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knüpften. Diesem Uebelstande sollte wohl der iin 13. Jahrhundert erstmals ausgetauchte Cisiojanus, eine im schlechtesten Latein und so sinnlos wie nur möglich zusammengestellte Sammlung von Heiligennamen mit sonderbaren Verkürzungen, dienen, die aber natürlich nur für die Gelehrten bestimmt war, jedoch erst im 17. Jahrhundert mit dem Aufkommen der gedruckten Kalender verschwand. Den Bauernkalender selbst, wie er sich nach und nach Eingang bei den Landlcüten verschaffte, finden wir erst Ende des 16. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts in Deutschland. Ursprünglich Einblattkalender, auch 'Mandelkalender genannt, wurden sie von den Briefmalern für die des Lesens unkundigen Bürger und Landleute hergestellt. Ein Quartblatt, nur auf einer Seite, aber mehrfarbig bedruckt, zeigte in zwölf Querkolumnen die Monate und links oben in der Ecke das ans den meisten Kalendern jener Zeit angebrachte Aderlaßmännlein, umgeben von den Zeichen des Tierkreises. Jede Mouatskolumne hatte links ein Quadrat mit Ueberschrist, Tierkreisbild und Monaisbeschäftigung, und dann folgten in jedem einzelnen Monat 29 bis 31 dreieckige Zacken, von denen diejenigen, die ein Fest bezeichneten, rot gefärbt waren, inib die Bilder oder Symbole der betreffenden Heiligen oder Feste zeigten. Auch für das Aderlässen fand man auf den Bauernkalendern besondere Zeichen, da dieses ja bekanntlich in der häuslichen Medizin früherer Zeiten eine bedeutende Rolle spielte.
Aus diesem Eiublattkalender entwickelten sich dann die Bauernkalender in Buchsormat. Zwar den Namen „Kalender" findet man nur selten oder gar nicht. „Praktiken" werden diese nützlichen Büchlein zumeist genannt, und in breiten Titeln berichten sie ausführlich über ihren Inhalt. So finden wir sogar schon im Jahre 1515 ein Büchlein: „Ter Buren Practica allweg toerende, gemacht von den alten durch erfarung", und neben ihm, das bis zum Jahre 1564 immer wieder neu ausgelegt wurde, auch eine ausführliche niederdeutsche Bearbeitung der Bauern-Praktik unter dem Titel: „Der schopherderd Kalender". Neben Ratschlägen über Pflanzen, Säen und Ernten und anderen nützlichen Anweisungen finden !vir da aber auch abergläubische Prophezeiungen, wie z. B. die folgende: „Herbstmonat. Willi sehen, wie das Jar geraten soll, so nimm war der Eychöpsel vmb Sanct Michelstag. Haben sie vffgeschnitten innwendig Spinnen, so kompt ein böß jar. abcn sie Fliegen, so ist eine mittele Zeit, Haben sie Maden, so kompt ein gut jar. Ist nichts darinn, so kompt ein sterbend usw." Ein anderer, 1685 zu Ausgburg herausgcgebener und offenbar 1719 mit einem Anhang neu aufgelegter Kalender „Rewer Bawren Kalender fanißt einer kleinen Bawren Practik auff das Jahr 1685" enthält neben einem Verzeichnis der in diesem Jahre in Aussicht stehenden Finsternisse und himmlischen Zeichen, sowie einem Kalendarium von 24 Seiten, einen Anhang: „Kürtze Bauren-Regeln", von denen einige hier wiedergegeben sein mögen. „Wann an Paüli Bekehrung (25. Jan.) schön Wetter ist, erhofft man ein gutes Jahr. Gehet Wind, besorget man Krieg. Isis Nebel, werden Krankheiten befürchtet. Schnee oder Regen, folls Theurung bedeuten. Matheis (25. Februar) bricht alle Eiß; hat er keins, so macht er eins. So viel Nebel im Mertzen, so viel Wetter int Sommer. So viel Tau im Mertzen, so viel Reiffen umb Ostern und Nebel im Augusten. Auf Benedicti Tag (21. März) säe Gersten, Erbes und Zwibel; säe, pflantze, beschneide Reben, versetze Baeume bei dem wachsenden Mond. Tirrer April! ist nicht der Bauren Will. Aber Llprillen Regen bringt ihnen den Segen. Wann St. Urbans Tag (25. Mai) schön, geratet der Wein, regnet es, gibts schlechten Herbst. — Der May kühl und Brach- monat (Juni) naß, füllet Scheuren und Faß. — So es an Jacobi Tag (25. Juli) regnet, sollen die Eichlen übel geraten. Scheinet die Sonn an Jacobi Tag, soll große Kälte solgeu; regnet's, so folgt feucht Wetter. Sonnenschein auf Mariä Himmelfahrt ist ein Zeichen guten Wein-Wachs. Wie es an St. Bartholomaei (24. August) wittert, so soll sich der ganze Herbst arten. Wann am ersten Tag dieses Monats
(September) hell Wetter ist, ivird eine gute Herbst, Weinlese folgen. Um Sct. Galle Tag (16. Oktob. ein klein Sommerlein kommen. Wann Martini sä folget ein harter Winter. — Donnerts int Christmoi hat es folgendes Jahr vil Wind. Gehet in der H. Nacht der Wind von Aufgang der Sonnen her, soll e. deuten grosses Biehsterben. Bom Nidergang sterben gr Herrn. Bon Mitternacht ein unfruchtbares Jahr. B Mittag böse Krankheiten." Einen unerläßlichen Anhang zu diesen Regeln, deren manche ja auch noch in den heutigen' Bauernkalendern sich findet, bietet eine Belehrung: „Bom Schröpfsen und Baden", von der es u. a. heißt: „Junge Leuth, so über 12 Jahr alt, sollen schröpfen nach dem Neumond. Alte Leuth über 48 Jahr nach dem leisten Viertel. Wauu der Mond im Zwilling und Löwen ist, ist nit gut schröpfsen. Für das Zahnwehe ist gut schröpfsen im Schütz und Widder."
