rechte Ahnung, was das hier besagen will. Was meinen Sie zu fünfzig Mark?"
„Zu Befehl. Wird gemacht."
„Ah, da sind wir ja! — Kvimneu Sie doch gegen Abend zu mir, lieber Loysen, da können wir die Sache näher beleuchten." Tie Wache salutierte, der Oberst winkle Lvysen grüßend zn und ritt in den Hof; der Adjutant flüsterte dem Leutnant zu: „Mensch, wo nimmst du nur die Unverfrorenheit her ... du und eine alte Dame kleiden." „Bitte sehr, ich kann mich auch in den Geschmack alter Damen versetzen. Wir wollen nns wieder sprechen, wenn Tante Kommandöschen das nächstemal auftritt!"
Er wandte sein Pferd und ritt' an einen freien Platz, an welchem sich seine Wohnung befand. Von den Fenstern derselben übersah er die jetzt noch halb verschneiten mit Fichtenreisig bedeckten Anlagen, in deren Mitte sich das Kriegerdenkmal von 1870/71 erhob, ein anspruchsloser Obelisk mit den Namen der Gefallenen. Lvysen sah gern aus seinem Fenster darauf hin. Tas Haus, welches er bewohnte, gehörte zn den neueren und besseren Bauten in Klivpingen. Ter Besitzer, Rentier Krausewald, hatte es auf Spekulation gebaut, d. h. cs war so eingerichtet, daß der Hof Stallungen und Burschenwohnungen und jede Etage zwei Leutnantsquartiere enthielt. Lvysen hatte die nach Süden tzlelegenen Zimmer des ersten Stockes. Er war ein bei den Wirtsleuten sehr beliebter Mieter, pünktlicher Zahler, ruhiger Hausgeuosse, leutseliger Herr.
Fran Krausewald hatte ihm ein Frühstück hingestellt. Davon stand eigentlich nichts im Mietkontrakt, aber sie verwöhnte ihre Herren gern. Schinkenbrötchen und Gänsefettbemmchen, Wurst und Schwarzbrot waren mrch langwierigem Vormittagsdienst den nrüde Heimkehrende« eine angenehme Erquickung. Lohsen holte eine Flasche kiotspon aus dem Wandschmnk, zündete eine Zigarre an, warf sich aufs Sofa, daß es krachte und gab sich ganz dem Behagen, der Stärkung und dem Gedanken an die bevorstehende Fahrt nach Berlin hin. Das wird famos.
Er hatte zwei Jahre auf Kriegsakademie verbracht und hatte sich in der Neichshauptstadt riesig amüsiert. Im Grunde sehnte er sich ja die ganze Zeit schmählich zurück ins Regiment und nach dem weiten Neiterterrain von Klippingen, nach dem Tannengeruch der Wälder von Dobran, ja sogar nach dem schlechten Pflaster von Klippingen —- aber das hinderte ifyn nicht, mitzunehmen, was die Großstjadt bot. Noch jetzt wurde er dorthin ost eingeladen. Er hatte viele gute Freunde unter den Gardedragonern, bei denen sein Schwager Troß einst gestanden. Urlaub ward immer gern bewilligt, schon um es nicht mit Baron und Baronin Troß zu verderben, denn diese besaßen Dobrau, was d'.cht an Klippingen grenzte und die beste Jagd der Umgegend harte. Im Herbst gaben die Trotzens, die sich meist in Berlin aufhielten, eine kurze Gastrolle auf ihrem Gut und die beiden großen Jagden, zu welchen sie >d.as Regiment einlnden, bildeten für Klippingen den Glanzpunkt der Herbstsaison. Lvysen war gern und oft in Dobrau. Er hatte dort ein Zimmer, welches ihm der Kastellan aufschloß, so oft er hin kam,. Für ihn hatte die etwas wilde, waldreiche Gegend einen unbeschreiblichen Reiz. Sie zn Pferde zu durchstreifen war ein Hochgenuß. Er machte von der Erlaubnis seiner Schwester ausgiebig Gebrauch, schoß Enten Fasane, Füchse und Raubvögel, ritt querfeldein über Sturzäcker und Wiesen, inspizierte die jungen Renwnten auf der Pferdeweide und wußte in Dobrau besser Bescheid, wie Schwager Troß selbst. Auch seinen Urlaub verbrachte er gern dort und lud sich dazu noch einen Kameraden ein. Manchmal war auch seine Schwester, eine leidenschaftliche Reiterin, im Sommer einige Wochen allein in Dobrau, dann fand er sich jedesmal, auch ein. Er ritt dann seinen Rappen „Fra Diavolo", ein rassiges Tier, viel zu heftig im Dienst, aber unbezahlbar in der Freiheit. Es gehörte zu den vielen kleinen Lebensfreuden dieses glücklichen Menschen, den „Fra Diavolo" auf Dobraner Flur „auslarifen" zu lassen.
Er hatte in der Tat viele solcher Freuden. Schon ein Blick auf alles, was dies Zimmer barg, dessen Schwarzwälderuhr so hurtig tickte und durch dessen Fenster die Sonne hereinflutete, bereitete ihm freudiges Behagen. Alles ringsum verriet, daß der Bewohner des Königs Rock trug. An den, hier und da mit Teppichen behangenen Wänden kreuzten sich funkelnde Waffen, Erbstücke, und hingen Kriegsbilder. Zwischen den Fenstern stand ein mächtiger Schreibtisch. Er hatte einst seinem Baker gehört. Auf dem oberen Aufsatz standen unter einer Glaskuppel der Reiterhelm, den sein Vater getragen hatte, als er 1870 fiel. Das war für den Sohn ein Heiligtum.
