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Der japanische Schrecken.
Tie Ereignisse des unseligen russisch-japanischen Krieges sind
Masse der russischen Bevölkerung höchst empfindlich auf die Li-ben geschlagen und besonders nach dem gefährlichen Osten zu,, m Sibirien, hat sich eine Empfindung eingenistet, die sich , nicht ocsscr als mit dein Ausdruck „der japanische Schrecken" bezeichnen lässt. Interessante Beobachtungen in dieser Beziehung haben dm Autonwbilfahrer gemacht, die im vergangenen Sommerhaus Anlaß der Wettfahrt „Peking-Paris im Automobil" ganz Sibirien durchquerten. Sie haben bei den mit Unrecht verrufenen Muschiks, der noch stark barbarischen Bevölkerung, trotz ihrer revolutionären Maschine und ihres bedenklichen Aussehens überall dre liebenswürdigste und hilfsbereiteste Aufnahme gefunden. Aber gerade ihrer automobilistischen Vermummung wegen und weil sie aus dem drohenden Osten kamen, wurden sie ganz offen für lapam- sche Spione gehalten. Haarsträubende Geschichten gingen von ia- panischen Kundschaftern um, die eine wahrhaft phantastische Ver- kleidungsgabe besähen und allem Spürsinn der „Gorodowois", der russischen Gendarmen und Schutzleute spotteten. Der italienische Schriftsteller Luigi Barzini, der den Sieger auf jener Wettfahrt, den Fürsten Scipione Borghese, begleitete, berichtet charakteristische Aeusterungen dieses Verdachtes, der die Reisenden durch ganz Sibirien 'begleitete. So erzählt er von der Ueber- fahrt über den sibirischen Flust Suchuja im ßÄuvernement Jrkiitsk, wo das nicht wenig Aufsehen machende Autoinobil mit einer Reihe bäuerlicher Wagen auf der allgemeinen Fähre übergesetzt wurde: „Wir befanden uns mitten in einer dichten charakteristischen Menge sibirischer Landleute, die uns ehrfurchtsvoll grüßten und seltsame Bemerkungen unter sich austauschten. Auf einem 'dieser Boote war es, wo wir gefragt wurden, ob wir Japaner seien! Der Mann, der diesen Zweifel an unserer Nationalität geäußert hatte, erklärte dies folgendermaßen: „Ich glaubte, Sie seien Japaner, weil es derlei Maschinen in Rußland nicht gibt nnd Sie von jener Seite kommen;" er deutete dabei nach Osten. Dann fügte er hinzu: „Man sagt, die Japaner hätten alle Maschinen, die überhaupt erfunden worden findest Auf der Oka murmelte ein alter Muschik dem Fährmann zu: „Wir werden bald wieder Krieg haben!" — „Warum denn, Väterchen?" — „Sie besichtigen schon das Land!" Dabei deutete er auf uns und schüttelte nachdenklich den Kopf." — Bezeichnend ist, daß dieser Verdacht keineswegs die Gefahren dieser Reise mehrte, daß sich vielmehr in beit Schrecken vor dem siegreichen Japaner ein gut Teil Bewunderung mischte, die bei den« noch im kulturellen Schlaf halb unbewußt sich reckenden Riesengeschlecht der Muschiks, dem wohl noch eine große Zukunft bevorsteht, so naiv und ehrlich wie nur möglich zum Ausdruck kam. ________
VesrnißcÄSs».
* Von seltsamen Silvesterfeiern weiß eine englische Zeitschrift Allerlei zu erzählen. Eine besondere Stellung nehmen die Arbeiter und Bergführer ein, die in den letzten Wochen des Jahres 1905 die neue Schutzhütte auf dem Gipfel des Mont Blanc fertig gestellt hatten. Sie beschlossen, das Jahr 1906 an ihrer Arbeitsstelle in einer Höhe von 14 000 Fuß willkommen zu heißen. Wenige Minuten vor Mitternacht entzündeten sie ein großes Feuer, und als der erste Januar kam, lohten auf dem Mont Blanc die Flammen hoch zum Himmel. Bei einer spülte von 20 Grad unter Null klangen die Gläser zusammen. — Eine eigenartige Neujahrsfeier pflegt seit zwanzig Jahren «in Kohlenarbeiter aus Lancashire abzuhalten. Am Silvesterabend bleibt er als einziger unten tief im Schacht und begrüßt mit einem stillen Gebet und einem Choral das neue Jahr. — Ein reicher Newyorker Witwer, der durch seine exzentrischen Liebhabereien schon viel von sich reden gemacht hat, feiert den Jahreswechsel in einem Grabgewölbe. Seine Fran war am letzten Tage des vergangenen Jahrhunderts gestorben und seitdem verbringt der Witwer alljährlich die Silvesternacht an der Seite ihres Sarkophages. Er hat ihr ein prachtvolles Grabgewölbe errichten lassen, das am Jahrestage ihres Todes mit ihren Lieblingsblumen geschmückt wird. Tort erwartet er alljährlich die erste Stunde des Neujahrstages, — Nicht weniger exzentrisch ist die Stätte, die vor einigen Jahren ein Handwerker ans Chikago zu seiner Ncujahrsfcier erkor. Er kletterte bis an den Wetterhahn eines " 100 Fuß hohen Turmes empor und angeklammert an der höchsten Spitze pfiff er dort droben mit dem ersten Schlage der Mitternachts- glockc „Tas stcruenbesäte Banner", das amerikanische Nationallied. Tann kletterte er unter vielen Mühen wieder herab und erreichte auch glücklich den Boden. Eine Wette von 1000 Mark hatte er damit gewonnen, aber trotzdem verschwor er sich den seltsamen Versuch nie mehr zu wiederholen. — Ein besonderes Vergnügen bereitete sich vor drei Jahren ein Schwimmklub in Lancashire, dessen Mitglieder eine besondere Probe ihrer Sportsbegeisterung geben wollten. Sieben an der Zahl, versammelten sie sich kurz vor Mitternacht am Meeres- ufer, und als die Glocken ertönten, sprangen sie unerschrocken ,in das eiskalte Meer. Wie lange sie darin blieben, wird nicht
erzählt: jedenfalls haben sie äni nächsten Silvester den Versuch nicht wiederholt.
