Ausgabe 
2.3.1908
 
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To still wie möglich gefeiert. Trotzdem gab es der Borbereitungen! genug und Edeltraut hatte sich hilfreich schon drei Tage vorher e'ngefundcn. Sie fühlte fich hier wie Tochter des Hauses und ward wie eine solche geliebt. Ties Brautpaar in der Nähe zu be­obachten war ihr von höchstem Interesse und erfüllte sie immer wieder mit Verwunderung. Tiefe beiden Menschen, welche noch vor Jahr und Tag, obwohl entfernt verwandt, kaum etwas von ihrer gegenseitigen Existenz gewußt hatten, saßen jetzt Hand in Hand in einer lauschigen Ecke und sahen sich verklärt an. Sie tranken Bischoff ans demselben Weinglase und schnitten sich gegenseitig die Bissen zurecht, ohne äii wissen, vb die Brötchen mit Lachs oder Apfelsinennmrmelade belegt waren. Tas stille, unscheinbare Dia­konissengesicht der Braiit sah gerötet lind ordentlich hübsch ans, und ihre Blicke hingen an bem Antlitz des Bräutigams, als könne sie sich daran nicht satt sehen. Es war ja wahr, das Glück hatte auch dessen igelhafte Stachlichkeit bedeutend gemildert, aber das Ganze wäre Edeltrant ebenso unverständlich geblieben, wäre er ein Adonis gewesen. Sie wandte sich seufzend ab.

Frau von Wahrendorf, eine stille, schlichte Frau von jener echten Vornehmheit, welche keines äußeren Schildes bedarf, hört« diesen leisen Seufzer und zog das Mädchen an sich.

Liebes Kind," sagte sie,Helene ist wahrhaft glücklich, mie du siehst. Ans all deinen Briesen sprach staunender Zweifel, aber jetzt bist du lvvhl überzeugt?"

Ueberzeugt ja aber noch nicht aufgeklärt."

Solch ein Glück wünsche ich dir auch, liebe Edeltraut, dann würdest du es begreifen."

Mir? Aber damit wüßte ich absolut nichts anzufangen. Du kennst mich doch. Ich habe Wilhelm."

Natürlich, ich weist. Tein Bruder ist ja ein verehrungs- stiürdiger Mensch, aber er ist doch dein Bruder."

Liebe Tante Wahrcndorf, wir wollen nicht streiten. Wilhelm ist mein Glück. Ein Fremder, auch wenn ich ihn liebte, könnte nrir nie sein, was mir mein Brüder ist und ivar, seit ich denken kann."

Frau von Wahrendvrf lächelte und ihre mütterliche Hand strich über das Helle Haar:Ein ganz kleines Geständnis ist denn doch in deinen Worten enthalten."

Es war der Borabend der Hochzeit. Ein Polterabend sand sticht statt, aber einige Verwandte und Freunde fanden sich zu- saniinen und die Hausfrau begrüßte bald diesen, bald jenen. Ganz zuletzt traf Lohsen ein. Er sah blaß und abgespannt aus, was bei seiner straffen Haltung und den sestgeschnittenen Zügen freilich nicht sehr bemerkt wurde. Edeltraut begrüßte ihn so freundlich und so unbefangen, wie sie nur konnte. Sie gab sich alle Mühe, in ihm nach wie vor Wilhelms besten Freund zu sehen, aber sie mußte ihn wider Willen beobachten. Immer war ihr, als müsse irgend etwas geschehen, etwas Erlösendes, etwas, das ihn wieder ihres Bruders ganz würdig mache, aber sie suchte vergeblich in Gedanken, was das wohl sein könne. Es gab ja nichts. Tie Vergangenheit stand unverrückbar still, sie konnte nicht ungeschehen gemacht werden an diesem Felsen prallten auch ihre Gedanken iminer wieder ab, sie war jetzt so weit, wie er cs gewesen, nach der Begegnung mit Gotthard Becker. Was hals es ihm, so sagte sie sich, daß er vielleicht litt, bereute, und daß er doch noch genau derselbe Mensch war, den sie als ehrlichen Freund so warm schätzen gelernt hatte der Name Luise" stand lvie ein trüber Schatten zwischen ihn« und ihren: kameradschaftlichen Empfinden. Er tat ihr leid und sie machte sich.Vorwürfe, aber es blieb nun einmal so. Es war ihr immer zu Mut, als umgebe den Mann eine seltsam ungeklärte Atmosphäre.

