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macher des Kaisers zu besuchen. Von den drei Raumen des Kaisers ist fein Arbeitszimmer der persönlichste. Das Gemach ist mit geblümtem Cretoime bekleidet; nur wenige Möbel, em großer Ähorntisch mit Buchern und Karten bedeckt, an den Wänden zwei 'Schränke mit je 20 Fächern, in denen die Papiere der lausenden Geschäfte eingeordnet sind. Dann ein paar Drehstühle und an der Wand noch ein Bücherstand, auch aus Ahornholz. Es tft über und über mit Büchern vollgepfropft; diese liegen nicht gerade in guter Ordnung, sie stehen nicht so intakt und unangreifbar, wie in den meisten Bibliotheken berühmter Herrscher, sondern sie sind ohne Ordnung durcheinander geworfen und verraten, daß ihr Besitzer sie oft benutzt und nicht nur eines am Tage. Ein seltsames Zusammentreffen: das Alte Testament liegt hier unmittelbar unter den, Zola'scheu „Rom" und den „Barrack room ballads" voii Rudyard. Kipling. Dm Wände und Mobel- flächen sind von Familienphotographien und den Ausnahmen deutscher Fürsten bedeckt; fast alle zeigen handschriftliche Widmung. In einem großen roten Lederrähmeil sieht man ein prachtvolles Bildnis der Herzogin-Witwe voii Aosta, der Prinzessin Lätitia, in einem wundervollen Dscollets, das die junonische Schönheit der Gestalt zu voller Geltung bringt. Wenn der Kaiser die „Hohenzollern" verläßt, um am Land Aufenthalt zu nehmen, so pflegt er dieses Bild immer mitzunehmen und in dem Arbeitszimmer seines Schlosses aufzustelleii . . . An Bord der „Hohenzollern" pflegt sich der Kaiser stets um 7 Uhr zu erheben. Nach einem Bade geht er an Deck, um die Gäste und Offiziere zu begrüßen, und dann beginnt eine Viertelstunde gymnastischer Hebungen, die der Kaiser unter allen Verhältnissen streng inne hält. Inzwischen sind die eingelaufenen Nachrichten durch den „Sleipner" an Bord gebracht, _bie Radiotelegraphen arbeiten, und der Kaiser widmet sich in seinem Arbeitskabinett, bei schönem Wetter auf dem Verdeck, den Staatsgeschäften. Um 11 Uhr erfolgt ein leichtes Frühstück, um 1 Uhr das Dejeuner und nm 7 Uhr das Mittagessen. Nach dem Dejeuner und nach dem' Mittagessen liebt es der Kaiser, sich mit seinen Gästen zu unterhalten und der fröhliche, ungezwungene Ton, der dabei herrscht, streift alles Zeremonielle ab. Mit Borliebe erzählt der Kaiser dabei kleine Scherze und Witze, im Berliner, Münchener oder sächsischen Dialekt, und in diesen Stunden macht manche Anekdote die Runde, die sonst auf dem Hofparkett als unmöglich gelten würde. Aus der letzten Fahrt erzählte der Kaiser lachend eine etwas derbe Geschichte vom greisen Feld- marschäll Wrangel, der bet einem Hoffeste eine sehr stark de- kollerierte Dame unausgesetzt anschaute. Die Dame wird ärgerlich: „Was schauen Sie denn so dumm?" Der alte Wrangel aber antwortet: „Nicht dumm, nur gerührt; Sie erinnern mich an die Tage, da ich noch eine Amme hatte. .
