und Ziegenhain eigene Weißbier-Brauereieir, die namentlich in der heißen Jahreszeit für die durstigen Kehlen der Musensöhne und der Bierphilister nicht nur Jenas, sondern ganz Deutschlands nicht genug „Stoff" liefern können, liebet1 die Güte dieses Ge- tränkes, das in „Spritzkannen" und Hvlzkannen zum Ausschank gebracht wird, gibt es unter den Konsumenten nur eine Meinung: Vorzüglich! .höchstens die Zwetschenzeit macht eine Ählsnahme. Auch der Preis ist für die gewöhn- - lichen Bierverhältnisse Jenas unerhört billig: eilt Liter kostet in Jena je nach der Auswahl der Lokalitäten 20 und 15 Pfg., geht aber in Ziegenhain bis auf 12 Pfg. herunter, und die Zeiten sind noch gar nicht so fern, wo man im Schatten des Fuchsturms seinen Liter köstliches Weißbier für 10 Pfg. erhalten konnte. Mit dieser Idylle ist es freilich vorbei — und nachdem die Weißbierbrauer einmal auf der schiefen Ebene angelangt sind, geht es unaufhaltsam weiter hinab. Nachdem alles teurer geworden ist, soll auch in Ziegenhain der Bierpreis ans 15 Pfg. pro Liter erhöht werden. Ob die Maßnahme ruhig hingenommen oder mit einem frisch-fröhlichen Bierkrieg beantwortet werden wird, steht noch dahin. Jedenfalls wird Ziegenhain auch fernerhin feinen Ruf durch das Weißbier und durch die aus dem Holze der Herlitze (Kornelkirsche) gefertigten festen sogen. „Ziegenhainer" Spazierstöcke behalten.
ipc. Das Gemälde auf d e r S e r v i e t t e. Kürzlich verstarb in Paris der Landschaftsmaler Dameron. Dies ruft die Erinnerung an ein kleines heiteres Erlebnis des Künstlers aus jener Zeit wach, als er noch Böhsmien, ohne einen Son in der Tasche, mir dem Maler Pelvuze seine bescheidenen Mahlzeiten in der Garküche der Mutter Leopold entnahm. Diese Dante gewährte Künstlern einen langfristigen Kredit. Eines Tages beschloß Dameron, int Kunstsalon auszustelleit, aber es mangelte ihm an Geld, eine Leinwand für fein Bild zu erstehen. Rach einem vergeblichen Versuch, ! Mutter Leopold um einige Franks anzupumpen, entwarfen I die Freunde einen Schlachtplatt. Während. Helot!ze Schmiere stand, eskamotierte Dameron eine Serviette der Mutter Leopold; diese wurde auf einen alten Holzrahmen genagelt und bald bedeckte ein schöner Wasserfall den Besitz 'ber Reftauratense. Aber kaum jvar die Farbe getrocknet, so schien das Gewebe der Serviette durch, sie war ans Damast. Wie groß war der Schrecken der beiden Komplizen, als sich auf der herrlichen Landschaft, den Felsen und dem Wasser, grof^ heraldische Blumenmuster zeigten. Zur Ausstellung un Kunstfalon war das Objekt nicht geeignet, und so blieb ntchts übrig, wie es der Mutter Leopold zum Geschenk zu machen, welche so wieder in bett Besitz ihres Eigentums gelangte, das noch heute die Mauern der Garküche ziert.
.. ' Trauen als Legate. Ein Testament, in welchem dem Erben eine Fran vermacht wird, ist nicht immer ein Segen, wie ein junger Mann aus Liverpool vor einigen Jahren entdecken sollte. Er erbte ein hübsches Vermögen unter der Bedingung, er müsse die Witwe des Verstorbenen heiraten, eine Fran von reiz lvsem Ansehen, die noch dazu mit einer bösen Zunge behaftet war. Da er indessen mit Pekuniären Sorgen zu kämpfen hatte, io nahm er beides, Frau und Vermögen, an, doch der sechs Monate tpäter ci'iolgenbc ber Ökiltiit liefe ifiit er ft zum rcdjitcit Oeiuifj der Erbschaft kommen. — Vor nicht langer Zeit hinterließ ein retcher Bürger in Bristol ein bedeutendes Vermögen feinem Neffen unter der Bedingung, der letztere solle feine Cousine heiraten. Obwohl der Nesse bereits heimlich vermählt war, so sah er darin ?