Er seinerseits empfand das erste Wiedersehen peinigend, bann aber fiel er in die müde Gleichgültigkeit zurück, die ihn jetzt fast immer erfüllte. Zwar sprach und lachte er, sagte zur rechten Zeit das Richtige, und trank und unterschied sich wenig von den übrigen Anwesenden aber es geschah alles in der mechanischen Weise, die ihm zur Gewohnheit geworden war.

Was hätte er vor einem halben Jahr darum gegeben, Edel­traut einmal in Gesellschaft, in Toilette zu sehen. Es hätte ja für ihn das größte Interesse gehabt, zu sehen, lvie sie sich be­wegte, sprach und kleidete, ob sie sich auch hier ihre köstliche Natür­lichkeit bewahre oder steif und wortkarg erscheinen würde, denn her Gedanke lag nahe, baß sie, losgelöst aus dem Rahmen ihres gewöhnlichen Lebens, etwas von ihrer für ihn idealen Gesamt­erscheinung eiubüßen werde.

Er wunderte sich jetzt fast, daß ihm das alles einst cs Mußte lange her sein! wichtig erscheinen konnte, und lvenir er sich auch zwang, teilnehmend zu erscheinen, in Wirklichkeit bemerkte er weder wie sie aussah, noch wie sie sich gab. Ganz andere Fragen erfüllten ihn und nahmen all sein Denken in Anspruch.

Am nächsten Tage fmt'bj die Trauung statt. Lohsen schickte

seiner Brautjungfer ein wuiiderbar schönes Bukett von auserlesenen! Marschall-Niel-Rosen. Wie er an ihrer Seite durch die Kirchs schritt, blieb manches Auge auf diesem Paar ruhen. Sie paßten so wunderbar zu einander, diese beiden hohen Gestalten, vielleicht auch darin, daß sie beide ernst, fast unglücklich aussahen. Edel-, traut fühlte sich unbehaglich an seiner Seite, das NnauS-i gesprochene zwischen ihnen bedrückte sie und doch hätte sis eine Aussprache vermieden. Er wieder empfand einen Augenblick so etwas wie höhnische Bitterkeit, als er so an ihrer Seite einem Traualtar znschritt, dann aber gingen seine Gedanken sogleich ins gewöhnte Gleis zurück und er sagte sich: So, nun ist die Gnadenfrist abgelaufen!

Tenn da ihr: diese Feier zum ersten Mal nach beendeten! Manöver» nach Berlin führen würde, hatte er sie sich als das äußerste Ziel gesteckt, bis an welchem er sich frei fühlen und ganz seinen« Beruf angehören wolle. In dem Augenblick, da sein Kamerad am Altar mit schnarrender Stimme seinJa" sprach, verfiel dieser Freibrief, Helmuth von Loyfens Lebensweg macht« eine scharfe Biegung und lief in dunkle Tiefen hinab

Ter um zwölf l!hr stattgehabten Trauung folgte im Hotel Imperial ein kleines Dojeuncr dinatoir, nach welchem alles auseinanderging.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Mrdlandfahrt.')

-(Originalbeitrag derGieß. Fam.-Blätter".)

Mehr als die Götter Griechenlands und Iioms hatten mich schon in der Schule die großen Gestalten der Edda,, die Schil- derungen ihres Heimatlandes begeistert, und es war der Traum meines Lebens, dieses aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Ter Traum hat sich erst spät verwirklicht, aber ich bin dem Schicksal dankbar dafür und will diese Dankbarkeit beweisen- indem ich an der Hand meiner Eriiinerungen eine anspruchlos« Beschreibung der interessanten Reise gebe.