Ter untere breite Aufsatz trug die Bronzefiguren des Kaisers und zweier Kürassiere zn Pferd. Dazwischen standen allerlei Familienbilder, Photographien und kleine goldumrahmte Pastell
bildchen. Tie Möbel im Zimmer waren von massivem Nußbaum, und die Polster mit gepreßtem goldbraunen Plüsch bezogen. Ein dicker, grüngrau gemusterter Teppich bedeckte die Diele. Die quergestreiften bunten Portieren fielen in reichen Falten herab. Allerhand kleinere elegante Tischchen, hohe Ständerlampen, PusfS und .Etageren vervollständigten die Einrichtung. Auf einer solchen zierlichen, quer in die Ecke gerückten Etagere sah man Reminiszenzen an die Großstadtzeit. Große und kleine Photographien unter Glasplatten standen auf den schmalen Brettchen, Aufnahmen von Tänzerinnen, Kunstreiterinnen, auch Clowns und Schulreiter. In der Mitte, alle überragend, funkelte die Glasplatte über einer langen, hohen Photographie, eine Sylphide mit Schmetterlingsflügeln darstellend. In der linken Ecke, unten, stand mit großen steilen Buchstaben geschrieben: „La Mouche d'Or ä so« eher cumi."
Gedankenlos sah der Leutnant drüber hin, während er den blauen Rauch seiner Zigarre in die Luft blies und an die kom- menben Frühjahrsübungen dachte.
Vor der Tür rasselte ein Säbel und knarrten Schritte, dann pochte jemand an die Tür — das war aber nur pro forma, denn sie ward zu gleicher Zeit geöffnet, und sowie der Spalt groß genug war, quetschte sich ein weißer, fetter Foxterrier hindurch und rannte trotz seiner Leibessülle auf Lvysen zu, sprang an ihm in die Höhe und schoß dann zwischen Tischen und Stühlen herum-, alles anschnüffelnd und mit Wedeln begrüßend. Tem Hunde war der Herr gefolgt, ein hagerer Offizier, eigentlich eine Ton Quichottefignr.
„Schnadewitzi" fragte Lvysen gemütlich, ohne den Kopf zu wenden, „immer 'rin mit dich! — Trink ’n Schluck!"
„Was ist's denn? Milch?" fragte der Dürre mißtrauisch. „Na, erlaube. mal!"
„Na, erlaube du mal. Bei dir muß man immer auf lieber» raschnngen gefaßt sein."
„Muß man das wirklich?" — fragte Loysen, plötzlich ganz ernsthaft und interessiert.
„Tas weißt du nicht?" — Schnadewitz zog sich einen Stuhl heran, auf welchen er sich rittlings setzte, die langen Beine steif vvrgestreckt. „Heda! Filou, Köter, wirst du jetzt parieren? Marsch hinter den Ofen! —So. Nun also, Menschenkind, wie ist dir nach der heutigen Arbeit? Der Alte hatte wieder mal seinen guten Tag, wie?"
„Ja, ja," sagte Loysen harmlos, „und wie soll mir da fein? Famos."
Schnadewitz reckte den Hals. Er bemerkte auf einem Seiten- tischchen eine, von spitzen Gläschen umgebene, feingeschliffene Kognakslasche, bereit Inhalt goldig im Sonnenstrahl ausfunkelte. Es machte ihm keine Schwierigkeit, herüber zu langen und sich eins der Gläschen voll zu gießen. Er schüttete darauf den kräftigen Schluck in seine Kehle, strich sich die Tropfen vom kümmerlichen Schnurrbart, fuhr sich mit den Fingern durch sein borstiges Haar und gähnte furchtbar.
„Es ist doch ein Hundeleben," sagte er.
„Ach Unsinn," widersprach sein Kamerad, „worüber hast du beim nun wieder zu räsonieren?" —
„Nichts im besonderen. Nur so. Du mußt's auch nicht tragisch nehmen. Es ist aber doch eine versl . . . Plackerei und dann — das Tötende, weißt du . . ." '
„Tas Tötende?" — fragte Loysen ganz verwundert. Er hielt dem Unzufriedenen die Zigarrenschachtel hin und schob ihm die Schwedischen näher.
„Tu begreifst sehr gut, was ich meine. Tu' nur nicht so! — „Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr" spricht Schiller und hat es bannt so leidlich getroffen. Diese Moiwtonie, das ewige Rundum: ■— und dann die Lümmels unten, die Rüffels oben —"
(Fortsetzung folgt.)
Bauernkalender.
Eine kulturgeschichtliche Skizze von Th. Ebner.
(Nachdruck verboten.)
Als sein erster Vorläufer und Urtypus mittelalterlicher Bauernkalender mag nach den Untersuchungen unserer Gelehrten das im Hortus delictarium überlieferte Martyrologium der Herald von Landsberg, der hochgebildeten Aeb- tissin des Klosters Hohenburg im Elsaß (f 1195) gelten. Von irgend einem praktischen Wert konnte ein solcher Kalender nicht sein, da an die Feste sich Wetterregeln, Saat- und Erntezeiten, Zins- und Umzugstermine und in Verbindung damit auch mancher liebgewordene Volksgebrauch


