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Wieder vvAvurfsvöll sagen. Ja, my tear, es gibt dach wohl Bokationen, bie starker sind wie Vernunft und Ueberlegung. Ich wnl mich nicht unwiderruflich binden, meine.Natur vertrügt keinen Zwang, aber freiwillig folge ich doch immer wieder der starken elnziehungslrast, ivelche dieser Ort auf mich ausübt, und freiwillig stelle ich mich zur Verfügung, ein gehorsam Werkzeug, bis der Körper den Dienst versagt.
Wäre meine Zeit aber auch weniger beseht gewesen, ich hätte doch nicht gewußt, was dir von hier schreiben. Was ich durchlebte, sind Dinge, die ich meiner Ansicht nach gar nicht lveiter erzählen darf. Das erlebt man für sich allein, diese oft mikroskopisch kleinen Begebenheiten ebenso wie die einzelnen, seltenen Momente, in denen wir Zeuge großer, tragischer Vorgänge sind. Denn was ich erlebe, betrifft ja niemals mich, es sind die Leiden «nd Freuden anderer, die an mir Vvrüberziehen. Monoton ist's und doch voll Interesse — aber nur für mich. Dir davon schreiben, hieße deine Zeit unnütz in Anspruch nehmen.
Also der Arzt schickt mich diktatorisch fort von hier und er hat recht. Wäre Dvbran noch mein, dorthin ginge ich am liebsten und ritte täglich drei Stunden lang durch Wald und .Heide. Das wäre die heilkräftigste Medizin, und dies Verlangen nach dem Sattel und der Bewegung in der freien Luft ist einer meiner Gründe, daß ich mich nicht dauernd verschreibe ... das muß ich doch immer wieder haben, soll ich nicht zur Dienstleistung untauglich Iverteil. Die Idee, mir im Grünewald an einem See ein Haus zu bauen, ein eigenes, habe ich aber aufgegeben. Der Gedanke war verlockend, dort bei der Heimkehr vom Dienstpersonal empfangen zu werden, im Stall ein braunes Vollblut allzeit bereit zu finden, und Hunte zu besitzen, die sich der Ankunft der Herrin freuen — aber die Ausführung wäre ja einfach Torheit. Wenn man drei Viertel des Jahres hinter den Manern des Hospitals , znbriugt, kann man nicht erwarten, „daheim" ein diszipliniertes Hausper-sonal vorzufiuden. Außerdem wäre so etwas ein teurer Scherz in meinen' jetzigen Verhältnissen. Konrad soll hierbei nicht die buschigen Brauen in die Höhe ziehen und „Na nu!" — fagett. Ich tveiß es ja, ich hätte schließlich genug, um diese Phantasie zu verwirklichen, aber blicke Tag für Tag so viel kranker Armut ins Gesicht und versuche dann, nicht jede für .nutzlosen Luxus ausgegebene Summe zu beklagen.
Zu diesen Ausgaben kann ich es nicht rechnen, wenn ich mir auch in diesem Jahre ein Reitpferd kaufe und mich auf einige Monate in irgend einem einsamen, leerstehenden Landhaus einmiete, um neue Kvifte zu sammeln. Voriges Jahr habe ich das Pferd, eine junge, ungeschulte Fuchsstute, eingeritten und sie daun .an meinen Freund, den General von Herzfeld, verkauft, der für
^Eer ein Reitpferd suchte. Er stellt es mir wieder zur Berstigung, aber niemand kann mir znmuten, ein Tier zu reiten, welches ein Jahr lang von einer ungeschickten Anfängerin geritten wurde, und dabei. „ganz fromm", aber total verdorben wurde. Ein zweiter, mir ebenso ungefährlicher Verehrer aus alter Zeit, Oberst Schlettow, will mir verschaffen, was ich brauche. Du siehst, es ist gut, wenn man sich auch noch in gesetzten Jahren tzinige Verehrer reserviert. Sie sind hilfreich und bewahren uns davor, unsere Toilette zu vernachlässigen, wozu ich jetzt neige.