Höchst willkommeii war es mir, daß sie tion Saßnitz aus­ging, denn es wurde dadurch Gelegenheit geboten, die mir noch unbekannte Insel Rügen kennen zu lernen. In Stralsund hielt ich mich einen Tag auf, besuchte das Grab Schills, die beideii großen Hallenkirchen imb das wundervolle Rathaus, von durchbrochenen Zinnen gekrönt, die sich wie feiner Spitzengrund vom blauen Sommerhimmel abhoben. Tie U.eberfahrt nach Rügen, vollzieht sich in 20 Minuten mit der Tampffähre, die Fahrt durch das wellige Hügelland interessiert nur an einer Stelle- wo die tief einschneidenden Seebuchten so nahe zuiammen- kommen, daß nur die Eisenbahn nnd eilte schmale Straße Platz finden. In Saßnitz sand ich nur knapp em Unter­kommen, aber soviel Naturschönheit, daß mich diese Turftigleit nicht weiter anfocht. Der Ausflug nach Stubbenkammer mit seinen wunderbaren Kreideselsen nnd Buchenwäldern, der stille Herthasee zählen zu den schönsten meiner Reiseeindrttcke. Tis Ueberfahrt nach Bad Binz im Motorboot war so sturmifch- daß mir das Reisehandbitch über Bord gespült wurde und,der Schirm nachgefolgt wäre, wenn ich nicht schnell zugegriffen hatte. Der Strand in Binz ist sehr schön und bunt belebt, während ml Saßnitz des steinigen Ufers wegen nur wenig gebadet wird.

Am 20. Juli versammelten sich die Teilnehmer der Nord- landreise auf denr Schisse und wurden von den Führern des Orientklubs miteinander bekannt gemacht. Wir waren 30 Herren und 8 Damen; das größte Kontingent stellte Leipzig, wo die Unternehmer her waren. Preußen, Oesterreich, Bayern waren ziemlich gleichmäßig vertreten; dazu kamen einige Hamburger kurz, es war eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, ^«e Ueberfahrt nach Trelleborg war bei Windstille und ycrr- lichem Sonnenschein eine wahre Lustfahrt. In M a l m ö , unserer ersten Nachtstation, empfing uns ein deutscher, Gesangverem- der spater beim gemeinschaftlichen Mahl in einem hübschen Sommerlokäl Volks- und Vaterlandslieder zum besten gab. Andern Tags ging es nach Gothenburg, der zweitgrößten Stadt Schwedens mit bedeutender Industrie und großem überseeischen: Handel. Unter Führung des Direktors der Carnegie-Bierbrauerer und Zuckerfabrik machten wir zu Schiff einen Ausflug nach StYrsö, einem in den Schären reizend gelegenen Badeort, wo man am liebsten gleich seine Zelte aufgeschlagen hätte. Aber ein Verweilen beim schönen Augenblick gibt es nicht auf solche» Gesellschaftsreisen, man muß unaufhaltsam weiter. Jede Stund« ist eingeteilt. Wer zurückbleibt, hat es nur der besondere» Nachsicht der Reiseleitung und günstiger Konstellation der Züge zu verdanken, wenn er den Anschluß nicht völlig verliert, ^t» schön angelegten Bolkspark Slotsoaen und anderen gemern- nützigen Einrichtungen sahen wir die große soziale Fürsorge für die Arbeiterklasse Schwedens. Unter den herrlichen alte» Bäumen des Parks sahen wir die Familien behaglich schlendern- oder im Grase liegend einen bescheidenen Imbiß verzehren -

*) Die vorstehenden anmutsvollen Reiseplaudereien würde» uns von einer Gießener Dame zum Abdruck freundlich» Überlassen, DrRed.