Ausgabe 
2.3.1908
 
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Montag den 2. März

|908 Nr. 55

als der Tod.

ßuifaite.

Kslmuih von Lsvsen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Er zog das ffrofje Schveibtischfach auf und schichtete drinnen Papiere und Bücher. Ta lag ein Paket Rechnungen, davon tvaren einige mich nicht bezahlt. Ter Rittmeister ivar ein sehr ordentlicher Haushalter. Tas hatte ihm Recknitz betzetten anerzogen und natürliche Anklage kam dazu. Tie Rechnungen wurden ausgesucht, die Anweisungen geschrieben. Tabei dachte er daran, daß Recknitz ihn gefragt hatte, ob er sein Vermögen jtim selbst in Verwaltung nehmen wolle, und er hatte lächelnd gesagt: bald!

Ter Gedanke war schon wieder bitter, und ra,ch wandte er sich anderem zu itttb öffnete, wie auch jedes Jahr bei dieser Gelegenheit, das Fach, in welchem, sich die Andenken an feine Eltern befanden, des Vaters Epauletten, ein kunstvolles Mester, welches er immer in Gebrauch hatte, einige Bücher und eine Zigarrentasche. Sodamr von der Mutter in kleiner silberner Kassette mit Vexierschloß ein sehr schöner Schmuck von Diamanten und Saphiren, dem ein Zettel beilag, auf welchem sie selbst geschrieben hatte: Für meines kleinen Helmuth künftige Frau! Es lagen auch noch einige Sachen drin, die sie selbst ge­tragen hatte, ein kleiner Spitzenschal und das Geldtäschchen, welches sie damals, 1870, auf der Reise nach Frankreich mitgehabt hatte. Es war dem Sohn immer rührend, das alles anzusehen heute empfand er beim Oeffnen mehr Verwunderung, denn ganz obenauf lag wie ein fremder Eindringling ein zusammen- gebrochener, an ihn adressierter Brief. Was war denn das urtb wie kam es hierher, in dies Fach) welches nur Heiligtümer barg? Das? Tenn mit abergläubischem Unbehagen erkannte er Luisens wunderlich wirbelnde, haarfeine Schriftzüge, die immer aussahen wie ein Gewebe aus Fädchen und Pünktchen. Wie er beit Brief herausnahm und das Fach schloß, kam ihm auch die Erinnerung. An dem Tage, da er seinen schlesischen Urlaub an- trat, in letzter Stunde war dieser Brief gekommen, er hatte die Schrift erkannt, sich geärgert und ihn, so meinte er, ungelesen zerrissen doch in der Hast und Eile mochte er sich vergriffen haben, und der Bries war beim Abschließen der Fächer hier hinein- sgeraten. Und hier kam er hervor, just am Vorabend der Zeit, von welcher er sich Heilung v'ersprach. Eine Weile saß er müde, resigniert und starrte auf das unglückliche Kuvert herab. Tann griff er zum Falzbein, öffnete und las fast hastig. Schon vor 'einem Jahr hatte er einen langen Brief, den sie ihm ge­schrieben, ungelesen verbrannt und unbeantwortet gelassen. Jetzt kam ihm's wie ein Aufatmen: Vielleicht enthielt dieser Brief irgend eine Nachricht, die ihn für immer von Vergangenem löste? Sie war vielleicht längst verheiratet . . . Der Gedanke ließ alle seine Pulse hoffnungsvoll schlagen und erweckte zugleich leine sonderbare, der Eifersucht verwandte Verstimmung. Nun las er schon unaufhaltsam:

Herr von Lohsen!

Anders kann und will ich Sie nicht anreden, bis ich weiß, vb Sie meinen letzten Brief nicht erhielten, oder ihir unbeantwortet

ließen, weil Sie Luisanen endgültig aus Ihrem Leben gestrichen haben. Ein Gerücht trug mir durch Zufall die Knude zu, Sie hätten sich mit einer Dame aus Ihren Kreisen verlobt. War das der Grund Ihres Schweigens? Das Leben hat mir so viel Bitteres gebracht dieser letzte Gisttrvpfen fehlte ihm noch. Wenn es wahr ist, so habe ich fortan kein Recht mehr. Sie in Meinem Herzen mein zu nennen, das einzige Glück, welches Luisane je gekannt hat und je kennen wird. Ich habe bisher einem Wiedersehen entgegengelebt, und sei es auch nur, daß mein Auge Sie eines Tages unter den Zuschauern des Schauspiels erblicken dürfte. Jetzt hoffe ich, dies möge nie geschehen, denn Sie dort, an der Seite einer anderen zu sehen, wäre mir härter

Langsam zerriß er den Brief und saß dann da, den Kopf in beide Hände gestützt.

Wie konnte er nnv1 denken, sie werde ihm nicht treu bleiben. Er hatte es ja auch ganz genau gewußt, denn er kannte ihr Wesen. Sie gehörte zu denen, die, wenn überhaupt, nur einmal zu lieben vermögen. Für sie bietet das Theaterleben auch keine Versuchungen. Sie wird ihn nie vergessen und nie ein anderes Glück finden. Ihr Brief und diese Ueberzeugung erweckten in. ihm die Rührung, mit welcher er, der Starke, Gesunde, Reiche, einst des armen, trotzigen Dinges gedacht. Sein Auge feuchtete sich »nd dabei biß er in auflehnender Abwehr die Zäh«; zusammen. Er hätte in Zorn und Schmerz aufschreien mögen, und die Qual machte sich Luft in einem Stöhnen, welches den ganzen Menschen erschütterte. Nun wußte er auch, daß seine Seele keine Ruhe finden und daß er aus dem ersehnten Kriegsspiet wiederkehren würde wie er hineinging, vielleicht mit dem Ent­schluß im Herzen, der sein Leben zertrümmerte,

XVII.

Fran von Wahrendorf bewohnte mit ihren 6eiben, Töchtern ein kleines Quartier tu der Scharuhorststraße. Es lag im dritten. Stock und war einfach aber komfortabel eingerichtet. Berwandkl und Gesinnungsgenossen) die Verständnis für das aufopfernd werk­tätige Leben der drei Damen hatten, fanden gern den Weg hier hinauf. -vi

Am 3. Oktober fand die Hochzeit des Rtttmeisters von Schnadewitz statt. Es war selbstverständlich, daß Loysen Braut­führer und Fräulein von der Haide Brautjungfer sein mußten. Sie hatten das schon im Frühling als voraussichtlich mit Ver­gnügen erörtert und er hatte mit diesem, wenn auch kurzen, Wiedersehen gerechnet. Jetzt war es ihm- zu einem Schrecken und ihr zu einer peinlichen Erwartung geworden. Er hoffte, cs werde sich irgend ein, und sei es noch so fataler Zufall finden, der ihm die Unmöglichkeit von der Hochzeit Dieter, Schnadewitz' fern zu bleiben möglich machte, und sie erwartete eigentlich auch, daß er fehlen würde, aber er fehlte nicht, und stumm und ver­legen begrüßte sie ihn. Er tat ihr leid, denn sie sah es seinem Gesicht an, daß er gelitten hatte in dieser ganzen Zeit, aber ihr Bedauern konnte beit Schatten nicht bannen, der ihr sein Bild trübte.

Tie Hochzeit ivntbe auf dringenden Wunsch des Brautpaares.