Andcrnis, den Wunsch seines Onkels zu erfüllen. Zu seinem Eine, hatte er seine Frau in Chicago geheiratet, Ivo die Ehefesseln Ulchts weniger als unauflöslich sind. Mit Zustimmung seiner Gatnn leitete er auf Grund unüberwindlicher Abneigung einen Scheidungsprozeß ein, heiratete seine Cousine und wurde so Be- | sttzer eines großen Vermögens. — Ein exzentrischer Bürger von | Brooklyn, der sich mit seinem Sohne entzweit hatte, hinterließ diesem, bei seinem Tode 250000 Dollars mit der Bedingung, : er ntniie wnerhalb eines Jahres eine Frau heiraten, die die j Vornamen Eodosia Sophonisba trug. Der junge Mann suchte 1 Md) einer Schönheit, die die Namen aufzuweisen hatte, weit und «
breit und verzweifelte bereits an dem Erfolg, als die langäesuMe Dame wenige Meilen von seinem Wohnorte austauchte Eine Schönheit war die Trägerin dieser Namen indessen nicht, dafür aber die Scheuerfrau seines verstorbenen Vaters, eine Vollblut- Negerin, und sie hatte der Testator augenscheinlich int Sinne ge- bjtbt, als er diese verrückte Klausel niederschrieb. Es war eine bittere Pille, die der junge, glückliche Erbe herunterschlucken mußte, doch da sie stark vergoldet war, so fügte er sich in das llnver- meidltche und zog mit ihr in eine Gegend, wo sie niemand kannte.
* "$ret ist der Bursch", aber in der studentischen Kneipe beugt er sich einem Trink-Despotismus, gegen welchen die Wochenschrift „Fürs Haus" nicht mit Unrecht Front macht. Wie mancher iiich-t gerade robust veranlagte Musensohn hat, mit ein „bierehr- lichep" Mann zu werden, seinem Organismus schwere Nachteile ziigesügü wie mancher andere am Bierkomment körperlich und geistig Schiffbruch gelitten! Humor und Lebensübermut sollen gewiß nicht aus dem Leben unserer akad. Jugend verschwinden, aber der Kneip- und Trinkzwang dürfte, wie „Fürs Haus" meint, doch wohl kaum iloch lange der Kritik unseres in mancher Beziehung logischer, denkenden und hygienischer enipsindenden Zeitalters standhalteii.
Literarisches.
— Emil Str a u ß, D e r Engel to i r t. Eine Schwaben- Mchichte, Neue Ausgabe. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 2 Mk. — Dieses köstliche Werk erschien noch vor dem „Freund Hein".. Damals schrieb Hugo von Hofmannsthal folgendes über den „Engelwirt": „Charakter und Handlung sind nicht unter äußerer Gewalt in Eins geschmolzen, sondern sie stehen im tiefsinnigsten und harmonischsten Zusammenhang. Es widerführt einem Menschen, was ihm widerfahren mußte, weil er handelte, wie er handeln mußte. Indem er sein Glück zu fassen meint, bekommt sein Schicksal ihn zu packen, und während wir atemlos dem Verlauf eines Abenteuers zuzusehen meinen, entfaltet sich uns ein menschliches Wesen. Die schöne Novelle hat ihre Wurzeln in provinzieller Beengtheit; das wunderbare Schauspiel, wie sich Weltwesen und Menschenwesen berühren und namenlose Gewalten für einen Moment dazukom'men, dem beengten Einzelnen ins Auge zu sehen, bildet ihre Blütenkrone. Hier ist ein Buch, das genug Kunstwerk ist, um sich eines sehr starken Gehaltes an Stimmung und souveräner Sicherheit als eines untergeordneten Schmucks zu bedienen." Die neue Ausgabe, die sich in der äußeren Form hübsch und handlich präsentiert, wird hoffentlich für das deutsche Volk eine Gelegenheit fein, sich eines seiner Besitztümer wirklich zu eigen zu machen. Der sittlich künstlerische Gehalt des Buches ist so groß, daß man meinen sollte, es in jedem Hause anzutrefsen.
Aphorismen.
TaS Genie überspringt den Abgrund, das Talent baut eine Brücke. t
Tie schwersten Beleidigungen werden ock durch Achselzucken ansgedrückt. A
Eine geistreiche Frau hört Komplimente an, eine törichte glaubt sie. .„
Die Mitgift ist das Schmerzensgeld der Ebe.
(Aus den Blättern für Sporthumor.)
Rätsel.
Die zwei Ersten siehst du in jeder Stadt, In Dör'ern, Burgen, an Türmen;
Sie wiederstehen des Wetters Wut, Mag's regnen oder stürmen.
Tie zivei Letzten bieten ein ireundlicheS Bild, Sind stets willkommene Gabe;
Sie schmücken das Leben zu jeder Zeit Bon der Wiege bis zum Grabe, DaS Ganze ist ein traurig Wort;
Voll Mitleid muh ich riben: Ach, stiege doch jedes Menschenkind Empor zu der Freude Sticken!
Es drückt dir stumme Erwartung aus, Ein leises Weh und Zagen,
Ein Laugen und Bangen in stiller Pein, lind doch von der Hoffnung getragen.
A. 9( ni m a n n. Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Neis, Greis, Preis.
h l 'scheu UniversitätS-Buch- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.
Redaktion: P. Wi11ko. —
Rotationsdruck und Verlag der B r ü