Gestern besuchte ich Fran von Wahreudorf. Du mußt wissen, uns führen gemeinsame Interessen hin und wieder zusammen, außerdem fühlt sie rwch mütterliches Wohlwollen für mich, welches aus der Zeit .datiert, da ich als Backfisch in ihrem Hause weilte. Ich kann sie nicht sehen, ohne daran zu denken. Ihr wäret auf der Hochzeitsreise und die Wahrendvrfs litten mich derweile nach Javowitz ein. Glückliches Paradies ter arglosen und harmlosen Kindheit! —' Man ist lange, lange jung, aber nur ganz kurze Zeit in jener seligen Lebensphase, da die Schule hinter uns und die Welt mit ihren Freuden noch verschlossen vor uns liegt. Diese Zeit verbrachte ich in Jarowitz, und die Erinnerung daran bewohnt Zeinen Extrapavillon in meinem Herzen. Es gab dort alle Tage Schokolade, und die Eselegnipage ter Kinder stand von früh dis spät zu meiner Verfügung. Ich glaube, ich habe ein dankbares Gemüt. Doch was ich dir erzählen wollte, war: Gestern traf ich dort die verheiratete Tochter mit ihrem Gatten, dem biederen Schnadewitz. Ich wußte nicht, daß er längst nach B. versetzt wurde. Was weiß ich jetzt iwch über Klippingen! Nichts. Doch genug. Der Major teilte mir also mit, daß Helmnths Wiedereintritt ins Regiment bei seiner Rückkehr aus Dar-es-Salaam Nichts int Wege stehen werde.
Dadurch erfuhr ich erst, daß er zurückkehrt. Was wißt Ihr darüber? Mir hat er bisher nichts davon gemeldet. Tun wird er es noch, oh sicher, kurz und pflichtgemäß, so wie er uns ja jede offizielle Veränderung seines Lebens mitteilt. Ich habe wenigstens in den zwei Jahren seines ostafrikanischen Dienstes Nie einen längeren Brief von ihm erhalten, nur immer den aufs
knappste gesetzten Rapport etwaiger Ortsveränderung oder militärischer Erlebnisse. Nach einem Kampf mit Ausständigen die trockene Notiz, daß er noch am Leben sei und bei einem Statious- wechsel die Angabe der neuen Adresse. Mit solchen Brosamen speist er uns, seme^ Schwestern, ab, während es nach Rothaide Briefe regnet. Weißt du das? — Mir verrieten dies die harmlosen Wahrendorss, die.mit Eteltraut von der Haide befreundet siiid. Von tent, was er denkt, fühlt, leidet, erfahren wir nichts — jene, so folgere ich, alles.
So sehr trägt er es uns also nach, daß wir seinerzeit den von ihm in Szene gesetzten Skandal nicht billigten. Er grollt, anstatt uils dankbar zu fein, daß wir bereit sind, Geschehenes zu vergeben und willig mit keinem Wort an jene unglückselige Begriffsverwirrung zu erinnern. Es war — und damit sei es abgetan. Jetzt gehört er wieder sich selbst, der Welt und uns. Aber mir scheint, et will den Empfindlichen spielen. Das ist naiv, da Reue angebrachter wäre.
Ich will nicht bitter werden, aber Helmuth verloren zu haben, geht mir nahe. Ich habe eben nie Glück mit Männern gehabt, sogar nicht, wenn der betreffende mein Bruder ist.
Nun zum Schluß: Besten Gruß deinem Gestrengen und den Kindern. Sie wachsen ja nun allmählich in ein vernünftiges Alter hinein. Wenn ich euch mein buon retiro zu nennen vermag, schickt mir in ter Pfingstzeit teil Kadetten Helmuth. Er kann mit Tante Anne spazieren, reiten und angeln.
Deine Anne Marie.
(Fortsetzung folgt.)
Aus dm Aarsertagen in Venedig.