Es wird niemand wundern zu hören, daß der deutsche Bauernkalender mit seinen allerdings manchmal recht seltsamen Regeln bald auch der Satire zum Opfer fiel. Wir finden sie in Fischarts berühmtem Buch: „Aller Practik Großmutter", finden sie bei dem Franziskaner Johannes .Ras, sowie bei Pamphilus Gengenbach u. a., und der bekannte Vers:
Kräht der Hahn auf feinem Mist,
So ändert sichs Wetter oder bleibt, ivie es ist — zeigt, daß auch die Gegenwart dieser Satire nicht fremd ist.
Auch beim hundertjährigen oder immerwährenden Kalender, dem wir schon im Anfang des 17. Jahrhunderts begegnen, spielt der Bauernkalender seine Rolle. Der Abt des Klosters Langheim, Mauritius Knauer, 1649, ist der Bearbeiter eines freilich nur handschriftlich in Bamberg vorhandenen Kalenders unter dem Titel: Caleiidariuni oecono- micum practicum perpetuum. Daß ist Beständiger Hans; Kalender,« uß welchem Jährlich die Witterung zu erkennen und nach der Gestalt der Wein- und Beldbau mit frucht und nutzen anzuordtnen, die Miß Jahr zu erkennen und der bevorstehenden Noth weißlich zu kommen."
Tie Aderlaßmännlein und ihre Regeln sind allmählich aus den Kalendern verschwunden, die Bauernregeln finden wir heute noch in ihnen. Ja, ivir finden in ihnen auch die Mvnatsbilder des Mittelalters zum Teil wieder. Tenn wenn Ivir erfahren, daß in einem aus dem 12. Jahrhundert stammenden Holzkalender der Mai einen Wanderer mit Blumen auf dem Hut, der August einen Schnitter mit der Sichel in der Hand und der November einen Jäger mit Jagdtasche und einem erlegten Hasen zeigt, so belehrt uns ein Blick in einen neuen Kalender, daß wir mit solchen Monatsbildern immer noch im Mittelalter stehen. Daß auch die Unglückstage in den Bauernkalendern eine große Rolle spielten, ist ebenfalls wohl kaum überraschend. Im Elsaß z. B. gelten 41 Tage des Jahres als solche, und zwar der 1., 2., 6., 11., 17., 18. Januar, der 8., 16., 17. Februar, der 1., 12., 13., 15. März, der 3„ 15., 17., 18. April, der 8., 10., 17., 30. Mai, der 1., 7. Juni, der 1., 5., 6. Juli, der 1., 3., 18., 30. August, der 15., 18., 20. September, der 15., 17. Oktober, der 1., 7., 11. November, der 1., 7., 11. Dezember. Bon diesen sind wieder fünf die unglücklichsten, „darinnen man auch nicht reisen soll", und „gar unglücklich" sind drei Tage, „und welcher Mensch darinnen Blut läßt, der stirbt gewiß in 7 oder 8 Tagen. Als nämlich:
Ten 1. April ist Judas, der Verräter, geboren.
Ten 1. August ist der Teufel vom Himmel geworfen worden.
Ten 1. Dezember ist Sodom und Gomorrha versunken.
Man mag auch in dem Aberglauben der Bauernkalender, die in Deutschland, namentlich auch in England, heimisch waren, heidnische Spuren entdecken. Unser ganzes Volksleben weist ja in seinen Sitten und Gebräuchen auf die vorchristliche Zeit zurück. Auch der deutsche Bauernkalender ist dessen ein lebendiger Zeuge.