Herzog Georg IL von Meiningen
vollendet heute, am 2. April, fein 82. Lebensjahr, und ans eine 42- jährige Regierungszeit blickt er gleichzeitig zurück. Er darf sich aber sagen, daß fein Leben nützlich, fegeubringenb war. Er hat bte Regierung mitten in den kriegerischen Ereignissen des Jahres 1866 auge- tveten, als sein Vater, Herzog Bernhard, am 20. September 1866 auf den Thron verzichten mußte, infolge seiner Parteinahme für Oesterreich, in der ihn die Hessen-Casseler Gemahlin Marie nur zu sehr bestärkt hatte. Die Erziehung des Erbprinzen Georg begann im Institut des Professors Bernhardt in Meiningen, und wurde dann in der vorteilhaftesten Weise für ten begabten Prinzen durch den Gynmasialdirektor Seebeck beeinflußt, der die Stelle eines Erziehers bei dem zur Thronfolge Berufenen einnahm. Als Lent- nant in das Schützen bataillon nach feiner Konfirmation im Jahre 1842 eingestellt, erhielt der junge Prinz auch einen vortrefflichen Militärgouvcmeur in dem Hauptmann Eduard v. Reitzenstein, während ihm der Maler Lindenschmidt künstlerische Unterweisung gab. Der Mirsteuuniverfität Bonn waren die Jahre 1844—47 gewidmet; der Leipziger Hochschule ein Semester, das daraus folgende. Im preußischen Heer diente der Prinz bis 1854, zuerst bei den Garde-Kürassieren, zunächst aber nur ein Jahr, um dann als Stabsoffizier beim Meiniugenschen Schützenbataillon 1849 den Feldzug nach Schleswig-Holstein mitzumachen. Im Jahre 1866 rettete der Vater durch den Thronverzicht das Bestehen der Dynastie, und der Erbprinz schloß anr 8. Oktober 1866 den Frieden mit Preußen. 1870 zog er mit der 22. Infanterie-Division ins Feld und kehrte erst nach Beendigung des Krieges heim. Mit 24 Jahren vermählte sich der Erbprinz mit der Prinzessin Charlotte von Preußen, einer Schwester des Prinz-Regenten von Braunschweig, die ihm 4 Kinder schenkte, von denen 2 starben. Bernhard, der heutige Erbprinz, der Schwager Kaiser Wilhelms II., und die unvermählt gebliebene Prinzessin Marie entstammen dieser Ehe, die nur 5 Jahre währte. Am 30. März 1855 bereits starb die erste Gemahlin und der Erbprinz vermählte sich em 23. Oktober 1858 zum zweiten Male mit der Prinzessin Feodora von Hohenlohe-Langenburg, einer Schwester dos bisherigen Statthalters der Reichslande. Aus dieser Ehe, die der
Tod am 10. Februar 1872 löste, stammen die Prinzen Ernst unbi Friedrich, von denen der erstere mit einer Tochter des Dichters Wilhelm Jensen, Katharina Jensen, Freiin v. Saalfeld, in urorganatischer Ehe in München lebt, während Prinz Frtcdrich, mit einer Schwester des Fürsten Leopold zur Lippe, Prinzessin Adelheid, vermählt, «das 3. Bad. Feld-Artillerie-Re- gimeut Nr. 76 in Freiburg i. Br. kommandiert. Er ist mit feinen 3 Söhnen und 3 Töchtern der Thronfolger nach deut kinderlosen Erbprinzen Bernhard. Der Herzog vermählte sich noch zum dritten Male, und zwar diesmal mit einer Schauspielerin, Helen« Franz, einem von der Frieb-Blumauer und Julius Hein ausgebildeten» ausgezeichneten Mitglied seiner Hofbühne. Sie ist die 1842 in Halle geborene Tochter des Handelsschuldirektors Dr. Franz; der Herzog erhob sie vor seiner Trauung aus Schloß Liebenstein zur Freifrau von Heldburg. Die künstlerischen Neigungen des Herzogs, der eine ungewöhnliche zeichnerische Begabung mit einem tiefen Sinn für die Musik verbindet, fandeit in dem Ehe- hund mit der dritten Frau die verständnisvollste Pflege. Dabei hat sich die Lebensgefährtin des Herzogs durch ihr einfaches und herzliches Wesen aufrichtige Sympathien und wahre Hochachtung im Lande erworben, das unter der Regierung seines aufgeklärten Fürsten vollauf teitgenommen hat an allen Fortschritten unserer kulturellen Entwickelung. Wie tief die deutsche Bühne dem Herzog verpflichtet ist für das, was er mit seinem, im In- und Ausland gefeierten Hoftheater geleistet hat, das ist gar häufig, zuletzt erst vor kurzem gelegentlich des unseligen Brandes des berühmte« Meininger Hoftheaters gewürdigt worden.
