Ausgabe 
2.4.1908
 
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Donnerstag den 2. April

Kelmuiß von ^on'en.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

9hm kehrte sie in ihr Zimmer zurück und traf ihre Borbe- reitungen. Die Tür klinkte sie ein, aber schloß nicht ab. Dann öffnete sie ihren Schreibtisch und nahm einen an Loysen begon­nenen Brief heraus, las ihn sorgfältig durch und fügte ihm noch einige Zeilen bei, in denen sie ihm die plötzliche Erkrankung des Vaters mitteilte. Diesen Bries, unbeendet wie er war, lief; sie auf dem Schreibtisch liegen, als sei sie mitten im Schreiben ge­stört worden. Dann vertauschte sie ihr Kleid gegen einen be­quemen Hausrock und zog die Nadeln aus ihren Haaren. Darauf schob sie sich die Sofakissen zurecht und legte eine Decke hin. Es ist ja natürlich, das; sie nicht zu Bett geht, man könnte sie doch rufen .... der Vater ist im Verlöschen, darüber war sie sich ganz klar geworden, aber es regte sie so wenig auf, wie alles, tvas sic tat. Seit dem Abend war ihr schon, als spräche und handle jemand anders für sie, ihr Selbst hatte sich gleichsam in sich zurückgezogen und lebte nur noch in dem einen Gedanken: für ihn! Das war die Triebfeder all dessen, was sie ganz auto- matenhaft und doch so wohlüberlegt tat. Nicht länger kamen ihr Anfälle von Todesangst oder Verzweiflung, kein Grauen be­schlich sie. Sie war ganz ruhig, nur sehr eilig hatte sw cs. Jeder Augenblick ward ausgenützt und keine Minute müßig ver­träumt, kein Blick aus den offenen Fenstern nach dem blaß schim­mernden Osten, in die graue Morgendämmerung, die vom harzigen Duft des jungen Mrlenlaubcs erfüllt war. Nur ein kurzes Ueüer- legen, ob es möglich sei, sie von unten zu beobachten. Nein Und wenn auch ? Was kam daraus an? Sie tat nichts Ungewöhn­liche-. Nun sah sie nach der Uhr, es war fast halb vier. Eile ist not, denn sie weiß ziemlich genau, wieviel Zeit sie braucht, um zum Ende zu gelangen. Mit einem Schlüsselchen, welches sie am Halse trug, öffnete sie das Mittelschränkchen des großen, alt- modischen Schreibtisches aus gemasertem Birkenholz. In dem Fache bewahrte sie das Geld, welches Loysen ihr dagelassen hatte, außerdem standen einige Flaschen kölnisches Wasser, einige kos­metisch.' Mittel zur Verschönerung der Haut und ein Kästchen mit Schmuckgegenständen drin, und dazwischen hineingeschoben eine blaue Schachtel. Diese nahm sie heraus und schloß wieder ab. Die Schachtel enthielt eine größere Quantität Schlafpulver, durch weiche der Theaterarzt dieser schwierigen Nervenpatientin einst anhal­tenden Schlaf verschafft hatte. Seine dringenden Warnungen vor einer Verstärkung der Dosis hatte sic noch sehr wohl im Ge­dächtnis. Sie hatte es auch nie nötig gefunden, der Mahnung entgegenznhandeln, denn ein Pulver genügte, um sie in bleierne Betäubung zu versenken. In der letzten Zeit hatte sie das Mittel nicht mehr gebraucht und sich mit unschädlichen Hausmitteln be­gnügt, daher enthielt die Schachtel einen beträchtlichen Vorrat sauberer papierner Vierecke. Eins nach dem andern nahm sie behutsam heraus und zählte mit einem seltsamen Zucken um die festgekniffenen Lippen:Acht! Für dich Loys. Achtmal trinke ich dein Wohl achtmal auf deine Freiheit und dein Glück!"

Sie füllte ein Glas mit Wasser und schüttete vorsichtig dest Inhalt der Papierchen hinein. Jedes Ständchen, welches da­neben fiel, blies sie fort. Als dicker Bodensatz sank das weiße Pulver ins Glas, es löste sich nur langsam auf. Sie suchte Papiere und Schachtel zusammen, öffnete den Ofen und verbrannte hier das ganze Häufchen, die Asche zerblasend. Dann stand sie auf und löschte das Licht. Noch einmal sah sie nach den offenen Fenstern, durch welche ein frischer Morgenwind ins Zimmer blies. Das ist gut. In ihrer fast hellseherischen Sicherheit bedachte sie all s auch die Lust im Zimmer sollte nicht zum Verräter werden. Nuil nahm sie das Glas, rührte die Mischung mit einem Lösfel­chen um lind trank das ganze aus, fast auf einen Zng. Einest Augenblick stand sie dann und starrte in den jllngen Morgen-Hin aus, in dell Himmel hinein, der sich über den Wiesen und den Baum- gruppen des Herrenhauses mit.blassem Rot zu färben begann. Sie preßte die Hand gegen den Hals und schluckte. Ein ekles Empfinden durchrieselte sie, aber cs ging vorüber und sie besann sich und wandte sich hastig dem zu, was lwch zu hüt war, nahm Glas und Löffel, reinigte beides sorgfältig, stülpte das Glas sodann über die auf dem Tisch stehende Wasserflasche und legte den Löffel auf seinen Platz. Daml ging sie nach dem Sofa, wickelte sich iit ein warmes Tuch, zog die Decke über die Füße und drückte den Kopf in die Kissen, linaufhövlich mechanisch mur­melnd: Für dich, Lohs!

Wie lange sie mit einer entsetzlichen Uebelkeit kämpfend da- gelegen, sie wußte es nicht. Sie fühlte die Müdigkeit wie Mei durch alle Glieder fließen und donnerndes Brausen vor den Ohren. Plötzlich befand sie sich am Ufer eines Flusses. Laterneit flackerten und der eisige Wind blies Schnee und Regen vor sich her. Schwarz floß das träge Wasser unter dem Brückenbogen hin. Und sie wußte, daß sie da hinein gewollt hatte. Weshalb? Ihr schauderte und doch war sie so entschlossen. Sie lief am Flusse bin, achtlos auf Dunkelheit und Regen. Und dann wußte sie plötzlich: Jetzt kommt er! Er will dich zurückreißen! Und da war er auch jb deutlich sah sie sein Gesicht vor sich, ein junges, lebensfrohes Gesicht und fast schmerzhaft fühlte sie beit Griff seiner starken Hand um ihren Arm. Mer nein es soll nicht zum zweitenmal geschehen es darf nicht. Diesmal muß sie stärker sein! Und sie rang mit ihm, wie eine Besessene, und sie fühlte, wie sie ihm entglitt und herabsank in die schwarze Tiefe Für dich, Loys" flüsterte sie und dann war alles still in ihr und um sie. Der Schlaf hatte ihre kranke Seele dem Bruder Tod übergeben.

Niemals erfuhren die Ihrigen, daß sie sich vermessen hatte, den dunklen Weg freiwillig anzutteten.

XXIV.

Zwei Jahre später.

Anne Marie von Troß an Marie Anne von Reckuitz, Berlin. Augustahospital, am 1. Mai 1895.

Liebe Mieze, nimm es mir nicht übel, daß ich so lange nichts von mir hören ließ, aber meine Zeit war völlig in Anspruch genommen durch ungewöhnlich lange und schwere Pflegen. Meine Kräfte sind denn auch so ziemlich aufgezehvt. Weshalb? wirst