Aus-Venedig wird uns uittcrm 29. März geschrieben
Die italienischen Blätter widmeti dein Kaiserbesuch in Venedig lange Spalten, und sie wissen dabei manche Einzelheiten zu berichten, die die offiziellen Schilterungen ter Festlichkeiten an- schaulich ergänzen. Der Graf Jacini, der seit vielen Jahren mit dem Kaiser persönlich befreundet ist, hat einem Korrespondenten über seinen Besuch an Bord der „Hohenzollern" Mitteilungen gemacht. Mit seitier Gattin war der Graf zu dem Kaiserschiff gefahren, um sich in die Besucherliste einzutragen. Der Kaiser erkannte ihn von der Kommandobrücke aus und lud ihn sofort zu sich. Er schilderte' seine Freude über das begeisterte Willkommen, mit dem die Venezianer ihn empfangen hätten, und beklagte sich über die Ungunst des Wetters. Zwei Stunden lang lustwandelte er mit seinem Gaste aus dem Verdecke, in fröhlichem. zwanglosem Geplauder. Seine Redeweise dabei ist lebhaft und zugleich gewählt; hin und wieder unterbricht ein Zitat ober ein englisches Sprichwort den Fluß seiner Rede. Er fühlt sich in Venedig außerordentlich wohl und spricht von der Absicht, seinen Aufenthalt zu verlätigerit. Dem Grafen Jacini schlägt er einige zwanglose Spazierfahrten vor, aber es würde ihm wohl kaum gelingen, in Venedig, wo jeder ihn kennt, incognito zu bleiben. Plötzlich bleibt der Kaiser stehen und deutet lachend nach dem Markusplatz. Dort drängt und schiebt sich eine dichre schwarze Menschenmenge und laute Hochrufe klingen über das Wasser. „Wissen Sie, was das ist?" sagt der Kaiser immer lachend. „Das ist meine Frau, die glaubt, inkognito in Venedig spazieren, gehen zu kömten und die nun die ganze Stadt auf den Fersen hat." Bald darauf treffen die Kaiserin und die Prinzessin wieder an Bord ein. Sie erzählen die Episoden ihres Spaziergangs. Sie waren ganz mitte und erschöpft von all der Popularität und all den Hochrufen. Im Museum, bas sie ausgesucht hatten, wollteir sie Bilder sehen; aber sie sahen, nach ihrer Aussage, „viele Deutsche". Als sie den Königspalast verließen, umringte sie eine jubelnde Menge und sie mußten sich in eine Gondel flüchten. , Die Prinzessin war entzückt von allem und besonders von Venedig, das sie noch nicht kannte. Der Kaiser hatte sic mitgenommen mit der Freude eines bürgerlichen Familienvaters, der feinem Töchterchen bie Märchenstabt zeigen kann unb ihre Freude, mit genießt . . ." Am Nachmittag gegen 4 Uhr gingen bie Kaiserin, Prinz August Wilhelm, die Prinzessin Viktoria Luise mit bet Gräfin Rantzau ans bem Markusplatz spazieren, als sie von jemand erkannt wurden. Sofort umdrängte die Menge die Herrschaften und von allen Seiten tönten Hochrufe. Mit Mühe und Not konnten die Fürstlichkeiten sich mit Hilfe eines Polizeikommissars den Weg in bie MarkuSkitchc bahnen, die bann geschlossen wurde. Die Kaiserin verlangte zunächst die Pakt d’oro zu sehen, bat um geschichtliche Daten übet bie Fertigstellung der Kirche, besuchte bann bie Sakristei unb schließlich das Baptisterium. Bor dem Basrelief in Bronze von Segala äußerte sie ihre Freude darüber, diese schönen Kunstwerke sehen zu können und sprach von der Absicht, in ruhigerer Stunde wieder zu kommen. Während vor dem Haupttor der Kirche bie Menge wartete, gingen bie Fürstlichkeiten durch eine Seitentür direkt in den Hof des Dogenpalastes, besuchten den großen Ratssaal, wo die Kaiserin sich besonders für das Fresko von Guariento interessierte ... Ein italienischer Journalist hatte inzwischen Gelegenheit gehabt, an Bord der „Hohenzollern" bie Privatge-