* Eine Frau für 30 Bkark. Ein Neger in Mülhausen, der dort als Portier in einem Kinematographen- theater angestellt war, lernte einen Agenten kennen, den dessen Fran im Stich gelassen hatte. Der Neger wunjchte sich nichts sehnlicher als eine Frau und so vereinbarte er denn mit dem Agenten, ihm dessen Frau abzukaufen. Es wurde eine Zessionsurkunde ausgestellt, und der Agent erhielt den Kaufpreis mit 30 Mk. bar ausgezahlt. Der Neger begab sich darauf nach Burgfelden, wo die Frau sich cntf- hielt und stellte sich feiner nunmehrigen Frau mit der Zessionsurkunde vor. Diese nahm gegen den Neger die Skiffe der Polizei in Anspruch. Um seiner Verhaftung zu entgehen, floh der Neger, fand aber in Mülhausen den Agenten, der nur einen Dummen gesucht hatte, natürlich nicht mehr vor. _ „ , r ,
* Die Franzosen als Raucher. Nach der soeben veröffentlichten amtlichen Statistik Hai das französische Tabak- monopol im letzten Jahre einen Ertrag von 377 Millionen Franks ergeben, was eine Zunahme von 6 Millionen gegenüber dem Vorjahre bedeutete. Es wurden 2T/2 Millionen Kilo Zigarren verkauft, fast ebensoviel Zigaretten und 28l/a Millionen feingefchnistener Rauchtabak — im ganzen also 331/2 Millionen Kilo Tabak geraucht. Die Schnupfer haben fast 5 Millionen Kilo Schnupftabak verbraucht, woraus hervorgeht, daß die Sitte des Schnupfens doch noch viel verbreiteter ist, als int allgemeinen angenommen wird. Schließlich haben die Freunde des Priemchen etivas mehr als eine Million Kilo Kautabak verbraucht — auch eine überraschende Zahl. Vor allem aber erfreut sich die Zigarette der Bevorzugung durch die Tabak- freunde, und zwar in immer steigendem Maße. Der Zigmetten- verkauf ergab int Jahre 1872 kaum eine Million Franks, er erreichte im Jahre 1882 17 Millionen und blieb dann einige Jahre auf derselben Höhe; im letzten Jahre aber' brachte er nicht weniger als 72 Millionen. Ebenso wurde seit drei Zähren eine merkliche Zunahme im Verkauf des Schnupftabaks fest- gestellt; dagegen iveisen die Zigarren, besonders die oitligen, der Rauchtabak und der Kautabak eine leichte Abnahme auf. Der durchschnittliche Verbrauch von Tabak hat sich in Frankreich im vorigen Jahre genau auf ein Kilogramm pro Kopf gestellt, 1202 Gramm kommen auf den Schnupftabak und 872 auf den Rauch- und Kautabak. Im ganzen wurden in Frankreich für den Tabakgenuß fast eine halbe Milliarde Franks, genau 493 457 099 Frks., d. h. 12,66 Frks. auf den Kops bet Bevölkerung verbraucht. Von dieser Summe erhält der Staat 92 Proz., 11,66 Frks. pro Kopf. Angesichts dieses kolossalen Gewinns fragt ein Blatt mit einigem Recht, ob es dem Staat nicht möglich wäre, die Qualität seiner Erzeugiiisse etwas zu verbessern. (Frs. Ztg.j