* Feiertägliches Sehen. Den Werktag in seinen Ehren! Wer keinen Schweiß um sein Brot vergießt, dem schmeckt es nicht, und nur der kennt die Erdscholle richtig, der einmal mit dem Pfluge über sie gegangen ist. Aber diese Weisheit ist alt — und wir sollten mehr auch an die andere denken: daß wir hier und da einmal mit feiertäglichen Augen in die Gefilde unserer Arbeit blicken. Wenn wir das nicht lernen, so wandeln wir in einem fortwährenden Grau, und je mehr wir alle Tage rechnen und uns plagen, desto iveniger wissen wir schließlich, wofür wir es tun. Feiertäglich sehen aber heißt: mit Kinderaugen sehen. Sehen also so wie dazumal: die Dinge um ihrer selbst willen, in ihrer eigenen Macht und Schönheit und ohne Bezug auf unsere Notdurft. Da erlebt die Natur vor uns eine köstliche Auferstehung; sie, die uns bis dahin nur als eilte armselige Dehnung und Häufung von nützlichen oder wunderlichen Gegenständen erschien, wird nun plötzlich Gebild, Wesen in sich selbst, nnd von ihrem Wehen schauert's uns an wie vom lebendigen Odem eines Menschen. Da gewinnt der Sturm seine Sprache und die Stille, und aus Wolkensäulen und Laubtiefen, aus dem morgendlichen Glanz überm Aehrenfeld und aus dem rauhen Schweigen der herbstlichen Steinhalde schauen uns Züge an, die wir kennen, die uns fühlen machen, daß sie gleich uns aus dem Innersten der Schöpfung erstanden sind. Der unbeschirmte Mensch erschrickt vor diesen Gesichten; wer sich aber der Natur mit gleicher Seelenmacht gegenüberstellt, den nimmt sie gastlich auf als ihresgleichen, und ihre heimatlich frenide Größe waltet über ihm vom Aufgang der Morgenröte bis zum Sonnenniedergang. Man "sagt vom Blick in Kinderaugen, daß er jung mache wie eilt erfrischendes Bad. Nun, jeder reine Blick in die Welt, mag er nun ins Brausen der Großstadt gehen, ins Geglitzer eines Baches, oder in die brennende Tiefe des Sternenhimmels — jedes reine Aufatmen und Versenken zwischen den Stunden der Pflicht ist ein solches Bad; wir schütteln uns mit tiefen, frohkühlen Schauern unter den Tropfen der Ewigkeit nutz geben neu geheiligt an unser Tagewerk.
Eberhard Krauß.
Goldene Worte.
Hell' Gesicht bei bösen Dingen Unb bet woben still und ernst — Und gar viel wirst du vollbringen, Wenn du dies bei Zeiten lernst.
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Arndt.
Alles Erdenglück erschöpft sich, nur nicht das Glück eines warmen Herzens, das mit leiden und sich mit freuen kann, O. v. Leixner.
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Wir übersehen einen z>l kleinen Teil deS Weltalls, und die Auflösung der größeren menge von Mißtönen ist unserem Ohre unerreichbar. Schiller.
Geographisches Silbenrätsel.
al, als, cp, les, eich, cl, get, gib, in, il, ia, niand, no, na, ra, re, rell, rey, ral, san, sciiu, se, see, stab, städt, szi, wa, ey, tar.
Aus vorstehenden 27 Silben sind 12 Wörter zu bilden und io untereinander zu sehen, daß ihre Anfangsbuchstaben von oben »ach unten und ihre Endbuchstaben von unten »ach oben gelesen den Namen eines HaiiSireunds ergeben, Die einzelnen Wörter nennen die geographischen Namen für:
1. Eine weltbekannte Festung.
2. Einen Fluß.
3, Eine Bischo'sstadt.
4. Eine Siadt in Ungarn.
5, Einen See.
6. Einen Fluß,
7. Eine Siadt.
8 Einen Schriftsteller.
9 Eine Oase.
10. Eiil Departement.
11. Ein Land,
12. Ein Volk. L. Barthels,
stud. arch, Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung der Charade in voriger Nummer: Brand, Eis; Brandeis (Stadt in Böhmen).
Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.


